HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Zum 100. Geburtstag von Hermann Oberth

1994: Siebenbürgen ehrt den "Vater der Weltraumfahrt"
In Schäßburg: Hermann-Oberth-Platz, Denkmal, Hermann-Oberth-Stube im Stundturmmuseum

 

Unseren Bericht über die Ehrung Hermann Oberths anläßlich seines 100. Geburtstages in seiner alten Heimat Siebenbürgen beginnen wir mit einer Würdigung, die ihm, als unserem größten und in der Welt bekanntesten Landsmann seitens des deutschen Wissenschaftsastronauten Dr. Ulf Merbold in diesem Jahr zuteil wurde:

"Die Beiträge, die Hermann Oberth in der Raumfahrt geleistet hat, sind nicht hoch genug einzuschätzen. Nach meiner Überzeugung gibt es keinen anderen Pionier der Raumfahrt, der wie Hermann Oberth visionäres Denken mit analytischer Klarheit verbunden hat. Er hat den Traum vom Flug zu den Planetenräumen formuliert und diese Vision vom Flug zu den Sternen seinen Zeitgenossen überzeugend dargestellt. Sein bedeutendster Schüler, Wernher von Braun, wäre ihm gewiß nicht gefolgt, hätte Hermann Oberth nicht auch die mathematischen Grundlagen der Raumfahrt ausgearbeitet vorgelegt. Kraft seiner analytischen Klarheit war Hermann Oberth fähig, sich selbst und der Welt zu beweisen, daß der Flug in das Weltall nicht ewig ein Traum bleiben muß, sondern tatsächlich möglich ist. Es gehört zu den Sternstunden seines Lebens, daß er selbst miterleben konnte, wie Menschen den erdnahen Weltraum und wenig später gar den Mond eroberten."

Schon 1992 wurden in Hermannstadt, Schäßburg und Mediasch von den Lokalbehörden Beschlüsse gefaßt, zum 100. Geburtstag Hermann Oberths Gedenkstätten einzurichten. Die Initiative des Bergschulvereins e. V., sich an dem Vorhaben in Schäßburg zu beteiligen, wurde spontan aufgegriffen und Hans Wolfram Theil stiftete für diesen Zweck einen von ihm, nach lebendem Modell, 1987 in Feucht geschaffenen Porträtkopf Hermann Oberths in überlebensgroßem Bronzeguß.

Der Schäßburger Marktplatz wurde ebenfalls 1992 in Hermann-Oberth-Platz (Piata Hermann Oberth) umbenannt, und es begannen die Vorbereitungsarbeiten für ein Denkmal auf dem Marktplatz und eine Gedenkstätte im Stundturmmuseum. In Zusammenarbeit mit dem in Schäßburg lebenden freischaffenden Künstler und Bildhauer Wilhelm Fabini, dem Bürgermeister der Stadt Constantin Stefanescu, den Vertretern der Schäßburger Heimatortsgemeinschaft e.V. in Deutschland Hans Wolfram Theil, Josef Fritsch und Walter Lingner sowie dem Hermann-Oberth-Museum in Feucht und Dr. Erna Roth-Oberth wurden dann in den Jahren 1993/94 die Rahmenbedingungen für eine würdige Ehrung in Schäßburg geschaffen. Die Vorbereitungsarbeiten auf dem Marktplatz (Abholzen des großen Baumbestandes im Park und Bereinigung der oberen Marktzeile) sowie die handwerklichen Arbeiten zur Raumgestaltung im Stundturmmuseum ließ Bürgermeister Stefanescu von der Stadt Schäßburg durchführen.

Wilhelm Fabini modellierte eine zweite, etwas größere Oberth-Büste, fertigte den Entwurf für Wandnische und Sockel des Denkmals auf dem Marktplatz an und koordinierte die Durchführung der Arbeiten.

Die Ausstellungsobjekte (Modelle, Skizzen, Bilder, Dokumente und Urkunden in Kopie, Textunterlagen) für die Gestaltung des Museumsraumes im Stundturm stellte Frau Dr. Erna Roth-Oberth zusammen.

Hans Wolfram Theil, Josef Fritsch und Walter Lingner entwarfen die Raumgestaltung im Stundturmmuseum, überbrachten die in Feucht vorbereiteten Ausstellungsobjekte und bestellten die so genannte Kegeldüse, das von Oberth entwickelte Herzstück jeder Rakete, bei der Firma "Nicovala" in Schäßburg.

Die Kosten von DM 5570,- für das Denkmal auf dem Marktplatz und die Ausstellungsgegenstände im Stundturmmuseum konnten mit den für diesen Zweck geleisteten Spenden unserer Schäßburger Landsleute durch die Heimatortsgemeinschaften beglichen werden. Es spendeten mit Einzelbeiträgen zwischen 50 und 500 Mark: Paul und Erika Abraham, Dr. Hans Balthes, Dr. Hermann Binder, Melitta Capesius, Rudolf Eder, Karl und Sonja Frank, Josef Fritsch, Prof. Adolf M. Gärtner, Heinz und Jutta Glatz, Albert Hann, Hans Hedrich, Hans Henning, Günther Jacobi, Wilhelmine Lahni, Alfred Leonhardt, Erika Leonhardt, Ernst Leonhardt, Kurt und Friedel Leonhardt, Ekart Letz, Josefine Lingner, Gerdi Lingner, Richard Löw, Hans und Rosemarie Ludwig, Hannelore Lutz, Egon Machat, Günther und Rita Martini, Helmut Mathias, Kurt Müntz, Edgar Najasek, Dieter Phleps, Hans Poma-rius, Frau Raab, Karlheinz Roth, Walter Roth (Do), Walter Roth (S), Dieter Schuller, Dr. Helmut Schulleri, Fam. Gerhardt Theil, Getrud Theil, Hermann Theil, Erwin Teutsch, Ernst Teutsch, Johann Untch, Dieter Wagner, Erwin Ziebart, Anonym. Sowie Sachspenden von Dr. Erna Roth-Oberth, Hans Wolfram Theil und Walter Lingner.


Am 26. Mai 1994 begannen die Feierlichkeiten in Hermannstadt mit einem Symposium in der Aula der Universität, einer Vorführung von Flugakrobatik auf dem Militärflughafen, der Enthüllung einer Gedenktafel am Geburtshaus Hermann Oberths und mit einem festlichen Programm, dargeboten von Schülern in der Aula der Brukenthal-Schule, wo Direktor Hermann Schmidt die Leistungen des deutschen Gymnasiums hervorhob. In Mediasch begann am zweiten Tag die Ehrung mit der feierlichen Eröffnung eines biographischen und technischen Museums im Oberth-Haus, eingerichtet von den Schülern der Mediascher Fliegerschule und des Frauenkreises des Deutschen Forums unter Leitung von Prof. Ingeborg Jikeli. Anschließend fand ein Festakt mit Vorträgen in der Fliegerschule statt, eine Besichtigung des St.-L.-Roth-Gymnasiums mit Enthüllung einer Gedenktafel und die Namensgebung der Allgemeinschule Nr. 9 als "Hermann-Oberth-Schule". (Es muß hervorgeheoben werden, daß die Behörden der Stadt Mediasch in Zusammenarbeit mit der Fliegerschule und dem Deutschen Forum die Veranstaltungen in vorzüglicher Weise organisiert haben.)

Den Höhepunkt erreichten die Feierlichkeiten aber am dritten Tag, dem 28. Mai 1994, in unserem Schäßburg, das mit seiner mittelalterlichen Burg und deren Ausstrahlung die Gäste besonders faszinierte.

Am Hinteren Tor, dem Schneiderturm, wurden die mit einem Bus angereisten Gäste vom Bürgermeister und dem Stadtrat empfangen. Oberst Dorin Prunariu, rumänischer Kosmonaut, stellte die 30 Delegierten vor, darunter den amerikanischen Astronauten John McBride (erster Pilot des Space Shuttle), Oleg Makarov, russischer Kosmonaut und Wissenschaftler der Weltraumtechnik (sieben Raumflüge), Dr. Erna Roth-Oberth, die Tochter Hermann Oberths (Raumfahrtmuseum Feucht), Prof. Dr. Radu Voinea (Rumän. Akademie), Prof. Dr. Hans Rehner (Univ. Bukarest), Prof. Dr. Petre Augustin (Univ. Bukarest), Horst Kossek (Vertreter der Hans-Seidel-Stiftung München), Prof. Dr. Paul Philippi (Deutsches Forum Hermannstadt) u. a.
Der Weg über den Burgplatz zum Marktplatz durch das "Hintere" und "Vordere" Tor der Burg wurde "per pedes" zurückgelegt und immer wieder für Erläuterungen der vielen beeindruckenden Sehenswürdigkeiten unterbrochen.

Auf dem Hermann-Oberth-Platz, der oberen Marktzeile, fand dann die Enthüllung des Denkmals unter den Klängen einer aus Meeder (Oberbayem) angereisten Blasmusik und den Ansprachen von Bürgermeister Stefanescu, Walter Lingner und Oberst Prunariu vor einigen hundert Schäßburgem statt.

Die Redner würdigten Hermann Oberth als großen Sohn dieser Stadt, dessen Namen als "Vater der Raumfahrt" in aller Welt bekannt ist. Es wurde den Schäßburger Landsleuten, die durch Spenden, im Rahmen ihrer Heimatortsgemeinschaft in Deutschland, wesentlich zur materiellen und geistigen Oberth-Ehrung beigetragen haben, gedankt. Ebenso den beiden Bildhauern Wilhelm Fabini (Schäßburg) für die wohl gelungene Bronzebüste und die harmonische Einbindung des Denkmals auf .der oberen Marktzeile und Hans Wolfram Theil (München) für die Gestaltung der Her-mann-Oberth-Stube im Stundturmmuseum mit Bronzebüste und wertvollen Ausstellungsgegenständen.

Es folgten die Besichtigung des Stundturmmuseums und Eröffnung der Hermann-Oberth-Stube. Die aus- und inländischen Gäste waren von der Fülle der Eindrücke, die das Stundturmmuseum und der Rundgang am Turm bot, beeindruckt. Nach einem kurzen Abstecher, mit Enthüllung einer Gedenktafel am Elternhaus Hermann Oberth's in der Albertstraße, empfing Direktor Hermann Baier die Gäste in der Bergschule zu einem Podiumsgespräch. Zunächst gab es eine reichliche Stärkung mit siebenbürgischen Spezialitäten. Das bekannte doppelt gebrannte Pflaumenschnäpschen "verschlug" dem amerikanischen Astronauten McBride die Stimme, er sagte später, dieses Getränk eigne sich ausgezeichnet "als Treibstoff für sein Raumschiff".
Das anschließende Podiumsgespräch in der renovierten Aula, in dem der Astronaut McBride, die Kosmonauten Makarov und Prunariu sowie Dr. Ema Roth-Oberth die Fragen der sehr interessierten Bergschüler und Schäßburger Bürger beantworteten, verlief in einer sehr angenehmen Atmosphäre, dem Anlaß und Ort entsprechend. Damit fanden die Veranstaltungen zu Ehren Hermann Oberths ihren würdigen Abschluß.

Der Stadt Schäßburg, ihrem Stadtrat, besonders Herrn Bürgermeister Stefanescu, Herrn Vizebürgermeister Dr. Capatina, und ihren Mitarbeitern sei für die gute Zusammenarbeit und die vorzügliche und gelungene Organisation der Veranstaltung gedankt.
Wir hoffen und wünschen, daß alle Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt, ob sie nun rumänisch, deutsch oder ungarisch sprechen, sich mit den neu entstandenen Schmuckstücken und Akzenten im Stadtraum anfreunden.

Mögen sie heute und in aller Zukunft Prof. Hermann Oberth, der in dieser Stadt seine kühnen Ideen für den Flug in den Weltraum entwickelt hat, als den Ihren betrachten.

Walter Lingner


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