HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Zur Einweihung der Gedenktafel in der Schäßburger Klosterkirche am 20. August 1995

Ansprache von Prof. Dr. agr. habil. Heinz Brandsch / Gedichte von Brandsch

Liebe Schäßburger aus nah und fern, verehrte Gäste!

Ein Ruf erging, und viele kamen in ihre angestammte Heimat, in Erinnerung an Kindheit, Schulzeit und Arbeitsleben, an Krieg, Gefangenschaft und Deportation, an das Ende des 2. Weltkriegs vor 50 Jahren und was uns danach sonst noch beschieden war.

Kirchengemeinde und Deutsches Forum von Schäßburg haben eingeladen, die HOG-Schäßburg in der Bundesrepublik Deutschland war bereit, das Anliegen nach Kräften zu unterstützen.
Wir sind aus unserer angestammten Heimat, nicht aber aus unseren Pflichten entlassen!
Es hätten auch mehr „Heimkehrer“ sein können. Das Leben aber fordert unentwegt immer noch seinen Tribut. Den nicht Angereisten sei zugute gehalten ...
... ihr ehrwürdiges Alter,
... Behinderung und Krankheit,
... Verpflichtungen an anderer Stelle.
... Nicht verschweigen wollen wir aber auch, daß es viele gibt, von denen zu hören ist, „Laßt mir meine Erinnerung an Schäßburg, so wie es einst war und ich im Herzen in die Fremde mitgenommen habe.“ Diese und andere Gründe mögen Sie alle entschuldigen. Der Pulsschlag des Lebens hat sich geändert. In der Diaspora, in der die meisten von uns heute leben, ist es schwerer, alle Termine zu koordinieren. Prioritäten waren zu setzen. Nachbarschaftsväter, deren Nachbarzeichen wir schon als Kinder ehrfurchtsvoll weiterzutragen gelernt hatten, waren weisungsbefugt, ein HOG-Vorsitzender ist es nicht.
Wir haben uns an dieser Stelle zusammengefunden, allein um unserer Toten zu gedenken!

Nach dem l. Weltkrieg und der Neuaufteilung der Welt, gefolgt von den einschneidenden politischen Veränderungen, sahen sich unsere Väter verpflichtet, für ihre gefallenen Väter, Brüder und Söhne an eben dieser Stelle eine Gedenktafel zu errichten ...
... ihnen zum Gedächtnis, zur Erinnerung und Ehre,
... uns zur Mahnung!

Das Lied von den Ahnen
Sie hatten’s gesungen,
Das Lied von den Ahnen,
Und still war verklungen
Der Helden Gesang.

Ins Schweigen da tönte
Die Stimme des Alten,
Der Nordwind, der stöhnte
Und brauste dazu:

„Ihr Jungen, ihr höret
Des Vaterlands Rufen!
Ihr Jungen, nun schwöret
Ihm ewige Treu!

Den Ahnen nun gleichet
Im Kampf auch und Streite
Und nimmermehr weichet
Dem feindlichen Heer!“

Da jauchzten die Helden
Dem Feinde entgegen. -
Die Gräber uns melden:
Sie hielten den Schwur.


Damit haben unsere Väter auch uns in die Pflicht genommen, ihrem Vorbild nach dem 2. Weltkrieg zu folgen. Und wiederum wurden von sachkundigen Händen Namen in Stein gemeißelt, und wieder waren es Namen von Vätern, Brüdern und Söhnen.
Und doch besteht ein grundlegender Unterschied: Nach dem l. Weltkrieg waren die äußeren Wunden binnen weniger Jahren vernarbt, das Leben verlief, wenn auch unter veränderten politischen und amtssprachlichen Umständen dennoch in vorgezeigten Bahnen.
Wir aber brauchten 50 Jahre, um unserer Dokumentationspflicht nachkommen zu können.
Auch die erhöhte Zahl der Toten verdeutlicht die Grausamkeit des 2. Weltkrieges. Den 121 Toten des l. Weltkrieges mußten wir 224 Namen der Toten aus dem 2. Weltkrieg hinzufügen. Und damit nicht genug. Selbst als die Waffen schwiegen, forderte der Tod auch in den Gefangenen- und Arbeitslagern unserer Deportierten seinen Tribut.
Und das Grausamste dieses 2. Weltkrieges bleibt, auch unter den Müttern, Töchtern und Kindern unseres Volkes. Und so mußten wir weitere 56 Namen der Ewigkeit übergeben.

Das Ihnen zu überreichende Gedenkblatt soll Sie auch am häuslichen Herd an alle unsere Toten erinnern. Über die begonnene Familienforschung werden wir viele Familien finden, mit herben Verlusten in beiden Weltkriegen. Dahin zu wirken, daß die Opfer unserer Großeltem und Eltern nicht vergebens waren, sind wir angetreten. Im christlichen Glauben gefestigt, ließen unsere Väter auch ihre Hoffnung aus der Offenbarung des Johannes (14,13) in den Stein einmeißeln:
„Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit, denn ihre Werke folgen ihnen nach.“
Wir haben auf einen entsprechenden Sinnspruch verzichtet, weil es zunehmend schwerer fällt, in solchem Tod einen Sinn zu sehen. Und ich bekenne freimütig, daß ich ihn an dieser Stelle nicht in Erinnerung hatte. Und selbst heute habe ich Schwierigkeiten ihn zu deuten.
Was bedeutet in diesem Bibeltext der zeitbezogene Hinweis „... von nun an ...“? Denn es heißt dann weiter: „Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit, denn ihre Werke folgen ihnen nach.“

Wenn Dich der Tod in gesegnetem Alter nach getaner Arbeit im Kreise Deiner Familie abberuft, mag sich die Offenbarung Johannes - von nun an! - erfüllen. So aber fehlt es auch mir an einer Sinngebung von Kriegen überhaupt. Oder war in dem Sinnspruch die Hoffnung unserer Väter eingeschlossen, daß die Abberufung künftiger Generationen erst nach getaner Arbeit erfolgen möge?
Wer vermag Antwort zu geben?
Nur Überlebende vermögen nachzuvollziehen, wie einem Soldaten beim siegreichen Vormarsch zumute war, als noch Siegesfanfaren die Welt beängstigten, und wie er über den „Heldentod“ dachte, dem er stündlich in die Augen sah.
Woran aber denkt ein Soldat, wenn er auf dem Rückmarsch in einer Kesselschlacht dem unausweichlichen Ende in die Augen sieht, ohne jede Hoffnung auf ein Wunder ... von Stalingrad bis Berlin oder andernorts?
Was betet eine junge Mutter in Gedanken an ihre unmündigen Kinder in der Heimat, wenn sie dahinsiecht und ihr Ende nahen sieht?
In Rußlands Steppen liegt ihr Grab.

Ihnen allen war die Gnade des Alters nach der Offenbarung des Johannes versagt,
- die allein uns die Endlichkeit des Lebens erkennen läßt,
- die allein uns auf die Versöhnung mit dem Tod als Befreier vorbereitet,
- und uns erahnen läßt, daß uns allein über Kinder und Kindeskinder ein Teil der Unendlichkeit zuteil werden kann.

Nach christlicher Zählweise schrieb man das Jahr 1944, den Erntemonat August... Erntemonat für wen, wer brachte die Ernte ein?
Das Ende des Krieges war für alle sichtbar, dennoch gingen viele von uns - vornehmlich Jahrgang 1926 - aus der sogenannten „Schäßburger Sommeroktava 1944“ über die naheliegende Grenze ... das letzte Aufgebot?
Was bewog unsere Eltern, uns freiwillig gehen zu lassen?
- Die Hoffnung, daß wir den Krieg in westlichen Gefielden eher überleben würden?
- Die Vorahnung einer noch schlimmeren Zukunft in der Heimat?
Was aber bewog uns, die wir überlebt hatten, uns in den Nachkriegswirren schon 1945 fast vollzählig über Grenzen hinweg in die Heimat zurück durchzuschlagen ?
- Kinder, die die letzten Kriegsereignisse noch nicht zu Männern gemacht hatten?
- Sehnsucht nach dem behüteten Elternhaus?
- Heimweh nach Eltern und Geschwistern?
Die Nachkriegsjahre hielten auch weitere Demütigungen für unser Volk bereit: Auf die Deportation (Januar 1945) und Enteignung vom März 1945 folgte die Enteignung von Handwerk, Industrie und Handel (Juni 1948), des Schulvermögens (August 1948) und der privaten Immobilien (August 1950).
Schrittweise wurde uns auf diese Weise der nach dem l. Weltkrieg noch verbliebene Besitz genommen, der zum Überleben einer ethnischen Minderheit erforderlich war. Um der historischen Wahrheit die Ehre zu geben: Auch die anderen Nationalitäten unserer Stadt blieben davon nicht verschont. Für uns aber bedeutete dies das Ende eines Kampfes, der bereits mit dem Ende des Adrianischen Freibriefes begonnen hatte.

Andere Völker mögen an die politische Neuordnung der Welt glauben und ihre ethnische Identität verteidigen, sofern sie das gleiche Recht auch anderen zugestehen. Die Völkerschaften im ehemaligen Jugoslawien, mit denen unsere Vorfahren sich in vielfältiger Weise verbunden fühlten, scheinen dazu nicht in der Lage. Des Tötens ist kein Ende.

Ob das uns verbliebene Erbe unserer Vorfahren ausreicht und uns nicht auch noch streitig gemacht wird, um an einen Neuanfang zu glauben, müssen wir der Zukunft anheimstellen. Uns bleibt allein das Gedenken und die Pflicht, unseren Nachfahren die historische Überlieferung wahrheitsgetreu ans Herz zu legen.

Letztmalig war es uns 1947 vergönnt, den Heldengedenktag in überlieferter Weise zu begehen: Nach dem Gottesdienst reihte sich die Gemeinde zum Gang auf den Heldenfriedhof.
Letztmalig erklang auf dem Heldenfriedhof das Trompetensolo „Ich hatt’ einen Kameraden“.

Sachsengräwer
Sachsejängleng zugen oußen,
zugen än de bladich Schluecht
hun är Liewen fir de Himet
do als Opfer duergebruecht.

Sachsemetter schran und bieden,
klön na äm är ije Blat,
dat vergueßen af den Acker,
wo as Zakonft schlofend rat.

Sachsegräwer se gewueßen
iweräl af deser Ierd. -
Sachsevulk! des Gräwer frogen,
ow ta ärer bäst noch wiert.

Sachsevulk! des Gräwer fordern:
wat mir bärjen, sa fir ech
nor de Sot, af da en Ähren
foljen meß ist hisch uch rech.


Anmerkung: Die Jahreszahlen in Klammer sind das Geburtsjahr.

 

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