HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


90 Jahre Männergesangverein

90 Jahre "Männergesangverein"" (MGV) sind seit dessen Gründung vergangen, wenn es denn erlaubt ist, die von 2 Beamten, 4 Kaufleuten und 9 Gewerbetreibenden am 1. September 1907 gegründete "Tischgesellschaft"" als dessen Vorläufer anzusehen.

Zwar gab es in Schäßburg bereits seit 1843 einen "Musikverein"" (MV), in dem sich aber wohl mehrheitlich "akademische Instrumentalisten"" beheimatet fühlten. Auch gab es eine 1874 von E. Silbernagel gegründete Feuerwehr-Blaskapelle. Das Anliegen der "Tischgesellschaft"" aber war ein anderes: Die Mitglieder wollten sieh den Zugang und die Freude am deutschen Liedgut erschließen, und waren zudem vom Willen beseelt, "durch den Zusammenschluß erwerbender Kreise ihren eigenen Stand gesellschaftlich, kulturell und sozial zu fördern"". Großes Gewicht wurde im Verein daher auch auf die "Redekunst"' gelegt, was durch Vortragsabende der Mitglieder zu aktuellen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Themen belegt werden kann. Im Rückblick betrachtet war der Männergesangverein denn auch geeignet, "das neu erwachende Standesbewußtsein des zeitweilig kaum angehörten Bürgers zu pflegen"" und "trotzdem die Einheit der deutschen Gemeinschaft unserer Stadt nicht zu sprengen".

Solche Sätze, 1936 vom Vorsitzenden formuliert, vermitteln einen Einblick in offensichtlich bestehende Spannungsverhältnisse (vermutlich zwischen Akademikern und Gewerbetreibenden?) und begründen indirekt wohl auch die stetig steigenden Mitgliederzahlen des Männergesangvereins. Dessen Gründung kam somit einem breiten Bedürfnis nach, auch wenn es bei der Abwahl des Chormeisters E. Danda ( 1929) zu einer zeitweiligen Abspaltung eines "Schäßburger Liederkranzes"", später auch aus wirtschaftlichen Gründen zu einem Rückgang der Mitgliederzahlen kam. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Verein 76 Mitglieder, von denen 46 zum Kriegsdienst eingezogen wurden, dann 96 (1920) -335 (1924) -447 (1926) -515 (1931) -417 (1936). Vergleichsweise hatte der Musikverein 1933 nur 214 Mitglieder.

Es gab "aktive Mitglieder"", "unterstützende Mitglieder"" und "Ehrenmitglieder", mit späterem Besehluß3 ( 1921) dann aber selbst einen Frauenchor, wenn auch zunächst mit beschränktem Stimmrecht. Da die Zusammenarbeit mit der Feuerwehr-Blasmusik bald an ihre natürlichen Grenzen stieß, wurde ein eigenes Orchester aufgebaut, dessen tragende Akteure die Amateur-Geiger Hans Radler und Fritz Ungar waren. Bei Aufnahme in den Männergesangverein zahlte man als aktives Mitglied 20 Lei Aufnahmetaxe und 180 Lei Jahresbeitrag, unterstützende Mitglieder förderten den Verein mit jährlich 100 Lei. Aller Anfang aber bleibt schwer! Treibende Kraft war 1907 zunächst Karl Fischer, erster Chormeister Viktor v. Silbernagel. Der erste Auftritt bereits am 27. März 1909 im alten Sternsaal war aber wohl doch nicht recht überzeugend. Im Jahre 1910 wurde daher Michael Adolf Zikeli (Knabenschullehrer) zum Vorsitzenden und Ludwig Fabini (Mädchenschulprofessor) zum Chorleiter der inzwischen 38 Mitglieder zählenden "Tischgesellschaft" gewählt. Am 12. März 1911 traten die Mitglieder im "Alten Gewerbeverein"" zusammen, beschlossen den neuen Namen und eine entsprechende Satzung. Das erste Konzert des neuen Männergesangvereins ist dann aber auch schon unter dem 30. April 1911 datiert. Förderung der musikalischen Ausbildung und Pflege des geselligen Lebens blieben Zielsetzungen auch des neuen Vereins. Seit Beschluß vom 6. April 1913 war der Männergesangverein auch Mitglied des "Siebenbürgisch deutschen Sängerbundes".

Im Jubiläumsjahr 1936 sind überliefert als Vorsitzende Michael Adolf Zikeli (1909-1921), Karl Schmidt (1921-1924) und ab 1924 Dr. Heinz Brandsch, die Stellvertreter in der Reihenfolge Karl Fischer, Karl Ballmann, Michael Kartmann, woraus man eine gewisse Kontinuität ableiten kann. Nicht so bei den Chormeistern. Hier werden bis zum Jahre 1931, in dem Prof. Paul Schuller nebenamtlich die Leitung übernahm, 15 Namen überliefert. Dies hängt damit zusammen, daß für ausländische Dirigenten, die zu ihrer beruflichen Entwicklung auch einmal ins Ausland gingen, Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis eingeholt werden mußten, so daß man sie auch als Gastdirigenten bezeichnen könnte. Im Bedarfsfall sprangen stets unsere Lehrer ein: Vinzenz Brandt, Karl Theil, Michael Fredel, F. A. Friedsmann. Michael Kartmann leitete als Musikausschuß- Vorsitzender auch das "mehrfach besetzte Quartett"". Ehrenmitglieder waren 1936 M. A. Zikeli (nunmehr Schulrevisor i. R.) als Ehrenvorsitzender, Ehrenehrmeister Ludwig Fabini (nunmehr evang. Pfarrer), Ehrenmitglied Karl Schmidt (Prokurist).

Die Vereinsfahne wurde nach einem Entwurf von Prof. Georg Donath von den Frauen Anna Gull und Mathilde Barthmus auf sehwerer roter Seide angefertigt, kostete 50.000 Lei und wurde l925 anläßlich einer drei Tage währenden "Fahnenweihe"" der Öffentlichkeit vorgestellt. Auch ein Wahlspruch mußte her. Von 16 überlieferten Vorschlägen entschied man sieh für ,"Ein deutsches Lied voll Kraft und Lust, stählt unser Herz, strafft unsere Brust". Ein Bild aus den 30er Jahren zeigt u. a. Regine Fischer als Fahnenmutter und Fritz Roth als Fahnenträger.
Der Erwerb des Vereinshauses (Markt Nr. 6), dessen Rekonstruktion und Neubau näh Plänen von Baumeister Ernst Leonhardt erforderte in den Jahren 1925/26 Beratungen in 22 Ausschußsitzungen und 3 Hauptversammlungen, bis man am 26. Juni 1926 zur "Hausweihe"" schreiten konnte. Der erforderliche finanzielle Aufwand hatte nach einer Bilanz von 1928 einschließlich Einrichtung 1.762.36 I Lei beansprucht. Diese Summe wurde durch Erwerb von Anteilseheinen aufgebracht, die später (zinsfrei aus Hausertragsreserven) rückgezahlt werden konnten, sofern sie nicht als Spende gedacht waren. Auch Hauserhaltungsbeiträge von monatlich 10 Lei waren vorgesehen. An dieser Stelle sollen auch die "Fritz-Andrae-Stiftung", die "Mitzi-Hayn-Stiftung", das "Goldene Buch"" und die Einrichtung ( 1932) einer "Nothilfe"" sowie der Vertrieb einer Postkarte mit Vereinshaus nicht unerwähnt bleiben.

Das Vereinshaus ( 1929 durch eine Bühne vervollständigt) wurde zunächst von Hans Graef (1926-1931) und dann von Julius Schoppelt verwaltet und bewirtschaftet. Die Räumlichkeiten waren von 9 Uhr bis 22 Uhr geöffnet. Im Bedarfsfalle konnten sie bis zur Sperrstunde ( I Uhr) genutzt werden, wobei für jede angefangene Stunde ein Obolus von 50 Lei an den Hausverwalter zu entrichten waren, von denen er die Hälfte an die Vereinskasse abzuführen hatte. Wurden von ihm Spiele zur Verfügung gestellt, war ein Spielgeld zu entrichten, das als Kartengeld 8 Lei je Person, und als Schachgeld 2 Lei je Person betrug.

Weit entfernt von jedweder Absieht, aus nachstehenden Veranstaltungen eine Wertung ableiten zu wollen, in den Protokollen aber sind vermerkt: Volksliederabende, Liedertafeln, Sängerfahrten in viele Dörfer des Umlandes, Kirehenkonzerte, Silvesterfeiern, Ständehen-, Trauungs- und Grabgesänge für aktive Mitglieder, Singspiel- und Operettenaufführungen u. v. a. m. Unter den letztgenannten sind überliefert: "Angelina -oder die Türken vor Schäßburg"" (Singspiel von M. Albert/E. Silbernagel), "Das Musikantenmädel" (Jarno ), "Der Rastelbinder" (F. Lehar), "Der Vogelhändler"" (K. Zeller), "Frühling der Liebe"" (G. Mielke), "Der fidele Bauer"" (L. Fall). Auch Einakter und Lokalpossen kamen zur Aufführung: "Radio hilft" und "Die Fahrt auf den Mond", "Das Ferienkind". Das Anliegen des Männergesangvereins wurde dann aber auch durch den ortsansässigen Musikverein (Selma Lang und Vally Tröster Klavier) und Gästen von den Kronstädter "Stürmern"" (Dr. Karl Brandsch, Hermann Derner) und Hermannstädtern (Xaver Dressler) unterstützt.

Überfliegt man die Namen der Solisten des MGV, könnte man zum Ergebnis kommen, daß jeder Schäßburger erblich belastet sein müßte. Zur Beweisführung wenigstens einige Namen.
Unter den Männern: F. W. Leonhardt, Karl Ballmann, Hans Polder, Karl Schneider, M. A. Zikeli, Karl Tichy, W. Najasek, Misch Müller, Karl Franz und Hans Schmidt, Josef Krolovitsch, Josef Hayn, Otto Malek (Vereinshumorist), Franz Tschakert, W. Barthmus, Hans Markus. Kuno Benning, Hermann West, Fritz und Martin Keul.

Unter den Frauen: Grete Gutt, Jinka Groß, Berta Kroner, Kläre Henning, Grete Zelber, Mitzi Hayn, Emma Tichy, Eliese Haraßty, Jinny Schuster, Grete Schuster, Auguste West, Eliese Kleisch, Charlotte Blazek, Helene Kraus, Elsa Welzer, Ria Müller, Minchen Ungar, Lully Kleisch, Frieda Weißkopf, Helene Fritsch, Sara Roth, Christine Graef, Mariechen Schmidt-Scharscher. Für Frauenstimmen gibt es auch Prädikate zu lesen: "schöner Sopran"" (E. Haraßty), "glockenhelle, reine Stimme"" (Fr. Weißkopf), "schöner Alt"" (E. Hayn- Tichy), "sympathische Stimme"" (M. Ungar).

Vor 50 Jahren ( 1947) wurden Musikverein und Männergesangverein "behördlich aufgelöst". Die unruhigen Zeiten förderten die Schäßburger Sangesfreudigkeit zudem bestimmt nicht. Dennoch nahm man die Gelegenheit wahr, sich mit der Gründungsversammlung ( 15. Oktober 1947) des UTM-Kulturhauses mit einem Orchester zu etablieren. 1949 wagte es Fritz Schuster, im Rahmen des staatlich verordneten Kulturhauses einen deutschen Chor von 60 Mitgliedern aufzubauen, der bereits 1950 sein erstes Konzert gab. Mit "selektiertem Repertoir" konnte man sogar bei verschiedenen Landeswettbewerben Preise erringen. Ansonsten sang man gerne sächsische Volkslieder in familiären Kreisen. Unter Leitung von Paul Schuller konnten sogar zwei Platten (1967 und 1968) veröffentlicht werden. Als P. Schuller 1969 verstarb, übernahm Hans Jacobi (1969-1982) die Leitung des Chores, nach desen Tod vorübergehend Werner Schwarz, und seit 1982 Hermann Baier. Die Möglichkeiten für Konzertreisen erweiterten sich. Schon vor der Wende wurden Auslandsreisen möglich. Und noch immer singt der Chor, wir konnten uns bei seiner letzten Auslandsreise 1996 (s. Heft 6) davon überzeugen.

H. B.
Prolog

zur Einweihung des Vereinshauses Schäßburger
Männer-Gesangverein 1927
verfaßt vom Vorstand Prof. Dr. Heinz Brandsch sen.

Nun steht es da, geräumig und hell,
mächtig gestützt, ein prächtiger Bau,
vergleichbar den Türmen aus schwindender Zeit,
die die Väter geschaffen zum Schutze des Geistes,
der her sie geführt aus fernster Ferne,
der sie bewacht, als im Kampf sie gelegen
für deutsche Kultur und deutsches Vermächtnis.

Doch leer sind die Türme, die sie damals gebaut-
Ratten und Eulen, nur lichtscheue Tiere wohnen noch drin.
Es sanken die Wälle, es bröckeln die Steine
vom Zahne der Zeit beständig benagt.
Was Panzer und Wehr war, ist heute ein Schmuck nur
ein Bild vergangener Größe.

Was sollen uns Türme und Burgen, Basteien?
Was soll uns ein Wehrgang mit Büchsen gespickt?
Vorbei ist die Zeit des Kampfes im Felde,
da der Stadtrichter Weiß im Streite vergoß
sein sächsisches Blut für sächsische Freiheit.
Vorbei längst die Zeit, da an unserer Burgen
harteckigen Mauern tausende Türken
und andere Barbaren blutig die Köpfe
in Mordgier sich stießen.

Leichtere Zeiten -scheint es nicht so? - kamen herauf.
Doch blicken wir tiefer, merken wir bald
gerade die Schwere der jetzigen Zeit hat uns des Schutzes
der steinernen Burgen beraubt.

Ein höhnisch Gelächter müßte die Lande durchziehn,
wollten wir wieder, wie einstens die Väter,
das was uns lieb, hinter Mauern und Türmen verschanzen.
Ein einziger Schuß würde in Trümmer gleich legen
was einst Trutzburg und schützende Wehr.

Andere Waffen wählen wir drum, um das zu retten,
was uns das Leben lieb und des Lebens Wert gestaltet.
Auch unser Haus soll eine Waffe uns ein,
helfen das wahren, was uns als Erbe der Väter so heilig:
Unsere Sprache, singend und klingend im deutschen Lied,
deutsches Gemüt sich im Liede bewußt offenbarend.
Urdeutsche Kraft, die hoch bald zum Himmel emporstrebt,
dann gewaltig erbraust, wenn es gilt, dem eigenen Wollen
nachhaltige Wirkung zu leihn.
Ein Tor- Turm, sei uns das Haus nur, nicht selber
die Volksburg, die mit vielen Mauern und Türmen
die Kirche umgibt,
die in ihr sich erhebt, schirmend und schützend auch heute.
Ein Tor- Turm nur, und doch ein notwendig Glied
in der langen schützenden Reihe der Türme.
Kein Schneider-, kein Töpfer-, kein Goldschmiedturm allein,
ein Turm von allen Zünften erbaut, zum Schutze des Ganzen.

Und auch wir Frauen wollen im Arbeitsreigen nicht fehlen.
Sollten schwere Zeiten uns nahn, können wir Wunden verbinden,
können Wasser in Eimern tragen und löschen,
wo ins Dachwerk brennende Pfeile geschossen,
können Steine dann schleppen,
um dem Feinde den Zugang zu wehren.
Sollten leichte Zeiten uns nahn, wollen das
Fest wir Euch schmücken mit fröhlichem Lied
und lustigem Tanz.

Mit Euch aber sprechen wir heute ein frommes Gebet:
Schütze Gott uns dieses, unser Haus,
laß es Fried und Freud und Segen bringen
denen, die drin gehen ein und aus.
Laß uns Deines Namens Ehre singen,
wenn wir um uns'res Volkes Dasein ringen.

Gesang prägt die Seele und stärkt das Gedächtnis.
Der Prolog, einst von Frau Emma Hayn selbst vorgetragen,
wurde uns von ihr mit über 90 Jahren,
bereits erblindet, aus dem Gedächtnis auf Tonband
gesprochen und so der Nachwelt überliefert.

 


 

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