HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Schäszburg

"Man muß das eigentümlich Unfaßbare erlebt haben, das an diesem Orte und mit diesen Menschen waltet, um zu verstehen, daß dorther ein rundes Jahrhundert lang die Geistigkeit unseres Volkes so bestimmend beeinflußt werden konnte. Nicht dadurch ward es hervorgetrieben, was die Natur gibt, sondern dadurch, was sie versagt. Schäßburg liegt gerade an der unwegsamsten und unfruchtbarsten Stelle des Tales der Großen Kokel, in dem sich freilich die Hauptverbindungslinien im Inneren Siebenbürgens immer wieder sammelten.

Hier hat das voreiszeitliche Meer meist Sandmassen abgesetzt, während flußauf- und -abwärts die fruchtbaren Mergelablagerungen vorherrschen. Auch verengt das vorher und nachher weite Kokeltal sich plötzlich und gibt nur einschnürenden Windungen Platz, über denen vorwaltend steile Hänge sich erheben. Wenn mit dadurch an dieser Stelle die landwirtschaftliche Perle Innersiebenbürgens entstanden ist, so vergesse man nicht, daß sie ohne Geist und Hand der sächsischen Menschen, die sich dort einst niederließen, völlig anders aussähe. Die gartenmäßig gepflegten Berglehnen und Auen sowie die sorglich behüteten berggekrönten Wälder verhüllen die Kärglichkeit des Bodens. Träte sie zutage, sähe alles anders und trostlos aus. Der Sinn schaffenden Ein- und Zusammenordnens hat nicht nur die Schönheit der Natur zum Ausdruck gebracht, sondern im Verein mit dem Schutzbedürfnis während gefahrvoller Zeiten die reizvollste Stadtanlage unseres Landes entstehen lassen.

Menschen voll Eigenart gelang es, hier mit der Unergiebigkeit der Erde erfolgreich zu ringen. Und sie haben an der verkehrshemmenden Stelle innerer Verbindungslinien unseres Landes die Fähigkeit in sich ausgebildet, anderen zu dienen und doch das knorrige Selbst zu bewahren. Diese Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur sowie unter den Menschen in ihren kräftemehrenden Ordnungen und kämpfeauslösenden Gegensätzlichkeiten geht aber in selten übersichtlicher Weise fort. Fluch und Segen wirken sich auf hart umstrittenem, kargem Boden rasch aus. Die Überlieferung gewinnt wurzelhafte Kraft, Geschichte und Gegenwart durchdringen sich. Das alles nun in der Hut von Menschen, wie sie da wuchsen und sich ausprägten, einfach und hart, in sich wurzelnd, zugleich gemeinschaftsgeneigt und brüderlich fördersam, - auf sich bedacht und kärglich sparsam, zugleich ausgreifend und unternehmend, darin opfer- und gebefreudig, - im Kleinen treu und engbegrenzt, zugleich in ihren führenden, den Zusammenhang nach außen suchenden Köpfen aufgeschlossen, geistig gründig und zwingend."

D. Friedrich Müller
Seminardirektor
1917-1922


 

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Letztes Update: 2004-05-12 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg