Familienforschung in Schäßburg bringt manches zutage
Auch wenn ich selbst in Schäßburg geboren bin und manche meiner
direkten Vorfahren ebenfalls, die Ackners sind eigentlich keine "echte"
Schäßburger Familie. Nur haben eben manche von ihnen ihre Pfarrerlaufbahn
als Stadtprediger begonnen und Töchter dortiger Familien geheiratet,
die ihre ersten Kinder in Schäßburg zur Welt brachten. So ist
die familiäre Bindung über Jahrhunderte hinweg vielfältig.
Zur Zeit arbeite ich als Familienforscher an meinem AcknerStammbaum.
In gerader Richtung ist er fertig - ein Landmann in Schaas war um 1600
der erste bekannte Urahn. Aber alle Vorfahren hatten ja wohl Geschwister
und da wird es Nachkommen geben. Mal sehen, was sich da noch alles herausstellt.
Nur ein Beispiel: Catharina Ackner, eine Schwester meines Ururururur-Großvaters,
heiratete 1693 den Schäßburger Bürger Johann Elges. Hallo,
Familie Elges an der Kokel: Sind wir vielleicht auch miteinander verwandt?
(Man behauptet das ja von fast allen Schäßburgern).
Bei Familienforschung stößt man aber auch auf andere interessante
Dokumente. Eins sei hier zum besten gegeben.
Ein Schüleraufsatz von 1758
Michael, Sohn des Zenderscher Pfarrers Georg Ackner (1718 - 1764) und
sein Bruder Georg (mein Ahnherr) besuchten das Schäßburger
Gymnasium. Durch einen Schulaufsatz des kleinen Michael (der leider noch
als Gymnasiast verstarb) ist eine interessante Beschreibung des kirchlichen
und schulischen Lebens Schäßburgs aus dem Jahr 1758 erhalten.
Vor fast 240 Jahren schrieb der damals 14-jährige:
"Da ich aber zum erstenmal in die Kirche kam, ging ich nicht bey
die Jungen sondern in die Orgel, die Musik geht hübsch, die Orgel
ist lustig anzusehen und auch wohlklingend, daß desgleichen nicht
ist in Siebenbürgen, es ist auch ein Organist, der die Kunst gut
versteht. Was das Predigtamt anbelangt so sind gutte Prediger daselbst,
aber langsame und predigen mit Bedacht, aber was von den Zuhörern
zu sagen ist so sind aufmerksame Zuhörer, sie schlafen auch nicht,
sondern merken fleißig auf das Wort Gottes damit sie Seelig werden
sollen. Aber die Hoffart ist bei ihnen sehr gemein und bilden sich manche
viel darauf ein.
Was das Schulwesen anbelangt, so ist ein praeceptor da: nemlich wenn man
des morgens in die Schul kommt, so wartet man bis daß um 6 Uhr ist,
darnach singet man ein Lied und betet darnach ein Gebetlein, alsdann sagen
sie ihre Lektionen und wenn einer nicht gut gelehret hat, so zecht ihn
der andere herab und wenn die Schul aus ist so lehren sie etliche Versen
aus dem Neuen Testament und wenn sie dieselben gelehret haben so kommen
sie wieder zusammen in die Classe und recitieren sie, darnach erzählt
er ihnen von der Ordnung des Heils darnach gehen sie heim und wenns um
1 Uhr ist so kommen sie wieder zusammen und machen es wieder also, sie
exponieren, auch colloquia longiana, sie machen auch exercitia und phrasis
davon, wenn sie aber nicht gutt gemacht haben so corrigirt sie der praeceptor.
Darnach lernen sie die errores auswendig und sagen sie. Am Mittag aber
erzählt er ihnen vom Pharao, da er im roten Meer ersoffen war. Zu
Mittag aber rechnen sie additionen, Subtractionen und Divisionen, sie
schreiben darnach auch Vorschriften.
Die Schul liegt auf einem hohen Berg, darauf man an einer langen Treppe
hinaufsteigen muß. Es liegt auch eine Burg auf demselben Berg darin
man am Sonntag des morgens in die Kirch gehen muß. Es stehen auch
Pastionen hinter der Kirch darin die Schuster, Schneider und Kürschner
ihre Zechen tuhn. Die Jungen aber wenn sie lehren sollen, so ist ein Kalibchen
nicht weit entfernt von derselbigen Kirch, darin gehen sie und lehren.
Wenn aber eine Leiche ist, so gehen die Jungen an einen Ort, bis daß
die Schüler auch kommen, darnach gehen sie bis bey die Leiche, und
bleiben ein wenig da bis daß man predigen soll, darnach gehen sie
hinweg bis daß man ausgepredigt hat, darnach kummen sie wieder und
gehen mit der Leiche bis in den Leichen Fritef und bleiben da bis daß
man die Leiche begraben hat und die Leute hinweggegangen sind, danach
heischen sie den Keelen Gruber Pelsen und gehen nicht hinweg bis daß
er ihnen nicht gibt.
Man gab uns auch einmal Vacation, wie wir aber vacation hatten mußte
ein jeder fünf Trögelchen Erd in ein Gartchen tragen, das Gartchen
aber war dem Herrn Tertius und dem Herrn Sekundus."
Alles verstanden? Fast alles. Nur was die Jungen da 1758 von wem geheischt
haben - das habe ich noch nicht ganz herausbekommen.
Richard Ackner (Neubrandenburg)

Letztes Update: 2003-01-12
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