HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Die Leistung unserer Lehrer in schwerster Zeit

Erinnerungen an die Professoren des "Bischof-Teutsch-Gymnasiums" von Schäßburg im Zeitabschnitt 1944 bis 1948

Die schwerwiegenden politischen Ereignisse vom 23. August 1944 brachten auch das siebenbürgisch-deutsche Schulwesen, das die "Deutsche Volksgruppe in Rumänien" 1941/42 übereilt der Trägerschaft der evang. Landeskirche entzogen hatte, in eine existenzbedrohende Lage. Doch reagierte unsere Kirchenführung prompt und richtig, indem sie trotz fehlender Legalisierung durch den Staat die Schulen wieder "übernahm" und bereits im Herbst 1944 die Weisung gab, landesweit den Unterricht sofort aufzunehmen. So kam es, historisch bedingt, zu einem Versuch des Wiederaufbaus der traditionellen sieben-bürgisch-deutschen Kirchenschule ("Rekonfessionalisierung"), die zu den überlieferten Idealen der humanistischen Erziehungsschule zurückzufinden hoffte. Doch währte diese Phase nur bis 1948, als das gesamte Unterrichtswesen des Landes durch die sozialistische Schulrefom verstaatlicht wurde.

Der vorliegende Beitrag bezieht sich ausschließlich auf die Periode 1944 bis 1948 und ist der Erinnerung an die Professoren des "Bischof-Teutsch-Gymnasiums" - so betitelt wurden doch unsere Gymnasiallehrer nach österreichischem Sprachgebrauch - in Dankbarkeit gewidmet.

Ich erinnere mich an einen Zeitungsaufsatz über "Lehrer", den ich vor vielen Jahren einmal gelesen habe und der mit den Worten begann: "Man liebt sie mit einem Rest von Furcht und fürchtet sie mit einem Rest von Liebe ..." In deutlicher Erinnerung geblieben ist mir auch das Bibelzitat zum Lobe der Lehrer, von dem Prof. Julius Hollitzer in seiner Rede am Grabe des ehemaligen Bergschulprofessors Carl Seraphin (gest. 1951) ausging: "Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln, die durch das Jammertal gehen und machen daselbst Brunnen; und die Lehrer werden mit viel Segen geschmückt" (PS. 84, V 6-7). Diese schönen Worte über Lehrer sind für unsere Gymnasialprofessoren voll zutreffend: sie waren achtens- und liebenswert, gleichzeitig Respektpersonen, vor denen man sich zusammennehmen mußte, die nicht bloß unterrichteten, sondern im persönlichen Vorbild auch in unserer Erziehung ein wichtiges Anliegen sahen. In Schäßburg waren die Gymnasialprofessoren als wichtigste Kulturträger unseres Städtchens anerkannt. Wenn auch jeder seinen überlieferten Spitznamen hatte (siehe die Liste unserer Professoren), so tat das ihrer Autorität keinen Abbruch. Man sprach sie immer mit Titel an, z. B. "Herr Professor, der Herr Professor X läßt dem Herrn Professor sagen etc. ...". Das alles auch in schwerster Zeit politischen Umbruchs und äußerer Armut. Da es der Kirchenverwaltung unmöglich war, pünktlich Gehälter auszuzahlen, verrichteten unsere Lehrer ihre Arbeit lange Zeit nur für "Gotteslohn". Nicht vergessen dürfen wir allerdings die freiwilligen materiellen Hilfen, welche die sächsischen Vertreter von Industrie und Handel der Stadt leisteten, die bis zur Verstaatlichung der Fabriken am 11. Juni 1948 noch über die entsprechenden Mittel verfügten. Der Lehrkörper war überaltert, mehrere der Professoren hätten nach jahrzehntelanger Berufstätigkeit längst in Rente gehen können, doch mangelte es an jungen Nachwuchskräften, und für einige wichtige Fächer fehlten die Fachlehrer. Von den Lehrern, die bis 1944 zum Gymnasium gehört hatten, waren durch die Kriegsereignisse bedingt mehrere abwesend (siehe Liste). Zum erstenmal in der Geschichte des Gymnasiums unterrichteten nun auch weibliche Lehrkräfte und "standen ihren Mann" - so wie erstmalig auch einige Schülerinnen das Obergymnasium besuchten, das bislang immer nur ein Jungengymnasium gewesen war. Selma Roth brachte uns in fröhlich verlaufenden Stunden die Grundkenntnisse der französischen Sprache bei. Hier bestand Nachholbedarf, denn während der Jahre 1941 bis 1944 gab es keinen Fremdsprachenunterricht. Erika Gärtner, jung verheiratet und Mutter, ihr Ehegatte weit, hatte zeitweilig als einzige Musiklehrerin ein riesiges Arbeitspensum an mehreren Schulen und zahlreichen Klassen zu verrichten und tat das stets freundlich und unverdrossen.

Kriegsbakkalaureat 1943 mit den Professoren

Obwohl das Gymnasium seine Lehrmittelsammlung größtenteils über den Krieg hinaus retten konnte (man hatte sie z. T. in der Sakristei der Bergkirche untergebracht, als im Frühjahr 1944 das Schulgebäude geräumt werden mußte), fehlte doch vieles, vor allem entsprechende bzw. genehmigte Lehrbücher. Wir schrieben eben die Vorträge der Lehrer nach und lernten nach diesen Notizen. Unsere Gymnasiallehrer haben auch in schwerster Zeit Vorbildliches in der Unterrichts- und Erziehungsarbeit geleistet. Prof. Hollitzer, bis 1944 Direktor (wir sprachen ihn auch später oft mit diesem Titel an, was er jedoch ärgerlich ablehnte), war stets bemüht, erzieherisch auf uns einzuwirken: Ordnung, Disziplin, Pflichtbewußtsein, Verantwortlichkeit waren seine ständigen Erziehungsziele. Ein Wort oder ein Blick von ihm genügte, um zu Herzen genommen zu werden. Manche Stunde haben wir in der Freizeit unter seiner Anleitung und Mithilfe den Schulberg und den Bergfriedhof gepflegt. Prof. Heinrich Höhrs Naturkundeunterricht, gespickt mit Hermann Löns oder Goethes "Faust", konnte richtig begeistern und hat manchen Schüler zum späteren Studium der Naturwissenschaften angeregt. Seine Ausführungen über die herbstliche Laubverfärbung und den Laubfall oder über den Vogelzug glichen Universitätsvorlesungen. Alles unter dem Motto: "Die Natur ist das einzige Buch, das auf allen Seiten großen Inhalt bietet" (Goethe).

Prof. Hans Theils Lateinunterricht weckte Interesse für die Kultur und Literatur der Antike, und Prof. Gustav Schotsch erarbeitete mit uns nach einer wahren Seminarmethode Kapitel der deutschen Literaturgeschichte. Komplizierte Experimente im Physikunterricht von Prof. Karl Roth hätten mancher Hochschule zur Ehre gereicht. Der Zeichenunterricht von Prof. Georg Donath entsprach einer umfassenden Kunsterziehung. Von vermittelten Kenntnissen und Fertigkeiten über die Perspektive haben viele ehemalige Schüler an der technischen Hochschule profitiert. Unser damals jüngster Lehrer, Prof. Richard Lang, wußte uns durch Schwung und imponierende Kenntnisse für Philosophie und Psychologie zu begeistern. Prof. Hans Weber erklärte uns die Geographie immer von Klimaverhältnissen ausgehend - und last not least, Prof. Hans Markus, Direktor des Gymnasiums in Nachfolge Hollitzers, schärfte uns den Blick für große Zusammenhänge von Zeit - Raum - Mensch in der Geschichte und vermittelte uns reiche Kenntnisse über die Geschichte Siebenbürgens für den späteren Lebensweg. Unseren Konfirmandenunterricht erteilte uns Stadtpfarrer Dr. Wilhelm Wagner persönlich. Es war für unsere Professoren, die noch im Geiste der überlieferten siebenbürgisch-sächsischen Schule geprägt waren, nicht leicht, die Interessen des Gymnasiums in einer Zeit widersprüchlicher politischer Entwicklung nach außen zu vertreten. Ein links orientierter politischer Inspektor, der im Schuljahr 1947/48 die Schule aufsuchte, gab seine Unzufriedenheit mit der ideologischen Ausrichtung des Unterrichts zu Protokoll. Ich erinnere mich, daß uns Prof. Hollitzer einmal sagte: "Lernt russisch, es sieht so aus, als ob wir bis zum Herbst an die Sowjetunion angeschlossen würden." Auch eine komische Begebenheit aus dieser Zeit fällt mir ein: Unser Schulchor wurde aufgefordert bei einer demokratisch-kommunistischen Veranstaltung im Stadthaussaal mit zwei Liedern aufzutreten (ausdrücklich: in rumänischer Sprache!). Prof. Paul Schuller übte mit uns ein fortschrittliches Lied ein ("La munca azi tara ne cheama ..."), doch für ein zweites reichte die Zeit nicht mehr. Da wußte er sich zu helfen. Er unterlegte dem uns aus dem Kirchenchor wohlbekannten "Singet dem Herrn ein neues Lied, verkündet sein Lob in Ewigkeit, groß ist der Herr und ewig erbarmungs-voll . . ." einen eigenen rumänischen Text zum Lobe Lenins ("Fauritor al lumii noi, marire în veci noi tie-ti dorim, tu ne-ai salvat si tu ne-ai eliberat..."), und unser Chorauftritt wurde ein Erfolg und verlief zu aller Zufriedenheit. Trotz der Schwere der Zeit sind mir diese Schuljahre nach dem Krieg in schöner Erinnerung. Und daß wir unsere Bergschule und ihre Lehrer liebten und ihren Verlust schmerzlich empfanden, geht auch aus folgendem hervor: Als wir nach der Schulreform 1948 ins rumänische Gymnasium hinüberwechselten (die Bergschule war zu einer pädagogischen Schule umgewandelt worden), konnten wir nach der dortigen Eröffnungsfeier des Schuljahres 1948/49 nicht schnell genug auf den Schulberg zu unserem alten Gymnasium hinaufrennen, um auch dort einmal einen Schulbeginn mitzuerleben, so wie wir es gewohnt waren.

Die Professoren des "Bischof-Teutsch-Gymnasiums" 1944 bis 1948
Georg Donath (Tschick), Zeichnen; Erika Gärtner, Musik; Heinrich Höhr (Heinrich), Naturkunde; Julius Hollitzer (Nastor), Rumänisch; Richard Lang, Philosophie, Psychologie; Egon Machat, Französisch; Fritz Markus (Pitz), Hygiene, Schularzt; Hans Markus (Mokan), Geschichte, Religion, Direktor; Karl Reinerth, Mathematik; Karl Roth (Physi), Physik; Selma Roth (Selma), Französisch; Gustav Schotsch (Mythos), Deutsch; Gustav Schuller (Mops), Chemie, Mathematik; Paul Schuller, Musik; Wilhelm Teutsch (Petrenz), Deutsch; Hans Theil (Costache), Latein; Hans Weber (Stieglitz), Geographie.

Zeitbedingt fehlten folgende Professoren
Hans Kraus (Caruso), Turnen und Sport; Viktor Meltzer (Mufti), Rumänisch, Deutsch; Otto Roth (Lungu, Totz), Französisch; Karl Theil (Domi), Musik; Konrad Orendi (Scharpe), Französisch; Julius Waedt (Bazillus), Hygiene, Schularzt.

Walter Roth
(Aus "Schäßburger Nachrichten", Folge 5, Juni 1996)

 

 

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