HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
In der ersten Reihe stand die SchuleFrau Prof. Selma Roth zum 90!
"Ich gehöre nicht zu denen, die in Erscheinung treten oder im Rampenlicht stehen wollen, ich habe nie etwas anderes getan als meine Pflicht. In erster Reihe stand bei mir immer die Schule, die war mein Leben." Mit solchem Hinweis wollte sie unserer Laudatio vorbeugen. Und dennoch: Auch Schülerinnen haben Pflichten.
Von 1931 bis 1971 (40 Jahre!) tat Selma Roth dann Dienst an Schulen in Schäßburg. Auf leichte und schwere, fröhliche und traurige, erfreuliche und bedrückende, fette und magere 40 Schulmeisterjahre kann sie heute zurückblicken. Während ihrer ersten Dienstjahre wohnte Selma im Hause Mild, in der Schulgasse. In der Vorweihnachtszeit war das große Zimmer zweimal wöchentlich mit bis zu 20 Schülerinnen bevölkert, die hier an ihren Weihnachtsgeschenken arbeiteten. Dabei wurde vorgelesen und gesungen, auch wenn Selma selber nicht den Ton angab, weil sie - wie sie meint - nicht singen konnte. Die bei diesen gemütlichen Nachmittagen hergestellten Geschenke wurden dann echte Überraschungen, die auch von den neugierigsten Müttern nicht entdeckt worden waren. Die Schülerinnen der jungen "Frau Professor" haben solche Stunden mit ihr stets in bester Erinnerung behalten. Unvergeßliche, bleibende Erinnerungen mit prägendem Wert waren
Schulausflüge und -reisen. Frau Prof. Roth gehörte immer zu
denen, die zusätzliche Mühen und Verantwortung auf sich nahmen,
um ihre Schützlinge alljährlich ein Stück Bergwelt in den
Karpaten erleben zu lassen. Nach jeder dieser "Unter nehmungen"
atmete sie aberstets sehr erleichtert auf, wenn sie alle ihre Schäflein
unversehrt wieder nach Hause gebracht hatte. Auch noch etwas hatte sich damals in Kronstadt angebahnt: Die Bekanntschaft
einer jungen Schäßburgerin mit dem Sohn ihrer Gastfamilie,
ein Band, das sich immer fester knüpfte bis zur Eheschließung
nach einigen Jahren; auch ein Erfolg! Werfen wir auch einen erinnernden Blick in ihre Unterrichtswerkstatt! Viele von uns, die wir Selma Roths ehemalige Schülerinnen waren, sind später Lehrerinnen geworden, sie unterrichte ja auch an der LBA (sprich am "Sem"). So können wir ihr pädagogisches Talent auch richtig einschätzen. Sicherlich ist es nicht nur das angeborene Talent, das einem pädagogische Erfolge beschert. Ohne Fleiß, gewissenhafte Vorbereitung, viel Geduld und immer neue Einfühlung und Anpassung an die Gegebenheiten, kann sich auch das Talent nicht entfalten. In keine Unterrichtsstunde ist sie unvorbereitet gegangen, auch wenn sie den Stoff seit Jahren "drauf" hatte. Erst das vorbereitende Überdenken der Stunde, kleine Neuerungen methodischer Schritte und neue Einfalle führten letztlich zum Erfolg. Oft blieb für die Vorbereitungen nur in der Nacht Zeit, denn am Tage stellten Familie und Haushalt ihre großen Anforderungen. Auch in diesen Jahren - inzwischen verheiratet und mit Familie - wohnte
sie, wie die meisten unserer Lehrer, auf der Burg, aber nicht in einem
der vielen Nebengäßchen, sondern zentral, am Burgplatz, mit
ihrem Schreibtischarbeitsplatz direkt am großen Bogenfenster, und
wir Schülerinnen, Einheimische wie auch alle Internen, waren bei
allen unseren Wegen in ihrem Blickwinkel. Auch das hat uns geprägt.
Sie wirkte erziehend, inner- und außerhalb des Unterrichts. Im Fremdsprachenunterricht
gab es damals keine Sprachlabors, keine Computerprogramme u. a., aber
Selma hatte ihre eigenen und dauerhaft wirksamen Methoden. Dazu gehörten
zum Beispiel die fünf lakonisch gesprochenen Worte, die wir hörten,
wenn wir etwas vergessen hatten - meist war es das Vokabelheft, aber auch
die Hausaufgaben oder das Buch -: "Morgen früh um halb acht
...". Zum Lernen und Üben der Vokabeln gab's das "Striche-Spiel". Wer Fremdsprache unterrichtet, sollte sich darüber informieren, ich kenne keine bessere Methode zur Vokabel-Kontrolle. Sie verstand es auch, eine große Klasse, wie wir sie waren, 45 lebhafte Teenies, im Griff zu halten und nicht in schläfrige Langeweile absacken zu lassen. Während der Abhörphase, wenn eine Mitschülerin an der Tafel stand und ihre Hausaufgaben präsentierte, mußten alle anderen genau zuhören, denn wer zuerst einen Fehler in den Antworten der an der Tafel Stehenden meldete, erhielt einen Pluspunkt. Die Pluspunkte wurden addiert, und sie schaffte es, alles zu notieren und entsprechend zu berücksichtigen. (Ein Fehler, der sich im Rumänisch-Unterricht oft wiederholte, weil man aus dem Deutschen übersetzte, lautete - ich kann den Satz auf Anhieb noch - "Dupa o prepozitie se intrebuinteaza forma nehotarîta"!) Ab 1961 war Selma Roth Rentnerin, aber eine Rentnerin, die weiter mit vollem Lehrauftrag noch zehn Jahre arbeitete. Seit 1979 lebt sie in Heilbronn. Ihre physische Beweglichkeit ist nach einem Oberschenkelhalsbruch eingeschränkt, sie ist auch mit ihrer Sehkraft und ihrem Gedächtnis nicht mehr zufrieden, aber sie hat ihre eigene Wohnung, nicht weit von ihrer ältesten Tochter und nimmt an allen Familienereignissen und sonstigen Geschehnissen regen Anteil. Daß sie das alles, sowie auch die wöchentlichen Canasta-Runden, noch recht lange erleben und genießen möge, dazu wünschen wir, ihre ehemaligen Schülerinnen, ihr noch: "Was ist die größte Kunst auf Erden? Möge die Jubilarin zufrieden und dankbar erkennen, wie vieles sie
in ihrem Leben zum Guten wirken konnte. Martha Löw
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