Die Lina aus Schaas
Erinnerung einer Zigeunerin
Wie komme ich dazu, in den "Schäßburger Nachrichten"
über eine Zigeunerin aus Schaas zu schreiben? Die Erklärung
ist einfach. Ich bin selbst Schaaser, wenn auch in Schäßburg
geboren, mit einer Schäßburgerin verheiratet und im Alter von
25 Jahren aus Schäßburg nach Deutschland ausgewandert.

Wenn im Sommer die große Reisewelle anbricht und die Leute in ferne
Länder lockt, sind auch wir unterwegs, aber in Richtung Schaas ...natürlich
über Schäßburg. Im alten Haus meiner Großeltern,
das das ganze Jahr leer steht, breiten wir dann unsere Luftmatratzen und
Schlafsäcke aus. Speicher, Scheune, Hof und Garten werden zum Spielplatz
für die Kinder. Von hier aus machen wir dann Ausflüge nach Schäßburg
und Umgebung, fahren in die Harghita, ins Gebirge oder auch für ein
paar Tage ans Schwarze Meer.
Unsere Nachbarn in Schaas sind Rumänen und Zigeuner, Schaaser Sachsen
gibt es nur noch wenige. Auf der Straße wird man von allen herzlich
begrüßt, manche kommen auch auf ein Schwätzchen herein,
fragen wie es dem einen oder anderen Schaaser, in Germany, noch so geht,
ob er nicht auch zu Besuch komme. Auch die Rumänen und Zigeuner (von
den letzteren gibt es in Schaas genug) sehen es gern, wenn am Abend das
eine oder andere Fenster von den sächsischen Stuben wieder beleuchtet
ist und wenn auch wieder Rauch aus den Schornsteinen emporsteigt. Es ist
dann wieder etwas mehr Leben im Dorfe, die Alten erinnern sich an frühere
Zeiten, als die Dorfgemeinschaft noch erhalten war.
An einem Abend, wir waren gerade beim Abendbrot, klopfte es. Die Tür
ging auf und herein trat eine alte Frau, gekleidet wie eine Sächsin
mit Kopftuch, Schürze, schwarzer Weste und weißem Hemd. Statt
dem erwarteten "geaden Owend" sagte sie aber "buna seara"
und "pofta buna" -ich bringe euch frische Milch. Ich kannte
die Frau nicht näher, ich wußte nur, daß sie aus Schaas
ist. "Lina heiße ich"', stellte sie sich uns vor, "ich
wohne ein paar Häuser weiter." Sie nahm auf dem angebotenen
Stuhl Platz, wir tranken ein Glas Nowa Wein und sie begann zu erzählen.
Es stellte sich heraus, daß sie in diesem Haus und Hof oft ein und
aus gegangen war. Zu Lebzeit meiner Großeltern und Verwandten war
ihr Mann hier Dienstknecht. Obwohl Zigeuner, wurde er genau so gut behandelt
wie die eigenen Kinder.
Der Abend wurde lang, mich beeindruckte die Art und Weise wie diese alte
Frau, die nie lesen und schreiben gelernt hatte, erzählte. Sic erzählte
von früher, aus einer Zeit, die ich nicht erlebt habe, und von Personen,
die ich nur zum Teil gekannt habe. Diese einfache Frau schöpfte ihre
Gedanken und ihr Wissen aus einer Tiefe mit solch einer Glaubwürdigkeit,
daß man glaubte, es sei nur gestern gewesen. Über 75 Jahre
ist sie alt, sie erzählte aus ihrem bewegten Leben, acht Kinder hat
sie großgezogen, bestimmt nicht leicht für Zigeuner in der
Zeit, wenn man ihre Lebensart kennt. Gut hätten sie es gehabt mit
den Sachsen im Dorf und in der Stadt. Höhen und Tiefen gemeinsam
durchlebt, den ganzen Sommer auf dem Feld schwer gearbeitet und wenn die
Ernte im Herbst dann gut war, hätten sie im Winter auch genug zu
essen gehabt.
Am nächsten Abend brachte sie wieder frische Milch und ein paar Eier
mit, wir plauderten weiter über dieses und jenes und es wurden auch
ohne Fernseher keine langweiligen Abende, wie von den Kindern ursprünglich
befürchtet.
Als die Lina hörte, daß meine Frau Schäßburgerin
ist, tat sich ein neues Kapitel in ihrem Gedächtnis auf. Sie sei
15 Jahre nach Schäßburg gegangen (gefahren weniger, da das
Geld zu knapp war), um dort bei verschiedenen Schäßburger Familien
zu waschen, bügeln und zu putzen, um ihren Unterhalt zu verdienen.
Lebhaft schildert sie den Umgang mit den "Herrschaften", fügt
in ihren Bericht oft auch ein paar Wörter "in gutem Sächsisch"
hinein. Auch sei sie oft im Winter zu Fuß mit anderen Schaaser Frauen,
einen Sack voll Mais oder Korn auf dem Rücken, nach Schäßburg
in die Lingnersche Mühle gegangen, damit sie wenigstens das Mehl
für den "Palukes"" hatten. Lange sei es schon her,
meinte sie, heute würde sich kaum noch jemand an die Zeit erinnern,
und wir in Deutschland hätten bestimmt alle genug zu essen. Mir wurde
klar, sie war und ist Zeitzeugin einer Gesellschaft, der wir alle angehörten,
als wir noch in Siebenbürgen zu Hause waren. Sie hat von der untersten
Stufe der Gesellschaft einen Tei] der Geschichte des sächsischen
Volkes miterlebt. Und so wie von ihr, einer Zigeunerin, geschildert, wird
man wohl kaum etwas nachlesen können.
Unsere Ferien in Schaas gingen viel zu schnell zu Ende. Wir waren noch
zwei Wochen im Lande unterwegs, von der Schwarzmeerküste bis "hinauf"
in die Maramuresch, vieles haben wir noch gesehen und erlebt, aber an
die schönen "Stunden mit Lina" werden wir uns noch oft
und gerne erinnern.
Als wir uns verabschiedeten wünschte sie uns eine gute Heimfahrt,
und wir sollten nächstes Jahr wieder kommen. Sie trug uns noch auf,
die Schäßburger zu grüßen, falls sich noch jemand
an sie erinnere, an die alte Lina aus Schaas.
Mit diesen Zeilen möchte ich mein Versprechen einlösen.
Martin Zinz, Düsseldorf

Letztes Update:
2004-10-23
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