HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Defensio

Hermann Oberth

Wer da glaubt, sein Leben ohne Irrtümer beschließen zu können, möge zunächst seinem Schicksal dafür danken und nicht auf andere den legendären ersten Stein werfen ... und schon gar nicht im Schoße christlicher Vereinigungen.
An der Genialität seines Geistes zu zweifeln, hieße sich selbst weltweit der Lächerlichkeit preiszugeben. Was tut daher ein weniger begnadeter Nachfahre in solcher Situation? Er versucht statt dessen in des anderen "Kaffeesatz" zu lesen und diesen dann sogar noch öffentlich zu deuten, nicht aber den eigenen. Wer alt genug geworden ist, wird viele Beispiele dafür anführen können, daß die Menschheit offensichtlich nur zwei Möglichkeiten entwickelt hat, den eigenen Stellenwert zu verbessern: Man erhöht durch allgemein anerkannte Leistungen sein eigenes Ansehen oder aber wertet die Leistungen des anderen ab; mit beiden Methoden verändert man den Abstand zwischen sich und dem vermeintlichen Kontrahenten, der zudem vielleicht schon tot ist. Ihn einfach totzuschweigen wäre dann noch die humanere Methode. Damit begegnet man zudem der Gefahr, mit einem Zitat von Jonathan Swift konfrontiert zu werden: "Taucht ein Genie auf, verbünden sich die Dummköpfe".

Oberth-Büste von Raimund Haas (München)


Warum überläßt man die Wertung seines Lebenswerkes nicht einschlägigen Biographen als Lebensaufgabe? Vielleicht blieb H.O. neben seiner Genealität tatsächlich zeitlebens (wie zu lesen war) ein "spießiger Kleinbürger" und damit - verzeihen Sie mir - ein unver- Oberth-Büste von R,; wechselbarer Sohn unseres Volkes. Wer also hat von uns das Recht, ihm solches vorzuwerfen? Bei Rundfunkinterviews - beispielsweise - empfand ich seine Stimme (selbst ohne unmittelbare Namensnennung) stets als Heimatgruß, da selbst im hohen Alter noch am Tonfall herauszuhören war, daß es sich um einen Landsmann handeln muß. Genies sind von ihren Ideen nun einmal häufig so sehr gefangen - wenn nicht gar besessen - daß ihnen eine Anpassung an ihr Umfeld nicht in den Sinn kommt. Dies hat nichts mit Überheblichkeit zu tun! Es gibt sogar zahlreiche Anekdoten über H.O., die ihn liebevoll als "weltfremd" charakterisieren; verständlich, da ihm der Mond stets näher war als unsere Welt.

Und ein weiteres Phänomen sollte beachtet werden: Kommen ausgewiesene Wissenschaftler nach erfolgreicher Arbeit (emeritiert) in die Jahre, wechseln sie häufig den Gegenstand ihrer Betrachtung und wenden sich bevorzugt philosophischen Themen zu. Weniger erfolgreich! Leider, denn immer noch gilt - und sie sollten es humanistisch vorgebildet gewußt haben - "Sitacuisses, philosophus manisses!" Bekannte Beispiele sind u.a. auch Ernst Haeckel, Max Planck und Konrad Lorenz. Wenn man schon seine Ganglienzellen zwecks Neubelebung stimulieren möchte, sollte man den Forschungsgegenstand bereits mit 50 Jahren wechseln... so die medizinischen Empfehlugen, denn auch Ideen und Denkweisen schleifen sich ein. Ihnen aber den Vorwurf des Alterns zu machen, altern zu dürfen und dann altersgemäß sogar zu handeln, übersteigt daß
Maß des Erträglichen. Als H.O. sein (zitiertes) ehemaliges "Glaubensbekenntnis" (1978) von sich gab, war er 84. Die anderen 99% Landsleute gleichen Glaubens flohen in die Anonymität und schweigen schon 50 Jahre erfolgreich, ohne daß obiges Zitat allerdings auf sie angewandt werden könnte.

Warum fällt es "gnadenhaft Spätgeborenen" offenbar so schwer, sich ihrer späten Geburt einfach zu erfreuen und friedfertig eigene Leistungen für die menschliche Gemeinschaft zu
erbringen, statt den Vertretern der Elterngeneration Vorwürfe zu machen, meist unhaltbare? H.O. war allein von dem Glauben beseelt, daß der Mensch auf den Mond fliegen kann, nicht mehr und nicht weniger. Das Schicksal war ihm gnädig, er durfte seinen genialen Kindertraum noch erleben. Daß er dabei zwei Kriege miterleben mußte, mögen andere ihm zum Vorwurf machen. Das menschliche Leben ist mehr, als gelegentlich zu lesen ist! Nach Peenemünde kam er erst, als dort schon W v.Braun das Sagen hatte. Und selbst in den USA wurde er doch nur kleinherzig empfangen. Epigonen waren schon am Werk und wußten inzwischen ihren eigenen Stellenwert selbst in Büchern gebührend zu würdigen. Von H.O. ist dabei nur wie beiläufig zu lesen. Sind wir da als seine Landsleute nicht zwingend in die Pflicht genommen? Selbst den Rumänen gestehe ich eine gewisse Genugtuung zu, da seine Dissertation erst in Klausenburg angenommen wurde.

Seit Heraklit (544-483 v.u.Z.) wurde der Satz "Der Krieg ist der Vater aller Dinge" (leider) vielfach bestätigt. "Stiftungen" und "uneigennützige Sponsoren" gab es damals noch nicht. Da wir aber eine Welt ohne Kriege - wenn auch erst zaghaft - ansteurn, muß selbst die Frage notwendigerweise offen bleiben, woher der technische und nunmehr auch ökologische Fortschritt dann künftig herkommen soll. Aus der Weltraumforschung? Das wäre tröstlich und würde die Leistung eines H.O. noch erhöhen. Von den maßlosen Kritikern ist da wohl vergleichbares nicht zu erwarten.

Wollen wir - um ein anderes Beispiel zu nennen - auch einen Otto Hahn wegen der gelungenen Kernspaltung verurteilen, nur weil damit Kraftwerke aber eben auch Atombomben gefertigt werden können? Ein überzeugter Wissenschaftler ist bereit, sein ganzes Leben für die Klärung einer Fragestellung, für den Nachweis einer Überzeugung einzusetzen. Man prüfe nur einmal nach, wieviel Jahrzehnte Wissenschaftler einer Thematik "rund um die Uhr" treu blieben, bevor ihnen ein Nobelpreis winkte, um den es ihnen ursprünglich gar nicht ging. "Wissen schaffen" ist ihre Sendung.

Die Verantwortung für die Nutzung seiner Ergebnisse aber liegt bei den Regierenden, oder einfacher bei der Gesellschaft, bei uns Wählern. Die Vorwürfe sind daher an die falsche Adresse gerichtet. Um seiner wissenschaftlichen Überzeugung willen ist der Wissenschaftler, wie wir gegenwärtig auch bei der Gentechnik erleben, sogar bereit auszuwandern. Erschreckend in diesem Zusammenhang daran zu denken, daß wir uns ohne genetische Veränderungen im Verlaufe der Evolution von den Affen nicht unterscheiden würden.

H. B.

 

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Letztes Update: 2003-01-12 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg