HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Das Seminar in den Jahren 1944-1955

Beim Lesen des Artikels Vier Jahre im Lehrerinnenseminar in Schäßburg von Gertrud Blickling in den Schäßburger Nachrichten vom 30. Juni 1996 wurden unwillkürlich in mir die Erinnerungen wach, wie ich das Seminar erlebt habe. Während Frau Blickling noch eine heile Welt beschreibt, so hatte sich nach dem 23. August 1944 doch alles drastisch verändert. In das Seminargebäude war zuerst russisches, dann rumänisches Militär eingezogen.

Als die schwierigsten Jahre, die das Mädchenseminar durchmachte, müssen die Jahre 1944 bis zur Schulreform von 1948 angesehen werden. Der Lehrerinnenbildungsanstalt stand kein Gebäude zur Verfügung. Den Herbst bis Weihnachten 1944 verbrachten die wenigen Schülerinnen (fast ausschließlich aus Schäßburg) den Unterricht in zwei Privathäusern in der Hülgasse, um die begonnene Lehrerinnenausbildung zu Ende zu bringen. Nach der Aushebung und Verschleppung nach Rußland im Januar 1945 gab es nur noch Schülerinnen für die l. u. 2. Klasse, denen erst im April ein Raum im Bezirkskonsistorium (mit Zugang nur durchs Fenster) zugewiesen wurde. Die Lage verbesserte sich bis Ende des Schuljahres, man hielt Unterricht im Botanischen Garten, im Heldenhain, in Wohnungen von Lehrern und Schülerinnen und schließlich im Kraderium und dem Kartenzimmer der Bergschule. Erst im Schuljahr 1945/46 normalisierte sich der Unterricht in Räumlichkeiten der Bergschule, die Kriegswirren hatten sich gelegt, es kamen Schülerinnen aus den umliegenden Gemeinden, im Februar 1946 sogar die ersten Rußlandheimkehrerinnen. Es konnten wieder vier Klassen gebildet werden, so daß im Sommer 1946 nach dreijähriger Unterbrechung 4 Schülerinnen eine Lehrbefähigungsprüfung in Hermannstadt ablegen konnten. Erst im Schuljahr 1946/47 kam es bei 17 Schülerinnen der 4. Klasse erneut zur Matura in Schäßburg, die dann 1948 zum letzten Mal unter Aufsicht des evang. Landeskonsistoriums stattfand.


Die letzten Reste der Lehrerinnenbildungsanstalt 1948 mit den Lehrern
Dir. H. Brandsch, P. Schuller, T. Zikeli und Dr. Fr. Markus - Archivbild

Den Lehrern Dr. Heinz Braudsch (Direktor), Hildegard Höchsmann, Ilse Jacobi, Friedrich Czikeli, Theodor Fabini, August Aiff, Georg Donath, Gertrud Zikeli, Selma Roth, Erika Gärtner, Wilhelm Widmann, Paul Schuller, Dr. Fritz Markus und Richard Lang sen., viele von ihnen schon damals längst im Rentenalter, die diese schwere Zeit mit großen Opfern überbrückten, sei an dieser Stelle ein besonderer Dank ausgesprochen.

Durch die Schulreform von 1948 wurde aus dem Gymnasium Deutsche Pädagogische Schule, also Lehrerseminar für Mädchen und Jungen, Direktor wurde Paul Schuller. Das Hermannstädter Lehrerseminar löste sich auf.

An einem schönen Septembermorgen kamen die Seminaristen aus Hermannstadt mit der Wicka in Schäßburg an, auf der Oberen Marktzeile formierte sich die Blasmusik und mit Prof. Karl Gustav Reich hielten sie in der Bergschule (dem neuen Seminar) mit Pauken und Trompeten ihren Einzug.


Aus dem Fotoalbum der "Deutschen
Pädagogischen Schule" erstellt von
Prof. Paul Schuller. - Archivbild

Bis zum Jahre 1950 gab es für die vielen Schüler kein richtiges Internat, einige waren im alten Hotel Kovàcs untergebracht, andere waren gezwungen, in Privatquartieren zu wohnen. Im Spätherbst 1950 wurde nach langem Kampf, von Seiten des damaligen Direktors Paul Schuller, das Gebäude wieder zurückgegeben. Nun war es endlich so weit, daß alle Schüler wieder gemeinsam in einem Gebäude untergebracht werden konnten.

Von außen sah das Seminar noch fast so aus, wie es das schöne Bild in den Nachrichten vom 30. Juni 1996 zeigt, nur das Holztor war weg; aber wie sah das Gebäude von Innen aus? Wir staunten nicht schlecht, als wir sahen, in welchem Zustand sich das gute alte Seminar befand. Zunächst wurden die Räume von den Schülern durch Arbeitseinsatz vom größten Dreck befreit, dann wurde es notdürftig für den Einzug renoviert. Im oberen Flur fehlten im Fußboden viele Bretter, da keine Fußbodenbretter aufzutreiben waren, wurden die Lücken mit Zement ausgefüllt. In den Waschräumen waren die Leitungsrohre aus der Wand gerissen, die Waschbecken fehlten, an ihrer Stelle waren einfache Blechtröge angebracht. Wir waren froh, daß aus einigen Hähnen kaltes und auch warmes Wasser tropfte. Der größte Teil des Mobiliars war nicht mehr vorhanden. Weil die Schule zu arm war, um neue Möbel anzuschaffen, wurden die Schüler gebeten, ihre eigenen Möbel mitzubringen. Natürlich nur, wenn dieses möglich war.

Nach den Weihnachtsferien konnten wir das Gebäude beziehen. Es rückten viele mit einem Bett und Bettzeug, einem Schrank, einem Stuhl und einer Waschschüssel an. Das Gebäude diente nur noch als Internat, die Schule war im Bischof-Teutsch-Gymnasium.

Den l. Stock bezogen die Mädchen und das Erdgeschoß die Jungen. Den Stock erreichte man über eine Holztreppe, die große Ähnlichkeit mit einer Hühner steige hatte. Die Jungen hatten ihren Eingang im Treppenhaus, dieses war für den l. Stock abgeschlossen. Jede Klasse erhielt einen Schlafraum. Bis zu 17 Betten mußten in einem Raum aufgestellt werden, da blieb natürlich kein Platz für die vielen, ganz verschiedenen Schränke übrig. Diese wurden in den Gang gestellt und immer von 2-3 Schülerinnen benützt. Der größte Raum an der Ostseite wurde als Lernsaal eingerichtet, d. h. wir hatten dort Tische zur Verfügung. In die Lernstunde wanderten wir mit unseren Stühlen, die wir auch in den Schlafräumen benützten. Der Lernsaal war gleichzeitig auch unser Aufenthaltsraum außerhalb der Lernstunden. Im l. Stock waren noch die Zimmer der Pädagoginnen Herta Höhr und Marta Brandsch und ein Krankenzimmer. Um 6.00 Uhr weckte uns Hans Moser mit seinem Baßflügelhorn, dann hieß es schnell aus den Betten und sich einen Platz im Waschraum ergattern. Um 7.00 Uhr war Frühstücksausgabe. Das Frühstück bestand Tag für Tag aus einer Tasse heißem Wasser mit Teegeschmack, einer Scheibe Brot und einem Würfel Marmelade.

Um 7.30 Uhr machten wir uns auf den Schulweg. Der führte uns vom Neuen Weg über den Friedhof durch das Wäldchen unter dem Botanischen Garten zum Gymnasium. Für den langen Weg brauchten wir anfangs 30 Minuten, später schafften wir ihn auch in 20 Min. Gut trainierte Jungen brauchten nur 15 Min.

Mittagessen war zwischen 13 und 15 Uhr, das Abendessen zwischen 18 und 18.30 Uhr. Wegen der großen Schülerzahl mußten die Mahlzeiten in 2 Serien eingenommen werden. Ein Tischdecken war nicht möglich, jede Klasse hatte ihren blankgescheuerten langen Tisch mit Holzbänken. Das Essen holte man sich vom Ausgabeschalter ab. Internatsdirektor war Prof. Karl Reich und Internatsverwalter der einstige Knabenschullehrer Herr Fredel. Heute muß ich mich noch wundem, wie es ihnen gelungen ist, in der armen Zeit die vielen jungen Leute satt zu bekommen. Es war bestimmt keine leichte Aufgabe.


Prof. E. Irtel dirigiert den Singkreis in der Aula der
Bergschule - Archivfoto


Die guten Geister in der Küche waren Frauen, die nach dem Krieg und Verlust ihres Vermögens gezwungen waren, sich ein Brot und eine kleine Rente zu erwerben. Natürlich waren auch wir Schülerinnen zum Küchendienst eingeteilt. Für alle Reparaturen war unser guter Hausmeister, Herr Dörner, zuständig.

Bei den Verhältnissen (große Schülerzahl, räumliche Enge, keine Abgrenzung um das Gebäude) war eine strenge Aufsicht unmöglich, von Zwang konnte auch keine Rede sein, und doch herrschte Zucht und Ordnung, die wir freiwillig einhielten. In den ganzen 2 Jahren kann ich mich nicht erinnern, daß es gravierende Zwischenfälle gegeben hätte. Trotz aller Unbequemlichkeiten war es eine sehr schöne Zeit, die wir dort im Seminar verbracht haben. Uns verband ein sehr starkes Gemeinschaftsgefühl. Wenn wir aus Abendveranstaltungen oder im Winter aus dem Nachmittagsunterricht im Dunkeln in das Internat gehen mußten, war es besonders für die Mädchen richtig gefährlich. Wir gingen immer in Gruppen, Mädchen und Jungen, zusammen, so daß wir uns vor Angriffen von Schülern der metallurgischen Schule schützen konnten. Es wurde niemand alleingelassen.


Aus der Theatervorführung "Der Revisor" - Archivbild


Aus der Theateraufführung "Kabale und Liebe" - Archivbild

Trotz der großen materiellen Schwierigkeiten, mit denen das Seminar in den Nachkriegsjahren zu kämpfen hatte, auf kulturellem Gebiet war es eine Blütezeit. Unsere Lehrer waren unheimlich bemüht, uns viel Wissen und kulturelle Güter mit auf den Weg zu geben. Prof. E. Hügel brachte mit freiwilliger Schülerarbeit die naturwissenschaftliche Sammlung in Ordnung und auf Hochglanz. Ebenso reparierte Prof. M. Helwig in viel Kleinarbeit alle physikalischen Geräte, die durch das Kriegsgeschehen zu Schaden gekommen waren, so daß sie im Physikunterricht verwendet werden konnten. Prof. E. Irtel hielt an Samstagnachmittagen die beliebten Komponistenstunden und führte uns so in die klassische Musik ein. Sein 1950 gegründeter Singkreis konnte große Erfolge verzeichnen. Auf der Singkreisreise 1952 nach Hermannstadt und Umgebung wurde er sogar von dem sehr kritischen F.X.. Dressler mit viel Lob bedacht. In diese Zeit fallen auch die großen Theateraufführungen. Da die bekannte Schauspielerin Margot Binder-Göttlinger in der Nachkriegszeit in Schäßburg lebte, konnte sie mit ihrem fachmännischen Können Prof. E. Machat beraten. So kam es zu den hervorragenden Inszenierungen von Goethes Egmont, N. Gogols Der Revisor und Fr. Schillers Kabale und Liebe. Außer diesen anspruchsvollen Stücken wurden noch viele Bunte Abende mit Tänzen, Ballett und Chorgesang veranstaltet.


Aufmarsch zum Turn- und Tanzfest im Frühling 1951. - Archivbild


Die Blasmusik unter Erich Bergel 1948 - 1950 - Archivbild

Der Sport kam auch nicht zu kurz, Dank der beiden Sportlehrer Prof. G. Zikeli und Prof. H. Kraus. Besonders zu erwähnen wäre das Turn- und Tanzfest im Internatshof Frühling 1951. Die Blasmusik erreichte ihren Höhepunkt unter der Führung des jetzt bekannten Dirigenten Erich Bergel 1948-50. Von ihm übernahm 1950 den Dirigentenstab Hans Jakobi und 1952 H. Ließ.


Die Schülerin Ingeborg Jekeli spricht beim Festakt der "Bücherspende"
in der Aula der Bergschule - Archivbild

Natürlich mußten die zukünftigen Lehrer zu treuen Bürgern des Sozialismus erzogen werden. Damit das auch richtig geschah, glaubte das antifaschistische Komitee wachen zu müssen. In diesem Sinne kam es von ihrer Seite zu einer Bücherspende, die in einem Festakt in der Aula übergeben wurde. Auf dem Bild ist deutlich zu erkennen, daß entsprechend den Anforderungen jener Zeit, sich zu den Namen der berühmten europäischen Kulturträger die Bilder der kommunistischen Heiligen und das Wappen des sozialistischen Rumänien eingeschlichen hatten.

Die ausgezeichnete praktische Ausbildung verdankten wir den sehr engagierten Übungsschullehrerinnen. Von ihnen lernten wir das Handwerk des Lehrers. Nicht zuletzt trugen auch die vielen Schulreisen und Ausfahrten mit Kulturprogrammen zur Erweiterung unseres Horizontes bei. Durch diese lernten wir unsere Heimat kennen.


Die Übungsschullehrerin M. Wolff beim Unterricht
1954. - Archivbild

So ausgerüstet, konnten wir getrost unseren Lehrerberuf antreten und auch auf die abgelegensten deutschen Dörfer einen Teil unserer deutschen Kultur tragen. Unsere gute Ausbildung ist uns auch hier in Deutschland zu gute gekommen, so daß wir uns auch hier in der Schule behaupten konnten, obwohl wir nur 4 Jahre Seminar hatten und nicht ein Hochschulstudium wie die hiesigen Lehrer.

Im August 1952 wollte das rumänische Militär die Direktion wieder zwingen, das Seminargebäude zu räumen. Inzwischen waren mit unserem Geld viele Renovierungen vorgenommen worden, so daß das Gebäude einigermaßen hergestellt war. Der damalige Direktor Michael Helwig weigerte sich, das Internat zu übergeben. Aus diesem Grund wurde er kurzerhand abgesetzt und das Internat zog danach in das Misselbacher-Haus in der Baiergasse um.

Die pädagogische Schule in Schäßburg hat nur bis zum Jahre 1955 existiert, dann wurde sie nach Hermannstadt verlegt. Aus der Bergschule wurde wieder Gymnasium, das sich nun Deutsche Mittelschule Schäßburg nannte.

Edda Helwig (Heilbronn)



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