HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Zum Geleit

"Schäßburger in aller Welt"

Wenn ich in der Kopfleiste oben lese, daß dies Informationsblatt für Schäßburger in aller Welt bestimmt ist, wird mir erneut bewußt, wie verhängnisvoll, hart und schmerzlich das Schicksal mit uns umgegangen ist. Ich frage mich: kann es das überhaupt geben "Schäßburger in aller Welt"?
Schäßburg ist einmalig und unverwechselbar.
Das haben die Teilnehmer "aus aller Welt" beim 1. Schäßburger Treffen in Schäßburg ganz gewiß so empfunden, wo immer und wie schön auch immer sie jetzt leben.

Und ich durfte dabei sein, auch wenn ich nur zehn Wochen lang die Stadtpfarrstelle versehen habe. Es waren zehn sehr bewegte und bewegende Wochen. Nachdem die Stelle schon bald ein Jahr lang unbesetzt war und der neu gewählte Stadtpfarrer Dr. Gerhard Schullerus aus Krankheitsgründen den Dienst nicht annehmen konnte, war ich der Bitte des Herrn Bezirkskirchenkurators, Prof. Hermann Baier gefolgt und hatte die Einladung des Landeskonsistoriums, einige Wochen geistlichen Dienst zu tun, angenommen. So kam ich nach 25 Jahren wieder nach Siebenbürgen.
Schäßburg war mir nicht unbekannt. Als Schüler der Pädagogischen Schule hatte ich vor 46 Jahren die Stadt kennen gelernt. Als Pfarrer von Nadesch war ich dann in den Jahren 1962 bis 1970 wieder im Bannkreis dieses Ortes. Und nun, Sommer 1995. Vieles ist unverändert, die Häuser, die alten Türme, die Klosterkirche und die Bergschule. Und doch ist so vieles ganz anders. Wo sind die Schäßburger? Die meisten sind "in aller Welt" und nur wenige sind noch da. Aber diese Schäßburger halten fest an alten Traditionen und bemühen sich mit großem persönlichem Einsatz das zu erhalten und zu gestalten, was noch möglich ist. Ihnen gebührt Dank und Anerkennung.

Die Arbeit aber wird immer schwieriger, und kann nur bewältigt werden durch finanzielle und moralische Unterstützung aller Schäßburger, und darüber hinaus vieler Freunde und Institutionen.
Das ist z. B. das Diakonische Werk aus Bremen, da ist vor allem Schwester Antje, die liebevoll alte, kranke und einsame Menschen betreut. Und solche gibt es viele, einige habe ich besucht. Es ist bedrückend von ihrem Schicksal zu hören und ihre Not zu sehen. Hier muß geholfen werden.
Und da ist die Messerschmitt-Stiftung, die durch die Firma Horst Zikeli in vorbildlicher Weise die Bergkirche restauriert. Die Gefahr ist groß, daß wertvolle Kultur- und Archivgüter in Siebenbürgen zerstört oder gestohlen werden, und daher wäre es ein großer Gewinn, wenn in der Bergkirche, nach ihrer Fertigstellung, aus den umliegenden Gemeinden die alten Kostbarkeiten (z. B. Altarbilder) fachgerecht und gesichert untergebracht würden.
Der Bergfriedhof wird, und muß gepflegt werden, Pfarrhof und Klosterkirche müssen erhalten werden. Nicht zu vergessen sind der Kammer- und der Kirchenchor und die vielfältigen Aktivitäten des Forums. All diese Arbeiten erfordern Hilfe und Unterstützung von allen Seiten.
Manchmal hatte ich den Eindruck, es wäre noch alles so wie vor 50 Jahren, dann aber wurde mir doch immer wieder bewußt, daß sich sehr viel verändert hat.

Im Sommer dieses Jahres gab es besondere Ereignisse:
Die Einführung des neu gewählten Dechanten Johannes Friese (aus Leipzig) der, wie Bischof D. Dr. Klein sagte, ein echter Sachse, aber kein Siebenbürger Sachse ist. Die Predigt war aufgebaut auf Eph. 2,19 "So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen."

Den Besuch des Ministerpräsidenten aus Magdeburg, Dr. Reinhard Höppner, der als Vorsitzender der Kulturstiftung der Bundesländer eine Spende für Restaurierungsarbeiten an zwei Kirchenburgen (Bogeschdorf und Weidenbach) überbrachte. Der Besuch einer großen Delegation ist sicher eine Ehre und bereitet Freude, aber oft werden die Vorbereitungen auch zur großen Belastung für die Verantwortlichen.
Das Schäßburger Treffen. Zweifellos das wichtigste und schönste Ereignis. Für mich stand im Mittelpunkt dieser Tage (es wird auf den folgenden Seiten darüber berichtet) der Festgottesdienst am Sonntag, dem 20. August. Musikalisch gestaltet wurde er vom Organisten T. Halmen und dem vereinten Kirchen- und Kammerchor unter Leitung von H. Baier. Meiner Predigt hatte ich Ps. 107,1?8 zu Grunde gelegt: "Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. So sollen sagen, die erlöst sind durch den Herrn, die er aus der Not erlöst hat ..." Gibt es jemanden unter uns, der keinen Grund hätte dem Herrn zu danken? In mancher Not und Gefahr hat er uns bewahrt, aus mancher Finsternis wieder ans Licht gebracht, und ungebahnte Wege geebnet. Die 280 Schäßburger, derer wir ganz besonders gedachten, hat der Herr allerdings nicht in die Heimat zurückgeführt. Sie wurden ein Opfer von Krieg und Gewalt. Aber auch wenn sie den Weg in die Heimat nicht mehr antreten konnten, wissen wir sie doch in Gottes Hand geborgen. Wir befehlen alle Toten, deren Namen auf der neuen Gedenktafel eingemeißelt sind, weil sie in fremder Erde ruhen, dem Erbarmen Gottes. Wir haben die Tafel, die zum Gedenken der Toten durch Krieg und Deportation enthüllt wurde unter den Schutz des Dreieinigen Gottes gestellt. Er sei ihnen und uns allen ein barmherziger Richter und nehme uns auf in sein ewiges Reich.

Herr Prof. Dr. H. Brandsch hielt die Festansprache, umrahmt durch zwei Gedichte seines Vaters, vorgetragen von Stud. theol. D. Zikeli.
Erfreulich war im Anschluß an den Gottesdienst das offene Singen mit dem schönen Trachtenchor im Schänzchen.
Die Siebenbürgische Elegie in Wort und Musik war mir immer schon lieb und vertraut, aber so wie in den Tagen in Schäßburg habe ich ihre Aussage noch nie begriffen.

"Anders rauschen die Brunnen, anders rinnt hier die Zeit. Wohl vermauert in Grüften modert der Väter Gebein,
Zögernd nur schlagen die Uhren, zögernd bröckelt der Stein... Eltern wie die Gestirne zogen die Jahre herauf,
Ach, schon ist es September, langsam neigt sich ihr Lauf.
Schnell sind die Wochen in Schäßburg vergangen und schweren Herzens nahm ich Abschied von lieben Menschen, die mich freundlich auf- und angenommen hatten. Für die klein gewordene Kirchengemeinde hoffe ich sehr, daß sie bald einen Stadtpfarrer findet, denn Vertretungen sind auf Dauer nicht gut.

Und nun gehn wir schon dem Weihnachtsfest entgegen, die "Schäßburger in aller Welt". Jeder wird das Fest auf seine Weise feiern und die vielen, die nicht mehr in der Heimat leben, werden dabei sicher mit ihren Gedanken und Erinnerungen dahin zurückkehren und sich mit dem Ort und seinen Menschen verbunden fühlen.
Ich wünsche Ihnen allen, daß Sie dabei auch etwas spüren von der Liebe Gottes die in Jesus Christus uns zugute Mensch geworden ist. Dies will uns Weihnachten in erster Reihe sagen. Möge uns sein Licht leuchten und unsere Gedanken und Wege erhellen, damit wir erkennen, wohin wir gehen, was unsere Aufgabe ist und was zu unserem Frieden dient.

Konrad Georg,
Pfr. i.R.,
Gummersbach


 

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Letztes Update: 2004-07-16 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg