HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Zehn Jahre Schäßburger Nachbarschaft in Heilbronn

In dem von Hans Richard Lienert gezeichneten Beitrag „Die Nachbarschaften der Stadt Schäßburg“ in dem Buch „Schäßburg – Bild einer siebenbürgischen Stadt“ stellt der Autor fest: „Die Lebens- und Wandlungsfähigkeit der Nachbarschaften erweist sich heute auch hier in Deutschland: Es gibt schon seit Jahren die in die Urheimat zurückverpflanzte „Schäßburger Nachbarschaft Heilbronn“. Genauer gesagt gibt es die Schäßburger Nachbarschaft in Heilbronn seit dem 30. November 1985, also seit zehn Jahren. Grund genug, über diese „Körperschaft“ siebenbürgischer Prägung auf bundesdeutschem Boden einmal zu berichten.
Der Gedanke, in der neuen Heimat eine Schäßburger Nachbarschaft zu gründen, lag tatsächlich sehr nahe, denn allein in dem Heilbronner Stadtviertel Böckingen haben sich zwischenzeitlich etwa 20 Schäßburger Familien niedergelassen.
Der eigentliche Grund zur Schaffung einer Nachbarschaft ergab sich aus der Tatsache heraus, daß einige der in Heilbronn und Umgebung wohnenden Schäßburger eine Spendenaktion in die Wege geleitet hatten, deren Ergebnis den Landsleuten in der alten Heimat zugute kommen sollte.
„Die spontane Sammlerei war nicht effektiv genug und auch mühselig“, fand Helmut Müller und so kam ihm der Gedanke, daß eine Nachbarschaft als eine „organisierte“ Institution gerade das Rchtige für die Umsetzung der Vorhaben der Schäßburger wäre. In einem Vorgespräch mit Schäßburgern, am 7. November 1985, brachte Helmut Müller sein Vorhaben zur Sprache. Die Idee wurde gutgeheißen. Es wurde eine Einladung zum „Schäßburger Treffen“ formuliert, in der „Siebenbürgischen Zeitung“ eine Ankündigung gebracht, Walter Lingner mit einem Dia-Vortrag über Schäßburg zum Treffen eingeladen und der 30. November als Termin festgelegt.
An diesem Samstagnachmittag trafen sich etwa 70 Schäßburger in einem Raum des Diakonischen Unterrichts und Freizeitzentrums, in der Nähe des Übergangswohnheims in Böckingen. Man saß bei Kaffee und Kuchen zusammen, unterhielt sich, sang Weihnachtslieder und lauschte den ansprechenden Worten von Pfarrer Günther Lutsch. Als die Diskussion auf die Gründung einer Schäßburger Nachbarschaft in Heilbronn kam und das „Ja“ der Anwesenden sichergestellt war, wurde Fritz Breihofer einstimmig zum ersten, bis gegenwärtig auch einzigen, weil immer wieder aufs neue gewählt, Nachbarvater gekürt. Dem Nachbarschaftsvorstand gehörten noch an: Helmut Müller, Regine Schuster, Gerhild Feder sowie der Kassierer Kurt Bartmus.
Vorneweg sei gesagt, daß diese Nachbarschaft zwar keine eigene „niedergeschriebene“ Satzung hat, etwa in der Art, wie man sie aus der alten Heimat kennt. Aber einige verbindliche ausgesprochene „Spielregeln“ könnten jedwelchem Statut entnommen worden sein. Eine davon ist die Beitragszahlung, die sich im Verlaufe der zehn Jahre nicht verändert hat und auch heute noch DM 12,— pro Jahr beträgt. Hinzu kommen noch Spenden, die für die Hilfeleistungen in der alten Heimat verwendet werden.
Ein Wesenszug der Nachbarschaft, und zwar der, der „territorialen Nähe“ seiner Mitglieder, entfällt hier ganz, denn wenn auch sehr viele Schäßburger im Stadtviertel Böckingen wohnen, so kommen andere doch von viel weiter her, beispielsweise aus den umliegenden Gemeinden und wieder andere, gar nicht so wenige, aus Bietigheim-Bissingen. Auch der Aspekt der „gegenseitigen Hilfe“ ist hier bedeutungslos. Die „nachbarschaftliche“ Hilfe der Heilbronner wird vielmehr den Schäßburgern in der alten Heimat zuteil. Vom Kassenwart der Nachbarschaft, Kurt Bartmus, erfuhren wir, daß im Verlaufe der verflossenen Jahre „Hilfeleistungen“ im Werte von rund 19.200 DM erbracht worden sind. Konkret waren das Paketsendungen mit Lebensmitteln und Sachgütern, die an die Evangelische Kirche in Schäßburg geschickt und von dieser an die Bedürftigen verteilt wurden. Ferner wurden zu jeder Christbescherung anfangs Pakete, in den letzten Jahren jedoch Geld geschickt, weil inzwischen damit mehr erreicht werden kann. So waren bereits 1989 die Fahrten von Fritz Breihofer bzw. Kurt Bartmus nach Schäßburg mit der Absicht durchgeführt worden, vor Ort mit harter Währung (jeweils DM 5.000,—) billig einzukaufen. Die so erworbenen Güter wurden danach von der Ev. Kirche aus Schäßburg an die Bedürftigen verteilt.
Für eine gezielte Hilfe war der Einkauf von Maschendraht, im Werte von DM 2.000,—, bestimmt, der nach Schäßburg gebracht, für die „Verschließung“ der Fenster von Berg- und Klosterkirche benutzt wurde.
Nicht unerwähnt bleiben sollen zwei weitere Spendenaktionen der Nachbarschaft. Im August vergangenen Jahres wurde, anläßlich des Treffens in Schäßburg, in der Klosterkirche eine Gedenktafel mit den Namenszügen der im Zweiten Weltkrieg Gefallenen sowie in der Deportation in Sowjetrußland verstorbenen Schäßburgern eingeweiht. Das aufwendige Projekt, nach einem Entwurf von Wilhelm Fabini ausgeführt, wurde von der Nachbarschaft mit DM 1.000,— unterstützt. Weitere DM 1.000,— wurden für das Kopieren der Kirchenmatrikeln, DM 500,— für Weihnachtsbescherung und DM 1.000,— für Friedofspflege bereitgestellt.

Gemütliches Beisammensein
Den Richttag, ein weiteres Charakteristikum der Nachbarschaften, gibt es in seiner ursprünglichen Form natürlich auch nicht. Da wird nicht mehr bei „geöffneter Nachbarschaftslade“ das Geld gezählt, Gericht gehalten, Verfehlungen geahndet und die Nichtteilnahme z. B. an einer gemeinnützigen Tätigkeit bestraft. Aber Rechenschaft wird schon abgelegt, alle zwei Jahre, wenn ein neuer Nachbarvater bzw. Vorstand gewählt wird. Das kann bei der Adventsfeier oder beim Frühlingsfest der Fall sein, wenn der Nachbarvater über Tun und Lassen der Nachbarschaft berichtet.
Diese zweimaligen Zusammenkünfte im Jahr sind für die Schäßburger aus Heilbronn und Umgebung äußerst wichtig. Beweis dafür sind die 70 bis 80 von insgesamt 103 Nachbarschaftsmitgliedern, die jedesmal dabei sind, z. B. bei der Adventsfeier im November. Man trifft sich im Ev. Gemeindehaus, bei Kaffee und (mitgebrachten) Kuchen. Zuvor haben die Frauen die Tische schön gedeckt und es liegen Blätter mit den Texten von Weihnachtsliedern vor. Es wird andächtiger, wenn Pfarrer Peter Madler ein paar Worte zu den Anwesenden spricht, mit Klavierbegleitung Weihnachtslieder gesungen werden, oder Edda Helwig bzw. Erika Leonhardt Texte oder Gedichte vorlesen. In den ersten Jahren haben Uwe Horwath oder Horst Schiroky kleine Singruppen dirigiert. Martha Löw bestreitet einen Klaviervortrag. Beim unterhaltsamen Teil der Zusammenkunft darf der Glühwein nicht fehlen, für den ein Obolus entrichtet wird, mit dem wiederum einige anfallende Kosten beglichen werden.
Beim Frühlingsfest, die zweite größere Veranstaltung der Schäßburger Nachbarschaft, wird nebst dem obligaten Kaffee und Kuchen auch ein Abendessen ausgegeben. Zum kulturellen Teil gehörten hier u. a. ein Dia-Vortrag von Dr. Michael Kroner über Nordsiebenbürgen, ein Lichtbildvortrag von Prof. Gustav Servatius über die Westkarpaten, von Fritz Breihofer organisierte Ausstellungen zum Zunftwesen (Schuster- bzw. Schreinerzunft) im mittelalterlichen Schäßburg sowie eine Keramikausstellung von Erwin Etter. Adolf Kroner war etliche Male mit seinen einzigartigen Schäßburg-Aquarellen dabei und Fritz Breihofer bestritt einen Dia-Vortrag über die Kokelstadt und andere siebenbürgische Wehranlagen. Ein Videofilm über Schäßburg von Günther Baier, einem „Hiesigen“, sollte sich als gelungenes Konterfei unserer alten Heimatstadt herausstellen.



Schon zur Tradition geworden ist die von Martin Binder organisierte Tombola, bei der es Gebrauchsgegenstände aus Keramik zu gewinnen gibt.
Unvergessen auch die „mici“-Party, 1987, im Garten von Nachbarvater Fritz Breihofer, bei der mit viel Frohsinn und Gesang (Akkordeonbegleitung Uwe Horwath) bis spät nach Mitternacht gefeiert wurde.

Schäßburger treffen sich in Heilbronn
Und dann die großen „Schäßburger Treffen“ in Heilbronn. Fritz Breihofer und sein kleines Organisationsteam meisterten diese Herausforderung bestens. Beim Treffen 1988 waren es über 1200 und drei Jahre später abermals rund 1100 Schäßburger, die sich in der Heilbronner „Harmonie“ ein Stelldichein gegeben hatten. Anläßlich dieser Treffen wurde eine „Gesandtschaft“ der Schäßburger Nachbarschaft beim Heilbronner Oberbürgermeister, Dr. Manfred Weinmann, vorstellig, um den OB offiziell zum Fest der Schäßburger einzuladen. Übrigens eine Gelegenheit, die höchste Stadtbehörde auf die Existenz der in der neuen Heimat lebenden und „integrierten“ Schäßburger aufmerksam zu machen.
Wie ein Schäßburger Treffen abläuft und was es da zu sehen und zu hören gibt, ist unseren Lesern schon bekannt. Erwähnt werden soll hier jedoch, daß anläßlich der beiden Treffen in Heilbronn jeweils ein Heftchen mit dem Titel „Schäßburg – Bilder aus Vergangenheit und Gegenwart einer siebenbürgischen Stadt“, von der Schäßburger Nachbarschaft Heilbronn herausgegeben worden ist. Sehr gelungen auch der Kunstkalender „Altschäßburg“ für das Jahr 1990, mit einem erläuternden Text von Dr. Michael Kroner. Und weil wir schon mal bei den Druckwerken sind, da muß natürlich auch das von dem Nachbarvater der Schäßburger Nachbarschaft, Fritz Breihofer, 1994 zusammengestellte und herausgegebene Buch „Die Deportation der Schäßburger in der UdSSR“ erwähnt werden. Rund 70 Exemplare dieses Buches wurden im August vergangenen Jahres, beim Treffen der Schäßburger in Schäßburg, den in Schäßburg lebenden Rußland-Deportierten überreicht.
Der Deportation der Schäßburger nach Rußland im Januar 1945 und der in der Ferne verstorbenen Landsleute war auch ein Gedenkgottesdienst am 15. Januar 1995 in der Heilbronner Kilians-Kirche gewidmet.
Ich will diese kleine Rückschau auf die Tätigkeit der Schäßburger Nachbarschaft in Heilbronn nicht beenden, ohne nicht auch auf das Chortreffen dreier siebenbürgischer Chöre im Jahre 1993 hingewiesen zu haben. Zwar war die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen der Initiator dieses Unterfangens, aber die „organisierende Hand“ in Heilbronn war ein weiteres Mal die von Nachbarvater Fritz Breihofer. Anlaß war die Tournee des von Prof. Hermann Baier geleiteten Schäßburger Kammerchors in Deutschland. In Heilbronn gesellten sich zwei weitere, von Schäßburgern dirigierte sächsische Chöre dazu. Es waren das der Chor aus Stuttgart, Dirigent Gernot Wagner, sowie der Chor der Gastgeber, zu dem Zeitpunkt von Uwe Horwath geleitet.
Dem im November1999 neu gewählten Nachbarschaftsvorstand möchte man bei dieser beeindruckenden Bilanz für die Zukunft noch viel Freude am Tun, Unternehmungsgeist und Durchhaltevermögen wünschen. Das sind gegenwärtig: Nachbarvater Fritz Breihofer, Nachbarmutter Brigitte Breihofer sowie Helmut Müller, Edda Knall und der zuverlässige, übrigens auch schon seit zehn Jahren tätige Kassenwart Kurt Bartmus.
Wenn diese Zeilen in den „Schäßburger Nachrichten“ Nr. 5 stehen, wird ein weiteres Frühlingsfest der Schäßburger Nachbarschaft in Heilbronn, und zwar am 20. April 1996, stattgefunden haben. Vielleicht lautete die Einladung zu diesem Fest dann etwa so, um mit den Worten des Nachbarvaters Eduard Martini, von der Vorderen Markt Nachbarschaft im Jahre 1899 z sprechen:

Ehrsame Nachbarschaft!
Die ehrsamt unterschriebene Nachbarschaft aus Heilbronn, beabsichtigt am 20. April d.J. um 15 Uhr im Evangelischen Gemeindehaus, Am Rotbach 6, zu Frankenbach/Heilbronn das diesjährige Frühlingsfest feierlichst zu begehen und erlaubt sich die Ehrliche Schäßburger Nachbarschaft hiezu höflichst einzuladen ...“
Nachbarschaftsmitglied
Helwig Schuman


 

 

 

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