HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
Anspruchsvoller Künstler in eigener WeltJohann Untch zum 70. Ein Schäßburger Künstler vollendet am 6. September 1996 sein 70. Lebensjahr. Oder sollte man besser "ein in Schäßburg geborener siebenbürgisch-sächsischer Künstler" sagen, um das ländliche Umfeld seiner und letztlich unser aller Herkunft dann aber auch seinen Wirkungskreis in Bukarest und später in Fürth gleich eingangs nicht zu übergehen?
Er gehört dem Jahrgang 1926 an, war Schüler der "Sommeroktava 1944" des Bischof-Teutsch-Gymnasiums, die ein Jahr vor dem regulären Bakalaureat (1945) noch zum Kriegsdienst einberufen werden sollte, ging nach dem Waffenstillstand Rumäniens am 23. August 1944 mit vielen seiner Schulkameraden bei Nadesch über die Grenze, verteidigte als Artillerist Berlin bei den Seelower Höhen, geriet in russische Gefangenschaft und schaffte es dennoch, bereits 1945 wieder zu Hause zu sein. Gratulation und Respekt!
Das für September 1944 geplante Kriegs-Bakalaureat war nunmehr aber zunächst nachzuholen. Es folgten ein Jahr als Hilfslehrer in Zendersch, dann zwei Jahre rumänischer Militärdienst und anschließend erst zwölf Semester (1950 bis 1956) Studium an der Kunstakademie in Bukarest mit den Schwerpunkten Zeichnen, freie Graphik, Druckgraphik und Illustration sowie der Abschluß mit Diplom und Staatsexamen. Von diesem Zeitpunkt an und bis zu seiner Ausreise in die Bundesrepublik (1982) war er Mitglied in verschiedenen Gremien, leitete die Druckwerkstatt des Verbandes und war unter anderem auch künstlerischer Beirat bei der rumänischen Post. Dann wurde er Lehrer für Druckgraphik am Kunstlyzeum Bukarest und anschließend zum Dozenten (betraut mit der Führung einer Graphik-Klasse) am Katheder für Malerei und Graphik an der Kunstakademie Bukarest berufen. Im Laufe der Jahre entstanden viele Zeichnungen, Radierungen, Lithographien, Holz- und Linolschnitte, Illustrationen, Briefmarken und Ersttagsbriefe sowie Arbeiten auf dem Gebiet der Gebrauchs- und Werbegraphik und Design.
Um sein künstlerisches Schaffen wertend zu würdigen, muß ich - da der Fachsprache nicht kundig - bei anderen Anleihen machen, darf dies wohl auch, da es ja die Aufgabe von Fach-Rezensenten ist, dem Betrachter den Zugang zu einem Kunstwerk zu erleichtern. Und J. Untch machte es sich und dem Betrachter aber auch wahrlich niemals leicht. Von Surrealismus ist häufig zu lesen. Vielleicht sollte man besser von phantastischem Realismus sprechen. So gesehen sei mir eine persönliche Vorbemerkung aber dennoch gestattet.
Bei meinen häufigen Besuchen im Elternhaus, in Bukarest, später auch im gastlichen Fürth, gewann ich einen kleinen Einblick in seine Gedankenwelt. Wenn es die Zeit zuließ, begann er den Tag mit der Lektüre aller greifbaren Tageszeitungen, um - wie vielleicht andere auch - faustisch zu erkunden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Er blieb am Weltgeschehen interessiert und war stets in Raum und Zeit unterwegs. Dabei reiften dann Ideen, Gedanken und Entscheidungen, die ihn gegebenenfalls über viele Jahre beschäftigten. So wurden Einzelereignisse symbolisiert und in eine Gesamtkomposition eingebracht. Wie die Welt, so das Ergebnis, Latentes wurde dabei wie aus einer anderen, erträumten Welt an die Oberfläche geholt (R. Brotschi). Ein Ausschließlichkeitsergebnis hat er von keinem der Betrachter je erwartet. J. Untch ist kein Künstler, der einem abgewandelten Ausspruch Julius
Caesars folgt, der da lauten könnte: "Ich kam, ich sah ... und
malte". Bei ihm liegt es nahe, seine Arbeiten mit einem beeindruckenden,
hintergründigen Monolog - vielleicht sogar einem "Ein-Mann-Stück"
- oder einer wunderbaren Arie in sakraler Umgebung zu vergleichen. Räume
werden zu Bühnen (E. Laubeck), auf denen unsere Träume gespielt,
gegebenenfalls gesungen werden. Ich entsinne mich nicht, von ihm jemals
eine verinnerlichte Erklärung zu einem seiner Bilder erhalten zu
haben. Statt dessen kam stets die Aufforderung, mir bei der Betrachtung
und Deutung Zeit zu lassen, philosophieren könnten wir dann nach
Mitternacht bei einer guten Flasche Wein ... heute leider nicht mehr von
Reichesdorf oder Probstdorf. Es gab auch Versuche, seine Bilder mit lyrischen
Begleittexten zu untermalen. Versucht man sich in sein zeichnerisches Können, seine technischen Fähigkeiten und Fertigkeiten einzusehen, stößt man auf eine "lupenscharfe Konstruktion von architektonischen Elementen" (R. Brotschi). Hier hat wohl unser Zeichenlehrer seine Spuren hinterlassen, weil ich von ihm wiederholt den Satz hörte, räumliches Sehen habe er bei ihm mit seiner einmaligen Lehrmethode gelernt. Eine unübertreffliche Akribie und eine "kaum noch anzutreffende Akuratesse" (H. Lauer), Qualität und Professionalität in Inhalt und Form sind seine weiteren Markenzeichen, die wohl nur von gleichwertigen Könnern anerkannt werden. Und wer da glaubte, schwarz sei schwarz und weiß eben weiß, der irrte, da die unübersehbaren Zwischentöne ("fast koloristisch wirkenden Tönungen" W. Gottschick) einem nicht nur einen Einblick in Raum und Zeit vermitteln, beim Laien wohl auch die Frage aufwerfen, wie man das überhaupt macht. "Kontrollierte Perfektion" ist eine Antwort (F. Heinz). Vielleicht beinhaltet der von unserem Zeichenlehrer wiederholt verkündete Satz "Kunst kommt von Können" eben doch eine bleibende, absolute Wahrheit. Seine Zeichnungen waren wiederholt Anziehungspunkte nationaler und internationaler
Ausstellungen. Überliefert sind Einzel-, Doppel- und Gruppenausstellungen
von Wien bis Moskau, Kuba bis Israel (siehe beigefügte Ablichtung). Die HOG-Schäßburg und alle seine Freunde wünschen ihm auf diesem Wege noch viele Jahre erfolgreichen Schaffens! H.B.
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