|
Eine Magisterarbeit auf dem heimatlichen Prüfstand
Zu welcher Einschätzung auch immer der geneigte Leser am Ende der
Lektüre dieser Arbeit gelangt, es bleibt erfreulich, noch miterleben
zu dürfen, daß die .junge Generation damit beginnt, sich im
Rahmen wissenschaftlicher Graduierungsarbeiten historischen Gegenständen
unseres Volkes zuzuwenden. Einen überzeugten Schäßburger
wird es zudem mit Stolz erfüllen, daß die Kulturenvielfalt
in Siebenbürgen am Beispiel der Bergschule in Schäßburg
mit dem Untertitel "Wandlung von einer nationalen zu einer Begegnungsschule"
dargestellt wird, Astrid Bernek hat es im Rahmen einer Magisterarbeit
in Bremen versucht, gleichsam einen Blick von unserer Urheimat im NW-
nach SO-Europa zu werfen. Schon dies ist ein "magna cum laude""
wert, wie immer die bestallten universitären Gutachter im Rahmen
der hauseigenen Zensurenskala befinden werden oder schon befunden haben.

Die Aufforderung, eine Rezension für die Schäßburger Nachrichten
vorzubereiten ("da ich dies ja von Berufswegen können müsse"),
stößt dann aber doch an natürliche Grenzen, da ich auf
diesem Fachgebiet als Laie zu gelten habe und Gefahr laufe, daß
eher Gefühle statt Sachverstand meine Feder führen.
Was den Leser erwartet, ist knapp gesagt eine Bestandsaufnahme über
eine umfangreiche Fragebogenaktion bei den gegenwärtigen Bergschülern,
eingebettet in die historische Entwicklung eben dieser Schule. Der Anlagenband
bedarf keiner besonderen Wertung. In ihm sind die Fragebogen und die Befragungsergebnisse
statistisch-tabellarisch aufgelistet, um die Arbeit selbst von zu vielen
Tabellen zu entlasten, die zahlenmäßigen Belege aber dennoch
zur Verrügung zu stellen.
Über die moderne Technik entstanden ansprechende Darstellungsformen.
Die Zweckmäßigkeit der Fragestellungen zu beurteilen, sollte
den betreuenden Hochschullehrern überlassen bleiben, da bekanntlich
manche Fragestellung eine bestimmte Antwort gleichsam suggeriert, eine
umfassende Berufserfahrung also erforderlich ist. Auch Spezialinstitute
wären zu befragen, Die Bilder sind ebenfalls hier untergebracht.
Als ehemaliger Bergschüler vermißt man eventuell eine Großaufnahme
der Bergschule mit dem alle verbindenden Wahlspruch, vielleicht auch ein
Bild des vorausgegangenen Schulgebäudes.
Die Arbeit selbst umfaßt etwa hundert Seiten. Bringt man den üblichen
Vorspann und die Register in Abzug. verbleiben etwa neunzig Seiten, auf
denen die zweigeteilten Arbeitsergebnisse dargestellt sind. Da die Untersuchungsergebnisse
aus Schülerbefragung erst bei Seite 73 beginnen, resultiert daraus,
daß 2/4 bis 3/4 der Arbeit der Geschichte und damit dem Literaturstudium
gewidmet sind. Dies kann aber nur dann als kopflastig betrachtet werden,
wenn man die mit dem Betreuer getroffene Absprache nicht kennt, Auch gilt
der Grundsatz " Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen".
Man findet immer wieder neue Informationen, die einem nicht gegenwärtig
waren, oder Deutungen, die zum Weiterdenken anregen, auch wenn das Literaturstudium
vornehmlich auf Sekundärliteratur basiert,
Der historische Teil ist in vier Kapitel gegliedert, drei davon enthalten
in der Überschrift das Stichwort "Schule". Damit ist die
Verfasserin fast zwingend genötigt, jedesmal den historischen Hintergrund
dazu zu liefern, und der Leser veranlaßt, mitten im Kapitel gedanklich
von einer Thematik zur anderen umzuschalten. Hätte Verfasserin sich
und dem Leser das Leben -bei Beibehaltung aller Informationen und getroffenen
Aussagen! - nicht erleichtert, wenn sie statt dessen vorab ein für
das Schulwesen zugeschnittenes Epochen-Raster gewählt hätte,
um in der Abfolge deckungsgleich die Geschichte Siebenbürgens, der
Stadt, der Landeskirche und des Schulwesens und dann der Bergschule darzustellen?
Gleichsam thematisch getrennt vom Allgemeinen (Umfeld) zum Besonderen.
Die im Ergebnis inhaltlich-kulturell zu wertende zentrale Fragestellung
wäre dann eventuell überzeugender ausgefallen, da sie von historischen
Fakten befreit auch für weitere gedankliche Querverbindungen Platz
geschaffen hätte. Warum die Autorin das Unterkapitel "Berühmte
Schüler der Bergschule" mit Schülern rumänischer Nationalität
beginnt und die deutschen Namensträger ausgerechnet mit einem "Militär",
bleibt wohl ihr Geheimnis, Auch hätte sie aus dem Heimatbuch und
siebenbürgischen Lexika weitere Namen auswählen können.
Lesenswert bleibt die Arbeit allemal. Und es ist wohl auch davon auszugehen,
daß bei Bekanntwerden die Autorin zu Vorträgen und Diskussionen
eingeladen wird. Wie ich unsere Landsleute kenne, ist dabei aber nach
informativer Befriedigung (nur!) damit zu rechnen, daß sich der
Meinungsstreit am Begriff "multikulturell" erhitzen wird, weil
er sich so eingeprägt hat, wie ihn die Politiker verwenden und empfehlen
und man ihn dann auf .jedem größeren deutschen Bahnhof vorgeführt
bekommt, Warum vermeidet man eigentlich den Begriff "multinational".?
Der Inhalt dieses Begriffes ist so gesehen vergeben. Meint der Teil der
Siebenbürger Sachsen dasselbe, der selbstzufrieden kundtut, daß
er aus einem seit jeher multikulturellen Land kommt und daher weiß,
wovon er redet? "Modellcharakter"? Ist das wirklich vergleichbar
oder sollte man dafür einen anderen Begriff wählen, zumindest
aber den Inhalt wahrheitsgetreu definieren ...was über die Jahrhunderte
hinweg sicher nicht leicht fällt da es ein Nebeneinander, Miteinander
aber auch ein Gegeneinander gab, manches waren vielleicht doch nur Zweckbündnisse.
Historisch verdanken die Nationalstaaten ihre Entstehung der Entscheidung
der Siegermächte nach dem I. Weltkrieg gemäß dem Grundsatz
"divide et impera". Deutschland und Österreich-Ungarn mußten
aufgeteilt werden. Die populistische These" daß sich Nationalstaaten
mit dem 2. Weltkrieg überholt haben" unterlaufen dieselben Politiker
(die in ihren Formulierungen nicht einmal zwischen nationaltate"
cetatenie" religie unterscheiden können)" indem sie dem
eigenen Volke dann zwar konsequenterweise eine multikulturelle Gesellschaft
ans Herz legen wollen" in gleichem Atemzug aber die kleinste ethnische
Einheit als Nationalstaat umgehend diplomatisch anerkennen (siehe Litauen,
Lettland, Estland, Tschechien, Slovakien, Slovenien, Kroatien u. a.).
Hat aber jemand schon gehört, daß den Basken (dem wohl ältesten
Volk Europas) oder den Kurden gleichermaßen ein eigener Staat zugestanden
werden soll?) Redet man in Frankreich oder England und anderen Ländern
auch so oft von der erstrebenswerten multikulturellen Gesellschaft? Hier
sind doch ganz andere als kulturelle Absichten im Spiel!
Auch von ""Regionalisierung" aus historischer Sicht ist
in der Arbeit die Rede, die (als Relikt des vorigen Jahrhunderts) offensichtlich
wieder herbeigewünscht werden soll. "Europa der Regionen"?
Von einem leichtfertigen Umgang mit solchen Begriffen ist ebenfalls zu
warnen. Man höre auch auf die mahnenden Stimmen in Polen, Tschechien
aber auch Holland, wenn deutsche Politiker von "Regionalen Zusammenschlüssen"
reden. Die ernsthaften Stimmen (nicht die der mafiotischen Schieberbanden)
befürchten einen nationalen Ausverkauf ihres Lands und verfolgen
ängstlich die Entwicklung in den neuen Bundesländern. Wenn ich
deren Gedankengänge richtig deute und auf bekannte Formulierungen
des deutschen Sprachraumes übertrage, wird zwangsläufig aus
dem Ausspruch von K. v. Clausewitz "Der Krieg ist die Fortsetzung
der Politik mit anderen Mitteln" der historische Folgesatz "Die
regionalen Zusammenschlüsse sind die Fortsetzung des Krieges mit
anderen (ökonomischen) Mitteln".
Beim letzten Besuch ( 1969-1989) einer rumänischen Austausch-Studentengruppe
aus Jasi in Leipzig fragten mich die Studenten anläßlich der
Begrüßungsrunde, was ich von Rumänien halte. Meine Antwort
lautete damals etwa: "Ihr habt nur vergessen, aus Rumänien eine
-wenn auch sozialistische Schweiz zu machen. Geographisch und kulturell
habt ihr mehr anzubieten als die Schweiz". Heute würde ich vorsichtiger
formulieren, da ich kürzlich im TV einem Schweizer Hochschulprofessor
zuhörte, der überzeugend Zu begründen wußte, warum
es "den Schweizer" gar nicht gibt, der Genfer würde sich
dagegen verwahren, mit einem Züricher verwechselt zu werden. So wurde
auch ich auf meine alten Tage um eine weitere Illusion ärmer.
Um noch aktueller zu werden: Sollen wir die rumänische Einladung
zur Rückkehr als Wunsch nach einer multikulturellen Gesellschaft
werten oder sind nicht wir, sondern unsere Ersparnisse gemeint? Müssen
nicht auch die Stimmen von "Vatra romaneasea" ernsthaft registriert
werden? Ich weiß nicht, ob ein neues Minderheitengesetz schon verabschiedet
ist, ich erinnere mich aber an Schilderungen, mit welcher levantinischen
Intelligenz die Rumänen (historisches Überlebenstraining?) die
Pariser Verträge nach dem l. Weltkrieg zu unterlaufen wußten.
Die Existenzkämpfe unserer Kirche und ihrer Schulen in den zwanziger
Jahren sind doch auch Überliefert ...womit wir dann wieder bei unserem
Thema wären: Begegnungsschule .ja, ansonsten dem Rumänen wie
den oben genannten Völkern und dann auch uns das Recht auf nationale
Einheit zuzugestehen, die wir uns 1989 "ergangen haben" um sie
jetzt wieder zu verlieren.
Wie immer man diese oder jene Stelle in der Magisterarbeit unserer Landsfrau
(um nicht "Landsmännin" zu sagen) wertet, wir wünschen
uns weitere Arbeiten zu emotionslosen Geschichtsdarstellung unseres Völkchens.
Wenn die Jugend nicht mutig ist, ein Problem auf den Punkt zu bringen,
das Alter war es noch nie. "Wer zuviel von der Vergangenheit weiß,
bekommt Zukunftsangst"! Ein einziger väterlicher Rat bleibt
mir daher nachzutragen: Verwenden Sie bei wissenschaftlichen Arbeiten
nie achtlos Begriffe aus der Tagespolitik, diese sind meist zur Irreführung
ausgedacht.
Definieren Sie diese notfalls belegbar, und setzen Sie ihre eigene, wissenschaftliche
Definition dieser entgegen. Die kausallogische Denkweise der Wissenschaft
ist Politikern fremd. Unsere Muttersprache (deutsch oder doch sächsisch?)
ist so vielseitig, daß damit die kleinsten Nuancen festgeschrieben
werden können, auch wenn oder gerade weil? man sie nicht in "Großdeutschland",
sondern an unserer humanistischen Bergschule gelehrt bekam".
H. Brandsch
Astrid Bernek
- geb 4. Juli 1969 in Sankt Martin (Tirnaveni)
- Kindheit und Grundschule in Schäßburg
-1983 Auswanderung mit Eltern nach Deutschland
-Gymnasium u. Abitur in Landshut.
-Studium der Kulturgeschichte Osteuropas, Geschichte und
- Soziologie an der Universität Bremen.
-Am 3 Februar 1997 erhielt A Bernek den Bremer Studienpreis für die
Magisterarbeit "Kulturenvielfalt in Siebenbürgen am Beispiel
der Bergschule in Schäßburg".

Letztes Update:
2004-08-16
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
© 2000 by kdg
|