HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
Zum GeleitGedenket Eurer Lehrer... .... ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach.(Hebr. 13,7) Es stimmt die Beobachtung und persönliche Erfahrung nachdenklich,
daß mit zunehmendem Alter erst Jugend-, dann Kindheitserinnerungen
rückwirkend — gleichsam rückgespult – ins Gedächtnis
zurückkehren. ... Es vollendet sich ein Lebenslauf und mit ihm nunmehr
auch der unseres Volkes. In diesem allzu menschlichen Geschehen nimmt
unsere Schulzeit – wie immer sie verlief – einen besonderen
Stellenwert ein, wohl weil sich hier prägende, gemeinschaftsfördernde
Jugenderlebnisse konzentrierten. Worin aber bestand das spezifische Anliegen unserer Lehrer, wenn wir über die Wissensvermittlung einmal hinausblicken? Lehre und Erziehung sind die beiden gängigen Stichworte. Über Jahre und Jahrzehnte hinaus werden ganze Schülergenerationen bezeugen, daß sie mit dem erworbenen Oberschulwissen für deutsche Universitäten stets vorzüglich vorbereitet waren. Auch unsere Sem-Lehrerinnen konnten sich nach dem Kriege in Deutschland bewähren. Dankbar, dann aber dennoch kritisch, muß an dieser Stelle auch vermerkt werden, daß die ‚Melodienführung“ ihres Erziehungsauftrages (wenn ein solcher Vergleich erlaubt ist) sich an Idealen der deutschen Geisteswelt orientierte, die in dem von uns durchlebten Alltag selten zu finden waren. Wo war I. Kants „Kathegorischer Imperativ“, wo G. E. Lessings „Nathan“, wo Goethes altersweiser „Faust“ oder Schillers Jugendträume – um nur einige zu nennen – deren Sinnsprüche – wenn auch gelegentlich pathetisch vorgetragen – von uns (selbst im Chor) zu wiederholen geboten war. Mit Zitaten römischer Schriftsteller wurde selbst der Lateinunterricht erträglicher. Und damit nicht genug: Zur stetigen Wiederholung wurden sie sogar an der Decke der Aula unserer Bergschule verewigt. Und nichts Eiligeres hatten wir zu tun, als diese kürzlich (1995) restaurieren zu lassen, denn „Deiner Sprache, deiner Sitte, deinen Toten bleibe treu“. Nein, es war nicht der Lehrstoff, den sie uns – je nach Tagesform willig oder unwillig – vortrugen. Es war die „Zielansprache“, die sie uns zur humanistischen Lebensführung vermitteln wollten, selbst wenn (oder gerade weil?) dies der steinigere Weg werden würde. Humanistisch geprägte Zielsetzungen haben in der Politik – auch der deutschen – selbst heute noch Seltenheitswert, häufig verballhornt oder sogar irreführend. Aber auch die spezifischen Schwächen unserer Lehrer wurden über
Generationen weitergereicht. Diese gelegentlich spitzbübisch zu nutzen,
gehört wohl zu der oft verletzenden Unbotmäßigkeit jeder
Schülergeneration, die nach Grundpositionen sucht und ihre Kräfte
messen will. Wenn wir uns die z. T. schon zusammengetragenen Sammlungen
von Schülerstreichen genüßlich zu Gemüte führen,
staunen wir selbst über unseren Einfallsreichtum und Mut, aber auch
über das Reaktionsspektrum unserer Lehrer. Auch sollten wir Respekt
vor unseren Schulkameraden bezeugen, deren Väter/Mütter unsere
Lehrer waren. Wie muß ihnen bei mancher abwertenden Bemerkung oder
in Vorbereitung und Durchführung eines Schülerstreiches zumute
gewesen sein? Wie sicherten sie sich ihre Stellung in der Klassengemeinschaft,
wie belastete dies die häusliche Eltern-Kind-Beziehung? Im gesetzten
Alter wird es Zeit, Abbitte zu tun, denn „Die Verantwortung eines
Lehrers endet (erst) mit dem Tod seines letzten Schülers“.
Und die eines Schülers? |