HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Rückschau auf 17 Maturaklassentreffen - Jahrgang 1940 - des Bischof-Teutsch Gymnasiums

Die Erinnerung an unser ehrfurchtgebietendes, unvergeßliches und bewundernswert schönes Städtchen Schäßburg und die imnerwährende Freundschaft, von unserer beglückenden Jugendzeit angefangen, die Einheit im Geiste, wie sie an der ehrwürdigen Bergschule gelehrt wurde, die uns kennzeichnete und verband, führte nach dem furchtbaren Kriegsende mit dem Verlust der Heimat -in den vergangenen 54 Jahren zu vielen Klassentreffen an verschiedenen Orten, Was müssen das für wunderbare menschliche Beziehungen gewesen sein, die schon ein ganzes Leben währen.

Wir besinnen uns auf die Kräfte, die uns außer der Erziehung und Betreuung im Elternhaus prägten: Unser Städtchen mit seinen Traditionen und Leitbildern, das Bischof Teutsch-Gymnasium (BTG) mit Schülergemeinschaft, dem Chlamydaten-Coetus mit seinen erzieherischen, musischen, sportlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten. So tragen wir noch immer in unseren Herzen als unverlierbaren Schatz die Erinnerung an jene längst vergangene schöne Zeit vor über 54 Jahren, auch mit unseren Kränzchenfreundinnen, die zum unvergeßlich Schönsten unseres Lebens gehört.
Nach bestandener Matura und Abschlußtanz (Exitus) verptlichtleten sich am 28. Mai 1940 unterschriftlich die Maturanten der Oktava 1940 Hans Roth, Kurt Weber , Rolf Machat, Adalbert Bedö, Ewald Hollitzer, Nikolaus Günther, Otmar Schuleri, Kurt Bonfert, Oskar Helwig, Paul Abraham, Erwin Ziebart, Wolfgang Czikeli, Harald W eiBkircher , Willi Teutsch, E. Ackermann, Karl Blumenstil und Gerhard Lang, von den Professoren Gustav Schotsch, Hans Theil und Hans Kraus, ferner unsere Kranzmädchen, das Wiedersehensfest am 1 .Juni 1950 in SchäBburg bei "Schoppelt" zu feiern. Daraus wurde in den Nachkriegswirren verständlicherweise nichts.

Dennoch: Pfingsten 1952 kam das erste Treffen zustande. Vorher waren alle Freunde noch weit verstreut, mußten sehen, wie sie ihr Studium beenden und für den Lebensunterhalt, fürWohnung, Familie und Existenzgründung sorgen und die Angehörigen suchen konnten. Durch das Rote Kreuz, die Landsmannschaft und neu eingetroffene Landsleute erfuhren wir weitere Anschriften. So konnte eineinhalb Jahre nach der Kriegsgefangenschaft Kurt Weber zu einem Chlamydatentreffen im kleinen Kreis von 17 Teilnehmern nach Stuttgart einladen. Von den Klassenfreunden des Jahrgangs 1940 waren erst sechs dabei, einige mit ihren Ehefrauen, auch Kränzchenfreundinnen und Musikprofessor Theil (Domi) waren da. Die Wiedersehensfreude nach all den Schicksalsschlägen durch den Zusammenbruch war unbeschreiblich. Für alle war dieses Treffen eine seelische Stärkung, denn jeder wußte "Dies und Das" von zu Hause oder anderen Freunden und Angehörigen zu berichten.

Inzwischen fanden auch die Dinkelsbühler Heimattreffen jährlich statt, wo wir dann auch Coetus-Freunde der anderen Jahrgänge trafen. Es waren mit Glück und Freude erfüllte Erinnerungstreffen! Pfingsten 1960 nutzend, lud Rolf Machat zum 20jährigen Maturatreffen ins nahegelegene Gundelfingen ein. Noch waren nur sieben Klassenfreunde, einige allerdings schon mit Frau und Kindern, dabei. Auch ein paar Gäste und frühere Coetus-Freunde kamen hinzu. Wir hatten uns viel zu erzählen: über die noch fehlenden Freunde, über die Probleme, die der einzelne bei der Wohnungssuche und Existenzgründung hatte Es gab gute Ratschläge, Hilfe, Trost und Zuversicht für unseren weiteren Integrationsprozeß in die neue Heimat.

Im Laufe der Jahre lebten schon mehr Klassenfreunde und einige Professoren in Deutschland und Österreich. So kam es fortan, auch mit Initiative von Hans Roth (Flotow), zu regelmäßigen großen Maturaklassentreffen mit Ehefrauen bis zu 29 Personen. Das 25jährige Treffen hatten wir in Stuttgart, das wiederum Kurt Weber organisierte. Unser hochverehrter Direktor Dr. Julius Hollitzer und Prof. Dr. Hans Markus waren mit ihren Gattinnen auch dabei. Da wir alle im Berufsleben standen und mit Anreise drei Tage zusammen sein wollten, boten sich die Pfingstfeiertage an. In der Frühjahrsstimmung wurden unsere Begegnungen mit den reichen Erinnerungsgesprächen über unsere Jugendzeit auch zu beglückenden Wiedersehensfreuden.

Beim Eintreffen derTeilnehmer gab es immer eine fröhlich-lautstarke Begrüßung und zum Kaffee und Kuchen viele Erinnerungsgespräche. Vor dem Abendessen schilderte jeder Klassenfreund kurz seinen Werdegang ab 1940. Wir konnten erfreut feststeIlen, daß alle, trotz harter Bedingungen und ohne Bafög, studiert und es beruflich bereits weit gebracht hatten. Die feierliche Begrüßung vor dem festlichen Abendessen hielt der veranstaltende Freund (Kurt Weber). Einen Höhepunkt bereitete uns jedoch erstmals dabei auch Direktor Hollitzer, der nach dem festlichen Abendessen eine ergreifende Wiedersehens und Begrüßungsrede hielt. Zunächst drückte er bewegt seine Freude darüber aus, einen so großen Kreis seiner ehemaligen Oktavaner nach all den schweren Ereignissen gesund wiederzusehen. Den im Krieg Gebliebenen und Vcrstorbenen galt sein stilles Gedenken, die wir mit einer Schweigeminute stehend ehrten. Dann fuhr er fort:

"Der Jahrgang 1940 bedeutete für uns Lehrer einen Höhepunkt des BTG. Dies war eine: Klasse, in der die Hälfte Vorzugsschüler waren. Aber auch andere, und das ist unsere Freude, haben dann, ins Leben hineingestellt, es zu etwas bringen können. Und wenn ich heute von Ihnen noch hörte, von Ihren Leistungen, von Ihrer Arbeit, Ihrer Gründlichkeit, dann ist das eine Bestätigung: Sie haben unsere Erwartungen nicht enttäuscht. Das muß einmal gesagt werden. Es ist unsere Arbeit an Ihnen hier sehr gerühmt worden. Kurt Weber hat das bereits unterstrichen. Wir haben unsere Arbeit nur eine Fortsetzung der Tradition in der Schule, als Überlieferung geleistet."

In einer geschichtlichen Betrachtung über das BTG sagte Direkor Hollitzer u. a., daß der gute Ruf des Gymnasiums schon vor über 100 Jahren begann, als begeisterte Lehrer, die in Deutschand studiert hatten, die alte Schule neu organisierten. Es waren darunter G. D. Teutsch, Friedrich Müller, Josef Haltrich u. a. Sie wußten gcnau, dicser kleine deutsche Stamm, die Siebenbürger Sachsen, sind in einer äußerst bedrohlichen Lage, sie können sch nur durch die geistige Verbindung mit dem Mutterland haIen. . . und schricben die Geschichte der Siebenbürger Sachsen. Dic Erzichung im vökischcn Geist, nicht nationalistisch, mit dem Verständnis auch für andere Völker, das wollten auch sie uns, als unsere Professoren, vorleben.
,Aber auch dic Stadt Schiißburg hat Sie geformt und besonders das Elternhaus, darum Ehre allen Eltern. Ich möchte Sie bitten, hier in dcr ncucn Heimat das Erworbene zu bewahren, denn was aus der altcn Heimat dort unten wird, das weiß nur der, der die Geschicke aller Wcltcn lenkt. Das ist ein Dienst, den wir dem dcutschen Volk leisten müssen: Treu zu bleiben dieser Art, auch bei dcn großcn Versuchungen nicht abzuweichen von dem Weg der Vorfahren und hincinzugeraten in eine andersgeartete, weit vertlosere Wclt. Dann werden Sie auch hier noch viele wertvolle Menschcn findcn, mit denen Sie eine Gemeinschaft bilden könen. Ich danke Ihnen nochmals für die schönen Stunden, die Sie uns hier bercitet haben und wünsche Ihnen Gesundheit, Erfolg und wcitcrhin Glück."

Jedes der viclen Treffen war fortan mit Programmen und Inhalten versehen. Sie waren Wunsch unserer Verbundenheit und gekennzeichnct durch Festigung der immerwährenden Freundchaft. Erst alle zehn, dann fünf, drei, zwei und seit fünf Jahren jährlich gab es cin Wicdersehenstreffcn. Das wurde möglich, weil sich immer Frcunde bereitfanden, diese vorbildlich geworencn, gut organisierten Begcgnungen jeweils an einem anderen Ort vorzubereiten.

Der Ablauf war dreigeteilt:
Anrcise der Teilnehmer nachmittags zu Kaffee und Kuchen mit herzlicher Einzelbegrüßung im Hotel, in dem dann alle gut untergebracht waren. Vor dem Abendessen in fcstlichcr Kleidung der Cocktai lempfang des Veranstalters. Feierliche Begrül3ungsrede vor dem gemeinsamen Abendessen im Salon oder in schöen Nebenräumen mit angeregten Unterhaltungs und Erinnelngsgesprächen aus der Schul und Jugendzeit. Der Abend endetc oft mit einem Diavortrag von Schäßburg, dem Gymnasium, über Siebenbürgen oder der Rückschau einiger Treffen, auch der aufgezeichneten Begrüßungsrede von Direktor Hollitzer , der izwischen wie die übrigen Professoren und einige Freunde leidcr verstorben war.
Der zweite Tag, mcist Pfingstsonntag, war nach dem Frühstück der Bcsichtigung der Örtlichkeit und Sehenswürdigkeiten der Umgebung, dem gemeinsamen Mittagessen und unterhaltsalem-gemütlichen Beisammensein am Abend gewidmet.
Der dritte Tag, Pfingstmontag: Nach gemeinsamem Frühstück mußte geschieden sein, das nächste Treffen wurde festgelegt und, beglückt wie wir waren, schmerzte der Abschied dann doch. Es gab die Abschieds und Dankesreden. Die einen kürzeren Heimweg hatten, ließen die Eindrücke der Begegnung noch fröhlich ausklingen.

Die Inhalte unserer Treffen wurden im Laufe der vielen Begegnungen immer anspruchsvoller. Die Orte reichten von zweimal Suttgart, Gundelfingen, Langargen/Bodensee, Insel Mainau, Meersburg, Würzburg, Feldafing, Starbgsen, Dürnstein i. d. r Wachau/Österreich, dann Hamburg, Heilbronn, Odenwald, München, Weimar-Ert.urt, Schwarzwald-Titisee bis Spanien -Costa Blanka und Rundfahrt nach Sevilla, Cordoba und Granada.
Alle Begegnungen bei schönem Wetter waren wunderschön, gutgelungen, sehr erbauend und trugen zur Festigung unserer Freundschaft bei. Die in Dürnstein, Münehen und Spanien stattgefundenen 45-, 50 und 5ljährigen Treffen waren jedoch weiere Höhepunkte und Jubiläen.
Mit diesen Ausführungen beende ich mcinen Bericht über unscre Maturatreffen, auch wenn alle ihre eigene Note hatten. Ich möche aber abschließend aus der Begrüßungsrede unseres Freundes Adalbert Bedö anläßlich des von ihm organisierten Trcffens in Würzburg noch einige Sätze zitieren:
"Jch habe mich immer schon gefragt, was ist das für ein Phiinomen, daß nach 40 Jahren eine Gruppe von Maturanten sich immer wieder trifft und eine Herzlichkeit und Verbundenheit herrscht, als ob sie vorgestern auseinandergegangen wären. Ich will es gleich vorwegnehmen: Es ist die echte freundsehaftliche Beziehung, die in den Jugendjahren gemeinsamen Erlebens gelegt worden ist, frei von irgendwelchen utilitaristischen Erwägungen und Hintergründen, gegründet nur im Gefühl der Sympathie zueinander und deswegen auch Raum und Zeit überbrückend und überdauernd."
Diese Beziehung, glaube ich, gehört mit zu den wesentlichen und zu den schönsten Dingen des Daseins und erfüllt auch irgendwo dessen Sinn.

Karl Frank


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