HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

100 Jahre Kleintierzuchtverein Schäßburg


Wenn der Geflügel- und Kleintierzuchtverein in diesem Jahr auf sein 100jähriges Bestehen zurückblickt, so kann mit Recht gesagt werden, daß es ein Jahrhundert reich an Arbeit, aber auch an Erfolgen gewesen ist.
Anregungen zur Haltung und Pflege aller Hühnerrassen hat es in Schäßburg schon früher gegeben. Auf dem Graf Hallerschen Gut in Weißkirch ist schon in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts importiertes Geflügel, u. a. das Siebenbürgische Nackthalshuhn, gezüchtet worden. In Schäßburg selbst begann Mitte der 80er Jahre der Stadtwundarzt Johann Klusch hochgezüchtete Gefügelstämme zu halten. Später schlossen sich Dr. Heinrich Kraus, Landesadvokat Rudolf Waedt u. a. diesen Bestrebungen an. Bestrebungen zur Hebung der Geflügelzucht müssen schon in weiten Kreisen vorhanden gewesen sein, als man sich am 6. November 1896 in einer Versammlung, abends 9.00 Uhr, im Gasthaus „Heimat“ zusammenfand, um die Gründung der Geflügelzucht und Vogelschutz-Sektion Schäßburg des Siebenbürgisch-Sächsischen Landwirtschaftsvereins vorzunehmen. Die neu gegründete Sektion hatte 18 Mitglieder. Den Vorsitz übernahm Zahnarzt Dr. Heinrich Kraus.


Bei der Gründung des Vereins war die Geflügelzucht noch ein Stiefkind. Mit Recht sagt ein gründlicher Kenner unserer Geflügelzucht: Federvieh wurde freilich immer gehalten und gezüchtet, aber man dachte nicht daran, daß die Tiere durch fortwährende Inzucht immer schwächer werden, man dachte nicht, daß die Eiablage immer geringer und die Eier immer kleiner werden, weil man das Geflügel ohne Blutwechsel Jahre lang weiter züchtete. Man achtete auch nicht darauf, daß man den Niedergang der Geflügelzucht beschleunigte, weil man sämtliche Frühbruttiere ihres größeren Preises wegen auf den Markt brachte und nur die spätgebrüteten, schwächeren Tiere zur Weiterzucht verwendete. Als diese, die Geflügelzucht immer mehr schädigenden Umstände allmählich erkannt wurden, fing man überall an, Geflügelzuchtvereine zur Hebung der Geflügelzucht zu gründen. Schäßburg kann für sich die Ehre in Anspruch nehmen, daß der hier 1896 gegründete Verein der erste in Siebenbürgen gewesen ist.
Die Entwicklung des Vereins schritt rasch voran, der Mitgliederstand mehrte sich, der Verein hatte das Glück, nunmehr leitende Männer an seiner Spitze zu sehen: Dr. Heinrich Kraus bis 1899, Apotheker Wilhelm Fröhlich 1904, Apotheker Andreas Lingner 1905, Stadtwundarzt Johann Klusch 1908. 1909 übernahm Advokat Rudolf Waedt die Leitung des Vereins bis 1922. Er hatte das Verdienst, daß der Verein in den schweren Krisenzeiten, in die er durch den Krieg und die Verhältnisse nach dem Krieg geraten war, überdauerte. 1923 wurde Johann Keller (Friseur) zum Vorstand gewählt. Unter seiner Leitung wurde der Verein in „Großkokler Geflügel- und Kleintierzuchtverein“ umbenannt und beim Amtsgericht in Schäßburg unter der Nummer 2047-3-1925 als juristische Person anerkannt und in die Evidenz der öffentlichen Vereine eingetragen.
Hochachtung für das langjährige treue Mitglied des Vereins und hervorragenden Kenner der Geflügelzucht, Heinrich Eder. Er hat in übersichtlichen Aufzeichnungen die Entwicklung des Vereins festgehalten. Johann Keller legte sein Amt 1926 nieder, sein Nachfolger wurde Martin Tontsch (Drechsler), ein begeisterter Züchter der Siebenbürgischen Nackthalshühner, die ihm auf vielen Ausstellungen den ersten Preis sicherten. Unter Tontschs Leitung hat sich ein neuer Geschäftszweig eröffnet, indem der Verein größere Mengen von Bruteiern an die Landwirtschaftskammer verkaufte. Tontschs Nachfolger wurde Josef Zimmermann, Magistratsbeamr i.P., unterstützt vom pflichtbewußten zweiten Vorstand, Karl Adleff, Lederfabrikant.
Ab 1930 ist im Verein wieder eine aufstrebende Entwicklung zu beobachten. Die Qualitätssteigerung wurde anfangs mit der Kreuzung des Plymout-Huhnes und mit dem Landhuhn erzielt. Später erst wurde das aus England stammende Orpingtonhuhn eingeführt und verbreitet. Mit diesen beiden Rassen wurden nicht nur schwere und dunkelschalige Eier, sondern auch ein schwereres Schlachtgeflügel herausgezüchtet, was in beiden Fällen auch gut gelang, daß die damalige ungarische Regierung die fachgemäße Arbeit des Vereins anerkannte und von den Vereinsmitgliedern gezüchtete reinrassige Junghähne durch das Tierzuchtinspektorat kaufen ließ und unentgeltlich an die Landbevölkerung zur Blutauffrischung der Geflügelbestände weitergab. Diese Bestrebung hat auch die königlich-rumänische Regierung in vollem Maße verfolgt und den Verein in seiner Arbeit vielfach gefördert. Durch die Landwirtschaftskammer sind dem Verein Unterstützungen zuteil geworden, für die sich der Verein durch Veranstaltungen von Wanderausstellungen im Komitat dankbar erweisen konnte.
Auch über das Gebiet von Schäßburg hinaus hat der Verein anregend gewirkt. Unter dem Eindruck seiner Gründung und Tätigkeit wurden 1903 der Bistritzer Verein gegründet, später erfolgten dann die Gründungen in Kronstadt, Hermannstadt, Mediasch, Agnetheln.
Vor dem Zweiten Weltkrieg hat der Verein an zahlreichen Aussellungen teilgenommen. Im Inland ist der Verein auf Ausstellungen vertreten gewesen: Schäßburg, Hermannstadt, Mediasch, Kronstadt, Bistritz, Temeschburg, Arad und Bukarest. Selbständige Ausstellungen hat der Verein veranstaltet in Schäßburg, Kronstadt, Mediasch, Oderhellen und Ungarisch-Kreuz.
Besonders denkwürdig in der Vereinsgeschichte wird die Ausstellung bleiben, die vom 25. bis 26. Oktober 1930 stattfand, welcher die hohe Ehre zuteil wurde, daß seine Majestät, der .König und seine königliche Hoheit Prinz Nikolaus die anläßlich der Kriegsmanöver in unserer Stadt weilten, mit einem großen Gefolge hoher rumänischer und ausländischer Offiziere die Ausstellung besuchten. Die hohen Herrschaften wurden im Eingang des Ausstellungsraumes des Vereinsmitgliedes und Gastwirtes, Andreas Christiani, vom Vereinsvorstand Josef Zimmermann empfangen und begrüßt und dann durch alle Räumlichkeiten zur Besichtigung der Ausstellung geleitet. Seine Majestät zeigte das regste Interesse. Als der König erfuhr, daß der Verein seit mehreren Jahrzehnten die Hebung der Rassenzucht auf den Dörfern fördere, äußerte er sich in schmeichelhafter Weise über diese lobenswerte, die Volkswirtschaft hebende Vereinstätigkeit.
1936 (21. bis 23. November) hatte der Verein sein 40jähriges Bestehen u d zog aus diesem Anlaß Bilanz. In dieser Zeit hat der Verein 38 Hühnerrassen, außerdem viele Puten-, Gänse- und Entenrassen sowie Tauben- und Kaninchenrassen gezüchtet. Aus diesem Anlaß werden erwähnt:
1. Vorstand: Josef Zimmermann, Magistratsbeamter i.P.
2. Vorstand: Karl Adleff, Lederfabrikant
Kassierer: Wilhelm Sill, Kaufmann
Schriftführer: Gustav Untch, Kaufmann
Ehrenvorstände: Josef Zimmermann, Magistratsbeamter, Johann Keller, Friseur, Martin Tontsch sen., Drechsler, Friedrich Schmidt, Kaufmann, August Stebriger, Apotheker, Heinrich Eder, Gärtner.
Der Verein hatte damals 53 Mitglieder. Zu erwähnen ist, dass Frau Dr. Filipescu als einzige Frau Mitglied des Vereins war. Als Nachfolger von Josef Zimmermann wurde die Leitung des Vereins für die Jahre 1937 bis 1938 Heinrich Eder (Gärtner) anvertraut. Unterstützt wurde er durch Johann Untch und Hans Moyrer. Von 1938 bis 1941 übernahm Fritz Fromm (Hutmacher) den Vorsitz.
Für die Jahre 1941 bis 1945 wurde Karl Adleff (Lederfabrikant) zum Vorsitzenden gewählt. Es war die schwerste Zeit i der Vereinsgeschichte. Als die jungen Vereinsmitglieder in den Krieg mußten, hat Karl Adleff mit den daheimgebliebenen Alten und den Frauen der Soldaten die Arbeitsziele des Vereins weiterverfolgt. Nach der Deportation 1945 hatte sich der Verein praktisch aufgelöst. Das Inventar des Vereins wurde bei Johann Untch aufbewahrt. Die verbliebenen Züchter trafen sich gelegentlich.
Im Jahre 1951 unter der Federführung von Friedrich Schmidt (Kaufmann und gebürtiger Bistritzer), Hans Moyrer (Kaufmann) und Schiopea Gheorghe (Preceptor) bildeten sie gemeinsam ein Gründungskomitee, das alle Züchter im Februar 1951 zu einem Treffen zusammenrief. Es waren 28 Züchter. Zum ersten Vorsitzenden wurde Friedrich Schmidt, zum zweiten Hans Moyrer und zum Schriftführer Gheorghe Schiopea gewählt. Dem erweiterten Vorstand gehörten an: Ilarie Braniste (Kaufmann), Cornel Strulea (Finanzinspektor), Konrad Hayn (Elektrotechniker), Hans Moritz (Kaufmann), Wilhelm Petrovits (Kaufmann), Johann Fabian (Kaufmann).
Als dringlichste Tätigkeit wurde eine Bestandsaufnahme der noch vorhandenen Hühnerrassen durchgeführt. Fehlende Rassen wurden aus dem Ausland (Deutschland, Österreich) besorgt. Friedrich Schmidt trat im Dezember 1968 aus Altersgründen zurück und wurde aus diesem Anlaß zum Ehrenvorstand ernannt. Damit hat der Verein seit seinem Bestehen vier Ehrenvorstände und zwei Ehrenmitglieder.
Friedrich Schmidts Nachfolger wurde Fritz Theil, zweiter Vorsitzender Karl Falk. Unter Führung dieser beiden wurde zum zweiten Treffen der Kleintierzuchtvereine Rumäniens vom 23. bis 26. Februar 1969 nach Schäßburg eingeladen. Bei diesem Treffen wurde die AVIROM gegründet.
1974 traten Fritz Theil und Karl Falk zurück. Für eine kurze Zeit übernahm Hans Wotsch den Vorsitz. 1976 wurde Hans Hügel zum Vorsitzenden gewählt, unterstützt von dem zweiten Vorsitzenden Moldovan Gheorghe sowie den Mitgliedern Otto Keul (Dipl-Bankkaufmann) und Hans Moyrer. Damit hatte der Verein mit 110 Mitgliedern und 52 züchterisch bearbeiteten Hühnerrassen seinen höchsten Stand erreicht.
Der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte war die 16. Europaschau vom 14. bis 15. Januar 1978 in Wels/Österreich. Bei dieser Schau haben 15 Geflügelzüchter aus Schäßburg mit 60 Hühnern bzw. 20 Geflügelrassen Rumänien vertreten und gewannen dabei sechs Gold- und sieben Silbermedaillen. Gold gewannen Alex Sieghardt, Martin Klein, zweimal Gold Moldovan Gheorghe, Hans Moyrer und Josef Fritsch Gold und den Grand Prix mit einer schwarzen Orpington-Henne. Silber haben gewonnen Hans Hügel, Karl Martini, Otto Keul zweimal Silber, Hans Moyrer zweimal Silber und Bronze. Dazu haben die Preisrichter in Wels den Züchter Hans Moyrer mit dem Pokal für die Siebenbürgische Nackthalshuhnrasse ausgezeichnet.
Für seine hervorragende Arbeit als Züchter und Mitglied im Vorstand des Vereins hat Otto Keul von 1954 bis zu seinem Tode 1992 die Finanzen des Vereins geführt. Im Dezemb 1980 ist Hans Hügel aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten. Als Nachfolger wurden im Februar 1981 Corbean Onoriu (Bankdirektor) zum ersten Vorsitzenden gewählt und Moldovan Gheorghe zum zweiten Vorsitzenden. Ihre Nachfolge traten 1985 Manta Joan und Tantareanu Mihai an.
In den vergangenen Jahren ging die Zahl der Mitglieder und bearbeiteten Hühnerrassen zurück. Zur Zeit gibt es noch 3 Züchter mit 16 Hühnerrassen. Dennoch: Der Kleintierzüchterverein Schäßburg feierte vom 23. bis 25. Februar 1996 sein Jubiläum zum hundertjährigen Bestehen mit einer Ausstellung im Foyer des Stadthaussaales. Das Fernsehen, lokale und überregionale Zeitungen berichteten darüber und würdigten die 100jährige Geschichte des Vereins.
Josef Fritsch


 

 

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