HOG-Schäßburg / Siebenbürgen



Aus der geographischen Namenkunde von Schäßburg

Geschichte und Geschichten zur Herkunft geographischer Bezeichnungen aus unserer Heimatstadt und ihrer Umgebung

Ein Kapitel der Namenkunde (Onomastik) als Fachrichtung der Linguistik befaßt sich mit der wissenschaftlichen Erforschung der geographischen Namen. Es geht um Herkunft (Etymologie), Entstehung, Alter, Veränderung, Verbreitung von Landschaftsnamen, Flurbezeichnungen, Namen von Gewässern, Ortschaften, Straßen etc., also um ein teilweise sehr altes Sprachgut, das Sprachverwandtschaften und interessante Beziehungen zu historischen Ereignissen, Sagen, Mythen, religiösen Vorstellungen und volksetymologischen Deutungen widerspiegelt.

Mit Fragen der siebenbürgisch-sächsischen geographischen Onomastik haben sich G. Kisch, J. Haltrich, J. Wolff, H. Wachner, J. K. Schuller, A. Schullerus, A. Scheiner, M. Orend, P. Schuller u. a. befaßt und auch zur Erklärung geographischer Namen von Schäßburg beigetragen. Im folgenden sollen einige Beispiele aus der Schäßburger Onomastik vorgestellt werden. Es ist ein Wortgut, das mit dem Wandel des Landschaftsbildes und dem Wechsel der Bevölkerung sich verändert hat, z. T. versunken, jedoch teilweise erhalten geblieben ist. Die siebenbürgisch-sächsischen Bezeichnungen lassen deutlich gemeinsame Wurzeln mit althochdeutschen, mittelhochdeutschen, moselfränkischen, slawischen, magyarischen, rumänischen u. a. Namen erkennen.


Schwierigkeiten ergeben sich bereits beim Versuch, den Namen Schäßburg etymologisch zu erklären. An dieser Stelle soll eine sagenhafte Ortschaft namens Sandava oder Sandau gelegen haben. Enthält diese Bezeichnung das Wort "Sand" in Verbindung mit dem althochdeutschen "ouwa", d. h. "Wasser, Bach, Aue"? (Siehe auch das slawische "ava", verwandt mit dem lateinischen "aqua" = Wasser, auch mit dem rumänischen "apa" oder auch der Bezeichnung "Târnava".) Das würde bedeuten, daß der Name dieser Siedlung von einer "sandigen Aue" (der Kokelaue?) abgeleitet worden wäre.

Auf einem in der Nähe des heutigen Schäßburg gelegenen Plateau, dem so genannten "Burgstadel", hat es zur Zeit der Besetzung Daziens durch die Römer ein Standlager gegeben, das wahrscheinlich mit dem "Castrum Stenarum" auf der Peutingerschen Tafel identisch ist.
Der Urheber dieser römischen Wegkarte (itineraria picta) war vermutlich ein gewisser Castorius (um 340 n. Chr.). Ihr Inhalt verrät, daß sie aus der Zeit Konstantins des Großen stammt. Die heute bekannte Handschrift ist eine im 12. Jahrhundert gezeichnete Kopie, benannt nach ihrem Besitzer Konrad Peutinger (1465-1547), der sie zu Beginn des 16. Jahrhunderts nachdrucken ließ (Peutingersche Tafel). Sie enthält zahlreiche topographische Daten (3300 Wegstationen, 600 Ortsnamen und über 500 Stadtsymbole und Signaturen).
Die Sage, daß die Stadt Schäßburg ursprünglich an diesem strategischen Punkt gelegen habe bzw. daß Reste davon als Baumaterialien bei der Gründung der späteren Siedlung gedient hätten, könnte auf historischen Tatsachen beruhen.

Die Herkunft der Bezeichnung "Schäßburg" wird nach sehr unterschiedlichen Theorien erklärt. So soll Schäßburg von der Gemeinde Schaas aus gegründet worden sein, und der Name bedeute somit "die Burg von Schaas" (Schaasburg). In den ältesten Urkunden taucht "Castrum Sex" 1280 auf, und ein wenig später, 1298, "Schespurch" (Castrum Sex = Burg Sechs, Sechsburg, Schespurch). Plausiblere Erklärungen liefern G. Kirsch, A. Scheiner und A. Schullerus, die Schäßburg von dem magyarischen Segesvár ableiten, was soviel bedeutet wie "Hintere Burg" oder "Burg auf dem Berghinterteil". Nicht zuletzt gibt es noch eine von J. Wolff und M. Orend vertretene Meinung, die Bezeichnung sei aus der Urheimat "mitgebracht". Tatsächlich gibt es im westlichen deutschen Sprachgebiet (Aachen, Limburg) den Namen "Schäßburg". Auf der von G. Kisch 1922 veröffentlichten Karte "Die Urheimat der Sieben-bürger Deutschen - Namensgleichheit mit Ortschaften in Siebenbürgen" findet man östlich der Maas und nordwestlich von Aachen ein "Schaessburg" eingezeichnet. Ob sich diese kleine Ortschaft bereits außerhalb des Bundesgebietes befindet, konnte ich nicht feststellen. Im Verzeichnis der Postleitzahlen kommt sie jedenfalls nicht vor. Dafür aber der Straßenname, der nach der Ansiedlung ehemaliger Schäßburger in der Bundesrepublik wahrscheinlich auf Vorschlag der Landsmannschaft mancherorts vergeben wurde, so. z. B. in Berlin: Schäßburger Weg, in Drabenderhöhe: Schäßburger Straße u. a. Das steht natürlich wiederum auf einem anderen Blatt.


Kopfzerbrechen bereitet unseren Linguisten auch die Etymologie des Namens unserer Kokel (Keakel), J, Wolff findet als Sprachwurzel darin das althochdeutsche Adjektiv "quek" (= lebendig, desgleichen auch im Wort Quecksilber) und seine mittelhochdeutsche Form oder Nebenform "kek" und deutet Kokel oder Kockel als "lebendiges, fließendes Wasser. Fluß". Die Bezeichnung wäre somit von den Einwanderern "mitgebracht". Im moselfränkisch-luxemburgischen Raum kommen öfter ähnliche Flurnamen vor wie Kockelberg, Kockelscheuer. Kuckelberg. Vielleicht bestehen Beziehungen zu Namen wie Kochem a. d. Mosel (Cucheme = vorgermanisch-keltisch), wobei "cuc" als Moder, Schmutz erkennbar wird; Cuca und Cucra sind britische Flußnamen. Kucklar i. W. ist keltischen Ursprungs. Die Kocher (Nebenfluß des Neckar) ist ein vorgermanisch-keltischer Flußname. Ein Kochel (Cochalon) wiederum gibt es am schlammigen Kochelsee in Oberbayern, "kok", "koch" bedeutet Sumpf-, Moor-, Schmutzwasser. Eine Coc-lake aqua (Schutzbach) ist bei Hamburg überliefert, eine Kokelake in Dortmund (dort auch Kuckelke). Auch Kokelare in Flandern, Kokenmoor i. W. und Kocklenbruch sind so zu deuten. Andere Erklärungsversuche gehen von der rumänischen und magyarischen Benennung aus. Die rumänische "Târnava" ist slawischen Ursprungs ("târn" = Dorn + "ava" = Bach, Wasser; russ. "teriovnik" = Dornbusch, "teriovye" = dornig) und läßt sich mit "Bach, an dem Dornen wachsen" übersetzen (in Österreich gibt es einen Ortsnamen "Dornbach"!). Das magyarische "Küküllö" bedeutet angeblich dasselbe und könnte als Wortstruktur dem sächsischen "Keakel" resp. dem deutschen "Kokel" als Vorbild, zumindest in phonetischer Hinsicht, gedient haben. Die urkundliche Formen gehen meist auf diesen magyarischen Namen zurück: Kukullu, Küköllö, Kekkulew, Kikellen, Kykullew, Kykillew, Kukullew, dann häufiger Kukel, seltener Kockel.

An der Kokel, im Bereich der heutigen Kokelgasse - Albertstraße war die "Zigayner Au", auch "bey den Pfaronern" (= Pharaonen, Ägypter; auch englisch "gipsy" - Zigeuner) genannt. Die Zigeuner wurden im 19. Jahrhundert auf den Galtberg "umgesiedelt", der bis in die Gegenwart teilweise als Zigeunerviertel gilt wie auch die "Lihmkell" am Schaaser Bach (fälschlich "Leim Kaul" = "Lehmkeule"; sollte "Lehmkuhle" heißen).


"Ham" (auch süd- und nordsiebenbürgisch und moselfränkisch = Grundstück am Ufer von Bächen). So ist der "Millenham" (Mühlenham) und das "Um Hämchen", "Um Hämtchen" (Am Hemmchen) zu erklären. In diesem Fall darf nicht vergessen werden, daß hier vor Ableitung der Schaaser Bach vorbeifloß und das Hemmchen tatsächlich ein Ufergäßchen war.


Eine überraschende onomastische Deutung finden wir bei Paul Schuller für die Bezeichnung Steilau (Stila). Heute werden die meisten Schäßburger die Steilau, wo das sagenumwobene Türmchen steht, das jedoch tatsächlich bloß die Standsäule eines Marienbildes war (beim steinen Bildt"; rumänisch: "la chip") oder ein Zeichen der Stadtgerichtsbarkeit Schäßburgs, keinesfalls aber mit dem türkischen Pascha und seinem Elefanten zu tun hat, volksetymologisch als "steile Au" auslegen. Doch handelt es sich um ein Stii-la (Stii- von Stin, Wegfall von -n kommt häufig vor) = Stein, Fels. Der Berg wird also "Stein" genannt (so wie der Hangestein. Hohenstein, Königsstein) und in Verbindung mit -la, (abgeschliffene Form von nordsiebenbürgisch-sächsisch -lai, -loa und moselfränkisch -laien oder mittelhochdeutsch -leie = graue, schneidbare Erdart, Schieferton, Lehm) zum "Berg aus Laue", "Schiefertonberg". In der Eifel heißt lai auch Fels (Loreley = Lauerfelsen). Ältere Formen der "Stila" oder "Steilau" sind Steinlaue, Steinley (J. Kemény), Steinlau (G. Kraus, 1605).


Der alte "botanische Garten" befand sich unterhalb des Schulgebäudes aus dem 17. Jahrhundert, das aus der Zeit des Bürgermeisters Martin Eisenburger stammt (nach dem Umbau Zeichensaal), und geriet bei der heutigen Generation in Vergessenheit. Man nannte später irrtümlich das "Kollegigärtchen" innerhalb der Bastei neben der Totenhalle "Botanisches Gärtchen" (Botanesch Gartchen).


Die "Hüllgasse" müßte deutsch nach dem Sächsischen "Hillgess" "Hillgasse" oder "Hohlweggasse" heißen, denn "Hill" bedeutet Hohlweg, "Einschnitt", moselfränkisch "hill", allerdings auch "hüll" = Hohlweg. Im Englischen bedeutet hill jedoch Hügel. Berg. So ist auch die Bezeichnung "Af der Hula" zu erklären, "ober der Hill", "in den Hillen", "Attelshill" (Attilashülle).


Die Volksetymologie hat aus dem Wort "lohe" (=: Wald, Gebüsch, Gehölz) "Loch" gemacht, also bei Schäßburger Flurnamen, z. B- "Fussloch", "Attelsloch" (siehe Hohenlohe, Lohengrin, Wurmloch).

Wer hat heute noch eine Erklärung für die Bezeichnung "Schnedereiskell" (Schneidereise Knaull)? Es ist ein kühler, schattiger Punkt der Stadt unter der Nonnenschanze (unter der heutigen katholischen Kirche). Hier im "Eiskeller" wurde Kokeleis eingelagert und für den Sommer aufbewahrt. Der Eiskeller hier hat bis zur Einführung der Kühlschränke noch fast bis in die Gegenwart funktioniert. Schnedereis = Schneideis = geschnittenes Eis.


Jedem Schäßburger ist die "Rudolfshöhe" (Rudolfshih) bekannt, ein Aussichtsplatz am Rande des Schleiffengrabens auf der Breite, zu dem man gerne einen Abstecher bei einem Ausflug macht. Prof. Heinrich Höhr, ein leidenschaftlicher Hermann-Löns-Verehrer, nahm eine Umbenennung in Löns-Höhe vor und ließ hier von seinen Gymnasialschülern eine Holztafel mit diesem Namen an der alten Löns-Eiche anbringen. Doch setzte sich dieser Name nie recht durch. Warum aber Rudolfshöhe? Der Name Rudolf kommt in Siebenbürgen als Familiennamen 1681 vor, ebenso 1684 Rudolph. Sagenhaftes wird erzähl: So z. B daß dieser Platz nach dem Namen des Kronprinzen Rudolf so benannt worden sei, oder noch romantischer: ein Offizier dieses Namens habe sich hier selbstmörderisch in den Tod gestürzt. P. Schuller erwähnt eine einleuchtende historische Version: Wahrend des Krimkriegs (1853 - 1856) war eine Abteilung italienischer Jäger in Schäßburg stationiert, und diese machten hier unter dem Kommando eines Offiziers, der Rudolf hieß, Schießübungen. Und so sei es zum Namen "Rudolfshöhe" gekommen.


Törle (Terle), so heißt der Platz vor dem Tor zwischen Fleischer- und Kürschnerturm unter der Bastei, zu dem man vom Hundsrück (Hangdsräck) gelangt. Irrtümlich wird auch dieses kleine Tor "Terle = Törle" genannt und die gesamte Flurbezeichnung davon abgeleitet, wobei vergessen wird, daß die Verkleinerungsform durch die Nachsilbe "le" im Sächsischen vollkommen ungebräuchlich ist. Das Törle hat aber auch den Namen "Lämmerweide" - und davon muß wahrscheinlich die Bezeichnung Törle abgeleitet werden, nämlich vom rumänischen "târla", also Hürde. Schafgatter. Hier wurden früher Schafe gehalten, die innerhalb einer Umzäunung weideten. Im Rumänischen ist "târla" in Flurnamen nicht selten. Später, nach der Sanierung der Stadt, gab es hier eine Promenade.
In Schaßburg kennt man nun auch die spezifische Redewendung "terle gohn" (af det Terle gohn),was promenieren. spazierengehen, müßiggehen bedeutet, wie "erämmerlen", "merle gohn", "mandikaten", "shandern" oder auch "Zeisich tupen". "erämkrohwachteln". Zu "shandern" gibt es das Pendant aus Tirol: "schändern". "Zeisich tupen" bedeutet auf Zeisigfang gehen, Leimruten legen, müßiggehen. Das "E rämkrohwachteln" wiederum kommt vom Feldhüten gegen Krähenschaden und wird heute im Sinne von "wach sein, müßig die Nacht verbringen" gebraucht.
J. Haltrich erwähnt die Redensart "Terle gohn" als in Schäßhurg gleichbedeutend mit "neben die Schule gehen", "schwänzen". Dieser Ausdruck wurde nun wieder mit dem Törle in Zusammenhang gebracht, durch welches schulschwänzende Jugendliche zu schlüpfen pflegten. Vielleicht aus Schulangst? Pflegte man doch Kinder damit zu erschrecken, daß man ihnen erzählte, sie müßten beim ersten Schulbesuch gleichsam als Aufnahmeprüfung und Mutprobe in eine eiserne Kette beißen: "Na messt tea (sallt tea) än de Kate beissen!" Diese Redewendung wurde verallgemeinert, d, h, man benutzte sie auch bei anderer Gelegenheit, z. B. wenn jemand eine Reise in eine unbekannte Ortschaft machen sollte. Der Ausdruck ist übrigens nicht spezifisch siebenbürgisch-sächsisch. Wir finden ihn auch im großen Sprichwörterbuch von K. F. Wander vermerkt. Interessant ist auch die Herkunft des Saxonismus "mandikaten, erämmandikaten" für müßiggehen, umherwandern. Mandik aus dem lateinischen medicus (= Bettler) bezeichnete früher arme Schüler, die für wenig Lohn (Kost und Quartier) Lehrer oder auch ältere Gymnasiasten bedienten. Der Mandik war eine Art Famulus (Fuchs), der hin und her eilend die Befehle seiner Dienstherren ausführte. Später bedeutete Mandik bloß scherzhaft Junge.


Alte Stadtpläne von Schäßburg oder eine Flurkarte der Umgebung bewahren altes namenkundliches Sprachmaterial und ermöglichen dem Sprachforscher und dem Historiker, geographische Namen und geschichtliche Ereignisse oft bis in weite Vergangenheit zurückzuverfolgen. Auch für Worte, Benennungen, Wendungen gilt: "Habent sua fata . . . verba" - sie sind wie alte Chroniken und "haben ihre Schicksale".

Walter Roth

 

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