HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Schäßburger Treffen in Schäßburg 1995

Die Schäßburger sächsische Gemeinschaft nach der Wende 1989

Der Sturz der Ceausescu-Diktatur im Dezember 1989 hatte auch für die sächsische Gemeinschaft in Schäßburg schwerwiegende Folgen. Die Öffnung der Grenzen zu Beginn des Jahres 1990 brachte es mit sich, daß sehr viele Schäßburger Sachsen nach Deutschland auswanderten. Wenn zu Neujahr 1990 in Schäßburg 2400 Sachsen lebten, so waren es ein Jahr später nur noch 1120. Heute gibt es hier etwas über 600 sächsische Seelen. Das brachte mit sich, daß manches verloren ging und daß man daran gehen mußte, neue Formen und Strukturen zu finden, um zu überleben.
Mit der Bevölkerungszahl sank auch die Schülerzahl in den deutschen Abteilungen unserer Schulen sehr stark. Auf fast allen umliegenden Dörfern gingen schon 1990 die deutschen Abteilungen der Schulen ein. So verloren wir viele unserer Kulturformationen, vor allem die Blaskapellen.
Auch auf sozialem Gebiet traten bedeutende Veränderungen ein. Es blieben viele alte, kranke und bedürftige Menschen, die niemanden mehr hatten, der für sie sorgen könnte.
Schon einige Tage nach der Hinrichtung des Diktatorenehepaares fand in Schäßburg die Gründung des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien statt, das der Regierung die Loyalität der deutschen Bevölkerung zum Ausdruck brachte. Bald danach wurde auch das Demokratische Forum für Schäßburg gegründet, das vor allem die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Belange der sächsischen Bevölkerung wahrnimmt (Vertretung bei den Behörden, Grundrückgabe, Rechte der ehemaligen Russlanddeportierten und Kriegsveteranen, Begegnungszentren, kulturelle Tätigkeiten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene usw.).
Infolge der massiven Auswanderung wurde unsere evangelische Kirche zu einer Diasporakirche, die sich nun auch um die Bergung der Kultur- und Archivgüter und vor allem um die vielen alten und bedürftigen Menschen, die hier zurückgeblieben sind, kümmern mußte. Es wurden Alten- und Pflegeheime und -nester errichtet, das "Essen auf Rädern" organisiert, Seniorentreffen veranstaltet usw.
Die geringe Schüleranzahl in Schäßburg und in den umliegenden Dörfern zwang uns, schon im Herbst 1990 in der Stadt zwei Abteilungen mit deutscher Unterrichtssprache aufzulösen und alle Kinder, die den Unterricht in deutscher Sprache erteilt bekommen, auf der Burg in drei Gebäuden unterzubringen. Von den Dörfern bringen wir diese Kinder entweder mit Schulbussen täglich nach Schäßburg oder im Internat unter.
Schäßburg hat in dieser Zeit sehr viel Hilfe und Unterstützung aus dem Ausland bekommen. Schon gleich nach der Wende boten mehrere Städte aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz Schäßburg Partnerschaften an. Zu engeren Bindungen kam es mit Neu-Isenburg, Blois und Baden (Schweiz). Diese drei Städte unterstützen auch jetzt unsere Stadt auf verschiedenen Gebieten.
Die sächsische Bevölkerung ist auch viel aus dem Ausland unterstützt worden. So wurde z. B. die Restauration des evangelischen Pfarrhauses von der Diakonie aus Bremen, die der Bergkirche von der Messerschmitt-Stiftung aus München finanziert. Die Aula der Bergschule konnte mit Hilfe von Spenden ehemaliger Schüler und Lehrer restauriert werden. Forum, Pfarramt und Schule erhielten Verkehrsmittel, Kopiergeräte, Computer und andere Apparatur. Die Räume der Klassen eins bis acht der Bergschule wurden mit Möbeln aus Deutschland und Österreich ausgestattet. Es wurden zahlreiche Hilfsgüter direkt unter die Bevölkerung ausgeteilt. Zahlreiche Spenden laufen ein für "Essen auf Rädern", Armenhilfe und Friedhofspflege.
Einige unserer früheren Institutionen, die im Leben der Schäßburger eine bedeutende Rolle spielten, sind uns erhalten geblieben. So gibt es hier, um nur zwei von ihnen zu erwähnen, noch immer die Nachbarschaften, allerdings nur vier an der Zahl, die auch weiter ihre soziale Rolle erfüllen. Der Schäßburger Kammerchor ist auch am Leben geblieben, bekommt kräftigen Zulauf seitens einiger rumänischen Sängerinnen und Sänger und konnte seit 1990 zwei Konzertfahrten nach Ungarn, Österreich und Deutschland unternehmen. Dank des Kammerchors besuchen zahlreiche ausländische Formationen, zu denen sich dann freundschaftliche Beziehungen herausbilden, unsere Stadt. Auch die Bergschule unterhält zu mehreren Schulen des Auslandes gute Beziehungen, die sich besonders in einem regen Schüleraustausch konkretisieren.
Wir sind uns bewußt, daß dieser Kurzbericht kaum das Wichtigste, das sich nach der Wende in Schäßburg zugetragen hat, erfassen konnte.
Raummangel zwingt uns hier abzuschließen.
Hermann Baier (Schäßburg)

 

Das erste Treffen der Schäßburger in Schäßburg

Endlich ist es soweit! Die erste Begegnung der Schäßburger kann nun in Schäßburg stattfinden und zwar in der Zeitspanne 18. bis 20. August d. J.
Die Idee dazu entstand schon am 28. Januar, als die Generalversammlung der Mitglieder des Demokratischen Forums der Deutschen aus Schäßburg abgehalten wurde. Diese Sitzung war einberufen worden, um neue Vorstandsmitglieder und einen neuen Vorsitzenden für das Lokalforum zu wählen.
Herr Christian Elges, der abdankende Vorsitzende, schlug vor, im August das erste Schäßburger Treffen zu organisieren. Im vorigen Jahr war er in Heilbronn anwesend und meinte dort in seiner Ansprache, daß es passend wäre, das nächste Treffen der gebürtigen und Wahlschäßburger in der alten Heimat zu veranstalten und nicht in Deutschland in Heilbronn, wie es schon mittlerweile zur Tradition geworden war.
Zu dem Schäßburger Heimattreffen in Heilbronn waren von der H.O.G. Schäßburg außer Herrn Elges als Forumsvorsitzenden noch Vertreter der Bergschule, des Bergschulvereins und des Presbyteriums der Evangelischen Kirche A.B. eingeladen worden.
Mir als Forumsvorsitzenden ist es anfangs nicht leicht gefallen, mich mit dem neuen Amt vertraut zu machen, nicht zuletzt der vielen und vielseitigen Aufgaben wegen, aber mit Hilfe meiner Kollegen aus dem Vorstandsvorsitz und vor allem dank meinem Amtsvorgänger, konnte ich mich ziemlich schnell anpassen.
Schon seit Anfang meiner Amtszeit begannen wir uns Gedanken über das Treffen im August zu machen und Herr Elges entwarf dann auch schon das Programm. Dieses wurde anschließend in allen Einzelheiten durchgesprochen und Herrn Ing. Walter Lingner, stellvertretender Vorsitzender der H.O.G. Schäßburg, zugeleitet, der dann auch unser Verbindungsmann blieb.
Herr Lingner beauftragte Herrn Josef Fritsch, Fachberater bei der H.O.G. Schäßburg, mit uns einige Kleinigkeiten am Programm des Treffens zu ändern.
Gleichzeitig setzte man sich mit Herrn Andreas Christiani, dem Kurator der Schäßburger evangelischen Kirche, in Verbindung. Da diese aber zur Zeit keinen Stadtpfarrer hat, mußte Herr Christiani fast im Alleingang alle Probleme lösen, die auf ihn zukamen bezüglich der Anbringung einer Gedenkplatte für die Kriegs- und Rußlandopfer in der Klosterkirche.
Die H.O.G. Schäßburg mit ihrem Vorsitzenden Heinz Brandsch, Stellvertreter Walter Lingner und Roland Zebli, Kassenwart Helwig Schumann, Fachreferenten Josef Fritsch, Erika Leonhardt und Günter Czernetzky, Schriftführer Helmut Müller, und viele andere ehemalige Schäßburger haben allen Landsleuten Einladungen zugeschickt. Sie lösten auch finanzielle Probleme und kümmerten sich um die Veröffentlichung unseres Vorhabens in den "Schäßburger Nachrichten".
Die Vorbereitungen in Schäßburg liefen über das Organisationskomitee im Deutschen Forum, Herrn Direktor Baier von der Bergschule, Herrn Andreas Chrisitani von der evangelischen Kirche. Eine große Hilfe waren auch die Nachbarväter, die mit jedem einzelnen sprachen.
Im Juni, zu Pfingsten, als ich zum alljährlichen Sachsentreffen in Dinkelsbühl eingeladen war, zusammen mit der Jugendtanzgruppe unseres Forums, unter Leitung der Lehrerin i. R. Anneliese Gross, und des Haltrich-Absolventen, Eduard Gaina, nahm ich an einer Sitzung des Ausschusses der H.O.G. Schäßburg teil, wo noch ein paar Einzelheiten bezüglich des Treffens im August geklärt wurden.
Mit Hilfe unserer Werbekampagne gelang es uns, 95 Teilnehmer aus Deutschland und 184 aus Schäßburg einzuschreiben und wir hoffen noch auf weitere Anmeldungen.
Die Teilnehmer aus Deutschland werden mit den eigenen PKWs und mit einem Schinker-Reisebus anfahren und je nach Wunsch im "Stern" oder bei Privatpersonen untergebracht werden.
Ehrengäste sind der Herr Bürgermeister Ing. Constantin Stefanescu und der stellvertretende Bürgermeister, Herr Dr. Ovidiu Capatina, der gleichzeitig Vorsitzender des Bergschulvereins ist.
Wir hoffen auf ein gutes Gelingen unseres ersten Schäßburger Treffens und daß es Anklang findet bei allen unseren Landsleuten, wobei ich fest überzeugt bin, daß beim Wiedersehen viele Freudentränen fließen werden. Man wird Erinnerungen, mehr oder weniger freudige, auffrischen, man wird viel diskutieren.
Wir versichern den ehemaligen Schäßburgern, daß sie in ihrer alten Heimat immer herzlich willkommen sind und wir, die Noch-Schäßburger, werden uns bemühen, unsere Traditionen nach unseren Möglichkeiten fortzuführen und das zu bewahren, was unsere Vorfahren in fast einem Jahrtausend geschaffen haben.

Reinhold-Dieter Aescht (Schäßburg)


Bewegende Begegnung an heimischer Stätte

Als Christian Elges im August vergangenen Jahres in seiner Begrüßungsansprache anläßlich des Schäßburger Treffens in der Heilbronner "Harmonie" ankündigte, daß das nächste Treffen in der Kokelstadt stattfinden werde, wurde diese Ansage von einigen Anwesenden im Saal nicht ganz ernst genommen. Offensichtlich traute man es unseren Landsleuten, vor allem aber dem Demokratischen Forum der Deutschen in Schäßburg, dessen Vorsitzender damals Christian Elges war, nicht zu, ein solches Unterfangen in die Tat umsetzen zu können. Die Skeptiker mußten sich nun eines Besseren belehren lassen, denn vom 19. bis 22. August d. J. fand tatsächlich das erste Treffen der Schäßburger in der alten Heimat statt.
Gekommen waren sie von nah und fern, wobei schon mal vorneweg gesagt werden kann, daß es ein gut organisiertes und ein gelungenes Treffen war. Mitveranstalter aus der Ferne war die HOG Schäßburg e.V. aus Deutschland, die den Auftrag hatte, die Schäßburger aus dem "Einzugsgebiet" der HOG für das Treffen zu gewinnen. Der Aufwand hatte sich da wie dort gelohnt, denn am Samstag nachmittag, als man sich im großen Saal des Hotels "Stern" zusammenfand, war das Lokal bis auf den letzten Platz von über 110 Schäßburgern besetzt, die aus Deutschland und Österreich angereist waren, sowie weiteren 220 "Einheimischen".

Noch am Morgen des gleichen Tages hatte beim Stadtrat ein Empfang stattgefunden. Der Festsaal in der alten "Präfektur" auf der Burg war sehr gut besetzt, als der Bürgermeister von Schäßburg, Dipl.-Ing. Constantin Stefanescu, die anwesenden Gäste aufs herzlichste begrüßte und allen Teilnehmern zum ersten Treffen in der alten Heimat ein gutes Gelingen wünschte.
Reinhold Aescht, der neue Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen in Schäßburg, begrüßte ebenfalls die Gäste und dankte all denjenigen, die es durch ihren Einsatz erst möglich gemacht hatten, daß das Treffen in der Kokelstadt stattfinden konnte. Dipl.-Ing. Roland Zebli, stellvertretender Vorsitzender der HOG Schäßburg, sprach mit den Worten von Bundespräsident Roman Herzog: "Heimat kann man nicht im Koffer mitnehmen" wohl das aus, was viele Anwesende im Saal empfanden ? Heimat, die eigentliche Heimat, ist und bleibt Schäßburg. Da paßte es auch gut dazu, daß Dipl.-Ing. Walter Lingner, stellvertretender Vorsitzender der HOG Schäßburg, dem Bürgermeister der Stadt, sowie dem Vizebürgermeister, Dr. Ovidiu Capatina, und dem Stadtrat je ein Exemplar des Buches "Schäßburg, Bild einer siebenbürgischen Stadt" als kleines Geschenk überreichte.

Danach fand in der Aula der Bergschule ein Podiumsgespräch statt. Absicht dieser Zusammenkunft war es, Wege und Möglichkeiten des gemeinsamen Wirkens in der Zukunft zwischen den institutionalisierten Vertretungen der Schäßburger in der alten sowie in der neuen Heimat auszuloten. Nachdem Prof. Hermann Baier, Direktor der Bergschule, die Anwesenden begrüßt hatte und nach einer Minute des Gedenkens an den kürzlich verstorbenen einstigen Bergschullehrer, Prof. Egon Machat, ergriffen die Vertreter der verschiedenen Körperschaften, Institutionen und Vereine das Wort.
Prof. Heinz Brandsch, Vorsitzender der Heimatortsgemeinschaft Schäßburg in Deutschland, sah in diesem Treffen der Schäßburger einen Brückenschlag zwischen der alten und der neuen Heimat, der es unter den neuen Gegebenheiten in Siebenbürgen doch möglich machen sollte, alte Bindungen wieder aufzufrischen und neue Beziehungen entstehen zu lassen. Reinhold Aescht, Vorsitzender des Demokratischen Forun der Deutschen in Schäßburg, gewährte einen Einblick in d Tätigkeiten des Forums, die vor allem auf kultureller und sozialer, aber auch auf politischer Ebene stattfinden. Von Anreas Christiani, Kirchenkurator, erfuhren wir unter anderem, wie die stark geschrumpfte Glaubensgemeinde in Schäßburg vom Diakonischen Werk aus Bremen personell, materiell und finanziell unterstützt wird. "Essen auf Rädern" ist zum Be spiel eine solche Leistung.
Dr. Christoph Machat, Vorsitzender des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrats in Deutschland und Ehrenbürger der Stadt Schäßburg, sprach über das Engagement der Messerschmitt-Stiftung, mit deren Mittel zur Zeit die Bergkirche in Schäßburg saniert wird, und daß die Stiftung das "Haus mit dem Hirschgeweih" auf dem Burgplatz für die Schaffung einer Zweigniederlassung erwerben möchte, und zwar für ein Kulturzentrum von internationalem Zuschnitt. Nicht zu überhören war der Aufruf des Redners an seine Landsleute, mit Spenden zum Gelingen der Restaurierungs- und Konservierungsarbeiten auch an andren schutzwürdigen Bauwerken auf der Burg beizutragen.
Pfarrer i. R., Konrad Georg aus Gummersbach, stellte sich als Seelsorger von Schäßburg vor, ein Ehrenamt, das er einige Wochen lang ausüben will.
Dr. Ovidiu Capatina, Vizebürgermeister und Vorsitzender des "Bergschulvereins" in Schäßburg, sowie Günther Czernetzk Vorsitzender des deutschen Pendants, des "Schäßburger Bergschulvereins" in Deutschland, berichteten über die gute Zusammenarbeit der beiden Schwestervereine. Ein Ergebnis dieser Tätigkeit ist unter anderem die Erneuerung des Türmchendaches samt Kugel auf dem Schulgebäude. Bergschuldirektor Prof. Hermann Baier sprach über die deutsche Schule in Schäßburg, die zur Zeit in drei Gebäuden auf der Burg untergebracht ist. Sie wird von Schülern aus dem Einzugsgebiet der Stadt und darüber hinaus, besucht, aus welchem Grund einige Kinder und Jugendliche aus den umliegenden Ortschaften mit dem Bus zur Schule gebracht werden, während andere im Internat, im Alberthaus, wohnen. Worte des Lobes fand Prof. Hermann Baier für die gelungene Restaurierung der Deckenbemalung in der Aula in der Bergschule.
Dipl.-Volkswirt Hugo Schneider aus Mediasch hatte seine Rechtsberatung ebenfalls in die Aula verlegt. Er erläuterte einige Fragen von allgemeinem Interesse, betreffend die rumänische Gesetzgebung zur Klärung von Eigentumsfragen.
An den folgenden Diskussionen beteiligten sich Johannes Halmen, Diasporapfarrer der ev. Kirche A. B. in Siebenbürgen, Lehrer Gernot Wagner aus Schwaikheim/Deutschland, der Journalist Richard Ackner aus Neubrandenburg, Dipl.-Ing. Roland Zebli aus Wiernsheim/Deutschland, der Regisseur Günther Czernetzky aus Wien, Prof. Hermann Baier sowie Dipl.-Ing. Walter Lingner aus Düsseldorf, der unter anderem auch bei diesem Anlaß ein kleines Geschenk in Form einer eingerahmten Landkarte von Siebenbürgen aus dem Jahre 1640 dem Veranstalter des Treffens, dem Demokratischen Forum der Deutschen in Schäßburg, überreichte. Eine zweite Karte wurde der Begschule geschenkt.
Dann folgte die Zusammenkunft im "Stern". Begrüßt wurden die Gäste im Saal vom Vorsitzenden des Forums Reinhold Aescht. Das Tischgebet sprach Pfarrer i. R. Konrad Georg. Alte Bekannte trafen sich wieder, nach 10, 30 oder gar 50 Jahren. Was hatte man sich da nicht alles zu erzählen, mitzuteilen und zu diskutieren. Schnell verging die Zeit, wobei der Auftritt der von Wiltrud Baier geleiteten "Burgspatzen", eine Formation des Demokratischen Forums, bestehend aus Schülern der deutschen Klassen zwei bis sieben, mit Liedern und Gedichtvorträgen, einige in sächsischer Mundart, eine kleine aber willkommene Unterbrechung darstellte. An die "Sarmale mit Palukes" wird noch manch einer der ausländischen Gäste zurückdenken.
Der Sonntag danach wurde mit einem Festgottesdienst in der Klosterkirche "eingeläutet", der von Pfarrer i. R. Konrad Georg, sekundiert von Theologiestudent Daniel Zikeli, zelebriert wurde. Eingebaut in den Gottesdienst war auch die Einweihung der Gedenktafel für die im 2. Weltkrieg Gefallenen und die in der Deportation in Rußland verstorbenen Schäßburger. Die Gedenktafel mit 224 im Krieg gefallenen oder vermißten und 56 in der Deportation gestorbenen namentlich aufgezählten Schäßburgern ist nach einem Entwurf des Künstlers Wilhelm Fabini gestaltet worden. Die Steinmetzarbeiten hat Herr Helmut Polder durchgeführt.
Die Ansprache anläßlich der Feierstunde wurde von Prof. Dr. agr. habil. Heinz Brandsch gehalten. Umrahmt wurde das Geschehen mit Gedichten von Prof. Heinz Brandsch, die von Stud. theol. Daniel Zikeli vorgetragen wurden. Das Trompetenduo "Ich hatt' einen Kameraden" bliesen Kuno Martini und Hermann Baier. Die Kranzniederlegung wurde von Schülern in sächsischer Tracht vorgenommen. Feierlich schön auch die Choräle der vereinten Schäßburger Chöre, des Kirchenchors (Leitung: Theo Halmen) und des Kammerchors (Leitung: Hermann Baier).
Die Sangesfreude der Schäßburger wurde dann noch einmal unter Beweis gestellt, als man sich anschließend im "Schänzchen" unter dem Zinngießerturm zusammenfand. Dort konnten auch die Gäste mit dem in sächsischer Tracht gekleideten Kammerchor mitsingen.
Und wieder stand die Musik im Mittelpunkt, als die Klosterkirche um 18.00 Uhr abermals ihre Pforten öffnete. Ein Orgelkonzert mit Werken von Vivaldi, J. S. Bach, C. Franck und E Mendelssohn Bartholdy lud zum Verweilen ein. An der Orgel spielte Theo Halmen.
Hochstimmung gab es auch am nächsten Tag, denn auf dem Programm stand eine Wanderung auf die "Breite". Mit Kleinbussen wurden die Ausflügler auf das Bergplateau gefahren, wo sie ein Wiedersehen mit den Jahrhunderte alten Eichen erleben konnten. Das Mittagessen wurde auf der "Hula" eingenommen. Am Nachmittag ging es auf der "Villa Franka" weiter. Da waren es vor allem der "Gratar" und der Riesling, die für gehobene Stimmung sorgten. Der Dienstag war dem Bummeln oder Wandern, dem Besuch von Freunden und Bekannten, dem Filmen oder Fotografieren vorbehalten.
Nicht unerwähnt bleiben soll die Keramik- und Fotoausstellung der Brüder Wilhelm und Hermann Fabini in den Räumlichkeiten des Forums, sowie die Übergabe daselbst von 70 Exemplaren des Buches "Die Deportation der Schäßburger in die UdSSR" an die Vertreter der Rußlanddeportierten, Fritz Balint, Margarete Tornea und Brigitte Türk, ein Geschenk der "Schäßburger Nachbarschaft" aus Heilbronn (Nachbarvater Fritz Breihofer) an die noch lebenden einstigen Deportierten. Das Buch erhielten als kleines Geschenk auch das Demokratische Forum der Deutschen in Schäßburg, der "Bergschulverein", das Presbyterium der ev. Kirche A. B. zu Schäßburg sowie die Leitung der Bergschule.
Als es dann am Morgen des 23. August hieß Abschied nehmen und zumindest die Busfahrer die Heimreise antreten mußten, tat man das mit sehr gemischten Gefühlen. Zu intensiv hat man diese vier Tage in Schäßburg erlebt und ist vom Gesehenen und Erlebten aufgewühlt worden. Schnell wurden noch ein paar Abschiedsfotos gemacht und Danksagungen an das Demokratische Forum, das Presbyterium, die Bergschule und nicht zuletzt an den Stadtrat von Schäßburg ausgesprochen.
Ein Dankeschön sei an dieser Stelle auch an die Adresse des Transportunternehmens "Schinker Reisen" aus Gummersbach gerichtet, das die Busfahrt der Gäste aus Deutschland zur vollen Zufriedenheit aller gestaltet hat.

Helwig Schumann (Untergruppenbach)

 

Grußworte beim Empfang im Bürgermeisteramt von Roland Zebli

- Sehr geehrter Herr Bürgermeister Stefanescu!
- Sehr geehrter Herr Vizebürgermeister Dr. med. Ovidiu Capatina!
- Geehrte Stadträte!
- Liebe Schäßburger Bürger aller Nationalitäten und Minderheiten!
- Läv Scheßbriger!
- Dragi Sighisoreni!
- Kedves Segshvari polgarok!

Als stellvertretender Vorsitzender des Vereins der Heimatortsgemeinschaft Schäßburg (HOG) in der Bundesrepublik Deutschland darf ich Sie alle grüßen, und danke im Namen des Vereins:
- Ihnen Herr Bürgermüster für den Empfang in der ehrwürdigen Präfektur
- dem Demokratischen Forum der Deutschen in Schäßburg für die Einladung und Organisation dieses Treffens
- der evangelischen Kirche für den würdigen und besinnlichen Rahmen unseres Treffens
- und allen Schäßburger Bürgern für den freundlichen Empfang.
Vielen Dank!
Nun darf ich mich kurz vorstellen: Dipl.-Ing. Roland Zebli, Sohn des Georg Zebli und der Elfriede, geb. Keul (Baiergasse 49).
Meine Damen und Herren,
mit diesem Treffen hier bei Ihnen in Schäßburg wagen wir gemeinsam ein Experiment zwischen Gefühl und Vernunft, Erinnerung und Wirklichkeit, Vergangenheit und Zukunft mit dem Ziel einer Partnerschaft.
Diese gegensätzlichen Kategorien machen das Risiko bewußt, aber ich glaube, wenn wir dies in kleinen Schritten beginnen, kann der Versuch gelingen. Kleine Schritte sind notwendig, denn Partnerschaft kann nur auf gegenseitigem Vertrauen und Verständnis aufgebaut werden und Vertrauen kann man nicht verordnen, Vertrauen steht am Ende gemeinsamen Handelns. Dazu gab es schon im letzten Jahr positive Erfahrungen mit dem gemeinsamen Projekt der Ehrung von Prof. Herrmann Oberth, lassen Sie uns so weitermachen.
Wenn dieses Experiment eine Chance haben soll, dann müssen wir diese Partnerschaft mit Leben erfüllen und dazu bitten wir alle Anwesenden und Würdenträger sich Gedanken zu machen und mitzuarbeiten.
In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, daß anschließend in der Aula der Bergschule ein Podiumsgespräch stattfindet zum Thema: Vorstellung der HOG Schäßburg e.V., des DFDR Schäßburg, des Presbyteriums der ev. Kirche und des Bergschulvereins: Ausloten der Möglichkeit gemeinsamen Wirkens in der Zukunft. Dazu laden wir auch die Bürgermeister und Stadträte herzlich ein.
Ich möchte dieser Veranstaltung nicht vorgreifen, Sie sollten aber wissen, daß wir als Heimatortgemeinschaft Schäßburg in der BRD die Aufgabe als Vermittler zu Schäßburg wahrmehmen wollen und konkret, wo immer es uns möglich ist, zu helfen bereit sind, soweit es unsere bescheidenen Möglichkeiten erlauben. Ich glaube, wir befinden uns mit unseren bescheidenen Aktivitäten im richtigen Fahrwasser.
Wir, und sicher auch Sie, verfolgen mit großer Aufmerksamkeit die internationalen, besonders die gemeinsamen, Bemühungen von Deutschland und Frankreich, Rumänien den Weg in die Europäische Gemeinschaft zu ermöglichen. Für ein friedliches Zusammenleben brauchen wir in Europa, dazu gehört auch Rumänien, Siebenbürgen und auch Schäßburg, keine nationalistischen Hitzköpfe, sondern überzeugte Demokraten.
In diesem Sinne lassen Sie uns gemeinsam wirken, in gegenseitigem Respekt und Freundschaft.
Meine Damen und Herren, wir sind hier in unsere alte Heimatstadt "de jure" als Touristen und Gäste (ich hoffe, wir brauchen niemanden daran zu erinnern) aus allen Gegenden der Bundesrepublik und Österreichs angereist. Mit unterschiedlichen Erinnerungen und Erwartungen haben wir diese Reise angetreten, da wir ja auch zu sehr unterschiedlichen Zeiten und unter unterschiedlichen Bedingungen (Krieg, Familienzusammenführung, Ausreise) Schäßburg verlassen haben. Ab spätestens beim Steilautürmchen, wo die majestätische Silhouette unserer alten Heimatstadt auftauchte, waren wir wieder "Schäßburger", wenn Sie mir diesen Ausdruck gestatten.
Zum Abschluß erlaube ich mir an die Rede unseres Bundespräsidenten, Roman Herzog, zu erinnern, der gesagt hat: "Heimat kann man nicht im Koffer mitnehmen". Dies ist so, dem möchte ich nur ergänzend zufügen: Wir haben unsere Heimat im Herzen und im Kopf mitgenommen, und wenn es uns gelingt eine Synthese von Gefühl und Verstand (Vernunft) herzustellen, so kann man unserer alten Heimat und ihren Menschen die zurückgeblieben sind, nur das Beste wünschen. Dazu gehören innerer Friede, Toleranz und Gerechtigkeit, nur diese Randbedingungen ermöglichen ein friedliches Zusammenleben und schöpferische Arbeit. Dies wünschen wir allen Schäßburgern.
Erlauben Sie mir hier an dieser Stelle unsere Anerkennung der Leistung der in Schäßburg verbliebenen Landsleute zum Ausdruck zu bringen, die sich bemühen sächsische bzw. deutsche Tradition und Kultur aufrecht zu erhalten. Nicht Marktwirtschaft steht am Anfang von Demokratie, sie ist nur ein ökonomisches Instrument. Am Anfang stehen Freiheit (auch die des Andersdenkenden), Toleranz, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde, und die muß man täglich erhalten und erkämpfen, auch in der Demokratie.
Wir wünschen Ihnen allen, liebe Schäßburger, viel Erfolg und Glück bei der gemeinsamen Erhaltung und Gestaltung unserer alten ehrwürdigen Heimatstadt Schäßburg.

 

Die Schäßburger Breite heute und in der Erinnerung

Beim ersten Schäßburger Treffen in Schäßburg stand am dritten Tag (21. August) ein Ausflug auf die Breite und die Villa Franka auf dem Plan.
Man sammelte sich vor dem "Forum" auf der Burg und wurde auf Teilstrecken oder auch den ganzen Weg bis auf die Skopationsbreite gefahren. Lang, lang ist's her, seit man hier, in den "Ka" genannten Laubhütten gefeiert, Holzfleisch gegessen und sich bei sportlichen Spielen vergnügt hatte. Genau 56 Jahre vergingen seit 1939, dem letzten Skopationsfest. Ich persönlich bin bis 1947 oft und später nur noch selten auf der Breite gewesen. 1961 oder 1962 war ich zum letzten Mal dort. Danach ist die Breite von der Schäßburger LPG in die landwirtschaftliche Nutzung genommen worden. Prof. Eckard Hügel stellte bald fest, daß der Enzian durch die Schafbeweidung verschwunden sei. 1972 habe ich in einem Artikel zu Naturschutzthemen im "Neuen Weg" auf die Gefahr der Stickstoffdüngung und des Siloanbaus für die spezifische Flora hingewiesen. Leider wurde Michael Krestel, der damalige Pflanzenschutzamtsleiter dafür kritisiert, der wirklich nichts dafür konnte und außerdem mit uns befreundet war. ? So war es eben damals.

Beim Ausflug im Jahre 1995 bei herrlichem Wetter konnte ich mich leider beim besten Willen nicht mehr erinnern, was früher im August auf diesem Teil der Breite blühte. Viele Frauen pflückten Schafgarbe, die ja ein hervorragendes Heilkraut ist. Es schien mir, als wären weniger Eichen und als fehlten die dicksten, jedoch kann es auch ein Irrtum sein. Man war glücklich, wieder hier zu sein. Jemand sagte, die Breite sei längere Zeit militärisches Sperrgebiet gewesen. Auch jetzt fuhren Soldaten dort herum, kümmerten sich aber nicht um uns und wir nicht um sie.
Unsere kleine Schar von Ausflüglern (ehemalige und Noch-Schäßburger), teilte sich in drei Gruppen. Die meisten wollten zur Himmelswiese (auch Brechtische Wiese genannt), einige gingen zur Rudolfshöhe, die aber zugewachsen ist, und die ganz Unternehmungslustigen zog es in den "Großen Garten". Ich wäre auch gerne hingegangen, bezweifelte jedoch ob ich das noch schaffen könnte. Meine Schwester Rosl, die ja noch in Schäßburg lebt, ging hin, um bei den Schäfern "urda" zu kaufen, womit sie uns dann einen köstlichen Kuchen gebacken hat. Ich war in der Gruppe, die zur Himmelwiese ging. Die Aussicht war etwas diesig, der Wald aber erschien mir unverändert, als wäre ich nie weg gewesen. Als Höhepunkt sah ich den Genuß eines Sommereisapfels an, den mir ein älterer Schäßburger anbot.
Nachdem man sich satt gesehen, viel geknipst und auch gelacht hatte, ging es wieder zurück auf das Plateau der Breite. Am Fuß einer Eiche huschte eine kleine Eidechse entlang. Seit wann hatte ich keine Eidechse mehr gesehen?!
Nun wurden wir zur "Hula" gefahren, wo ein Mittagessen "à la carte" angesagt war. Wir entdeckten "mici" auf der Speisekarte: 3, 4, 5 Stück wurden jeweils von unseren Tischnachbarn bestellt. Nur ich bestellte aus Angst, sie könnten nicht gut sein, nur zwei. Schade, sie waren erstklassig, aber was soll's. Rosl, mein Mann und ich fuhren dann nicht mehr mit zur Villa Franka, weil Rosl uns ihren Baumgarten zeigen wollte. Von den Falläpfeln machte Rosl Saft und gab uns davon mit auf die Reise.
Noch ein Tag "zur freien Verfügung", den ich mit meinem Mann in Hermannstadt und Umgebung, wo er früher gelebt hat, verbrachte und die schöne Zeit war zu Ende.
Trotz dicker Beine von der Reise wollen wir wieder fahren, evtl. mit Töchtern und Schwiegersöhnen. Das Treffen war sehr schön, zuweilen auch schmerzlich, aber man muß auch den Schmerz zuweilen zulassen.

Hedwig Deppner, geb. Capesius


Unsere Reise via Schäßburg - vom Rücksitz aus betrachtet

Wenn Werner eine Reise macht, dann kann er was erzählen...
Als Letzter der Reisegesellschaft auf deutschem Boden wartete ich auf der Raststation Hochfelln (Bayern), wo ich zusteigen sollte. Das Warten auf den Bus nahm kein Ende, zu meiner Überraschung tauchte aber plötzlich Helmut Honigberger mit einem Taxi aus München auf. Er hatte in München den Bus verpaßt, weil ihm in München aus einem Schließfach das Reisegepäck und der Paß gestohlen wurde. Mit Hilfe der Polizei fand er sein Reisegepäck wieder und versuchte nun die letzte Station mit dem Taxi zu erreichen.
Da der Bus nach längerem Warten immer noch nicht kam, fragte der Taxifahrer lachend, ob er den Helmut nicht wieder nach München mitnehmen solle, diesmal wäre die Fahrt sogar gratis. Doch endlich tauchte der Bus auf. Es gab ein großes Hallo. Verständlich, daß von der Drabenderhöhe bis zu meinem Zustieg die "aussichtsreichsten Vorderplätze" ? da ohne Platzkarten ?schon besetzt waren. Hinten aber wartete eine freie Querbank auf mich, trefflich geeignet, alle Reiseteilnehmer im Auge zu behalten und mich gegebenenfalls sogar auszustrecken. Unmittelbar vor mir hatten sich an den beiden Tischchen die HOG?Vorstandsmitglieder eingerichtet, um Akten und Gedanken wälzen zu können. Was es doch so alles zu bereden gab!
Bis zur österreichischen Grenze war es nur noch ein Katzensprung. Wir freuten uns alle auf das Schäßburger Treffen, mit der Einweihung der Gedenktafel für die Toten des 2. Weltkrieges und der Rußlanddeportierten in der Klosterkirche. Nachdem wir Salzburg links liegen ließen, fuhren wir Richtung Wien, welches wir um Mitternacht erreichten. Die erste Pause in der Nähe des Praters muß für einige belebend gewirkt haben, denn plötzlich entbrannte eine rege Diskussion über Hans Bergel und den Sachsenbischof, über Gott und die Welt, welche so manchen Schlafwilligen um die verdiente Ruhe brachte, da die meisten schon fast 18 Stunden im Bus saßen. Am meisten mußte sich unser lieber Günther Czernetzky zur Wehr setzen. Unser Vorsitzender, Heinz Brandsch, sowie Stellvertreter Walter Lingner beteiligten sich dabei mit einigen gekonnten Bemerkungen, die eigentlich der Pfeffer in de Tokana waren. Nach Wien übermannte jedoch so manchen der Schlaf und so waren wir plötzlich mitten in Ungarn hinter Budapest, auf einem Rastplatz mit Czarda. Hier konnte man sich frisch machen, eine rauchen, einen Kaffee trinken oder aber eine Gulaschsuppe nach ungarischer Art essen.
Nun, nachdem die meisten wach waren, konnte man sich selbst überzeugen, warum die Ungarn zur Zeit des Eisernen Vorhangs als Gulaschsozialisten beschimpft oder bewundert wurden. Die sauberen Felder und Anlagen, die guten Straßen sprechen dafür, daß hier Menschen waren und sind, die vernünftig und vorausschauend Landwirtschaft und Straßenbau fördern. Der bescheidene Wohlstand beweist es, Ungarn steht Europa näher als jedes andere Ostblockland.
Nun rollten wir unweigerlich auf die ungarisch-rumänische Grenze zu. Gegen Mittag hatten wir auch diese Etappe geschafft, trotz Skepsis und langen Autoschlagen. Ohne Schikanen, ja sogar höflich von den rumänischen Zollbeamten und Grenzern behandelt. Erst nach der Grenze kam der erste Stopp, weil ein türkischer Laster einfach so quer stand, daß keiner vorbeikonnte. Einige im Bus meinten, die Moslems hätten sich nach Mekka verneigt. "Oh du einiges Europa du!" Ohne Scherz, man merkte jedoch, daß wir dem Orient merklich näher kamen. Langsamer wurde das Fahren durch Banat und Südwest-Siebenbürgen, holprig, staubiger und eine Menge "Stop and Goes" auf der Straße. Ob Ihr es nun glaubt oder nicht, es tut sich einiges in Rumänien, das den meisten Pkw-Fahrern nicht auffällt. Es wird wieder gearbeitet an Straßen, auf dem Feld oder an den Häusern. Bescheidene Erfolge sieht man auf Schritt und Tritt. Die Märkte sind wieder voll, genau wie bei uns. Es gibt Tomaten, Paprika und Gurken, ja sogar Bohnenkraut, Dill und der gute Käse fehlen nicht. Genug der Lobhudelei, noch sind die alten Wunden überall sichtbar, Gebäude und verstaubte Fahrbahnen, einzig die neuen rumänischen Kirchen stechen ins Auge, als wollten sie sagen, hier sind wir die neuen Herren. Das Alte gilt nicht mehr.
Je später sich der Nachmittag neigte, umso gewisser wurde es uns allen, daß wir nicht um 19.30 Uhr in Schäßburg sein werden. Der Aufenthalt in Hermannstadt zog sich hin und als wir dann weiterfuhren, erlebten wir Kopisch nach dem Ende der Kohleperiode (die stillgelegte Rußfabrik). Langsam sieht es auch hier ein wenig grüner aus. Im Vorbeifahren sahen wir in Mediasch das Haus unseres berühmten Raketen-Oberth und seine Rakete davor, die dringend einen Anstrich bräuchte. Es ging nun ein bißchen zügiger voran, eingeholt hatte uns der Abend.
In Dunnesdorf brannten schon die Lichter in den Häusern und von der Steilau sah man Altschäßburg nur noch schemenhaft. Aber die Fahrt näherte sich dem Ende zu. Durch die "Cornesti" und vorbei an der ehemaligen Lingnerischen Mühle, näherten wir uns durch die Mühlgasse dem Hotel Stern. Der Menschenauflauf um 21.30 Uhr galt allein uns, dennoch fragten sich viele, ob das alle von unseren Schäßburger Landsleuten übrig sind? Am Samstag und Sonntag wurden wir eines besseren belehrt. Die Stadt gab sich Mühe, dank unserem Forum und der Kirche, die Sachsen nicht einfach von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Leider steht es dem alten Stadtbild schlecht zu Gesicht, wenn man da die vielen Rotbekittelten mit buntem Tuch und Quersack sieht, die vielen Kneipen rund um den Hermann-Oberh-Platz und die vielen braunen Gesichter und Hände, die vor nichts zurückschrecken, um an die DM heranzukommen.
Der Neuanfang ist geschafft. Wir wünschen auch weiterhin unseren früheren rumänischen Nachbarn und Bekannten ein gutes Gelingen, Geduld, und die nötige Toleranz den anderen und dem Forum gegenüber. Der Kirche wünschen wir ein Weiterbestehen, bis auch der letzte Sachse geht, oder in der Heimaterde ruht.
Die Rückfahrt erfolgte auf der gleichen Route und den gleichen Plätzen. Wer aber glaubte, der Vorstand habe auf der Hinfahrt bereits alle Klarheiten beseitigt, irrte sich. Der Austausch von Informationen, Eindrücken und Erfahrungen war nur ein Teil der Gespräche. Es dominierte die Frage, wie man über einen gesonderten "Wirtschaftsförderverein" (WFV) die vorhandenen positiven Ansätze in Schäßburg unterstützen könne. Ein strittiges Problem! Wir werden sicher eines Tages erfahren, zu welchen weittragenden Empfehlungen man gelangte.
Erster Stopp auf der Heimfahrt war der Hermannstädter Wochenmarkt. Jeder deckte sich mit Früchten des Landes und heimatlichen Produkten ein. Angenehm dann auch, daß es an der rumänischen Grenze zwischen Reiseleitung, Grenzern und Zöllnern wieder ein so gutes Einvernehmen gab ... wenn Sie wissen, was ich meine.
Bei nächtlicher Stunde wartete dann in einer Czarda unter Bäumen noch ein treffliches Abendbrot ungarischer Art à la carte auf uns und im Morgengrauen an der österreichischen Grenze ein Einkaufsstopp an den endlosen Straßenverkaufsständen für ein letztes Mitbringsel. Walter Lingner dankte dem Reiseunternehmen Schinker, der selbst mit an Bord war, für die gelungene Fahrt nach Schäßburg und überreichte ihm im Namen der Reisegesellschaft ein Großfoto seiner Heimatgemeinde Wurmloch.
Uns übermittelte er den Gruß des Schäßburger Kurators, A. Christiani, den er uns in Versform auf den Heimweg mitgegeben hatte:

"Schäßburg ? Sachsentreffen ? A. D. 1995"

Wenn Du jetzt in der Ferne bist,
Und deine Heimat schon vermißt,
Dann denke an die Jugendzeit,
Wo Du als Kind Dich hast gefreut.

In Schäßburg hast Du gespielt und gesungen,
Da haben die Glocken vom Berge geklungen,
Warst Du nicht glücklich und zufrieden,
In Deiner Heimat bei Deinen Lieben?

Hier war Deine Heimat, Dein Elternhaus,
Was trieb Dich in die Welt hinaus,
Wann wirst Du Schäßburg wiedersehen,
Sollen wieder Jahre vergehen?

Denke daran!
Hier stehen die Gräber Deiner Ahnen,
Welche Dich an die Heimat mahnen,
Deine Heimat ist das Schönste auf Erden,
Doch lasse sie nicht zur Fremde werden!

Andreas (Butzi) Christiani, Schäßburg

Deutscher Boden, du hast mich wieder! An mir bewahrheitete sich der Satz "Die Letzten werden die Ersten sein" ... beim Aussteigen. Gute Fahrt weiterhin auch den Ersten von der Drabenderhöhe, die jetzt die Letzten sein werden. Über sie auch einen schönen Gruß aus Schäßburg an unsere ältesten Landsleute im dortigen Altenheim.
Diese Reise war für mich ein einmaliges Erlebnis mit Höhen und Tiefen. Vielen Dank den Organisatoren, die keine Mühe gescheut haben, diese Reise zu ermöglichen.

Ihr Werner Plontsch

 

Schäßburg heute und morgen

Tatsachen und Überlegungen im und zum Podiumsgespräch
Von Hannelore Baier
"Sollen wir weitermachen, erhalten, was zu erhalten ist, oder aufgeben und zusperren?", fragte Prof. Hermann Baier als Moderator des Podiumsgesprächs zum Thema "Schäßburg heute", das im Rahmen des Schäßburger Treffens am Samstagvormittag in der Aula der Bergschule stattfand. Am Podium saßen Prof. Dr. Heinz Brandsch, der Vorsitzende der HOG Schäßburg, Dr. Christoph Machat, Vorsitzender des siebenbürgisch-sächsischen Kulturrats in Deutschland und Ehrenbürger der Stadt Schäßburg, und Günter Czernetzky, Vorsitzender des Bergschulvereins in Deutschland/Österreich, als Vertreter der nicht mehr in Schäßburg lebenden, aber um ihre Heimatstadt bemühten Schäßburger, sowie Reinhold Aescht, Vorsitzender des DFDR Schäßburg, Andreas Christiani, Kurator der evangelischen Kirchengemeinde, Dr. Ovidu Capatina, Vizebürgermeister und Vorsitzender des Bergschulvereins in Schäßburg, Hermann Baier, auch als Direktor der Bergschule.


Zum eigentlichen Gespräch über das Heute und Morgen kam es in dieser offiziellen Runde nicht, vielmehr wurden die vom Podium aus gemachten Statements durch Wortmeldungen aus dem Publikum ergänzt. Das Fazit sowohl von Seiten der in der Stadt lebenden als auch der angereisten Schäßburger jedoch war eindeutig. Wir dürfen nicht aufgeben bzw. es wird weitergehen. In vielen Gesprächen im Laufe der vier Tage, die die aus Deutschland und Österreich angereisten Schäßburger in ihrer Heimatstadt verbrachten, sind unzählige Möglichkeiten des Weitermachens bzw. Unterstützens und Miteinanders besprochen worden. Jedoch: Zu Schäßburger Treffen waren nur jene der in Deutschland lebenden Ex-Siebenbürger gekommen, die den Hiergebliebenen und Hierbleibern sowie ihrem Tun und Wirken gegenüber positiv eingestellt sind, und das ist eine Minderheit. Die Mehrzahl von ihnen fällt es allerdings genau so schwer wie den meisten in Schäßburg 1ebenden Sachsen, die heutige Situation, die Veränderungen und den Wandel ihrer Gemeinschaft zu akzeptieren und anzunehmen, statt die Vergangenheit als Maßstab zu benutzen.
Was bedeutet Schäßburg heute? Für die deutsch-sächsische Gemeinschaft, daß es 614 evangelische und 25 anderskonfessionelle Mitglieder gibt, wie Kurator Andreas Christiani berichtete. Heuer wurden bislang drei Kinder getauft und vier konfirmiert, jedoch zwölf Personen beerdigt.
Die acht getrauten Paare kamen aus Deutschland oder waren nicht mehr "nur evangelisch". Bei den zweimal im Jahr zusammen mit dem Frauenkreis des Forums veranstalteten Seniorentreffen beteiligen sich zwischen 60 und 80 über 70jährige. Die Beerdigungskosten werden etwa zur Hälfte von der HOG Schäßburg getragen. Seit September 1994 hat Schäßburg keinen Stadtpfarrer mehr und dennoch findet jeden Sonntag zur gewohnten Stunde der Gottesdienst statt. Es gibt den von Theo Halmen geleiteten Kirchenchor. Mit Unterstützung des Diakonischen Werkes Bremen ist ein Pflegenest eingerichtet worden und 25 bis 30 ältere Leute bekommen das Essen von der Küche auf Rädern nach Hause geliefert.
Schäßburg heute bedeutet sodann, daß die Bergschule die einzige Schule in der Umgebung ist, in der noch in deutscher Sprache unterrichtet wird. Die deutschen Klassen I?XII besuchen derzeit 439 Kinder, von denen 63 Prozent Rumänen und Ungarn sind, 29 Prozent noch einen deutschen Elternteil haben und acht Prozent aus sächsischen Familien stammen, berichtete Direktor Hermann Baier. Solange es gute Lehrer gibt, wird die Schule weiter bestehen, fügte er jedoch hinzu. Ab Herbst werden dies drei Gastlehrer aus Deutschland sein. Darüber hinaus ist es ? ebenfalls dank Unterstützung aus Deutschland gelungen, dem Festsaal die Gestaltung von 1948 fast vollständig wiederzugeben, das Bergschultürmchen zu renovieren und den Turmknopf aufzusetzen und die Gesamtausstattung zu erneuern. Der Bergschulverein in Deutschland wiederum hat sich verpflichtet, die Einführung der Kanalisation voranzutreiben.
Zum Schäßburg von heute gehört sodann die Gegenwart der Messerschmitt-Stiftung, die Dr. Christoph Machat dafür begeistert hat, die Gesamtfinanzierung der Restaurationsarbeiten an der Bergkirche und (hoffentlich) auch weiterer Projekte zu übernehmen. Er tat dies als Denkmalschützer und Kunsthistoriker, sagte in seiner Funktion des siebenbürgisch-sächsischen Kulturratsvorsitzenden jedoch dazu: "Es geht um unser Erbe und wir sind verpflichtet, dafür etwas zu tun."
Heute werden die in Deutschland lebenden Schäßburger umworben, wofür nicht bloß der herzliche Empfang im Bürgermeisteramt steht, sondern auch die Sonderausgabe der Lokalzeitung "Glasul cetatii" zum Schäßburger Treffen. Das liegt wohl an den Schäßburgern, die ihre Heimat im Herzen und im Kopf bewahren, doch auch für ihre Gegenwart und Zukunft etwas übrig haben. Erfolgreich abgeschlossene Zusammenarbeiten mit den derzeitigen Behörden, wie jene zur Aufstellung der Hermann-Oberth-Büste und Einrichtung einer Oberth-Ausstellung im Museum, machen Mut. Beide Bürgermeister sind Mitglieder des Schäßburger Bergschulvereins, wobei der stellvertretende Bürgermeister, Dr. Ovidiu Capatina gar dessen Vorsitzender ist. Lobby für die sächsische Bevölkerung gibt es im Stadtrat auch durch Dr. Horlescu sowie Notar Leon Pop.
Es liegt wohl am Eigenwertgefühl der Siebenbürger Sachsen, wenn viele der in Deutschland Lebenden von der Eigendynamik des hiesigen Geschehens und der Tatsache, daß es immer noch Leute gibt, die sich dafür einsetzen, ein Gemeinschaftsleben aufrechtzuerhalten, überrascht sind. Der Traditionskampf wiederum macht es - Ausgewanderten wie Hiesigen - schwer, sich auf das Erhalten des Bewahrenswerten zu konzentrieren statt dem Verlorenen nachzutrauern. Somit fällt es schwer anzunehmen, daß frühere Ausnahmen heute zur Regel geworden sind, nämlich, daß junge Leute unterschiedlicher Nationalität und Konfession heiraten, was in Europa nicht anders ist. Fast unmöglich aber scheint es sich eine Zukunft vorzustellen, wie sie Pfarrer Johannes Halmen angedeutet hat (und die bei genauer Betrachtung eigentlich schon Gegenwart ist): Daß Schäßburg außer Zentrumsforum und Zentrumsschule auch "Zentrumsgemeinde" wird, die in den umliegenden Dörfern lebenden Sachsen (und nicht nur) auch in einer "Zentrumskirche" aufzunehmen und in der Gemeinschaft auch anderskonfessionelle und -nationale Personen zu akzeptieren, ohne daß die ihre Lebensart aufgeben müssen.




Rückblick zum Treffen in Schäßburg

Über das Ereignis des Jahres 1995 - das Schäßburger Heimattreffen in Schäßburg ? ist im rumänischen Fernsehen deutscher Sprache und in der dortigen wie hiesigen Tagespresse mehrfach berichtet worden. Beneidenswert die journalistische Fähigkeit, seine Eindrücke der Redaktion noch am gleichen Abend (neudeutsch) "durchzufaxen". Da diese Berichte aber nicht alle Landsleute erreichten, obliegt es uns, den Reigen der Berichterstatter hier aus anderem Blickwinkel zu beschließen.
Wie einfach es doch (manchmal) ist, die Schäßburger zusammenzurufen!
Der Aufruf des damaligen Forumvorsitzenden, Ch. Elges, in Heilbronn (1994) "Kutt ke Schesprich!" hatte Folgen ... auch für ihn. Von seinen ersten Amtspflichten befreit, lastete ein Großteil der Organisationsarbeit vor Ort auf seinen Schultern.
Erfreulich aber war es mitzuerleben, wie weltliche und kirchliche Institutionen arbeitsteilig zusammenwirken können, wenn es ... der Schäßburger würde sagen "äm de Wurscht gieht".
Im HOG-Vorstand war die inhaltliche und organisatorische Abstimmung eine interne Angelegenheit, hier aber mußten Forum, Bürgermeisteramt, Presbyterium und Bergschulverein, dann aber auch Künstler und Handwerker zu einem ebensolchen "Unisono" zusammenfinden wie ? klanglich und optisch ? die vereinten Chöre und selbst die Burgspatzen. Da auch die landeskirchliche Ordnung beachtet und selbst inhaltliche Aussagen abgestimmt wurden, war ?so Gott will ? ein Maximum an Gleichklang angesagt. Zudem mußten drei gastronomische Einrichtungen (Stem, Hula Danesch, Villa Franka) ihr heimatliches Angebot vorbereiten und geschmackvoll präsentieren. Wenn im Vorbereitungszeitraum von einem Jahr die Post oft zu langsam war und die Telefone schon heiß gelaufen waren, mußten gelegentlich "Schinkers Reisen" die Rolle eines Postboten übernehmen.
Allen Unkenrufen zum Trotz waren sie gekommen, die Schäßburger aus Deutschland und Österreich, zum ersten Treffen in Schäßburg.
113 "Ausländer" waren es, die die Türe zum Großen Saal im Hotel "Stern" passierten, als es am Samstag, dem 19. August, hieß: "Gemütliches Beisammensein", mit weiteren, über 200 "Einheimischen". Das war schön! Es war super, in einem "ausgebuchten" Saal mit frohen und mitteilungsbedürftigen Menschen zusammensitzen zu können.
Bis es aber so weit war, hatten wir, die HOG Schäßburg e.V. aus Deutschland, als Mitveranstalter aus der Ferne, noch einiges zu erledigen.
Da mußten die Einladungen zum Treffen abgefaßt und hinausgeschickt werden, was nur erst geschehen konnte, nachdem uns das Demokratische Forum der Deutschen in Schäßburg das Programm für das Treffen mit etwas Verspätung zugestellt hatte. Dann ließ sich der Verlag, der die Nr. 3 der "Schäßburger Nachrichten" sowie die Anmeldekarten für das Treffen drucken sollte, mit der Herausgabe der Zeitung eine Menge Zeit. Die Folge, die Ostergrüße auf der letzten Seite der Zeitung erreichten die Leser erst nach den Feiertagen. Zu allem Überfluß benötigte dann auch noch die Post, in einigen Fällen, bis zu zehn Tagen, um das Blatt den Adressaten zuzustellen.
Dann aber kamen die Anmeldungen per Karte, für insgesamt 84 Personen. Sechs von diesen meldeten sich kurzfristig wieder ab. Die meisten der 78 Verbliebenen fuhren mit dem eigenen Pkw hinunter. 30 Personen wählten den Bus. Weitere 35 Schäßburger aus dem "Ausland" begehrten vor Ort Einlaß in den "Stern". Das waren demnach etwa 330 Schäßburger, die den altehrwürdigen "Goldenen Stern" an diesem denkwürdigen Samstagabend bevölkerten.
Von den Gästen haben die meisten bei Freunden, Verwandten oder Bekannten, einige wenige im Hotel Quartier bezogen.
Zum Auftakt unseres Treffens gab es einen Empfang beim Stadtoberhaupt, Bürgermeister C. Stefanescu im repräsentativen Plenarsaal, der "Präfektur", den viele von uns noch nie gesehen hatten, obwohl er noch aus der Zeit unserer sächsischen Bürgermeister stammt. Ein "Herzliches Willkommen" war durch eine Sondernummer des "Glasul cetatii" zweisprachig vorbereitet und bestimmte auch die Begrüßungsansprache. Es gehört zu seinen Pflichten, aus solchem Anlaß auch Aufgaben und Probleme seiner Stadt darzustellen und für die Unterstützung bei Wert erhaltenden Maßnahmen zu werben. Wir fühlten uns angesprochen, da uns nicht weniger am Herzen liegt.
In seiner Erwiderung in unübertrefflichem Rumänisch dankte der stellv. HOG-Vorsitzende, R. Zebli, für den warmen Empfang und gab der Hoffnung Ausdruck, daß es uns gemeinsam gelingen möge, ein vereintes Europa zu gestalten, in dem auch Schäßburg einen würdigen Platz findet. Als er seine Erwiderung jedoch in deutscher Sprache wiederholen wollte, bekundeten die Zuhörer (bei überfülltem Saal!), daß sie der rumänischen Sprache noch mächtig sind. Wir lassen seine Rede dennoch in deutschem Wortlaut folgen. "Präsente" hatten wir selbstverständlich auch mitgebracht.
Der anschließende Weg zur Bergschule war terminlich wohl zu knapp bemessen, da mancher bundesdeutsche Schäßburger zu der Erkenntnis kommen mußte, daß er das Bergesteigen nicht mehr gewohnt war. Dennoch war die Aula zum "Podiumsgespräch des Bergschulvereins" voll besetzt. Unter Vorsitz des Hausherrn, Direktor H. Baier, standen nach Vorstellung zur Beantwortung von Anfragen zur Verfügung die Herren Machat, Brandsch, Christiani, Czernetzky, Aescht, Dr. Capatina, Schneider.
Der Vizebürgermeister und Vorsitzende des Bergschulvereins, Dr. med. 0. Capatina, hielt seine Ansprache in Deutsch, gleichsam als freundliche Gegenleistung für unsere Bemühungen beim Bürgermeister.
Die Teilnehmer konnten sich vom Fortgang der Restaurierungsarbeiten in der Aula und am Türmchen überzeugen, wurden aber auch mit den noch erforderlichen Maßnahmen konfrontiert. Die Gerüste um die Bergkirche wurden ebenfalls mit Befriedigung in Augenschein genommen.
Und schon wieder drängte das minutiöse Programm:
Im Stern wartete das Forum auf seinen "Part", unterstützt durch den Küchenchef, der ungewohnte marktwirtschaftliche Verpflichtungen eingegangen war. Unwissende fanden nach Rückfrage bestätigt, daß im umfunktionierten Kinosaal für über 300 Personen eingedeckt war, in dem uns einst als Schüler unser jüdischer Mitbürger , Herr Blau (Hüllgasse), die Eintrittskarten "entwertete", wenn wir auch einmal ins Kino gehen durften.
Begrüßt wurden alle Anwesenden dieses Mal durch den Forumvorsitzenden R. Aescht. Hier war auch der Zeitpunkt für das Auftreten der "Burgspatzen" unter Leitung von "Wulle-Tante" gekommen. Lieder und Gedichte in Deutsch und Sächsisch ... die Tränendrüsen wurden strapaziert. Der stellv. HOG-Vorsitzende, W. Lingner, überreichte ein gemeinsames Maskottchen und versprach, die persönlichen "Mitbringsel" durch Wulle-Tante selbst einpacken zu lassen. Aus der Situation heraus verzichtete er auf seine geplante Rede. Klug, aber doch eigentlich schade, es gab aber wirklich viel zu erzählen und tanzen wollte man auch.
Sonntag. Kirchgang war angesagt. In Hermannstadt war Hochwürden persönlich konsultiert worden, unser "Gast-Stadtpfarrer" aus Gummersbach, Pfarrer i. R. K. Georg, hatte sich beraten lassen und konnte somit auch uns bei unserem Vorhaben trefflich zur Seite stehen.
Der Gottesdienst verlief in überfüllter Klosterkirche nach alter Väter Sitte, was uns unschwer wieder vereinte. Dann aber war der Augenblick gekommen, die von Wilhelm Fabini entworfene Gedenktafel der Gefallenen und in der Deportation Verstorbenen zu enthüllen. 280 Namen waren vom Steinmetz Helmut Polder in Stein gehauen worden. Die Enthüllung oblag dem Kirchenkurator A. Christiani, dazu erklang vom Berg da droben die Glocke unserer Bergkirche. Die Ansprache war dem HOG-Vorsitzenden, Heinz Brandsch, vorbehalten. Unterstützt wurde er vom Theologiestudenten D. Zikeli, der zwei Gedichte von Heinz Brandsch sen. aus dem ersten Weltkrieg vortrug, womit gleichsam die Verbindung zwischen den Gedenktafeln beider Weltkriege hergestellt wurde. Wie letztmalig 1947 auf dem Heldenfriedhof erklang erneut das Trompetensolo "Ich hatt' einen Kameraden".
Unvergeßlich bleiben werden Kranzniederlegungen und Ehrenwache von drei jungen Trachtenpaaren sowie das Defilee des festlich gekleideten Chores, dem sich die ganze Gemeinde anschloß.
Für eine weltliche Fortsetzung des Gottesdienstes öffnete der Herr Pfarrer die geheimnisvolle Tür zum "Schinzken", wo sich Chor und Besucher zu fröhlichem Liedersingen zusammenfanden, auch wenn es bei Mitsängern manchmal am Text haperte ... dann summte man eben einfach mit.
Der Tag hatte mit dem Gottesdienst in der Klosterkirche begonnen und endete an gleicher Stelle mit einer Chor- und Orgelvesper, gestaltet von Organist Th. Halmen und Direktor H. Baier. Der beigefügte Programmzettel belegt das hohe Niveau der immer noch sangesfreudigen Schäßburger.
Spätestens nach zwei Tagen eiserner Disziplin braucht ein Schäßburger dann aber doch wieder seine Freiräume. Die immer noch einmalige Umgebung bot dazu ausgedehnte Gelegenheit. Breite und Villa Franka standen auf dem Programm. Aber schon beim Aufstieg zur Breite trennten sich die Wege, jeder schien damit andere "Jugenderinnerungen" auffrischen zu wollen. Und dann erst die Suche nach der Rudolfshöhe mit der Lönseiche, oder die unterschiedliche Erinnerung über die Entfernung zum Großen Garten. Ein Glück, daß man heutzutage Breite und Villa mit dem Auto erreichen kann. So war wenigstens gesichert, daß wir zum Mittagessen auf der Hula bzw. zu Kaffee und Abendbrot auf der Villa von Kraftfahrern wieder eingesammelt wurden.
Drei Tage Schäßburg gingen zu Ende, am nächsten Morgen galt es, tränenreichen Abschied zu nehmen.
Da bei den Veranstaltern des Treffens unseres Wissens keine Beschwerden eingegangen sind, meinen wir, war die Veranstaltung in Schäßburg gleich beim ersten Mal einfach Spitze! Ein nochmaliges Dankeschön auch an dieser Stelle den Organisatoren, deren Helfern, den Gastgebern ? und der Stadt.
Wir sind das nächste Mal voraussichtlich bei der Einweihung der renovierten Bergkirche wieder dabei!
Der HOG-Vorstand


 

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