HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


"Erinnert Euch und fügt zum Sein das Werden!"
Generation im Zwiespalt
"Nachgelesen" in der Festrede des HOG-Vorsitzenden Prof. Dr. Heinz Brandsch auf dem 7. Heimattreffen in Heilbronn (August 1994)

"Erinnert Euch ...". Diese Aufforderung wählte sich der HOG-Vorsitzende zum Thema seiner "Antrittsfestrede" und begründete sein Anliegen gleich eingangs selbst. Sie bot ihm die Möglichkeit, seine "Gedanken zur Zeit", daran orientiert, dreigeteilt vorzutragen: Betrachtungen zur Geschichte unseres Volkes in Vergangenheit!, Gegenwart!, Zukunft?, dann aber gleich lautend auch personifiziert an die Adresse der Väter, Söhne, Enkel.
In Vorahnung der Brisanz solcher Fragestellungen fügt er vorsorglich einen ergänzenden Untertitel gleich selbst hinzu: Generation im Zwiespalt, da die neu gegründete HOG vor der Aufgabe steht, über Möglichkeiten und Grenzen (Sinn und Unsinn?) ihres Tuns und Handelns nachzudenken und für alle Schäßburger auch künftig verbindende Aufgaben zu finden. Der Redner bekennt sich uneingeschränkt zur Gattung "Homo Schaessburgensis capitolio durus", bezeichnet sich selbst als "Deutscher Gastarbeiter im (ost-)deutschen Mutterland" und sieht sich nach dessen Wiedervereinigung mit einer Meinungsvielfalt konfrontiert, die seiner Erinnerung nach größer zu sein scheint, als Schäßburg je sächsische Seelen. zählte. Dem versuchte er entgegenzuwirken, indem er seine Gedanken, wo immer es sich anbot, mit einem in seiner Erinnerung haften gebliebenen Zitat aus seiner Bergschulzeit verknüpft... immer begleitet von der bangen Frage, ob dessen einst einigende Wirkung auch den heutigen gesamtdeutschen Anfechtungen noch standhält.

  • Erinnert Euch ...
    Fragen an unsere Geschichte. Diesen ersten Teil seiner Ausführungen kleidet der Redner zunächst in nachstehende (Gretchen-)Fragen:
    Wie wollen/dürfen wir mit der Geschichte unseres Volkes umgehen? Das Leben und Wirken von 30 Generationen seit unserer Einwanderung steht auf dem Prüfstand!
  • Welche Ideale/Voraussetzungen/Erfahrungen bringt der einzelne von uns mit ein?
  • Wie sichern wir, daß unsere HOG nicht der Ort wird, wo "die Sünden der Väter" biblischem Verständnis nach bis ins siebte und achte Glied aufgerechnet und verfolgt werden?
  • Welche Möglichkeiten haben wir, um "dereinst" vor unseren Vätern, aber auch vor unseren Nachfahren als "ehrenwert gelebt und gestorben" dazustehen? Unter allen seinen Antworten muß wohl eine als "condito sine qua non" hervorgehoben werden:
    "Wir alle wissen um die politischen Streitigkeiten und Irrtümer unserer Väter! Trotz solcher Kontroversen wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie dem HOG-Vorstand helfen würden, solche Streitigkeiten "außen vor" zu lassen. Wir müssen uns als deren Kinder gegenseitig vorbehaltlos in die Augen sehen können, falls wir noch etwas bewirken wollen. Für diesen Teil unserer Geschichte gibt es für uns nichts zu "bewältigen", wohl aber korrekt darzustellen. "Nestbeschmutzer" in den eigenen Reihen zu wissen wäre ebenso gefährlich wie ein uneingeschränktes "germanissimi germanorum".

Gleichsam als Begründung belegt er dies mit zwei alternativen Zitaten zur Vergangenheit:
"Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Zukunft nicht planen", aber
"Wer zuviel von der Vergangenheit weiß, bekommt Zukunftsangst", und er aktualisierte das Thema durch einen Ausspruch K. Adenauers, wonach im Rückblick betrachtet die Geschichte stets nur eine Summation von Fehlentscheidungen war.
Auch bei der Wertung handelnder Personen sei Zurückhaltung geboten:
"Die Vergangenheit eines Menschen ist der Mensch selbst". (0. Wilde)
"Die Vergangenheit hat andern gehört, wir besitzen die Gegenwart." (0. Goldsmith)
Und wer lieber in der Erinnerung an unsere Bergschule lebt, möge sich an den Deutschunterricht bei Prof. G. Schotsch erinnern:
"Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit sind uns ein Buch mit sieben Siegeln." (Goethe, Faust I)
... und fügt zum Sein ...

Was aber ist unser "gegenwärtiges Sein"?
Man gewinnt den Eindruck, daß sich der Autor bei der Bewältigung "der Tragödie zweitem Teil" (um bei Goethe zu bleiben) einer größeren Problemfülle gegenüber sah. Auf der Suche nach einer ersten Orientierungshilfe für die Wiedereingliederung neigt er zu der Empfehlung, die Geschichte des Mutterlandes, der künftigen Heimat unserer Kinder, weniger idealisiert zu betrachten als von der Bergschule her gewohnt. Dankbarkeit sei angezeigt, unkritische Dankbarkeit aber sei immer schon Heuchelei gewesen und berge Gefahren für die Zukunft. Wer glaubt, seine Kinder mit Halbwahrheiten abspeisen zu können oder gar zu belügen, habe sie schon verloren und braucht sich über die Zukunft unserer HOG keine Gedanken mehr zu machen.
Wir erleben ein Wiedererwachen nationalstaatlichen Denkens und dessen umgehende staatliche Anerkennung der um uns entstehenden kleinsten Nationalstaaten, die ihnen selbst bei nachweislichen "ethnischen Säuberungsaktionen" nicht verweigert wird, während man dem eigenen Volke eine multikulturelle Gesellschaft empfiehlt. Auch sonst beobachtet man den allgemeinen Verfall sittlicher Wertvorstellungen. Dabei sollten wir den kategorischen Imperativ eines E. Kant (interpretiert von Prof. H. Markus) noch alle im "Langzeitgedächtnis" behalten haben:
"Handle (stets) so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."
Und von J. J. Rousseau (Bakk.-Thema 1947) wissen wir:
"Die Jugend ist die Zeit, Weisheit zu lernen, das Alter die Zeit, sie auszuüben."
Es scheint angezeigt, sich mit der Geschichte des eigenen und des "deutschen Volkes" eingehender zu beschäftigen und sich mit den Thesen "Volk = Produkt der Natur" und "Nation = Produkt der Geschichte" intensiver auseinanderzusetzen, selbst wenn sich im Ergebnis der Satz bewahrheiten sollte, daß wir selbst und unsere Nachbarn uns nur ertragen können, wenn wir als Deutsche föderativ organisiert bleiben.

... das Werden
Einen hoffnungsfrohen Ausklang zu finden, fällt dem Referenten sichtbar schwerer. Der Wechsel in der Melodienführung von Dur zu Moll ist selbst bei einem "durus schaessburgensis" unüberhörbar.
Wovon sprechen wir aber, wenn wir "das Werden" prognostizieren?

  • Wohl zunächst, verängstigt, von dem Zukunftsbild unserer Vergangenheit und Heimatstadt Schäßburg;
  • zunehmend weniger von uns selbst ... es winkt bereits der Sarg, den sich mancher in der alten Heimat nicht mehr leisten kann;
  • dafür zunehmend hoffnungsvoller von der Integration unserer Nachfahren.

"Unsere Zeit kommt nach unserer Zeit, indem wir uns dem historischen Urteil stellen" bei allem, was wir in der Gegenwart noch voranbringen möchten, können und werden.
Einigkeit besteht im Anliegen, unseren in der Heimat verbliebenen Landsleuten auch fürderhin jede erdenkliche Hilfe zukommen zu lassen, das Kulturerbe unserer Vorfahren zu pflegen, nach Möglichkeit zu erhalten und die Kontakte mit dieser Zielsetzung auch hierzulande zu fördern. Was aber folgt danach?
Den Ausklang lassen wir besser wörtlich folgen:
"Es erschreckt im Traum die Vision", dereinst, "... wenn tief im Tal erloschen sind.. ."(M. Albert), auf der Bergkirche ein von einer deutschen Stiftung vergoldetes orthodoxes oder katholisches Kreuz im kalten Mondlicht der Weihnachtsnacht leuchten zu sehen, wenn zudem eine Tafel verkündet, daß sie auf den Mauern einer dakischen (sprich rumänischen) Siedlung von rumänischen Bauern erbaut wurde.
Tröstlicher dann schon die Vision, daran zu glauben, daß dereinst touristische Pilgerscharen unsere alte Heimat besuchen und sie mit gleicher Ehrfurcht besichtigen wie wir heute die Akropolis zu Athen.
Auch wenn mir bei solcher Betrachtung die Maßstäbe etwas kindlich verschoben zu sein scheinen, die vorhin genannte Tafel wird den gleichen Wortlaut haben. Nie "cetate saseasca", bisher immer schon nur "taraneasca", und künftig nur noch "c. romîneasca". Daran werden wir nichts ändern können, und auch die UNESCO wird keinen Einspruch erheben. Wenn wir dennoch in der alten Heimat noch etwas bewahren wollen: ohne die Hilfe des "Romîn ardelean" wird der Acker nicht zu bestellen sein.
Statt von Athen zu träumen, möchte ich zur Ehrenrettung unserer Vorfahren am Eingang zu unserem Bergfriedhof dann schon lieber den Satz lesen, wie ich ihn ebenfalls von der Bergschule her noch in Erinnerung habe:

"Wanderer, kommst du nach Sparta,
künde, du hast uns liegen .gesehen,
wie das Gesetz es befahl."

Die Befürchtungen des Referenten sind kaum zu widerlegen, da ihnen Erfahrungswerte der Vergangenheit zugrunde liegen.
Es sollte aber unser Bewußtsein stärken durch unser Noch-Dasein und -Wirken mindestens dem Sachverhalt der Vergangenheit, nach Grundsätzen abendländischer Kultur, zur Wahrheitsdarstellung zu verhelfen, wenn auch neue vergoldete Kreuze, die wir nicht verhindern können, die Leistung unserer Vorfahren schmücken, dem Wanderer aber nach Recht und Gesetz die Wahrheit verkünden.

Walter Lingner
(Aus "Schäßburger Nachrichten", Folge 3, März 1995)

 

balken.gif (7924 Byte)

Letztes Update: 13. Oktober 2002 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg