HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Erinnerungen an Hermann Oberth

Meine erste Begegnung mit unserem berühmten Landsmann ist mit einem Ereignis verknüpft, an das ich allerdings keine deutliche Erinnerung mehr besitze und das ich eigentlich nur vom Hörensagen kenne. Als ich im April des Kriegsjahres 1916 im Schäfjburger Spital das Licht der Welt erblickte, war der damals kaum 22-j~ihrige Hermann Oberth ein aufmerksamer Beobachter dieses natürlichen Vorganges. Er assistierte als Student der Medizin seinem Vater Dr. Julius Oberth, dem Chefarzt des damals in ganz Mittelsiebenbürgen renommierten Krankenhauses. Meine Mutter hat mir erzählt, mit welcher Hingabe und Sorgfalt er sich um Mutter und Kind kümmerte. Doch kurze Zeit später gab er das Medizinstudium auf, um zur Physik und Mathematik umzusteigen und sich damit besser mit seiner großen Liebe, der Raumrakete, befassen zu können. Interessiert hätte ihn wohl auch die Medizin als Wissenschaft, genauso wie fast alle anderen Disziplinen. Doch schreckte ihn das blutige Handwerk eines Arztes oder gar eines Chirurgen. Auch meine Geburt verlief sicherlich nicht ganz unblutig, und so trage ich vielleicht die Mitschuld, daß der Welt ein begabter Arzt verlorengegangen ist.
Nach Beendigung seines Studiums war Oberth nur kurze Zeit Professor an der Schäßburger Bergschule und übersiedelte anschlicßend nach Mediasch. Der Stadt, die nach Meinung ihrcr Bewohner schon ihrem Namen nach den Mittelpunkt nicht nur Siebenbürgens, sondern als urbs Media(s) sogar den der ganzcn Welt einnahm. Nun wurde sie auch Mittelpunkt der Weltraumfahrt.
Der Familie meines verehrten Mathematik und Physikprofessors an der Schäßburger Bergschule, der als geistreiche Persönlichkeit bei allen seinen ehemaligen Schülern in lebendiger Erinnerung steht, verdanke ich, daß meine Verbindung zu Oberth nicht mehr abreißen sollte. Er war Karl Roth, dessen Gattin Oberths Schwägerin wurde. Seine originellen Witze und die Anekdoten um ihn herum kursieren heute noch in Schäßburger Kreisen und warten auf ihre Sammlung und Drucklegung, deren sie gewiß würdig wären. Die Familie Roth war mit meinen Eltern eng befreundet und "Physis" Ältester, Karlheinz, heute emeritierter Professor der T.-H.Braunschweig und Erfinder zahlreicher Neuheiten, war im Coetus der Bergschule mein Fux. Wir musizierten regelmäßg im Hause Roth, mit Vorliebe Klaviertrios von Reethoven, wobei Karl Roth Cello spielte, Karlheinz die Violine strich und ich den Klavierpart übernahm.
So begab es sich, daß Karlheinz und ich, als wir im Juni 1934 zur Schülerolympiade nach Mediasch fuhren, unser Quartier bei Hermann Oberth, Karlheinzens Onkel, aufschlugen, an dessen Klavier wir uns noch für unsere Auftritte vorbereiten konnten. Hier erlebte ich auch zu meiner Überraschung Hermann Oberth als Musiker. Er liebte es bei verdunkeltem Raume am Flügel zu fantasieren und fand darin die beste Entspannung von seiner anstrengenden Suche nach Wegen zur Weltraumfahrt. Dabei wollte er allein sein und wir konnten seinen Akkorden nur aus dem Nebenzimmer lauschen,
Karlheinz Roth und ich hatten uns viel vorgenommen und machten bei verschiedenen Wettbewerben mit. Unsere Bemühungen waren auch von Erfolg gekrönt, denn wir konnten für den Schäßburger Chlamydaten Coetus fünf Medaillen erringen.
Außer an Musikwettbewerben beteiligten wir uns auch mit wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten an diesen olympischen Kämpfen. Sie waren ohne Namensnennung unter einem Kennwort eingereicht worden, sodaß die Preisrichter auf diesen Gebieten völlig unparteiisch urteilen mußten.
Unser Gastgeber war natürlich auch Mitglied des Richterkollegiums, das über die Preise in wissenschaftlichen und philosophischen Fächern entschied. Mein Fux hatte über Sonnen und Mondfinsternisse geschrieben, und ich hatte als Protest gegen Einsteins begrenzte Welt eine Theorie unendlich vieler ineinander und übereinander geschachtelter Weltsysteme zu Papier gebracht.
Am Vorabend der Preisverleihung hatte ich mein ganz persönliches Erfolgserlebnis. Oberth war gerade heimgekehrt und wir setzten uns zum Abendessen. Er berichtete angeregt über eine kosmologische Schülerarbeit, die das Aufsehen der Preisrichter erregt hatte. Ich saß ihm gerade gegenüber und merkte sofort, daß von meiner Kosmologie die Rede war. Es gelang mir nur unter größter Selbstbeherrschung zu verbergen, daß ich der Autor war, indem ich meinem Gastgeber einige harmlose Fragen zu seinen Ausführungen stellte. Hätte ich mich verraten, so dachte ich bei mir, dann wäre die Unbefangenheit des Professors in seiner Eigenschaft als Preisrichter zerstört und ich möglichweise um meinen Preis gebracht worden.
Mein Glücksgefühl sollte sich aber noch steigern, als mich Oberth nach der Preisverleihung fragte, ob er sich meine Arbeit abschreiben dürfe. Er hatte sich das Manuskript von meinem Schuldirektor Hollitzer, der für die Rückstellung der eingereichten Arbeiten zuständig war, ausgeliehen, und mit stolzgeschwellter Brust diktierte ich ihm mein Produkt in seine klapprige Schreibmaschine. Heute noch besitze ich einen Durchschlag davon. Die Arbeit hat wohl kaum wissenschaftliche Bedeutung, ist für mich aber als Andenken an Oberth von allergrößtem Wert.
Während meines Aufenthalts in seinem Hause sprach Oberth mit mir auch über seine wissenschaftlichen Arbeiten, bedauerte, daß er mit banalen Grundrechnungen so viel Zeit verliere und gestand, daß er dabei Fehler mache. Er brauche oft auch genauere Ergebnisse, als sie der Rechenschieber liefern könne, und da sei er auf zeitraubende Rechnereien angewiesen. Er hatte auch eine Statistik dieser Rechen und Schreibfehler ausgearbeitet und nannte mir die Zahl von einigen Hundert solcher Fehler, die er im Laufe eines Jahres gemacht hatte. Ihre Ausbesserung habe ihn viel Zeit gekostet. Er sah auch einen Zusammenhang zwischen der Konzentration in grundsätzlichen und wesentlichen Dingen einerseits und seiner Zerstreutheit in Kleinigkeiten.
Durch meine kosmologische Arbeit hatte ich Oberths Vertrauen so weit gewonnen, daß er mir einige Jahre später seinen Sohn Julius, Lulu genannt, der in Reichenberg eine Textilfachschule besuchte, zur Vorbereitung für eine Prüfung schickte. Lulu wohnte bei seinem Onkel Karl Roth und spazierte im Juli und August 1936 oder 1937 (?) fast täglich zu mir in den Mühlenham hinaus. Wir beschäftigten uns mit Mathematik und mit Chemie, speziell mit Stöchiometrie. Einmal in der Woche kam sein Vater nach Schäßburg, um die Unterrichtsmethoden des Lehrers und die Fortschritte des Schülers zu kontrollieren. Der hohe Besuch war weder dem Schüler noch dem Lehrer besonders willkommen, denn er brachte uns aus unserem Konzept. Wir wollten nicht beaufsichtigt werden und heckten eine Methode aus, den Vater der Weltraumfahrt von uns fernzuhalten, um ungestört unsere in freundschaftlich-lockerem Tone und in freiem Stil geführten Studien fortzusetzen. Wir kannten beide seine Abneigung gegen lästige Zahlenrechnungen und baten ihn, lineare Gleichungen mit vier oder mehr Unbekannten durchzurechnen und auf eventuelle Druckfehler der Aufgabensammlung zu prüfen, denn wir hätten kein brauchbares Ergebnis herausbekommen. Ich muß gestehen, es war schändlich von uns, ihn damit in die Einsamkeit des groben Holztisches unter unsere alten Linde zu locken, wo er seine kostbare Zeit mit Additionen, Subtraktionen, Multiplikationen und Divisionen vergeudete und manchmal die Lösung auch nicht fand.
Nun, Ende gut, alles gut. Lulu bestand seine Prüfung und das entlastete mein schlechtes Gewissen.
Während des Krieges bin ich Hermann Oberth, ohne es zu ahnen, einmal sehr nahe gewesen und zwar, als ich mich als Verwundeter in der Genesendenkompanie meiner Einheit in Stralsund befand, nicht weit von Usedom, wo er an der Entwicklung der deutschen Raketentechnik arbeitete.
Nach dem Krieg besuchte er mich mit seiner Gattin in Kufstein auf der Rückfahrt von Innsbruck, wo er einen Vortrag über Raumfahrt gehalten hatte. Nach so vielen Enttäuschungen, die er während und nach dem Kriege erlebte, hatte er seinen Humor nicht verloren. Als wir beim Mittagessen saßen, beklagte sich Frau Mathilde Oberth, daß ihr Mann immer so versunken sei in seine wissenschaftliche Ideen, daß er kaum merke, was er esse. Wir nahmen an, er habe nicht zugehört, doch Oberth bemerkte trocken: "Ja, ja, ich weiB, daß ich das Hausschwein der Familie bin."
Zum letzten Mal bin ich ihm auf einem Mediascher Treffen in Kufstein begegnet. In meiner kleinen Bibliothek stehen alle seine Bücher, darunter auch die Kostbarkeit eines Bandes mit Oberths persönlicher Widmung.
Ich bin dem Schicksal dankbar, daß ich durch die Bekanntschaft mit Hermann Oberth einen Hauch seines Genies und damit zugleich einen Schimmer der Weltraumforschung aus erster Hand erleben durfte.


Roland Albert



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