|
Zur Tätigkeit unserer Landsleute in Schäßburg
In der ersten Dezemberhälfte 1994 besuchte Josef Fritsch,
Mitglied des Vorstands der HOG Schäßburg, seine Heimatstadt.
Bei dieser Gelegenheit fanden Besprechungen mit verschiedenen Gremien
und Gruppen der noch verbliebenen Sachsen statt (Demokratisches Forum,
Presbyterium, Frauenkreis, Nachbarväter und -mütter etc.).
Aus diesen Beiträgen habe ich folgende Informationen zusammengestellt:
- Das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien, Zentrumsforum
Schäßburg
Das Forum umfaßt etwa 1350 Mitglieder (mitgerechnet die umliegenden
Dörfer, die dazugehören). Wir möchten betonen, daß
das Forum auf dieser Ebene keine politische Organisation ist, sondern
mehr die sozialen und kulturellen Belange der deutschen Bevölkerung
wahrnimmt.
Im Rahmen des Forums entfaltet zunächst der Frauenkreis seine Tätigkeit.
Etwa 30 Mitglieder treffen sich jeden Dienstag nachmittag beim Sitz
des Forums in dem Haus mit den venezianischen Fenstern auf der Burg,
das die Kirchengemeinde dem Forum zur Verfügung gestellt hat. Man
handarbeitet, trinkt Kaffee oder Tee, sieht sich hie und da auch mal
eine Videokassette an, bereitet vor allem Basare zu verschiedenen Gelegenheiten
vor, die schöne Summen einbringen, die dann für soziale und
kulturelle Zwecke genutzt werden. Die Gruppe wird von Lehrerin i. R.
Hildegard Martini und Dipl.-Chemikerin i. R. Meta Kovacs geleitet.
Der Frauenkreis ist fast überall mit dabei, wenn in Schäßburg
etwas stattfindet: Er bäckt für Seniorentreffen, hilft bei
der Adventfeier, ist aktiv bei dem Sachsentreffen in Birthälm,
besucht und beschenkt zusammen mit den "Burgspatzen" die Insassen
der Altenheime von Schweischer und Hetzeldorf.
Die Jugendgruppe umfaßt etwa 60 Personen. Sie wird von cand. theol.
Daniel Zikeli und Sven Elges geleitet. Es werden spezifische Aktivitäten
wahrgenommen: Unterhaltungen veranstaltet, die Aktionen des Forums und
der Kirche unterstützt (Sachsentreffen in Birthälm, Kirchentag
in Schäßburg usw.), und neuerdings hat sich auch eine Tanzgruppe
gebildet, die unter der Leitung von Anneliese Groß sächsische
Volkstänze einstudiert.
Die Kindergruppe des Forums, genannt "Burgspatzen", umfaßt
etwa 50 Kinder. Sie wird von Kindergärtnerin i. R. Wiltrud Baier
geleitet. Jeden Samstag vormittag versammeln sich die Kinder im Clubraum
bzw. Speisesaal des Alberthauses, basteln, zeichnen, singen, tanzen,
sehen auch Videofilme und bereiten Basare und kleine Feste vor (Nikolausfest),
selbst Basare, die auch Geld einbringen, das dann für Materialbeschaffung,
kleine Geschenke, Ausflüge usw. verwendet wird. Interessant ist
dabei, daß die Kinder ihre Tätigkeit mit dem Forum selbst
identifizieren. Am Freitag fragen sie: "Haben wir morgen Forum?"
Als besonderer Mangel muß hervorgehoben werden, daß das
Forum der Jugendgruppe den "Burgspatzen" keine entsprechenden
Räumlichkeiten für ihre Tätigkeiten bieten kann, so daß
diese in der Schule oder im Kulturhaus stattfinden müssen. Dem
soll aber im Frühjahr 1995 Abhilfe dadurch geschaffen werden, daß
in einem anderen kirchlichen Gebäude in der Schanzgasse zwei Räume
hergerichtet werden, in denen dann auch der Keramikkreis von Prof. Wilhelm
Fabini untergebracht werden soll. Man wird dann auch Möglichkeiten
finden, daß sich hier die ehemaligen Rußlanddeportierten
treffen können.
Das Demokratische Forum in Schäßburg zeichnet auch als Mitorganisator
für die meisten wichtigen kulturellen und sozialen Ereignisse verantwortlich:
Sachsentreffen in Birthälm, Festival der mittelalterlichen Kunst
und Musik in Schäßburg, Evangelischer Kirchentag in Schäßburg,
Seniorentreffen, Adventfeier, Gedenkfeier des 50. Jahrestages seit der
Deportation nach Rußland usw. Die meisten dieser Aktionen wurden
zusammen mit dem Presbyterium organisiert und auch finanziell unterstützt.
Weiterhin werden an Arme und Bedürftige Pakete ausgeteilt und Geldspenden,
die meist aus dem Ausland kommen, überwiesen. Das Demokratische
Forum vermittelt für seine Mitglieder Visa für Besuche im
Ausland (Deutschland und Österreich). 1994 wurden extra 500 Sichtvermerke
vermittelt, die einerseits ein gerüttelt Maß an Zeit und
Arbeit erfordern, andererseits den Antragstellern viel Zeit und Ärger
ersparen.
Ganz besonders muß die Gruppe Brigitte Türk, Margareta Tornea
und Fritz Balint erwähnt werden, die sich in rührender und
aufopfernder Weise um die Belange der ehemaligen Rußlanddeportierten
kümmert. Diese Gruppe hat dafür gesorgt, daß alle Rußlanddeportierten
die ihnen gesetzlich zustehenden Rechte bekommen (Rente, Freifahrten
usw.). Das hat sehr viel Arbeit gemacht und sehr viele Fahrten in die
Dörfer und nach Tîrgu Mures erfordert. Außerdem besuchen
die Gruppenmitglieder besonders ihre Leute auf dem Dorf, bringen ihnen
Pakete, kleine Aufmerksamkeiten und sprechen ihnen Mut zu. Sie stehen
ihnen auch im Rahmen von regelmäßigen Sprechstunden im Forum
zur Verfügung.
Im Rahmen des Forums gibt es auch einen Deutschkurs, geleitet von Lehrerin
Christa Rusu, und eine gut ausgestattete Bibliothek, die ihren Lesern
vor allem neue Literatur zum Lesen anbietet. Die ganze Arbeit im Rahmen
des Demokratischen Forums wird ehrenamtlich geleistet. Die meisten Mitglieder
des Leitungsausschusses sind Rentner, die sich zur Verfügung gestellt
haben und den Dienst nach einem festgelegten Programm versehen.
- Das Presbyterium der Schäßburger Kirchengemeinde
(Kurator: Andreas Christian!) verwaltet, besorgt und erneuert vor
allem das vorhandene Kirchengut und nimmt weiterhin besonders soziale
Aufgaben wahr und solche auf dem Gebiete der Diakonie.
Bei der Reparatur des Pfarrer- und des Predigerhauses, die von der Diakonie
aus Bremen bzw. vom Landeskonsistorium finanziert wurde, ist ein sehr
großes Arbeitsvolumen bewältigt worden. Gegenwärtig
wird durch die Messerschmitt-Stiftung aus München die Bergkirche
restauriert. Den Bergfriedhof einigermaßen in Ordnung zu halten,
kostet auch sehr viel Arbeit und Geld.
Von der "Küche auf Rädern" erhalten täglich
22 bis 25 alte und bedürftige Schäßburger ein warmes
Mittagessen, das ihnen mit einem Fahrzeug des Diakonischen Werkes der
evangelischen Kirche in Rumänien ins Haus gebracht wird. Weitere
zehn Personen holen sich selbst das Mittagessen aus der Kantine der
Bergschule ab.
Das Presbyterium verteilt die erhaltenen Hilfsgüter (Lebensmittel
und Kleidung) an die Frauennachbarschaften, die sie dann an ihre Mitglieder
weitergeben. Außerdem unterstützt es aus Geldspenden eine
Reihe bedürftiger Mitbürger und bemüht sich auch um deren
seelische Betreuung.
Die Weihnachtsbescherung der Kinder und Alten bereitet dem Presbyterium
alljährlich viel Kopfzerbrechen. Mit Unterstützung der Frauennachbarschaften
und des Frauenkreises wurden auch 1994 190 Päckchen an die Kinder
und 130 an die Alten (über 70 Jahre) verteilt.
Die Aufgaben des Presbyteriums werden wesentlich dadurch erschwert,
daß die Kirchengemeinde gegenwärtig keinen Stadtpfarrer hat.
Glücklicherweise wurde diese Lücke für drei Monate von
Domprediger i. R. Jürgen Reuß aus Lübeck vorbildlich
und für Schäßburg segenbringend ausgefüllt.
Im Frühjahr 1995 wird Stadtpfarrer Dr. Gerhard Schullerus aus Heltau
diese Stelle einnehmen.
Das Diakonische Werk aus Bremen stellte der Kirchengemeinde eine Diakonieschwester,
Frau Antje, zur Verfügung, die für die Stadt (und Umgebung)
einen wahren Segen bedeutet. Nicht nur daß sie ihr Metier außerordentlich
gut versteht, sie ist auch sehr engagiert und energisch und betreut
ihre Schutzbefohlenen mit viel Liebe und Kompetenz. Schwester Antje
hat im Haus mit den venezianischen Fenstern ein "Pflegenest"
für drei Personen eingerichtet, in dem gegenwärtig ein Pflegefall
und zwei weitere Personen untergebracht sind.
Das Diakonische Werk der EKR stellte dem Schäßburger Kirchenbezirk
mit Frau Erika Duma eine tatkräftige und energische Person zur
Verfügung, die in enger Zusammenarbeit mit Schwester Antje auch
viele Alte und Bedürftige unseres Kirchenbezirkes betreut.
- An der Bergschule in Schäßburg
gibt es immer noch eine Abteilung mit deutscher Unterrichtssprache,
die insgesamt von 439 Schülern aus Schäßburg und Umgebung
besucht wird. 8 Prozent davon haben beide Elternteile deutsch, 29 Prozent
nur einen Elternteil und 63 Prozent keinen. Da es in der Umgebung wegen
Kindermangel keine deutsche Schule gibt, werden die deutschen Schüler
aus mehreren Gemeinden (Keisd, Malmkrog, Neudorf) täglich mit Kleinbussen,
die die deutsche Botschaft aus Bukarest zur Verfügung stellt, nach
Schäßburg zur Schule gebracht. Wenn das nicht möglich
ist, können die Kinder im Internat wohnen.
Als 1990 sehr viele deutsche Kinder auswanderten, wurden im Herbst alle
deutschen Restklassen auf der Burg zusammengezogen, doch leider in drei
verschiedenen Gebäuden untergebracht: die Klassen l bis 4 im Alberthaus,
wo im Sommer 1990 neun Klassenräume und ein kleiner Turnsaal hergerichtet
worden waren, die Klassen 5 bis 8 in der ehemaligen rumänischen
Schule in der Schanzgasse; die Klassen 9 bis 12 blieben zusammen mit
den rumänischen Klassen auf dem Schulberg. Zur Ausstattung der
Klassenräume haben wir sehr viele Schulmöbel aus Deutschland
und besonders aus Österreich bekommen. Deutschland unterstützt
auch mit Gastlehrern, die die hier fehlenden Lehrer ersetzen.
Gründlich restauriert wurde die Bergschule auch dank Spenden ehemaliger
Absolventen, der HOG Schäßburg und der Landesgruppe Baden-Württemberg
der Siebenbürger Sachsen aus Deutschland. Besonders die Aula hat
wieder ihr ehemaliges Aussehen erhalten. Leider konnten die Möbel
nicht wieder ersetzt werden, da sie sehr teuer sind; auch konnte das
Rednerpult, das Anfang der 50er Jahre noch dort stand, nicht mehr aufgefunden
werden. Vielleicht könnte jemand aus Deutschland einen Hinweis
geben, wo es zu finden wäre. Die Turmspitze, die im Sommer 1990
heruntergefallen war, kommt im Frühjahr 1995 wieder an ihre Stelle,
nachdem auch am Türmchen gründliche Reparaturen vorgenommen
werden.
Da die Deutschkenntnisse der jetzigen Schüler der deutschen Abteilung
nicht mehr denen aus früheren Jahren entsprechen, hat der Bergschulverein
aus Deutschland durch Frau Gertrud Schuller aus Wien, eine der großen
Mentorinnen der Bergschule, eine Summe zur Verfügung gestellt,
mit der Lehrer bezahlt werden, die außerhalb der normalen Unterrichtszeit
die Kinder in der deutschen Sprache fördern werden. Da das Interesse
der rumänischen Bevölkerung am Erlernen der deutschen Sprache
und Kennenlernen der deutschen Kultur groß ist, braucht die Zukunft
der Bergschule nicht in Frage gestellt zu werden, so lange sie gute
Lehrer hat. Die Schüler der deutschen Abteilung sind meist aus
sozial und intellektuell gehobenen Schichten und stellen für die
Schule eine Bereicherung dar.
- Der deutsche Kammerchor
Wegen Raummangels und weil auch sonst die materielle Basis fehlt, muß
der deutsche Kammerchor seine Tätigkeit weiter im Rahmen des Kulturhauses
ausüben. Er besteht weiter, da auch Rumänen, besonders ehemalige
und jetzige Schüler der deutschen Abteilung der Bergschule, die
ausgewanderten sächsischen Sänger ersetzen. Der Kammerchor
hat bei den ersten drei Sachsentreffen in Birfhälm den weltlichen
musikalischen Teil zu Gehör gebracht, bei dem Treffen in Großpold
mitgemacht und wird auch im Januar 1995 in Kronstadt bei der großen
Gedenkfeier der Rußlanddeportation dabei sein. 1990 unternahm
der Chor eine Konzertreise nach Österreich und Deutschland, 1993
hat er in Ungarn und Deutschland gesungen, 1995 wird er wahrscheinlich
wieder in Deutschland gastieren.
Der Kirchenchor (Leitung: Organist Theo Halmen) sorgt fast jeden Sonntag
für die Verschönerung und Vertiefung des Gottesdienstes in
der Klosterkirche.
- In Schäßburg gibt es noch vier Männer- und 14 Frauennachbarschaften
Die Männernachbarschaften haben sich immer mehr zusammenschließen
müssen, um genügend Träger für die Begräbnisse
zu haben. Es hat sich aber als praktisch erwiesen, die alten Frauennachbarschaften
beizubehalten, weil diese besser imstande sind, die Belange der Kirche
wahrzunehmen (Verteilung von Hilfsgütern, Betreuung der Alten und
Kranken, Weihnachtsbescherung usw.).
Hauptaufgabe der Männernachbarschaften sind nach wie vor die anfallenden
Begräbnisse (Überführung der Toten in die Totenhalle,
Tragen der Verstorbenen bis zum Grab, Unterstützung der Hinterbliebenen
durch eine Begräbnisbeihilfe, deren Höhe von einer Nachbarschaft
zur anderen verschieden ist). Natürlich finden die geselligen Veranstaltungen
sowohl der Männer als auch der Frauen noch statt. Eine gemeinsame
Faschingsveranstaltung auf Stadtebene organisiert gewöhnlich das
Demokratische Forum.
Wir sind unseren Landsleuten der HQG Schäßburg zu Dank verpflichtet,
daß sie auch den Nachbarschaften eine Spende zur Verfügung
stellte, die es diesen ermöglicht, die Begräbnishilfe den
enorm hohen Ausgaben einer Bestattung anzugleichen und den Bedürftigen
einen Zuschuß für Heizung und Strom in den Wintermonaten
zukommen zu lassen.
Hermann Baier,
Nachbarvater,
Schäßburg, 2. Januar 1995
(Aus "Schäßburger Nachrichten", Folge 3, März
1995)

Letztes Update:
20. Oktober 2002
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
© 2000 by kdg
|