HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
Dr. Erwin WeißkircherDie Bedeutung der Kunst in seinem Leben Am 31. Mai 1997 steht unserer HOG der 80. Geburtstag eines Schäßburger Künstlers ins Haus, Anlaß genug, um ihm auch einen Beitrag in den "Schäßburger Nachrichten" zu widmen. Die ältere Generation wird sich vielleicht noch an ihn als Schäßburger Bischof-Teutsch-Gymnasiasten aus der Albertsträßer Nachbarschaft erinnern, eher aber wohl an den Vater, Dr. jur. Ernst Weißkircher (1888 - 1954), der in unserer Zeit Generalsekretär bei der Schäßburger Komitatsverwaltung war, und dessen künstlerische Freizeitbeschäftigung dem Geigenbau und dem Musizieren gehörte, womit man unschwer Parallelen im Lebenslauf von Vater und Sohn erkennen wird. Und wer zudem historisch interessiert ist, wird auch von seinem Großvater, dem Schäßburger Arzt und langjährigem Bezirksarzt in Agnethelm, Dr. Josef Weißkircher (1850 - 1917), gelesen haben, dann aber auch vom Schäßburger Senator Josef Karl Weißkircher (1811 - 1875) und dem Schäßburger Bürgermeister Karl Andreas Weißkircher (1759 - 1817). Ein Schäßburger Künstler mit weit zurückreichenden Wurzeln soll hiermit hier vorgestellt werden, auch wenn er sein künstlerisches Schaffen "umständehalber" weitab von seiner Heimatstadt in seiner österreichischen Wahlheimat entfaltete. Seinen Lebensund Berufsweg in übersichtlicher und damit einprägender Weise nachzuzeichnen, fällt aber wahrlich nicht leicht, da bereits im Vorfeld zu lesen war "Seine Lebensgeschichte gleicht einer Odyssee". Schon die Matura 1935 wurde für ihn zum "Politikum". Immer schon versuchten die Rumänen ein Hochschulstudium der "deutschen Minderheit" zu erschweren. Vor einer den Kandidaten unbekannten Kommission hatte man zur Matura anzutreten. Von 21 Schäßburger Kandidaten (damals Septimaner) bestanden im ersten Durchgang nur drei, bei der Herbst-Wiederholung weitere sieben. E. Weißkircher war nicht dabei und wandte sich zunächst einem praktischen Beruf zu, dies auf Anraten und im Einverständnis mit seinem Vater. Die folgenden Jahre verbrachte er als "Volontär" in Hermannstadt in der Graphischen Anstalt Kraft und Drotleff. Das angestrebte Ziel war das Erlernen der Fotolithographie. In diese Zeit (1937 - 1938) fällt auch die Ableistung seines Freiwilligenjahres bei einer rumänischen Kavallerieeinheit mit anschließendem Einsatz an der ungarischen Grenze (pe zona). 1939 ist er in Berlin. Als ausgelernter Fotolithograph (Retoucher) fand er eine Anstellung in einem namhaften Großbetrieb. In Abendkursen bereitete er sich auf das Abitur vor und bestand es auch in verhältnismäßig kurzer Zeit. Bei Kriegsbeginn ist er wieder freiwillig beim Militär und erfährt seine Ausbildung in Hamburg. Hier erreicht ihn bald (vor seinem Vater nachgeschickt) die Einberufung (mobilisare) zum rumänischen Heer. Daraufhin wird er sofort entlassen und meldet sich mit seinem rumänischen Paß bei der Botschaft in Berlin, wo er erfährt, daß Studenten im Ausland von dieser Regelung ausgenommen sind. Daraufhin läßt er sich an der TH Berlin immatrikulieren und beginnt mit zwei Semester Architektur, wechselt dann aber zu den Wirtschaftswissenschaften und 1941 zur Welthandelshochschule nach Wien, wo er sein Studium 1942 mit Diplom bzw. Magisterprüfung abschließt. In der damaligen Trimestereinteilung des Studiums liegt wohl der Grund für den zügigen Abschluß seiner Studien. Dann erleben wir ihn wieder in Berlin, wo er rein zufällig Dr. Paul Hensel (den späteren Professor und Rektor der Universität Marburg) trifft. Während seines Studiums in Berlin hatte E. Weißkircher bei ihm in der "Reichsstelle für Leder, Rauchwaren und Häute" als Werkstudent gearbeitet. Während des Krieges war Dr. P. Hensel mit der Aufgabe betraut, im Rahmen der Kriegswirtschaft die genannten Rohstoffe auch in den besetzten Ländern sicherzustellen und zu verwalten. E. Weißkircher folgte seinem Vorschlag, in dessen Stab in der Ukraine mitzuwirken und war hier eineinhalb Jahre tätig. Wieder in Wien konnte er sein Studium fortsetzen und beenden. 1946 wurde er nach bestandenem Rigorosum zum Dr. rer. pol. promoviert. In dieser unmittelbaren Nachkriegszeit war trotz seiner Ausbildung aber ohne jegliche Verbindung und vor allem ohne Staatszugehörigkeit wenig anzufangen. Ein Zufall führte schon wieder - wie so oft in seinem Leben - Regie. Er lernte Günther v. Baszel, einen freischaffenden Maler, Studienkollegen von Hans Fronius, kennen. Dieser rät ihm - nachdem er sich einige in der Freizeit entstandene Zeichnungen und laienhaft ausgeführte Bilder begutachtet hatte - an der "Akademie der bildenden Künste" die Aufnahmeprüfung zu machen. Diese wird auf Anhieb bestanden. Bei Professor Albert Paris Gütersloh verbringt er die ersten vier Semester in der Klasse für allgemeine Malerei, wechselt dann aber zu Prof. Franz Elsner. Bald gehört er der Meisterschulklasse (die vier Besten) an, erlangt den Meisterschulpreis und die Auszeichnung mit der Fügermedaille.
1952 beendet er den Aufenthalt am Schillerplatz als akademischer Maler. Ein Jahr darauf erfolgt die Eheschließung mit seiner Annemarie, einer geborenen Wienerin, mit der er bis heute glücklich zusammenlebt. Inzwischen erwarb er die österreichische Staatsangehörigkeit und mußte nun auch finanziell seinen Beitrag zum Lebensunterhalt leisten. Der Anfang war bei einer kleineren Firma gemacht, bald aber erhielt er eine Anstellung in der Niederlassung einer schweizer Firma für pharmazeutische Erzeugnisse. Schließlich wird der Repräsentant des Unternehmens für Österreich und beendet seine Tätigkeit nach rund 20 Jahren.
Landschaft, Öl. In diesen Jahren spielte die Kunst verständlicher Weise nur eine untergeordnete Rolle. Im Sinne einer Freizeitbeschäftigung besucht er über mehrere Jahre die Abendkurse an der Akademie und beteiligt sich an einer Reihe von Ausstellungen. Im Dienste der Kunst ist er 1979 Gründungsmitglied der Künstlergruppe "5 mal Art" und der Galerie gleichen Namens. Zwanzig Einzelausstellungen im In- und Ausland folgen neben einer Reihe von Ausstellungsbeteiligungen in der hauseigenen Galerie. Der als "Synthese" apostrophierbare Lebensweg wäre aber
unvollständig, wenn da nicht noch eine Jugenderinnerung wäre
... Wer je auf dem Rücken eines Pferdes saß, kennt den Ausspruch
"Alles Glück auf Erden ..." .1965 tritt er einem in der
Nähe von Wien ansässigen Reiterklub bei. 1978 pachtet er zusammen
mit einem Kollegen in Neuaigen/Tulln Hof und Stallungen von Herzog Metternich.
Ein Reitstall wird eingerichtet und Reitunterricht erteilt ... ein Lob
der rumänischen Kavallerieausbildung!
Die Meinungsmacher sind der Handel und die "Öffentliche Hand". Von diesen beiden Institutionen hängt die materielle Existenz der "Freischaffenden" ab. Den Preis macht der Handel, der selbstverständlich an einem raschen Absatz interessiert ist, gleichermaßen begrüßt er aber auch möglichst spektakuläre Veranstaltungen, "Happenings", gelegentlich verbunden mit Schlachtungen von Großtieren mit sehr viel Blut und ähnlichen Gräuslichkeiten. Die Öffentliche Hand ist nicht weniger machtvoll, verwaltet sie doch unsere Steuergelder. Indem sie bestimmt, wer was bekommt, hat sie ein wirkungsvolles Instrument in der Hand, um zu bestimmen was gut und was schlecht ist und in welcher Richtung "der Karren zu laufen hat". Die Erfolge sind erkennbar und für viele erschreckend. Beruhigend ist aber die Tatsache, "daß die Kunst frei ist und sich weiter frei entfalten kann." Klare Worte für eine unumstößliche persönliche Standortbestimmung. Wie aber sieht und wertet die Fachwelt seine Werke? In der "Kulturpolitischen Korrespondenz" vom 5.2.1989 fand ich von Günther Ott folgende Beschreibung seines künstlerischen Schaffens: "Wie die meisten seiner Landsleute der alten und mittleren Generation, ist auch Dr. Erwin Weißkircher der Natur zutiefst verbunden. Er blieb ihr treu, auch wenn seine Entwicklung zur Abstraktion (nicht Gegenstandslosigkeit) fortschreitet. Da sind die schwungvollen Kreidezeichnungen in expressiven, samtartigen Linien: Porträt, Alt, Pferd, Bäume. Seine Ölgemälde - auch sie aus dem Material gedacht - leben aus der Farbe und dem Licht, sind malerische Bilder.
Zunächst könnte man meinen, Neoimpressionisten und Kubisten seien in Weißkirchers Malerei nicht spurlos geblieben. Dort die stark farbige Palette, hier die geometrische Zerlegung der Körper; der zentralperspektivische Raum wird mit der Zeit zurückgenommen, Intensität und Qualität der Palette führen zur Fläche.
Doch Weißkircher lenkt unsere Blicke auf seine Entwicklung der
letzten Jahre: "Es ist nicht zu übersehen, daß eine Richtungsänderung
stattfand, nachdem ich meinen Auftrag für die Fenster der Kirche
St. Martin bei Feldkirchen in Kärnten ausführte". Die Malerei
mit Glas, die zahlreichen Glasmosaiken zu einer Komposition zusammengefaßt
(allerdings in Bleiruten), führen zur Komposition. Die Glasfenster
strahlen; durchleuchtet vom
Und in einer Rezension neueren Datums (1993) heißt es: "Bei der Wahl seiner Motive schöpft der Künstler aus dem Vollen: Sowohl Landschaftsmalerei wie auch Akte und Porträts gehören zu seinem Schaffen. Die Maltechnik der vergangenen Jahre ist von der Leuchtkraft der Glasfenster beeinflußt. Die Farbe wird flächig-transparent aufgetragen und ergibt, obwohl Öltechnik bevorzugt wird, die Wirkung der Durchsichtigkeit des Aquarells, so der Künstler selbst über den Malvorgang. Kritiker bezeichnen seine Arbeiten als mit innerer Leuchtkraft versehen oder mit energischem Pinselstrich dargestellt. Beides mag wohl stimmen - das Selbstbildnis des Künstlers zeugt davon." Hier sollte ich als jüngerer, außerdem landwirtschaftlich geprägter Laudator besser aufhören, da für einen Reitersmann 80 Jahre kein Alter sind. Noch viel Schönes gibt es zu sehen und künstlerisch festzuhalten! Ein "ad multos annos" erklingt von der Bergschule, ja multi am" wiehert es im siebenbürgisehen Pferdehimmel, wobei es gleichgültig bleibt, ob dies einst ein "Furioso", "Nonius" oder "Gidran" war. Auch weiterhin viel Erfolg und Freude! H. Brandsch
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