HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
|
Das Geisterschwein Zacharias Pelsebutch/Streiche und Erlebnisse Ja, dieser Zacharias Pelsebutch, eine Art Strolch, von dem kein Mensch seinen richtigen Familiennamen wußte, und man interessierte sich auch nicht dafür. Ebenso wußte und interessierte sich niemand, wie und wo er wohnte. Er gehörte einfach zum Stadtbild, war da, verschwand ab und zu und war dann eben wieder da. Zur Pflaumenreife, besonders in den Hüllgaßobstgärten, waren die Erträge trotz guten Ansatzes meist nicht den Erwartungen entsprechend, und dieses wurde dem Zacharias zur Last gelegt. Denn eine der Anwohnerinnen, eine gefürchtete Frauenrechtlerin mit sehr spitzer Zunge, glaubte ihn einmal beim Nachbarn vom Pflaumenbaum steigen und verschwinden gesehen zu haben (daher auch der Name!). Wenn er mit seinem eichenen Knotenstock durch die Stadt walzte, schrien ihm die Knaben Zacharias Pelsebutch!" nach. Und wenn er sich ihnen drohend mit seinem Knüppel näherte, stoben sie johlend in alle Windrichtungen auseinander. Dani, Pitz und ich taten bei diesem Nachschreien nicht mit. Es widerstrebte schon uns Kindern, Menschen mit ihren Schwächen zu hänseln. Unsere Väter ließen ihn manchmal Brennholz spalten oder andere kleine Hilfsarbeiten machen, bezahlten ihn gut, denn er konnte recht fleißig sein, und außer dem Obst und Gemüse aus den Hüllgaßgärten stibitzte er nichts. An einem Samstag, als ich aus der Schule kam, saß er in unserem Hof auf einem Holzblock, stärkte sich eben mit einem Apfelschnaps, den ihm meine Mutter hingestellt hatte, und bat, Dani, Pitz und wenn möglich Bubika herzurufen, denn er möchte uns etwas Wichtiges mitteilen. Ich sauste los, und es gelang mir, alle drei zu erreichen. Wir setzten uns zu ihm - ebenfalls auf Holzblöcke - und waren gespannt, was er von uns wollte. Als Auftakt sagte er: Ihr braucht mich nicht Herr Zacharias zu nennen, ich bin auch für euch der Pelsebutch. Das ist insoweit ein Ehrenname, weil man mich nie erwischt hat; nur einmal fast! Ihr sollt mir jetzt mit Hand aufs Herz versprechen, von dem, was ich euch nun sage und später zeige, keinem Menschen etwas zu verraten. Wir versprachen es, wie verlangt, und haben das Versprechen auch gehalten. Nun, wir trafen uns am Samstag nachmittag, wie verabredet, auf dem Hauptweg des Schulwäldchens. Er lud uns zum Tee in seine Wohnung ein. Jawohl, er hätte nämlich eine, nur wisse das niemand, und er könne von dort die ganze Hüllgasse und natürlich die Hüllgaßgärten kontrollieren. Dann folgten wir ihm neugierig einen abschüssigen Hang hinunter, bis wir nicht weit von einer langen, unbenutzten, baufälligen Steintreppe, die in die Unterstadt führte, vor einem scheinbar undurchdringlichen Weißdorngebüsch standen. Na, sagte er, kommt, aber bleibt dicht hinter mir! Damit stieg er über einen etwas niedrigeren Busch und führte uns durch ein enges Labyrinth bis auf eine kleine Wiese, die auf der Bergseite mit einem Sandsteinfelsen, auf den anderen Seiten mit diesem Dornengestrüpp abschloß. Nach der Hüllgaßrichtung hatte man einen Durchblick bis zur hölzernen Schaaser-Bach-Brücke und zu den Hüllgaßobstgärten. Nachdem wir uns über all dies sehr gewundert hatten, denn es war bis dato den scharfen Augen aller Gymnasiasten entgangen, nötigte er uns in einen Spalt in der Felswand, und siehe da, wir befanden uns in einer etwa fünf Quadratmeter großen Höhle. Möbliert war sie auf einer Seite mit einer Pritsche mit Strohsack, abgedeckt wie auch Fußboden und Wände mit Zaddernteppichen, außerdem einige Regale und Kleiderhaken, zwei selbst gezimmerte Hocker, ein Petroleumofen und eine große Korbflasche mit Wasser. Wir staunten! Auf besagtem Ofen kochte er dann Brombeerblätter-Tee und servierte ihn mit Zwieback, Pflaumenmus und einem Schuß Apfelschnaps, der, wie ich an der Flasche erkannte, von meiner Mutter stammte. Es war mal ganz was anderes und schmeckte vortrefflich. Nach dem Tee wurde er sehr ernst und sagte zu uns: Da meine Zeit hier bald zu Ende geht, sollt ihr vier meine Lebensgeschichte hören, denn ihr wart immer freundlich zu mir, und eure Väter und Mütter haben mir oft geholfen. Bis jetzt weiß über mein Leben nur der Herr Polizeihauptmann Reinhard (Pretz) Bescheid und mein Freund, der Burghüter von Kaisd. Also hört: Ziemlich weit von hier war ich vor langer Zeit Lehrling bei einem Schneider. Die strenge Zucht und die Schläge, die es oft gab, haben mir nicht gepaßt, und eines Abends bin ich dann ausgerückt. Ich wanderte aus verständlichem Grunde meistens nachts, und so kam ich auch nach Schäßburg. Auf der Suche nach einem sicheren Platz entdeckte ich durch Zufall diese Höhle. Damals war der Christusdorn hier noch nicht so dicht! Ich habe mich dann hier endgültig niedergelassen und das Dickicht undurchdringlich gemacht. Ja, Jungs, guckt mal durchs Gesträuch in die Hüllgaßgärten. Man findet dort an Gemüse und Obst alles, was man so zum Leben braucht; und wenn ich mal bei euren Eltern aushelfe, gibt es immer ein gutes Essen und oft ein Päckchen mit Wurst und Speck sowie ab und zu einen abgetragenen Anzug. So lebe ich seit Jahren frei und glücklich. Nun, ihr lieben Jungs, zur Sache: Solltet ihr mich einige Wochen nicht sehen, bin ich weitergewandert. Ihr sollt für all dies hier meine Erben sein. Hier könnt ihr geschwänzte Stunden unentdeckt verbringen oder was weiß ich was! Macht aber bloß kein Lagerfeuer! Der Petroleumofen ist für alles gut. Bald schon fehlte unser Freund für lange Zeit im Stadtbild. Man hat nie mehr etwas von ihm gehört. Wir traten im Frühsommer unser Erbe an, fanden die Höhle pieksauber, das Gras auf der kleinen Lichtung geschnitten und einen Abschiedszettel auf dem Bett. Jedem von uns ging dieser Abgang ins Ungewisse nahe. Ich wischte mir verstohlen mit dem Handrücken die Augen, und auch die anderen drei suchten ihre Bewegung zu verbergen, denn so etwas zu zeigen ist ja unmännlich. Wir ergänzten die Einrichtung unserer Höhle mit einem kleinen Tisch, einer Büchse Tee, mit Tabaksondermischung, selbst gebastelten Pfeifen und einem Spektiv, das Pitz besorgte. Inklusive meinem kleinen Jagdglas ein Geschenk von William-Onkel konnten wir nun das Tun der Hüllgässer Nachbarschaft bestens kontrollieren. An einem Nachmittag, wir stopften gerade unsere Pfeifen, rief die Wache: Beim Nachbarvater tut sich was! Nun, es wurde dort ein dickes Paket in einem Eimer in den Hofbrunnen niedergelassen. Es mußte sich um Lebensmittel oder Getränke handeln, denn Kühlschränke gab es damals noch nicht. Unsere Neugier war geweckt, und der Mond schien nachts helle! Wir fanden dann im Paket jede Menge Holzfleischscheiben, requirierten aber nur vier Stück und summten dabei Üb immer Treu und Redlichkeit, denn das Gewissen mußte doch etwas beruhigt werden. Einen Dankzettel, mit der linken Hand geschrieben, haben wir auch noch ans Brunnenseil gebunden! Nachher hatte ich einige Schwierigkeiten, so um Mittemacht über das Wildschweinspalier unbemerkt in mein Zimmer zu gelangen, aber es klappte. Das Holzfleisch hat übrigens sehr gut geschmeckt. Kurz vor den Ernteferien tat sich in der Hüllgasse wieder etwas! Im Gehöft unter unserem Felsen erschienen der Herr des Hauses, zwei Nachbarn und deren Frauen. Sie gingen gestikulierend in den Schuppen, brachten ein totes schwarzbuntes Läuferschwein heraus und besahen es, sich an den Köpfen kratzend, von allen Seiten. Die Frauen verschwanden dann in die Wohnung. Die Männer holten Werkzeug und begruben das Ferkel unter großer Mühe, denn der trockene Lehmboden war sehr hart. Die Hausfrau rief dann laut über den Hof, lud zu Trank und Imbiß ein. Der Hof war nun bis auf das herumliegende Werkzeug leer. Wir sahen uns an. Ich bemerkte: Sehr tief haben sie ja die Grube nicht geschafft, es wird bald infernalisch stinken. Bubikas Gesicht leuchtete auf, und er flüsterte: Freunde, wir graben das Schwein aus und setzen es aufs Dach. Der Scbuppen ist zum Teil in den Berg hineingebaut, und der Dachfirst stößt fast an den Hang! Wir fanden diese Idee vorzüglich. Dani und Bubika, unsere besten Turner, wollten dieses immerhin riskante Unternehmen durchführen. Pitz und ich sollten beobachten und bei Gefahr dreimal den Matjasch-Schrei ausstoßen, den ich sehr gut konnte! Die beiden beeilten sich durchs Labyrinth, den Schulweg hinauf, auf den Hang bis über den Schuppen, dann hinunter in den Hof. Eile tat not, denn wer weiß, wie lange die Männer bei Bier und Schnaps sitzen würden. Wir oben fieberten, denn die Minuten liefen. Endlich, endlich regte sich was über dem Schuppen, und unsere zwei landeten mit einem kleinen Erdrutsch im Hof. 0h Gott, oh Gott, das kann nicht gut gehen! Aber sie gruben das Schwein hurtig aus, kletterten den Hang hoch, turnten, das Schwein vor sich herschiebend, den, First entlang und setzten es in Grätsche so auf den Giebel, daß es in Richtung Haus glotzte. Endlich kamen unsere beiden Helden schwitzend und außer Atem bei uns an. Sie berichteten, daß die im Haus in schon sehr angeheiterter Stimmung laut das Lied vom Krambambuli sangen. Da bei der Abrutschpartie erst die zweite Strophe gebrüllt wurde, war das Risiko kleiner, als gedacht, aber die Sau sei verdammt schwer und steif gewesen. Wir beobachteten gespannt und voller Ungeduld weiter. Und dann öffnete
sich die Haustür, und eine der Damen eilte zum Häuschen
mit Herz, das neben dem Schuppen stand. Die Sache wurde natürlich ruchbar. Im Großkokler Boten erschien in Schlagzeilen: Wie kam das Schwein aufs Dach? Es blieb ein Rätsel, und wir amüsierten uns königlich und segneten wieder einmal das Erbe von Pelsebutch! Felix von Steinburg
Letztes Update: 22. September 2002 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de / http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg |