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Aus Schäßburg
Berichte über die Deportation Januar 1995
Liebe ehemalige Rußlanddeportierte!
Wir begrüßen Sie ganz herzlich, freuen uns, trotz Frost und.Schnee
so viele anzutreffen.
50 Jahre sind vergangen, seitdem wir ausgewählt wurden, unsere Heimat
verlassen mußten und zu Zwangsarbeit verchleppt wurden.
50 Jahre sind wenig oder viel, aber in einem Menschenleben, sage ich,
sind es sehr viele. Diese Zeit war, ist und bleibt geprägt von den
Tagen, als Kinder von den Eltern, Eltern von den Kindern, Ehegatten voneinander
getrennt wurden. Viele sind nicht mehr nach Hause gekommen, sehr viele,
die das Gück hatten, die Heimat, Kinder, Eltern, Verwandte nochmal
zu sehen, sind hier gestorben an den Folgen jener Zeit. Ich möchte,
wir sollten einen Augenblick still werden, an diese Opfer, Kameraden zu
denken und gemeinsam ein "Vateruner" beten.
Am 13., 14. und 15. Januar 1945 wurden wir gesammelt, und am 16. Januar
1945, 15 Uhr, hörten wir die Glocken zum Abschied läuten. Die
Viehwaggons waren vollgestopft mit Mädeln, Jungen, viele Mütter
und Väter weinten, konnten kein Wort mehr sagen. Am Bahnhof blieben
nur noch ganz alte Eltern, Großeltern, denen die Tränen rollten.
Am 17. Januar in Kronstadt, sahen wir mehrere Züge, und die Fahrt
ging weiter, von Ploiesti am 18. Januar bis Rimnicul Sarat, wo wir am
19. Januar in breitspurige Waggons umsteigen mußten, dann fuhren
wir weiter. 20. Januar: Roman, Bacau, Buzau. Sonntag, 2I. Januar, stehen
wir in Balti. Hier hörten wir ein Gerücht, wir würden zurückfahren,
doch am 25. Januar fuhren wir über die Grenze. Nun konnten wir nicht
mehr verfolgen, wo wir waren, denn die Züge rollten, rollten in verschneite
Ebenen. Am 30. Januar Dnjepropetrovsk. Hier auf diesem großen Bahnhof
sahen wir viele, viele Züge, sogar mit vielen Schwaben aus unserem
Banat. lch war in dem Naggon, der am 2. Februar, als zu Hause die Glocken
in die Kirche einluden für den "Marientag", aufgeschlossen
wurde md wir aussteigen mußten. Wir waren in Mospino, aber schon
viele Waggons waren abgekuppelt, wo wußten wir nicht.
Nun waren wir in den Lagern, hinter Stacheldraht, bewacht als Verbrecher.
Zur Arbeit eingeteilt, hat jeder von uns seine eigene Geschichte, jeder
kann seinen Lebenslauf, sein Buch schreiben. Einige Kranke sind schneller,
andere später nach Hause gekommen, aber jeder hat das erlebt, was
sein ganzes Leben prägte.
Der "Schwarze Sonntag", l4. Januar 1945, wurde in den 50er Jahren
als Bußtag gehalten. Manche von uns haben in der Deportation so
wie auch später sich an die Verheißung erinnern müssen:
"Denn so, wie ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich
mich von euch finden lassen." Oft und viel wurde gebetet, denn viele
sahen das Ende unseres Volkes.
Vor zehn Jahren, am 13. Januar 1985, erinnerte Herr Stadtpfarrer Dr. Schuller
August an die Tageslosung jenes Tages. lch zitiere: "Befiehl dem
Herrn deine Wege und hoffe auf ihn,er wird`s wohl machen." Die Sonmagslesung
jenes Tages war (ich zitiere): "Fürchtet euch nicht, auch eure
Haare auf dem Haupte sind alle gezählt. Der Herr ist mein Helfer,
ich will mich nicht fürchten, was sollte mir ein Mensch tun."
(Hebr 13).
Wir, die wir heute noch hier leben, sind diejenigen, die sagen: "Mir
wällen bleäwen, wat mir seng." Deshalb halten wir zusammen,
wollen uns bemühen, einem dem anderen ehrlich und aufrichtig, so
wie unsere Vorfahren es gemacht haben, helfen und füreinander sorgen.
Wir alle müssen dankbar sein, daß es die ausgestreckte Hand
guter Freunde und Glaubensbrüder noch gibt, die uns hilft.
Ganz besonders wollen wir unseren Landsleuten in Deutschland, mit deren
Spenden wir unser heutiges Beisammensein gestalten konnten, der Kirchengemeinde,
dem Forum, dem Frauenkreis, die uns mit gutem Rat und Geld geholfen haben,
danken.
Herzlichen Dank den Herrn Elges, Baier und Christiani, die mit viel Zeitaufwand
uns geholfen haben, um dies alles zu schaffen.
Der Anfang "In memoriam Deportation" wurde am Vorabend, dem
12. Januar 1995, also gestern im Festsaal der Kronstädter Präfektur
organisiert. Präsident Ion lliescu hat sich mit 70 ehemaligen Rußlanddeportierten
getroffen. Von Schäßburg waren Tornea Wilhelmine und Türk
Brigitte dabei. Herr Präsident Ion lliescu hat im Namen des rumänischen
Staates die Deportation der Rumäniendeutschen nach Rußland
als Form einer kollektiven Bestrafung verurteilt. Dann hat er sich verschiedene
Erlebnisse der Deportierten angehört.
Türk Brigitte
Schäßburg, 13. Januar 1995
Die heute in Schäßburg lebenden Rußlanddeportierten
Elisabeth Bachner, Agneta Baku, Friedrich Balint, Sofia Binder, Eugenia
Biesselt geb. Schuster, Margareta Bodo geb. Baku, Johanna Buciuscanu geb.
Barth, Johanna Burlea geb. Donath, Anna Dandu geb. Polder, Christian Depner,
Maria Ehrmann, Janetta Fabini, Gertrud Fazakas geb. Polder, Maria Ferezan
geb. Kutterch, Michael Glockner, Sara Glockner, Renate Grabcev geb. Keul,
Georg Graef, Johann Henning, Conelia Hoch, Margarete Kernetzky geb. Keul,
Margarete Keul geb. Hügel, Rita Keul geb. Galter, Katharina Klemens
geb. Graef, Anna Kuhn, Margarete Lehrmann, Gertrud Liubetchi geb. Folberth,
Katharina Martini, Martha Martini, Anna Maracineanu geb. Tocacs, Michael
Miesz, Anneliese Mihailovschi geb. Polder, Elisabeta Müller, Emma
Müller, Johana Neustädter geb. Wolff, Ana 0ltean, Maria Pacala
geb. Henning, Frieda Pelger geb. Sigmund, Thomas Petz, Johanna Polder
geb. Schuster, Michael Polder, Friederike Rörich, Mariz Scheel, Dorothea
Schell, Anna Schubert, Marianne Suciu geb. Hermann, Katharina Szakacs
geb. Fabian, Hermine Szalkay geb. Polder, Katharina Szemelny geb. Friedmann,
Georg Tausch, Hermine Theil geb. Barth, Karl Tontsch, Wilhelmine Tornea
geb. Folberth, Katharina Türk, Katharina Türk, Hilde Türk
geb. Scheel, Margarete Timbulas geb. Hermann, Maria Wagner, Katharina
Zerwes, Maria Zikeli geb. Keul, Georg Zultner.
DFDR-Schäßburg
Aus der Tätigkeit desVorstandes der Rußlanddeportierten
Das Dekret-Gesetz Nr. 118/1990 formuliert die Rechte von Peronen, die
ins Ausland deportiert wurden.
Der Vorstand des DFDR Schäßburg, Christian Elges, Kurt Müler,
Ernst Müller und Meta Kovacs, haben 303 Dossiers angeferigt und der
Kreiskommission vorgelegt. Es erhalten alle Schäßburger, die
angesucht haben, ihre Rechte laut obengenanntem Dekret-Gesetz.
Im Amtsblatt (M. 0.) Nr. 157/12. Juli 1993 wurde unter Zahl 53 dieAbänderung
des Dekret-Gesetzes Nr. 118/1990 veröffentlicht, das wichtige Verfügungen
für Witwen bzw. Witwer von ehemaigen Deportierten enthält, sie
erhalten eine monatliche Geldzulage.
Am 6. September 1993 wurden alle ehemaligen Rußlanddeportierten
zu einer Sitzung zum DFD Schäßburg eingeladen.
Es wurden Türk Hilde Brigitte, Tornea Wilhelmine Katharina und Balint
Friedrich Gustav zum Vorstand der Rußlanddeportierten ernannt.
Am 14. Oktober 1993 erhielten schon 70 Schäßburger den Ausweis
für kostenlose Benützung öffentlicher städtischer
Verkehrsmittel.
Es wurden 33 Dossiers angefertigt und der Kreiskommission übergeben.
Davon erhalten 25 Personen die Rente, acht Dossiers konnten bis jetzt
nicht erledigt werden, da die Personen aus Rußland nach Deutschland
geschickt wurden und von dort nach Hause gekommen sind, aber keine Beweise
dafür haben.
Im November/Dezember 1993 wurden auch die Listen samt Bei1age für
die Befreiung von Haussteuer und der Steuer für örtliche Grundstücke
den Finanzämtern übergeben.
Am 27. Dezember 1993 erhielten alle Rußlanddeportierten je ein Lebensmittelpaket.
Wir erhielten von unserer Kirche ein Auto,und Herr Lahni W. half uns,
die Pakete auch in Rode, Klein-Lassl, Klein-Alisch, Mauldorf, Soimus,
Johanissdorf, Reichsdorf, Kreisch, Dunnersdorf, Peschendorf, Nadesch,
Groß-Alisch, Schaas, Trapold und Keisd zu verteilen.
1994 erhielten wir die Eisenbahnfreikarten.
Im Juni/Juli 1994 erhielt jeder ehemalige Deportierte Kleider vom DFD.
Am 3. Juli d. J. fuhren wir erneut mit Herrn Lahni in die Dörfer,
sammelten die 2 Prozent Beiträge nach der Rußlandrente, die
an die "Asociatie fostilor detinuti" in der Kreisstadt zu übergeben
sind.
Jeden Donnerstag von 10 bis 12 Uhr sind wir beim DFD, um alle Probleme
der Deportierten zu lösen, u. a. Gesuche für Heilverfahren zu
schreiben. Täglich besuchen wir die ältesten Leute, helfen ihnen
irn Haus und besorgen ihre Amtswege. Wichtig ist, daß wir mit Alleingebliebenen
sprechen. In Schäßburg leben heute noch 61 und in den Dörfern
75 Rußlanddeportierte, die wir betreuen.
Irn Amtsblatt Nr. 310 vom 7. November 1994 wurde das Gesetz 118/1990 mit
Abänderungen wiederveröffentlicht. Nun Überarbeiten wir
alle Dossiers.
Für den 13. Januar 1995 bereiteten wir eine "Gedenkfeier"
anläßtich des Tages, als wir vor 50 Jahren deportiert wurden,
vor. Daß uns Herr Fritsch Josef von der HOG aus Deutschland besucht
hat, freut uns sehr, und wir sagen nun auf diesem Weg irn Namen aller
Rußlanddeportierten ein inniges Danke für die Spende, die er
uns überreichte.
Im Dezember letzten Jahres hat jeder Rußlanddeportierte vom ,Lions-Club"
Hamburg ein Lebensmittelpaket bekommen. Das DFD duldet uns in seinem Haus
und hilft uns mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Wir
selbst haben keine Einnahmen md freuen uns über jede Spende.
Vorstand der Rußlanddeportierten
Schäßburg, 15. Dezember 1994
Beer, Tornea, Türk
Dank der HOG Schäßburg e.V. Heilbronn
Es war und ist noch immer eine derGrundpflichten eines Nachbarschaftsmitgliedes,
sich an den in der Nachbarschaft anfallenden Beerdigungen zu beteiligen.
Dieses sozusagen als erste Hilfe und Beistand an die Hinterbliebenen des
Verstorbenen.
In diesem Sinne wird aus dem Beerdigungsfonds der Nachbarchaft an die
Hinterbliebenen eine materielle Hilfe ausgezahlt.
Die Höhe dieser Summe ist von Nachbarschaft zu Nachbarschaft unterschiedlich.
Sie ist abhängig von der gegenwärtigen Anzahl der Mitglieder
in der Nachbarschaft sowie von dem Beitrag, den jeder in den Beerdigungsfond
einzahlt.
Und weil eine Multiplikation kommutativ ist, d. h. A x B = B x A = C,
ist es leicht auszurechnen, daß bei gleichbleibender auszahlbarer
Summe, jedoch sinkender Mitgliederzahl, die Beiträge stetig steigen
müßten. Das ist aber nicht möglich. Somit wird -in Abhängigkeit
der möglichen zahlbaren Beiträge -die zu gewähende Summe
von der Vollversammlung der Nachbarschaft, bechlossen. Kurz gesagt: Man
streckt sich nach der Decke.
In den letzten Jahren wurde diese immer kürzer, und als Kassenwart
der Hüll-Schaasergässer Nachbarschaft erklärte ich am letztn
Verrechnungstag, daß ich ohne Amt bleibe, wenn keine Mittel mehr
da sind. Schmerzlicher die Erkenntnis, nicht mehr helfen zu können,
wo doch "zig Jahre" ehrlich gedient wurde.
Die Idee der Gründung eines zentralen städtischen Beerdigungsonds,
wurde von den anderen Nachbarschaften noch nicht akzepert. Man tut sich
schwer, und jede Mehrarbeit wird und muß von den selben Leuten gemacht
werden, ob bei der Kirche, dem Forum oder in der Nachbarschaft.
Da ging meine Bitte um eine mögliche Hilfe an die HOG Schäßburg
in Deutschland. Daß zuerst Unterlagen gesammelt und Gespräche
geführt werden mußten, ist nur zu verständlich. Das muß
so sein, wenn von Geld die Rede ist.
Nun hat die HOG Schäßburg aus eigenen Mitteln hier einen zentralen
Beerdigungsfonds für alle Nachbarschaften eingerichtet. Dementsprechende
Aufklärungsgespräche wurden in diesen Tagen in Schäßburg
geführt. Zugegen waren Herr Fritsch von derHOG Schäßburg
sowie die Vertreter der Nachbarschaften, der Kirche und des Forums. Es
liegt nun an uns, aus und mit dieser ersten Hilfe das Beste zu machen.
Zunächst aber ein ganz aufrichtiges "Danke" für Verständnis
und Hilfe all denen, die sagen: "Ich habe niemanden mehr dort"
und trotzdem bereit sind zu helfen.
Gleichzeitig sei auch allen das Allerbeste für das Jahr 1995 gewünscht.
Herwart Schumann

Letztes Update: 2004-05-21
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
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