HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Zum Geleit

"Deiner Sprache, deiner Sitte, deinen Toten bleibe treu! "

Als mir der Vorschlag gemacht wurde, zum Geleitwort die Thematik des Liedes "Deiner Sprache, deiner Sitte, deinen Toten bleibe treu" von unserem Schäßburger Dichter Michael Albert ( 1836-l893 ) zu wählen, schrieb ich das Lied zunächst einmal aus dem Gedächtnis auf. Wie fest haftet es im Gedächtnis? Man hat das Lied so oft mitgesungen bei geselligen Zusammenkünften: Nachbarschaftsfesten, Hochzeiten, Frauenball und Marienball, Peter-und-Paulstag-Kronenfest und im Kirchenchor. Man hat es eigentlich nie auswendig gelernt. Es ist einem zugcflogen. Und es gehört zu den Texten, die man gerne aufnahm und nicht frei werden wollte, wie es manchmal mit einem Lied geschieht, das einen "verfolgt" und nicht so leicht gelingt, es abzuschütteln. Aber gehört das Michael Albert-Lied nun nicht auch zu den Liedern, die einen "verfolgen" und die man abschüteln möchte?
Der Nachklang dauert an. Vielleicht hindert so ein Nachklang die Konzentration auf eine neue Aufgabe oder bringt sie gerade in Schwung. Der Nachklang dieses Liedes drang tief.

Wenn das Lied uns in dem Umfeld, das wir verlassen haben, im Willen, in der Erkenntnis, im Einsatz anspornte und an uns Fragen stellte, so stellt es sie auch heute noch. Doch wir haben zu den Gedanken auch Fragezeichen zu setzen. Gelten die Gedanken noch immer? Hätten wir nicht eher mehr bedenken sollen? Haben wir denn leichtfertig aufgegeben?

Die erste Strophe gelang mir, richtig zu schreiben, bei den nächsten war ich mir nicht mehr sicher und warf. wie die Prüfung nach dem Buch "Lieder der Heimat" ergab, die zweite und dritte Strophe durcheinander. Also kommt es einem doch aus dem Sinn, was man einmal mit Inbrunst gesungen hat. Es ist ja auch schon lange her, daß man es gesungen hat. Ende der 80er Jahre war es, daß das Lied langsam verstummte, weil man sich unehrlich vorkam.

Wenn das Lied "Mer wälle bleiwen, wat mer sen" angestimmt wurde, hatte ich einigemal in Tischreden so darauf reagiert, daß ich den Wortlauf zur Änderung vorschlug: "Mer wälle werden, wat mer se silen!" Beim Michael-Albert-Lied brauchte es keiner Ernüchterung aus weinseliger Stimmung, es verstummte. Aber es klingt noch innerlich.

Wer mag die inneren Stimmen deuten? Was kündet sich da im Herzen an? Wie können wir dem Genüge leisten, was an Idealen vorschwebt'? Das Lied kann nicht mehr frei herausgesungen werden. Was die Sprache, die Sitte und die Toten betrifft, denen wir treu bleiben wollen, können wir zeitgemäß mit andern Vorzeichen und wie es unserm inneren Bedürfnis entspricht, "erklingen" lassen.

Der "Sprache trcu" henßt für manchen siebenbürgisch sächsisch reden oder siebenbürgisch Hochdeutsch. Es klingt ja auch nicht gut, wenn man sich verstellt und sich mit erstrebtem Muß anpaßt. Die Färbung im Tonfan wird uns bleiben. Erst unserc Enkelkinder werden sich in sprachlicher Beziehung in den deutschen Ländern "eingefügt" haben. Mit unserer Kulturinsel wird es dann sprachlich nur für Phnologen nicht vorbei sein.
Den Sitten, der Gemeinschaft, der wir entstammen, können wir kaum treu bleiben. Erinnerungen können wir pflegen mit Dingen, die wir mitgcbracht haben. Wir können ein Heimwehzimmer mit Bauernmöbeln aus Siebenbürgen einrichten, in einer Truhe das buntgestickte Hochzeitshemd des Urgroßvaters aufbewahren, unsere ganze Wohnung So gestalten, als lebten wir noch im Ostland, wohin unsre Väter ritten. Einmal wird da alles Museumswert haben.

Die Sitten und Bräuche, die wir in Siebenbürgen in Kirche und Schule, in Zunft und Nachbarschaften pflegten, waren aus Deutschland erlernt. Jeder Richter, jeder Lehrer und Pfarrer, Arzt und Apotheker, der in Siebenbürgen tätig war, hatte auf einer westlichen Universität studiert und das hier Gelernte und Gesehene in der Heimat angewandt. Jeder Handwerker mußte im Mittelalter Gesellenfahrtsbriefe aus Deutschland vorlegen, wenn er einmal als Meister anerkannt werden wonte. In unseren Geschichtebüchern sind die Urkunden über die Studierenden seit dem 14ten Jahrhundert aufgeschrieben und die Nachweise gewerblichen Verbindungen sind in Archiven zu finden. Des " Volkes M itte" war nicht durch Grenzen und Vorhänge eingeschränkt.
Den "Toten treu" bleiben, habe ich nie recht verstanden. Treu gilt mehr den Lebenden. Ist Ehrung gemeint? Die erweisen wir so lange wir können, bestellen und bezahlen, Grabbesorgen, zahlen unsere Friedhofsbeiträge so lange sie verwaltet werden können und -bis uns solche "Treue" selbst zuteil wird.

Es sind aber Gedanken in dem Lied, die aktuell bleiben. Der Lehrer Michael Albert hat ja auch Theologie studiert und die theologische Begründung des völkischen Gemeinschaftslebens hat er in die Verse eingewoben: In der Gemeinschaft wird die "drängende, zwingende Not" bewältigt, in dieser "Mitte" ist "Kraft, sie zu bestehn".

Den Begriff "im heil'gen Ringe" darf keiner zu eng verstehen. Es ist die von Gott getragene, geheilgte Gemeinde, die in göttlicher Dimension lebt, gemeint. Möge doch jeder hier im Mutterlande diesen Anschluß finden.

Für christliches Gemeinschaftsleben ist die "Welle in dem Strome" und der Stein in der "Mauer im Dome" biblische Gleichnisrede. Wenn auch Wasserwogen in der biblischen Sprache als bedrohliche Not zu verstehen sind, führen die Gedanken doch zum "Schiff, das sich Gemeinde nennt". Eindeutig ist der Gedanke von den lebendigen Steinen im Gefüge der menschlichen Gemeinschaft auf den Heiland Jesus Christus und seine Apostel zurück zu verfolgen. -"Und auch ihr, als die lebendigen Steine, bauet euch zum geistlichen Hause" (I Petrusbrief 2,5). Die "Wehre", die im dritten Vers erwähnt ist, läßt uns an Luthers Lied von der festen Burg denken und damit an die gedankenanregenden Psalmen und an die kriegerische Epistel (Epheser 6), wo jeder Harnischteil und jede Waffe zum Gleichnis für geistlich-geistige Rüstung dient.
Wenn auch Bindungen der Treue aufgegeben werden müssen, ohne Treue leben wir kein erfülltes Leben. Neue "Mitte" und "Treue'" sollte von jedem "im heil'gen Ringe" gesucht werden.

Pfarrer Rolf Binder

Deiner Sprache, deiner Sitte,
deinen Toten bleibe treu.
Bleib in deines Volkes Mitte,
was dein Schicksal immer sei.
Wie die Not auch dräng' und zwinge,
hier ist Kraft, sie zu bestehn.
Trittst du aus dem heil' gcn Ringc,
wirst du ehrlos untergehn.

Wie die Welt auch um dich werbe,
deine Brüder lasse nicht.
Deiner Väter teures Erbe
zu behüten, sei dir Pflicht.
Gleich der Welle in dem Strome.
Füge in dein Volk dich ein.
Stürzen kann die Mauer im Dome,
wenn sich losgelöst der Stein.
Wahre deines Volkes Ehre,
nie sei dir sein Name feil.
Stehe fest in seiner Wehre,
fühle dich als seinen Teil.
In des Lebens Leid und Wonne
bleibe treu auf guter Wacht,
lieb' dein Volk im Glanz der Sonne,
in des Sturmes dunkler Nacht.

Michael Alhert


 

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Letztes Update: 2004-07-16 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg