HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
Erinnerungen an die Elementarschule für Jungen in den Jahren 1937-1941Rückblickend scheint es mir, als habe sich mein Leben nicht in Kalenderjahren, sondern in Schuljahren und Schulstufen abgespielt - war ich doch 12 Jahre lang Schüler, dann 4 Jahre Student, und darauf habe ich rund 45 Jahre als Lehrer und Dozent selbst Schüler und Studenten unterrichtet. Auf diese Weise ordnen sich auch meine Erinnerungen nach Trimestern, Quartalen oder Semestern und nach den dazwischen liegenden Ferienwochen: Weihnachts- und Osterferien und "große" Ferien oder Sommerferien. Meine ersten Schuljahre und ihre Ferien kommen mir aus heutiger Sicht von unendlicher Dauer vor, während sie mit zunehmendem Alter scheinbar in immer rascherem Zeitraffertempo verflossen sind.
Die Kanabenschule Archivfoto
Die Turnhalle Archivfoto In den Jahren, auf die sich meine Erinnerungen beziehen, war noch alles oder fast alles in al überlieferter Ordnung: Der Schulhof mit der Turnhalle (über dem Eingang das Emblem des STV mit den 4 F - "frisch, fromm, fröhlich, frei"); die Bestimmung jeden Raumes schien ein für allemal festzustehen und die Lehrer jeder Klasse ebenso. Die Schüler trugen keine Uniformen, doch mit Stolz ihre hellroten Schülermützen mit den goldfarbenen Klassenstreifen, die sie beim Grüßen ("Grüß Gott!") zu ziehen hatten (tat man dies nicht, ließ sich der so Gegrüßte vielleicht hören: "Die hot Mäschen angder der Kapp"). Die Handelsschüler waren an ihren hellgrünen Schulkappen zu erkennen
Die 1. Klasse beim Skopationsfest mit Lehrer Sadler (1938) Archivfoto In der I. Klasse unterrichtete Lehrer Sadler (Spitznamen: "Finef, denn so ähnlich pflegte er angeblich "fünf" auszusprechen, und "Piano" - ein für Erstklässer exotisches Wort, das er beim Klassensingen häufig gebrauchte). Die II. Klasse unterstand Lehrer Kartmann ("Pintsch" genannt, ein Name, der sich auch auf seine Söhne vererbte). Lehrer Wagner leitete die III. Klasse (Übernahme: "der Helich", denn er war sehr religiös, was sich auf seine gesamte Unterrichts- und Erziehungstätigkeit auswirkte), und schließlich in der IV. Klasse Lehrer Fredel, an dessen Spitznahmen, falls er überhaupt einen besaß, ich mich nicht mehr erinnere. Nach Pensionierung von Direktor Karl Höchsmann wurde Prof. Richard Lang Direktor der Schule, der einzige Lehrer der Anstalt mit Universitätsausbildung. Seine ruhige, vornehme Art (sächsisch sagt man: "gedäst", d. h. "feingesiebt") machte ihn auch für die kleinen Schüler zur Respektperson. Nicht zu vergessen Schuldiener Wolf (man sprach ihn mit "Herr Schuldiener" an), der im Untergeschoß eine Dienstwohnung hatte. Man nannte ihn "Szüz", weil in seinen Flüchen stets die Jungfrau Maria (ungarisch "Szüz Maria") vorkam. Warum er auch "Schikla" hieß, kann ich nicht sagen. Wenn ein Schüler sichtlich ungewaschen zur Schule kam, wurde ihm gedroht, man schicke ihn zum Schuldiener, der ihn mit einem Ziegelstein reinschrubben werde.
Die 2. Klasse beim Skopationsfest mit Lehrer Kartmann (1939) Archivfoto Das Schuljahr begann immer pünktlich am 1. September und endete am 29. Juni, am Peter- und Paulstag, mit einer Schlußfeier in der Klosterkirche mit anschließender Zeugnisverteilung, Auszeichnung des Klassenbesten mit einer Buchprämie und Eröffnung einer Ausstellung mit Schülerarbeiten. Einige Tage vorher hatte eine feierliche, öffentliche Klassenprüfung mit Lesen, Erzählen, Gedichtevortragen (die Alten sagten noch "Perorieren"), Rechnen u. a. stattgefunden. Es sind mir zahllose Schulerinnerungen aus dieser Zeit gegenwärtig. Natürlich der erste Schultag - die meisten Kinder erschienen in Begleitung der Mutter. Den Brauch der Schultüten gab es nicht - der neue Schulranzen (oder von älteren Geschwistern "geerbt") mit Bleistift, Anspitzer und Radiergummi im "Penale", vielleicht schon die Fibel - das alles bot genug an Gewichtigkeit und Attraktion. Man konnte sich vorerst den Sitznachbarn in der Schulbank selbst aussuchen - denn später gab es dann eine oft wechselnde Sitzordnung nach Leistung und Verhalten, d. h. die "guten" Schüler saßen in den weiter hinten gelegenen Bänken, die schwächeren vorn, und die erste Reihe galt als "Eselsbank" und unterlag einer strengeren Überwachung durch den Lehrer. Bereits am ersten Schultag sagte Lehrer Sadler: "Bringt euch morgen
Zeichenbüchlein (!) mit, ich will sehen, wie ihr zeichnen könnt."
Unsere erste Zeichnung war eine Illustration zu "Rotkäppchen",
und in Handfertigkeit modellierten wir Rotkäppchens Körbchen
mit Weinflasche, Kuchen und Wurst. Es herrschte in der Schule eine strenge
Zucht und Ordnung. Schon für kleinere Übertretungen wurde man
an die Wand (in den "Winkel") gestellt oder erhielt Stockschläge
"in die Hand" oder "auf die Hosen". Ab und zu konnte
es auch eine Watsche geben (eine solche in den ersten Schultagen, die
ich meiner Meinung nach völlig unschuldig verpaßt bekommen
hatte, machte mich so kopfscheu, daß ich einige Tage nicht mehr
in die Schule gehen wollte und meine Eltern ihre liebe Not mit mir hatten).
Zu den weniger schweren Strafen gehörte Hausarrest oder Zimmerarrest,
deren Einhaltung man sich von den Eltern schriftlich bestätigen lassen
mußte. Unterricht gab es an 6 Wochentagen, je 3-4 Stunden von 8-12
Uhr vormittags, zweimal in der Woche auch je 2 Stunden am Nachmittag von
15-17 Uhr. Gern erinnere ich mich an unsere Fibel (von Michael Wilk und
Friedrich Ziegler, mit hübschen Illustrationen von Hermann Lani -
bei Krafft und Drotleff in mehreren Auflagen erschienen). Und ich erinnere
mich selbstverständlich an erste Lorbeeren für richtiges Lesen. Nach Ausbruch des Krieges wurde der junge Besitzer eingezogen und der Laden wurde für immer geschlossen. Rodamer hat nach überstandenem Weltkrieg in Hamburg ein Geschäft betrieben und soll in seinem Haus jeden, der sich als Schäßburger auswies, herzlich aufgenommen haben - vielleicht waren es ehemalige Kunden aus der Elementarschulzeit. Deutsch, Rechnen, Singen, Heimatkunde, Handfertigkeit, Turnen. . . Interessant wurde es, wenn ein Klassen- oder Schulausflug - meistens auf die Breite - veranstaltet wurde oder der Besuch eines handwerklichen Betriebes oder einer Fabrik, aber das kam seltener vor und unterbrach angenehm den Schulalltag. Die Schulaufsicht oblag der Kirche, und ab und zu visitierte Stadtpfarrer Wolff den Unterricht. Wenn ein staatlicher Schulinspektor erschien, waren die Lehrer sichtlich nervös, denn sie beherrschten die neue Staatssprache nur mangelhaft. Bei Lehrer Wagner in der III. Klasse spielte der Religionsunterricht und die religiöse Erziehung eine überragende Rolle. Es gab jeden Morgen außer dem gemeinsam gesungenen Kirchenlied ("Der frohe Morgen weckt mich wieder und ladet mich zur Arbeit ein. . .") eine Lesung aus dem Neuen Testament, das wie ein Schulbuch in unsere Ranzen gehörte. Diese Texte oder Wochensprüche überforderten oft unser kindliches Verständnis. Außerdem gab es eine Sonntagsschule, d. h. einen Kindergottesdienst, den Lehrer Wagner in einer Gemeindestube in der Hüllgase (im Hof des Binderischen Hauses) abhielt. Dieses Bethaus gehörte einer strenggläubigen Gemeinschaft (im Volksmund "de Gliwijen"), die sich für aktive Nächstenliebe, gegenseitige Hilfe, Familiensinn und Friedfertigkeit einsetzte und hier ihre Gottesdienste (zusätzlich zu den üblichen Gottesdiensten in der Klosterkirche oder Bergkirche) feierte. Ich erinnere mich genau an sämtliche Mitschüler der Elementarklassen und kann sie auch heute noch in alphabetischer Reihenfolge aufzählen. Jetzt sind sie mit ganz geringen Ausnahmen in aller Welt zerstreut. Wenn man sich irgendwo trifft, ist man nach einem halben Jahrhundert und mehr immer noch im DU-Verhältnis. Man gruppierte sich auch nach Stadtvierteln, und mir scheint, die Gruppe der Oberen Baiergase war nicht nur zahlreich vertreten, sondern hielt auch wie Pech und Schwefel zusammen. Wenn es auf dem Schulhof zu Auseinandersetzungen - sprich Schlägereien - kam, konnte man Drohungen hören wie: "net spil dich!", "kamm mer nor fuer Easet", "Ech gien der int weder den Zeangderlenk, dat tea deng wald Motter ä Pleparat sekst", "loss nor, ech son et mengem griessen Breader!" Da es im siebenbürgisch-sächsischen Schulsystem keine Sonderschulen für Behinderte gab (Pädagoge Heinz Brandsch hatte vorgeschlagen, Hilfsschulen zu eröffnen, doch ist es nicht dazu gekommen), wurden z. B. Lernbehinderte, sogar auch Geistigbehinderte integriert beschult. Sie waren fast in allen Klassen zu finden, waren die Sitzenbleiber, die erst im Laufe mehrerer Jahre durch einige Klassen kamen. Es gab in jeder Klasse auch Schüler aus sozialschwachen bzw. sehr armen Elternhäusern oder aus dem Waisenhaus und diese Schüler unterschieden sich in Kleidung und Schuhwerk. Manchmal kam die Entschuldigung: "Ich konnte nicht in die Schule kommen, denn ich hatte keine Schuhe." Für nicht erledigte Schulaufgaben oder bei mangelndem Wissen wurden Nachhilfestunden von 11-12 Uhr verordnet, und es galt als Schande oder auch als Strafe, zur Nachhilfe in der Schule zurückgehalten zu werden. Noten wurden nicht für Einzelantworten erteilt, nur am Ende des Trimesters für Gesamtleistungen. Falls in "Sittlichem Betragen" keine 10 im Zeugnis stand, sondern bloß eine 9, seltener weniger, war das ein ganz böses Zeichen für schlechtes Benehmen. Es gab täglich schriftliche und mündliche Hausaufgaben. Das Auswendiglernen von Gedichten spielte eine größere Rolle als heute (im Zeugnis gab es eine Note für "Gedächtnis- und Vortragsübungen"). Manche Verse und Strophen aus dem deutschen Gedichtschatz sind mir noch heute nach rund 60 Jahren genau im Gedächtnis. Die III. Klasse galt als schwieriger als z. B. II. oder IV., denn es begann der Rumänisch-Unterricht - für uns wie auch für die Lehrer eine echte Fremdsprache - verbunden mit Lesen und Schreiben in lateinischer Schrift, nachdem wir vorher Sütterlin geschrieben hatten. Zudem waren für den Rumänischunterricht die gleichen Lesebücher wie für die dritte Klasse der rumänischen Schulen vorgeschrieben. Geschichte und Erdkunde des Vaterlands mußte ebenfalls in rumänischer Sprache unterrichtet werden -eine kaum erfüllbare Forderung. Außer den Ferien gab es noch schulfreie Tage, wenn Lehrerversammlungen stattfanden und zu Jahrmärkten - ein besonderes Fest und Vergnügen für Kinder. Andere alljährlich stattfindende Feiertage waren Reformationstag, Heldentag (zu Christi Himmelfahrt) und der 10. Mai als Staatsfeiertag. Einen Höhepunkt bildete das Maifest mit seinem Schülerumzug, den Festlichkeiten in der Stadt und auf der Breite. Mein Jahrgang hat die letzten Maifeste 1938 und 1939 erlebt. Dann fielen sie wegen des Krieges aus und sind auch später in dieser Form nicht wieder aufgenommen worden. Jede Klasse hatte außer dem Hauptmann auch einen Wimpelträger, beide in geheimer Wahl von der Klasse gekürt. Der Hauptmann trug ein Zepter, beide Würdenträger Burenhüte, die wahrscheinlich in Erinnerung an die Burenkriege, die die Gemüter der Sachsen sehr bewegt hatten, in die Maifest-Kostümierung gelangt waren. Bei Fällen von Infektionskrankheiten wie Kinderlähmung oder Scharlach wurde die betroffene Klasse gesperrt und erst nach Desinfektion der Klassenzimmer wieder für den Unterricht freigegeben. Die ärztliche Betreuung der Schüler durch den sehr gewissenhaften Schularzt Dr. Julius Waedt war für damalige Verhältnisse mustergültig. In den Jahren 1937-1941 ist nicht alles so überlieferungsgetreu und idyllisch abgelaufen, wie es in diesen Erinnerungen geschildert ist. Es war ja auch die Zeit des Kriegsausbruches, der Gründung der "Deutschen Volksgruppe in Rumänien" mit all den Ereignissen, die ihre Schatten vorauswarfen, mit den Eingriffen, die auch uns Kinder in den Wirbel hineingezogen und bald zum Ende der "guten alten Zeit" führen sollten. Doch darüber wird ein andermal zu berichten sein. Walter Roth (Dortmund) (Aus den "Schäßburger Nachrichten", Folge 7, Mai
1997)
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