HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
Illustrationen deutscher und österreichischer Künstler zu den Haltrichschen siebenbürgisch-sächsischen Volksmärchen (I)Walter RothVor 140 Jahren (1856) erschien auf Vermittlung der Brüder Grimm im renommierten Julius-Springer-Verlag zu Berlin die l. Auflage der "Deutschen Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen", die Josef Haltrich, angeregt durch die volkskundliche Bewegung der deutschen Romantik und unterstützt von einem gleichgesinnten Freundeskreis, als Schäßburger Gymnasiallehrer, gesammelt hatte. Die Sammlung erreichte noch zu Lebzeiten des Herausgebers weitere drei Auflagen bei Carl Graeser in Wien (1872, 1882, 1885), dann eine 5. bei W. Krafft in Hermannstadt (1924), eine 6. im Verlag Hans Meschendörfer in München (Jubiläumsausgabe, 1956) und schließlich die 7. im Kriterion-Verlag Bukarest (1971). Zudem gab und gibt es noch bis heute zahlreiche Aufnahmen einzelner Haltrich-Märchen in Märchensammlungen, Einzeldrucke als Bilderbücher sowie Auswahlbände (gekürzte bzw. bearbeitete Märchenbücher).
Über die Geschichte der Haltrichschen Sammlung und ihre Rezeption
ist oft geschrieben worden. Sie soll hier nicht wiederholt werden. Ein
besonderer Aspekt dieser Märchenausgaben soll hier untersucht werden,
nämlich die Illustrationen, die zu diesen Märchen im Laufe von
über 100 Jahren entstanden sind.
Diese leben heute allerdings auch nicht mehr in Siebenbürgen bzw. in Rumänien, sondern sind fast ausnahmslos nach Deutschland ausgesiedelt. Es kann darauf hingewiesen werden, daß zum Thema "Illustrationen zu den Märchen von J. Haltrich" bereits in der "Siebenbürgischen Zeitung" (Folge 8 und 15 / 1988) zwei kleinere Beiträge des Unterzeichners dieses Aufsatzes erschienen sind. - Die Volkstümlichkeit und Verbreitung literarischer Texte kann auch daran gemessen werden, wie häufig durch sie Künstler angeregt wurden, sie in Bilder umzusetzen, also dazu Illustrationen zu schaffen. Die Märchen der Brüder Grimm - sie gehören zu den am meisten illustrierten Werken der Weltliteratur -, Andersens Märchen, die Märchen aus 1001 Nacht, wie allgemein Volks- und Kunstmärchen, Fabeln und Schwänke dienten unzählige Male und oft großen Künstlern als Inspirationsquelle. Franz Graf Pocci - selbst ein bekannter Märchenillustrator - schrieb: "Ein Märchenbuch ohne Bilder ist wie ein Sommertag ohne Sonne". Zu den Märchenillustrationen und zum Buchschmuck des Kinderbuchs gibt es heute zahlreiche Untersuchungen und Publikationen, die bereits ein Kapitel der Kunstgeschichte bilden. Illustrationen haben vielfältige Funktionen: Sie schmücken, erläutern, erweitern den Text phantasievoll und begleiten ihn. Sie können auch eine gewisse Selbständigkeit erlangen, die keine sprachliche Begleitung braucht, die für sich kommentarlos spricht. Kinder finden Bücher ohne Bilder langweilig. Pädagogisch wertvoll sind solche Illustrationen, die das Kind anregen "mitzuwirken", d. h. beim Betrachten "noch etwas zu suchen", zu "entziffern". Kindertümliche Abbildungen sollten etwas mit dem Rebus, dem Vexierbild, gemeinsam haben. Sie aktivieren und fordern zur Auslegung und Beschreibung heraus, sie rufen im Kind das "Wort", die Sprache wach. Heute sind das Bilderbuch und das illustrierte Märchenbuch nicht bloß Kinderliteratur, sondern wurden auch zum Sammelobjekt für erwachsene Lieb-haber. Die ersten Illustrationen zu den Haltrich-Märchen stammen wie erwähnt vom österreichischen Graphiker Ernst Peßler und schmückten die 3. Auflage, die bei C. Graeser in Wien 1882 erschien. Ansprechend sind vor allem seine Bilder zu den Tiermärchen in Kaulbachscher Manier
Abb. l "Der Fuchs betrügt den Bauern um die Fische, der Wolf frißt sie" - Ernst Peßler Peßler zeigt auch eine Vorliebe für reich ausgeführte Initialen, die bereits den kommenden Jugendstil anzukündigen scheinen. Diesen Buchschmuck behielt auch W. Krafft in seiner Ausgabe (1924) bei, doch läßt die mindere Papierqualität die Abbildungen nicht zur vollen Geltung kommen. Bekanntlich haben die Brüder Grimm 1857 das Haltrich-Märchen "Von der Königstochter, die aus ihrem Schlosse alles in ihrem Reich sah" "ausgeliehen" und stilistisch bearbeitet in ihre Sammlung mit dem Titel "Das Meerhäschen" (Mierhasken = Kaninchen) aufgenommen. Dieses Märchen (mit seinem hohen Schloß) hat namhafte Illustratoren beschäftigt, so Ludwig Richter
Abb. 2 "Das Meerhäschen" - Ludwig Richter), Otto Ubbelohde - 1909 -
Abb. 3 "Das Meerhäschen" - Otto Ubbelohde- beide in ihrem unverwechselbaren charakteristischen Stil, oder Lilo Fromm (1979), die es als Titelbild mit See, Fisch und Rabe verwendet. Werner Klemke (Abb. 6 "Das Meerhäschen" - Werne Klemke) hat in dem vielfach mit Preisen ausgezeichneten Buch "Märchen der Brüder Grimm" (Buch und Zeit Verlag) dazu in der für den Holzschnitt typischen klobigen Gestaltung ansprechende Illustrationen gestaltet. Der im Jahre 1948 geborene Künstler Reinhard Michl hat im Band "Zaubermärchen" (Grimm), der 1986 in 3. Auflage im Loewes Verlag, Bayreuth, erschien, ebenfalls eine Abbildung zum "Meerhäschen" geschaffen (Abb. 12 "Das Meerhäschen" - Reinhard Michl). Sehr ansprechend sind auch seine Illustrationen zu den Märchen "Die beiden Mädchen und die Hexe" und "Das Borstenkind" - gekennzeichnet durch einen humorvollen Realismus (beide in "Der Wunderbaum", Auswahl von Zaubermärchen, herausgegeben von Elisabeth Scherf, 1980, auf den Seiten 93 und 115). 1920 schmückte Franz Jüttner die "Tiermärchen aus dem Sachsenlande inSiebenbürgen - gesammelt von Joseph Haltrich", erschienen in der Reihe "Schaffsteins Blaue Bändchen", mit minutiös ausgeführten, locker und leicht anmutenden Federzeichnungen, die hierdurch die Abb. 4 veranschaulicht werden
Abb. 4 "Der Fuchs und der Wolf auf der Bauernhochzeit" - Franz Jüttner Es scheint, daß den Tiermärchen Haltrichs von den Illustratoren der Vorzug gegeben wurde. Viele zeitgenössischen Künstler haben Märchensammlungen, die in Verlagen der ehemaligen DDR erschienen sind, mit Illustrationen geschmückt, so z. B. die bekannte Graphikerin Eva Johanna Rubin den Band "Das Tierschiff - Die schönsten Tiermärchen aus aller Welt" (Hrsg. Franz Fühmann), der im Kinderbuch Verlag Berlin mehrere Auflagen erlebte
Abb. 5 "Der Fuchs und der Wolf - Eva Johanna Rubin Die aus Siebenbürgen stammende Schriftstellerin Elisabeth Hering nahm in ihre "Kostbarkeiten aus dem deutschen Märchenschatz" (Altberliner Verlag, Berlin 1985) auch mehrere siebenbürgische Märchen auf - die Illustrationen dazu schuf Christa Unzner-Fischer
Abb. 7 "Das Rosenmädchen" - Christa Unzner-Fischer Siehe im Vergleich auch das "Rosenmädchen" - von Ernst Peßler
Abb. 10 "Das Rosenmädchen" - Ernst Peßler und zum selben Thema eine Abbildung von Renate Mildner-Müller
Abb. 11 "Das Rosenmädchen" - Renate Mildner-Müller "Das Zauberpferd" (nach J. Haltrich) als Titelbild zum gleichnamigen Fischer-Taschenbuch "Märchen aus Siebenbürgen und den Karpaten" (Hrsg. S. Früh) zeichneten Jan Buchholz und Reni Hirsch
Abb. 8 Umschlaggestaltung "Das Zauberpferd" - Jan Buchholz und Reni Hirsch Die gegenwärtig im Fischer-Taschenbuch Verlag erscheinende Märchenreihe "Märchen der Welt" (Ländermärchen, Themenmärchen) brachte wiederholt auch einzelne Märchen zu den entsprechenden Themen aus Haltrichs Sammlung. Die Reihe ist nicht illustriert, doch gibt es dazu charakteristische künstlerisch gestaltete bunte Titelseiten von Thomas u. Thomas Design. Dazu stellvertretend Abbildung 9
Abb. 9 "Märchen der Welt" - Thomas u. Thomas Design Eine von Eva Lubinger besorgte Auswahl aus den Haltrichschen Märchen "Der Wunderbaum - Die schönsten Märchen aus Siebenbürgen", die 1984 im Wort und Welt Verlag, Innsbruck, veröffentlicht wurde, illustrierte die aus Kronstadt stammende Künstlerin Renate Mildner-Müller nach ihrer Aussiedlung nach Deutschland. Sie hatte bereits für den Kriterion Verlag in Bukarest 1973 den Märchenband "Der tapfere Ritter Pfefferkorn" mit Abbildungen versehen.
Ihre Märchenillustrationen gehören zu ihren schönsten Arbeiten. Der Stil ihrer Buchillustrationen wurde als "lyrisch-poeti-scher Realismus" bezeichnet. In ihren phantasievollen Gouachen zu den Haltrich-Märchen kommen zwar in geringem Maße siebenbürgische Elemente zum Ausdruck, doch sind sie von unbestreitbarem hohem künstlerischem Wert.
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