HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Bemerkungen zum "Geleitwort" von Pfarrer Rolf Binder in der Sondernummer der "Schäßburger Nachrichten" vom 15. Mai 1997

Als leiblicher Nachkomme, vor allem aber als geistiger Erbe des heute vielfach mißverstandenen siebenbürgischen Dichters Michael Albert, fühle ich mich verpflichtet, einige offensichtliche Mißverständnisse des angesprochenen Artikels zu klären.
Zunächst muß ich Michael Alberts fehlerhaft zitierten Text berichtigen: Es handelt sich dabei um ein Gedicht von 1883, überschrieben: "Vom Tage", womit seine Aktualität ausgedrückt wurde. Es umfaßt zwei achtzeilige Strophen, die lauten:

Vom Tage
I
Eisen auch sind Wort und Feder,
dem, der sie zu führen weiß;
darum rüste sich ein jeder
zu dem Kampfe schwer und heiß!
Nicht zu stürmen gilt's. zu retten
gilt's den Atem unsrer Brust,
und von Hand und Fuß die Ketten
abzureißen selbstbewußt.

II
Deiner Sprache, deine Sitte,
deinen Toten bleibe treu!
Steh in deines Volkes Mitte,
was sein Schicksal immer sei!
Wie die Not auch dräng und zwinge,
hier ist Kraft, sie zu bestehn!
Trittst du aus dem heil'gen Ringe,
wirst du ehrlos untergehn

Soweit das Original, dessen zweite Strophe (Teil 11) durch zwei Fehler entstellt wurde. Es heißt in der dritten Zeile "Steh" (nicht "Bleib") und in der vierten sinngemäß "sein" (nicht "dein", denn das Schicksal des einzelnen ist hier nicht gemeint!).
Um die Verse volkstümlicher zu gestalten, sind von "Unbekannt" zum mehrfach vertonten Teil II zwei weitere Strophen dazu gereimt worden, und der so vermehrte Text ist in siebenbürgischen Liederbüchern sogar gedruckt, verbreitet und bei festlichen Gelegenheiten als Chorlied in verschiedenen Fassungen gesungen worden. Bei kritischer Betrachtung läßt sich der Stilbruch in der angefügten pathetischen "Ergänzung" durch sein "schmückendes Beiwerk" deutlich erkennen. Michael Alberts Verse zeichnen sich im Gegensatz dazu durch Schlichtheit aus.
Entsprungen dem Herzen eines Mannes, der seinen Volksstamm in höchster Gefahr sah, sind die Worte seines Spruches heute aktueller als je. Durch Teil I des Originals wird Teil II besser verständlich, denn nach dem Österreich-ungarischen Ausgleich von 1867 drohte zunehmende Gefahr für die deutsch ausgerichtete politische und kulturelle Eigenständigkeit. Es galt, die der Freiheit angelegten Ketten durch geistige Waffen zu zerreißen, deren stärkste des durch die neuen Verhältnisse auf sich selbst gestellten deutschen Volkssplitters aus der Sicht des Dichters in der Besinnung auf die eigene Tradition lagen, in der Sprache und in der Sitte. Die Verse weisen mahnend zum Ursprung und zu den Wurzeln völkischer Existenz: zu den Toten. Ein Volk, das seine Toten vergißt, ist ein Volk ohne Geschichte, und ein Volk ohne Geschichte wird zu einem Volk ohne Kultur.
Wir Siebenbürger Sachsen haben es heute schwer. Auch wenn wir uns bemühen, die Brücke zum "Gestern" unserer siebenbürgischen Vergangenheit nicht abbrechen zu lassen, so werden wir doch von Jahr zu Jahr immer mehr in den Zeitgeist eingesponnen, der sich im deutschen Westen in Gestalt einer farblosen "Gesellschaft" einem ungewissen Europäertum unterwirft und verlieren dadurch unseren angestammten, spezifischen Volkscharakter. Für den Angepaßten bleibt M. Albelts Spruch unverständlich und ist unter diesem Gesichtspunkt völlig überholt.
Auf keinen Fall darf versucht werden, aus dem Inhalt von anonymen, nicht von M. Albert stammenden Texten, dem daran nicht beteiligten Dichter theologische Interpretationen zu unterschieben. Seine Religion war die der deutschen Klassiker, pantheistisch geprägt und dem Leben zugewandt, fern jedem Dogma. Der "heilige Ring" meint zweifellos die Gemeinschaft, in die wir hineingeboren sind. Christliche Spuren vermag ich in dem gedrängten Text der 16 authentischen Zeilen nicht zu entdecken, doch insofern die Toten angesprochen werden, sind die Verse auch religiös gestimmt, denn Ahnenverehrung ist ein Grundpfeiler .jeder echten Religion, solange sie nicht in den Fesseln von Konfession und Dogma eingeengt wird.
Die acht Zeilen im II. Teile des Albert-Gedichtes sind geeignet, von jedem Volk dieser Erde als Nationalhymne gesungen zu werden. Verglichen mit manchen martialischen Texten fehlt ihnen jede Aggressivität, sie sind wohltuend friedlich, doch bezeugen sie entschlossene Bereitschaft, das Eigene zu wahren und zu verteidigen. Nur die Besinnung auf das eigene Wesen vermag uns heute noch Hoffnung auf Rettung zu geben vor dem drohenden Untergang durch Selbstaufgabe.
Nach unserem Exodus hat sich für uns Siebenbürger eine wesentliche Änderung der Lebensführung ergeben: In den kirchlichen Gemeinschaften, in die uns der Zufall geworfen hat, fühlen wir uns auf eine besondere, beinahe befremdende Weise, nur als Gäste. Die Einheit von Glauben und Volkstum, das besondere kulturelle Kennzeichen unseres Stammes, kann im Rahmen der Evangelischen Kirche Deutschlands nicht mehr erhalten bleiben, sie ist praktisch aufgehoben.
Homo durus Schäßburgensis

Roland Albert 1997


 

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