HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Zum Geleit

Gedenket Eurer Lehrer...

.... ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach.(Hebr. 13,7)

Es stimmt die Beobachtung und persönliche Erfahrung nachdenklich, daß mit zunehmendem Alter erst Jugend-, dann Kindheitserinnerungen rückwirkend — gleichsam rückgespult – ins Gedächtnis zurückkehren. ... Es vollendet sich ein Lebenslauf und mit ihm nunmehr auch der unseres Volkes. In diesem allzu menschlichen Geschehen nimmt unsere Schulzeit – wie immer sie verlief – einen besonderen Stellenwert ein, wohl weil sich hier prägende, gemeinschaftsfördernde Jugenderlebnisse konzentrierten.
Als Kind wuchs man in einer z. T. mehrsprachigen Umgebung auf und lernte im deutschen Kindergarten seine künftigen Klassenkameraden kennen, mit denen man zumindest auch einen Teil der Volksschule als ABC-Schütze gemeinsam verbrachte. Selbst wenn sich nach vier Jahren die Wege trennten, weil die einen zum Gymnasium überwechselten, um gegebenenfalls ein Studium anzustreben, während sich andere nach Abschluß der Volksschule unmittelbar für das Berufsleben (über Berufs- und Handelsschule) vorbereiteten, man fand wieder zusammen in beruflichen, gesellschaftlichen oder kirchlichen Gremien, in Nachbarschaften, im Turn-, Musik- oder Männergesangverein, bei der Freiwilligen Feuerwehr oder der Jagdgesellschaft usw., um das Geschehen unserer Gemeinschaft allseitig zu gestalten. Aus Schulkameraden waren Eltern geworden, die sich über die Entwicklung der nächsten Generation jederzeit wieder verständigen konnten.
Analog verlief auch der Lebensweg unserer Mädel: Vom gemeinsamen Kindergarten zur Mädchenschule, dort über den Volksschulabschluß ins Berufsleben oder das Untergymnasium ins Seminar oder ein Obergymnasium in Hermannstadt zum Hochschulstudium.
Viele unserer Lehrer hatten Schäßburger Wurzeln oder kehrten bevorzugt an ihre Schulen zurück, die sie in jungen Jahren geprägt hatte. Eine Einheirat war nicht selten die Folge. Da zudem – je nach Studiengang – für Lehrer die Möglichkeit bestand, vom Lehramt in späteren Jahre auch ins Pfarramt zu wechseln, hatten wir neben abgeklärten Pfarrherren stets auch jugendliche Lehrer, die ihr in Deutschland erworbenes Wissen unvermittelt an uns weitergeben wollten.
Und dennoch, es gab auch unerschütterliche Standbilder: Wer von uns erschauert nicht heute noch, wenn H. Höhr – bereits in ehrwürdigem Alter – den Satz, „Als ich noch zu den Füßen des großen Ernst Haeckel saß...“ enthusiastisch deklamierte? Es irritierte ihn in seiner Verkündigung nicht, sich selbst zu unterbrechen, um einen „Grünspecht“ in die erforderliche Erwartungshaltung gegenüber den Dingen zu versetzen, die da noch kommen würden!

Worin aber bestand das spezifische Anliegen unserer Lehrer, wenn wir über die Wissensvermittlung einmal hinausblicken? Lehre und Erziehung sind die beiden gängigen Stichworte.

Über Jahre und Jahrzehnte hinaus werden ganze Schülergenerationen bezeugen, daß sie mit dem erworbenen Oberschulwissen für deutsche Universitäten stets vorzüglich vorbereitet waren. Auch unsere Sem-Lehrerinnen konnten sich nach dem Kriege in Deutschland bewähren. Dankbar, dann aber dennoch kritisch, muß an dieser Stelle auch vermerkt werden, daß die ‚Melodienführung“ ihres Erziehungsauftrages (wenn ein solcher Vergleich erlaubt ist) sich an Idealen der deutschen Geisteswelt orientierte, die in dem von uns durchlebten Alltag selten zu finden waren. Wo war I. Kants „Kathegorischer Imperativ“, wo G. E. Lessings „Nathan“, wo Goethes altersweiser „Faust“ oder Schillers Jugendträume – um nur einige zu nennen – deren Sinnsprüche – wenn auch gelegentlich pathetisch vorgetragen – von uns (selbst im Chor) zu wiederholen geboten war. Mit Zitaten römischer Schriftsteller wurde selbst der Lateinunterricht erträglicher. Und damit nicht genug: Zur stetigen Wiederholung wurden sie sogar an der Decke der Aula unserer Bergschule verewigt. Und nichts Eiligeres hatten wir zu tun, als diese kürzlich (1995) restaurieren zu lassen, denn „Deiner Sprache, deiner Sitte, deinen Toten bleibe treu“.

Nein, es war nicht der Lehrstoff, den sie uns – je nach Tagesform willig oder unwillig – vortrugen. Es war die „Zielansprache“, die sie uns zur humanistischen Lebensführung vermitteln wollten, selbst wenn (oder gerade weil?) dies der steinigere Weg werden würde. Humanistisch geprägte Zielsetzungen haben in der Politik – auch der deutschen – selbst heute noch Seltenheitswert, häufig verballhornt oder sogar irreführend.

Aber auch die spezifischen Schwächen unserer Lehrer wurden über Generationen weitergereicht. Diese gelegentlich spitzbübisch zu nutzen, gehört wohl zu der oft verletzenden Unbotmäßigkeit jeder Schülergeneration, die nach Grundpositionen sucht und ihre Kräfte messen will. Wenn wir uns die z. T. schon zusammengetragenen Sammlungen von Schülerstreichen genüßlich zu Gemüte führen, staunen wir selbst über unseren Einfallsreichtum und Mut, aber auch über das Reaktionsspektrum unserer Lehrer. Auch sollten wir Respekt vor unseren Schulkameraden bezeugen, deren Väter/Mütter unsere Lehrer waren. Wie muß ihnen bei mancher abwertenden Bemerkung oder in Vorbereitung und Durchführung eines Schülerstreiches zumute gewesen sein? Wie sicherten sie sich ihre Stellung in der Klassengemeinschaft, wie belastete dies die häusliche Eltern-Kind-Beziehung? Im gesetzten Alter wird es Zeit, Abbitte zu tun, denn „Die Verantwortung eines Lehrers endet (erst) mit dem Tod seines letzten Schülers“. Und die eines Schülers?
H.B.




 

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