HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Einsatz von Schwester Antje Rothwell aus Bremen beim Aufbau der Schwesternstation in Schäßburg

Die Kirchengemeinde Schäßburg der Evangelischen Kirche A.B. bildet mit zur Zeit 580 Gemeindemitgliedern das Zentrum des Kirchenbezirkes Schäßburg. Die Abwanderung junger Familien nach Deutschland und Österreich findet weiterhin statt und wird in dem neuesten Bericht des Dechanten mit jährlich bis zu zehn Prozent beziffert. Die Versorgung der zurückgebliebenen alten Menschen ist darum der Kirchengemeinde ein großes Problem geworden.

Über den Einsatz einer Fachkraft aus Bremen wurde zwischen der evangelischen Gemeinde und dem Diakonischen Werk Bremen eine Vereinbarung getroffen. Am 1. April 1993 begann Schwester Antje Rothwell ihren Einsatz in Schäßburg.


Ambulante Versorgung von älteren und kranken Menschen

Diese Arbeit mußte von Schwester Antje neu aufgebaut werden. Die Diakoniebeauftragte der Gemeinde wurde von Anfang an einbezogen und in der praktischen Arbeit ausgebildet.

Die alten Menschen werden nach einem feststehenden Wochenrhythmus besucht und behandelt sowie mit Medikamenten, Pflege- und Verbandsmaterial versorgt. Schwester Antje übernimmt in vielen Fällen auch Aufgaben, die bei uns nur von Ärzten geleistet werden dürfen.

Im Rahmen der ambulanten Versorgung wird auch seelsorgerliche Arbeit geleistet, die für die Menschen in ihrer Vereinsamung von großer Bedeutung ist.

Ambulante Versorgung in über 30 Dörfern

Zum Diaspora-Pfarramt in Schäßburg gehören weitere 30 Dörfer. Die Versorgung der alten Menschen, die in den Dörfern isoliert und in großer Vereinsamung inmitten der rumänischen Bevölkerung leben, wurde von Schwester Antje aufgebaut.

Die Diakoniebeauftragte ist auch in diese Arbeit einbezogen und inzwischen imstande, die Versorgung zeitweise selbständig durchzuführen.

Errichtung eines Pflegenestes

Viele alte Menschen sind durch Krankheit, Gebrechlichkeit oder traumatische Ereignisse nicht mehr in der Lage, trotz der ambulanten Versorgung alleine in ihren Wohnungen und Häusern zu bleiben. Eine Unterbringung in einem Pflegeheim ist aber nicht möglich, da es in Schäßburg kein entsprechendes Angebot gibt.

Deshalb richtete Schwester Antje in einer Wohnung der Kirchengemeinde auf der Burg ein "Pflegenest" mit drei Pflegebetten ein. Alte Menschen können hier aufgenommen werden und nach einer Besserung ihres Krankheitszustandes wieder in die eigene Wohnung zurückkehren.

Das Schäßburger Modell eines Pflegenestes hat weit über die Grenzen Schäßburgs hinaus Beachtung und Nachahmer gefunden. Jetzt wurde das Pflegenest mit zwei Betten für eine Kurzzeitpflege erweitert.

Essen auf Rädern


Der Trocken- und Bügelraum im Waschservice. Foto: Walter Lingner

 

Die Kirchengemeinde Schäßburg hat die Aktion Essen auf Rädern für ca. 30 Personen organisiert.

Kirchenvorsteher und Gemeindemitglieder fahren ehrenamtlich das Essen in die Häuser. Die Bezieher von Essen auf Rädern werden von Schwester Antje und ihren Mitarbeiterinnen besucht und betreut.

Apotheke in Schäßburg

Medikamente sind in Rumänien unerschwinglich und in der gewünschten Qualität nicht zu haben. So lag es nahe, eine kleine Apotheke im Predigerhaus einzurichten, die täglich geöffnet ist.

Medikamente, die aus Deutschland kommen, können unentgeltlich für alle Teile der Bevölkerung ausgegeben werden. Dadurch ergibt sich ein guter Kontakt zu anderen Bevölkerungskreisen.

Waschservice


Das Krankenzimmer im Pflegenest. Foto: Walter Lingner

 

Bei der Pflegearbeit in Schäßburg und Umgebung hat sich herausgestellt, daß das Waschen und Trocknen der Wäsche für die alten Menschen nicht nur im Winter ein großes Problem darstellt. In vielen Häusern muß das Wasser aus dem Brunnen geschöpft werden. Waschmaschinen stehen nicht zur Verfügung.

Schwester Antje richtet zur Zeit in den Kellerräumen des Bezirkskonsistoriums, Eingang Pfarrgäßchen, ein Waschzentrum ein. Technische Geräte und Materialien für die Installation sind zum Teil aus Bremen geliefert worden.

Familienhilfe und weitere Kontakte

Da die soziale Versorgung in Rumänien denkbar schlecht ist, wurde Schwester Antje in schwierigen Fällen immer wieder um Hilfe gebeten.

Es gibt Familien mit kranken oder verwahrlosten Kindern, die in unmenschlichen Zuständen leben müssen. Psychisch gestörte Menschen sind unversorgt. Alleinstehende Mütter sind hilflos im Umgang mit den Problemen ihrer Kinder.

Schwester Antje hat gute Kontakte zu staatlichen Stellen aufgebaut, um in besonders schwierigen Situationen Hilfe organisieren zu können.

In rumänischen Zeitungen wurde oft von der Pflegetätigkeit in Schäßburg berichtet. Darum gab es Anfragen aus ganz Rumänien über pflegerische Hilfen, die von Schwester Antje beantwortet wurden.


Schulung von Mitarbeiterinnen

Inzwischen konnten einige Mitarbeiterinnen eingestellt werden.

Frau Erika Duma, die Diakoniebeauftragte in Schäßburg, arbeitet in Betreuung und Pflege mit. Sie wurde in Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk in Hermannstadt ausgebildet.

Frau Alexandra Dopp und eine weitere Mitarbeiterin wurden 1996 für die Tätigkeit im Pflegenest ausgebildet.

Eine Praktikantin aus Lasseln hat bereits eine Ausbildung in Tîrgu Mures für den med. techn. Bereich absolviert und lernt im Pflegenest die praktische Arbeit kennen.

Adalbert Siedler
Diakonisches Werk Bremen eV
Blumenthalstraße 10, 28209 Bremen

* Anmerkung der Redaktion: Im Oktober d.J. traf sich Walter Lingner mit einer Vertretung der Diakonie Bremen (Präsident Heinz-Hermann Brauer, Pfarrer Manfred Schulken und Schatzmeister Adalbert Siedler) in Schäßburg. Es wurden Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit der HOG auf dem Gebiet der humanitären Hilfe in Schäßburg erörtert.


Die Vertreter der Bremer Diakonie, Gäste des Schäßburger Presbyteriums.
V.l.n.r.: E. Siedler, Schwester Antje Rothwell, A. Siedler, A. Pîra, W. Lahni,
A. Schulken, B. Brauer, H.H. Brauer, A. Christiani, M. Schulken, M. Kovacs.
Foto: Walter Lingner

 


Unterstützung aus Ladenburg/Neckar

Die evangelische Kirchengemeinde in Ladenburg sowie Lehrer Matthias Schenkel und Schüler der Elisabeth-von-Thadden-Schule unterstützen die Arbeit des Diakoinischen Werkes durch eigene Leistungen. Unter dem Stichwort "Diakonie Schäßburg" richteten sie ein eigenes Spendenkonto ein.


Bisherige Aktivitäten für die Diakonie in Schäßburg

März 1994 1. Transport Ladenburg - Schäßburg 25.000 DM
Advent 1994 Thaddenschüler sammeln ca. 400 Tafeln Schokolade für die Weihnachtsfeier Schäßburger Kinder
1995 Mehrere kleinere Transporte 2.500 DM
Advent 1995 Thaddenschüler sammeln über 600 Tafeln Schokolade für die Weihnachtsfeier Schäßburger Kinde
Winter 1995/96 Sammelaktion für die Renovierung des Keisder KindergartensErgebnis: (= 90 % der Renovierungskosten) 7.000 DM
1996 Zwei kleinere Transporte 8.000 DM

Die Sammelaktion für die Diakonie Schäßburg wurde dabei immer wieder von Betrieben unterstützt:
Spedition VOKO-Trans, Heidelberg
Wäschekrone, Laichingen/Württemberg
Galenusapotheke, Ladenburg
Fotosatz Weik, Ladenburg
Omnibus-Hirsch, Karlsruhe

In einem Bericht vom 20. September 1996 informiert uns Herr Mathias Schenkel über seine Eindrücke in Schäßburg und Umgebung. Daraus entnehmen wir folgende Schilderungen:

... Am Mittwoch besichtige ich den neuen Waschsalon. Drei Räume wurden instand gesetzt: Ein Trockenraum, ein Waschraum und ein Bügelraum. Im Sommer kann die Wäsche auch im Hof getrocknet werden. Den älteren Mitbürgern, vor allem denen, die noch mit Brunnenwasser leben, kann viel Arbeit abgenommen werden, indem ihre Wäsche gewaschen wird. Inzwischen wird Frau L. dort arbeiten, sie kann ihre minimale Witwenrente aufbessern. Das ist sehr wichtig, da sie auch noch ihren behinderten Bruder betreut und versorgt.

Es ist für mich eigentlich schon selbstverständlich, auch das Kleinod "Pflegenest" zu besuchen. Frau M. hat sich in diesem Jahr im Pflegenest erholen können und wirtschaftet wieder alleine. Das Essen auf Rädern kommt täglich. Zwei Frauen, die im Pflegenest lagen, sind im Juli gestorben. Jetzt werden eine Sächsin, die zu Hause gelegen hat, und eine Rumänin gepflegt. Eine weitere Sächsin wohnt nach wir vor im Pflegenest.

Am Donnerstag wurde ich mit dem Mikrobus der Kirchengemeinde nach Hermannstadt mitgenommen. Schwester Antje und Schwester Erika müssen zum Diakonischen Werk gehen; ich nutze den Aufenthalt, um einen leitenden Notarzt zu sprechen. Er schildert mir die schwierige Situation des rumänischen Gesundheitswesens. An Hygiene mangelt es überall. In den letzten sieben Jahren, seit dem Umbruch, wurden nur geringe Fortschritte erzielt. Die Selbstverantwortung hat sich bisher kaum durchgesetzt. Er bestätigt, ohne es zu wissen, eindrucksvoll das Konzept von Schwester Antje.

Am Freitag gehen wir auf Stadttour. Auf der Burg muß Frau G. ein frischer Katheter angelegt werden. In der Schaaser Vorstadt schauen wir bei Frau R., eine der vielen Ulcus-cruris-Patientinnen, vorbei. Es ist wichtig, da Schwester Antje regelmäßig selbst verbindet und mit den Angehörigen über die weitere Pflege spricht. In der Baiergasse besuchen wir Frau S., sie hat Herzprobleme und Wasser in den Beinen. Frau S. wird am besten wohl im Pflegenest in nächster Zeit aufgehoben sein und dort Kraft schöpfen können. In der Dumbrava-Straße warten schon Frau Ch. Und ihre behinderte Tochter. Die ausdauernde Pflege hat ermöglicht, dass ihr Ulcus cruris gut verheilt. Die behinderte Tochter hält sich zu Hause auf, da es in Rumänien keine Behinderteneinrichtungen gibt. Die Besuche bei Patienten haben mir klar gezeigt, dass das Arbeitspensum der Diakonie im Vergleich zum Vorjahr weiter gewachsen ist.

Ein besonders erschütterndes Beispiel mangelnder medizinischer Versorgung ist das Schäßburger Krankenhaus. Zum einen gibt es keine Pflege wie in Deutschland. Handreichungen und Besorgungen führen Putzfrauen gegen Bezahlung durch. Ständig müssen deshalb die Angehörigen, und wenn diese fehlen, Schwester Antje und Schwester Erika nach den Patientinnen schauen.

Bei meinem Besuch sah ich die HNO-Ambulanz. Die veraltete Einrichtung ist sicher nicht das größte Problem, sondern die Hygiene und das durchwegs verrostete Besteck. Es ist klar, warum immer wieder vom "kranken Haus" gesprochen wird...

 

 

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Letztes Update: 2004-07-16 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg