HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


475 Jahre Bergschule

Weihnachten steht vor der Tür, und wieder wird "wenn tief im Tal erloschen sind..." in Schäßburger Familien der alten Heimat gedacht. Nachdem der meist hektische HOG-Alltag hinter uns lag, wurde das Bergschul-Jubiläum in der alten Heimat zum Höhepunkt des Jahres, und wirkte gleichsam wie Balsam für verletzte Seelen. "Und um alle deine Söhne schlinge sich der Eintracht Band..." singen wir öfter als uns gelegentlich zusteht, hier wäre es in umfassendem Sinne am Platze gewesen.

Es zeugt von Anerkennung, Ehrerbietung und einem aktuellen, internationalen Bekanntheitsgrad unserer Bergschule, wenn man sich die Namen der Ehrengäste vergegenwärtigt, die der neuernannte Direktor Prof. Mircea Maier begrüßen konnte, und deren Botschaften man in überfüllter Aula aufmerksam verfolgte.


Eröffnung der Festveranstaltung durch Direktor Mircea Maier.
Foto: Martin Zinz

Zuvor aber sprach er in rumänischer und deutscher Sprache einige Worte des Gedenkens über die historische Bedeutung der Bergschule, deren Leitung ihm nunmehr übertragen wurde. Er war sich der Last der Tradition durchaus bewußt. Dabei gedachte er auch der in den vergangenen 20 Jahren verstorbenen Lehrkräften: Hans Wellmann, Julius Ambrosius, Kurt Miess, Egon Machat, Eckart Hügel, Paul Schuller, Tuliu Racota, Gheorghe Popovici, Maria Ilnitchi, Emanuel Haivas, Lucilus Parvu, Livia Grecu, Hans Weber, Natalia Buruiana, Emil Ghiurghiu, Otto Roth. Grete Heitz, Liane Lang, Lilli Brandsch, Karl Brandsch und A. Hobai.

Die Bedeutung des Jubiläums wurde zusätzlich durch Gäste und Grußworte bestimmt. Die Grußadressen des Staatspräsidenten Emil Constantinescu und des Unterrichtsministers V. Petrescu überbrachte Dr. T. Radu Negrei aus Bukarest. Unter den Gästen konnten weiterhin die Herren Senator Joan Burghelea und Abgeordneter Leon Pop begrüßt werden. Die Grüße unserer Heimatstadt und ihres Stadtparlamentes überbrachte Bürgermeister Constantin Stefanescu (s. Text), auf dessen Unterstützung wir immer rechnen können, wenn es sich um die Erhaltung der Wahrzeichen der Stadt und ihrer "scoala din deal" handelt.

Das deutschsprachige Ausland war durch den Botschafter Österreichs, Dr. Paul Ulmann, den deutschen Konsul von Hermannstadt, Arnulf Braun, die Rumänisch-Deutsche Gesellschaft aus Würzburg durch M. Drotleff und unsere Landsmannschaft durch den stellv. Vors. Richard Löw vertreten.


Direktor der Bergschule Mircea Maier.
Foto: Martin Zinz

 


Ansprache Hermann Baier, Bergschuldirektor a.D.
Foto: Martin Zinz

Als Vertreter der Lehrerschaft und ehemaliger Direktor der Schule konnte Herr Gustav Schneider und mit ihm mit 86 Jahren der wohl älteste Schüler, Herr Ernst Graef, vom Auditorium begrüßt werden.
Der Bergschulverein vor Ort war durch Dr. Ovidiu Capatina vertreten, aus Wien war Frau Gertraud Schuller angereist, deren Grußworte unter das Motto Ehrfurcht, Freude, Dankbarkeit, gestellt war, mit großem Applaus aufgenommen wurden, da sie sich als verläßliche Förderin des Bergschulvereins in ihrer zweiten Heimat allgemeiner Bekanntheit und Beliebtheit erfreut.

 


Gertraud Schuller, Förderin der Bergschule
vertritt den Allg. Deutschen Kulturverband
Österreichs.
Foto: Martin Zinz

Weitere Grußadressen ehemaliger Schüler und Lehrer waren bei Hermann Baier eingegangen, die er in seiner Rede geschickt mit Daten aus der Geschichte und einer eigenen Liebeserklärung an seine Bergschule verband, mit der er gleichsam ein nachvollziehbares Zwiegespräch führte. Mit verhaltenem Stolz konnte er darauf hinweisen, daß nur drei ehemalige Direktoren länger im Amt waren als er, der aus Altersgründen das Amt in jüngere Hänge legte; Zeit für einen Generationswechsel. Generationswechsel auch bei den angereisten HOG-Vertretern und Gastrednern.
Der neue HOG-Vorsitzende, Walter Lingner, war schon Wochen voraus "mit großem Gepäck" angereist, da er zugesagt hatte, aus seinem unerschöpflichen Fundus eine Ausstellung zur Geschichte der Bergschule zu gestalten. Mit Unterstützung von Kurt Müller, Hans Donath und Michael Grigorovici sowie den Lehrerinnen Marianne Ciobotaru und Erika Nagy brachte er es fertig, einen ganzen Klassenraum - die Prima! - auszugestalten. Manfred Wittstock schreibt in der ADZ-Rumäniens in seinem Bericht "Geist der Offenheit wirkt nach" folgendes darüber: "Es sind hier in musealer Anordnung sorgfältig vereint: die bekanntesten Schäßburg-Veduten, zumeist Reproduktionen von Gemälden des einstigen Zeichenlehrers Ludwig Schuller und seiner Tochter Betty, die zusammen mit Bauzeichnungen den ursprünglichen Schulbau und die spätere Aufstockung sowie das Albert-Haus zeigen. Das erste Buch der Schulbibliothek, ein Geschenk ihres Gründers Martin Kelp aus dem Jahre 1684, ist hier ebenfalls ausgestellt, wie alte Schulmatrikeln und Schulprotokolle, dazu die vollständige Rektorenliste seit dem Jahr 1522 und die vollständige Absolventenliste der letzten 70 Jahre (die ältesten noch lebenden Absolventen dürften vom Abgang im Frühjahr 1929 Dr. Hermann Binder, Kurt Leonhardt, Wilhelm Weber und Ernst Graef sein). Hinzu kommen Flaus, Mütze und Farben (schwarz - rot - gold) vom Coetus der Schäßburger Chlamidaten, Porträtbüsten des Architekten Wolfram Theil, (H. Oberth und jene des Museumsgründers Josef Bacon), Schriften von Georg Daniel Teutsch sowie Fotos über die Teilnahme der Schule am volkstümlichen Skopationsfest, musikalischen (Komponistenstunden des Ernst Irtl und die Blaskapelle), kulturellen (Theateraufführungen der Seminaristen) oder sportlichen Leben der Schule. Dazu wird an berühmte Lehrer und Absolventen erinnert: an den General Michael Benedikt Melas (einschließlich an den Brief Napoleons, den dieser 1800 nach der Schlacht von Marengo an Melas gerichtet hatte), an den Historiker Karl Goos, an den Naturkundler Heinrich Höhr und an den Politiker Hans Otto Roth". Besucher und Schüler zeigten sich interessiert für eine für sie unbekannte historische Zeit. Die Ausstellungsgegenstände bleiben im Besitz der Schule und tragen zur Einrichtung einer ständigen Schulausstellung bei.

 


Ausstellung über die Geschichte der Bergschule und des Coetus
Foto: Ernst Graef, Gustav Schneider

 


Ausstellung über die Geschichte der Bergschule und des Coetus
Chlamydatorum im Klassenraum der Prima.
Foto: Ernst Graef, Gustav Schneider

 


Ausstellung über die Geschichte der Bergschule und des Coetus
Chlamydatorum im Klassenraum der Prima.
Foto: Ernst Graef, Gustav Schneider


Als neues HOG-Vorstandsmitglied hatte es Walter Roth übernommen, der Hörerschaft Leben und Wirken der beiden Namenspatrone der Schule - Georg Daniel Teutsch und Joseph Haltrich (s. Text) - näher zu bringen. Beide wußte er mit überzeugenden Worten als Lehrer und international anerkannte Wissenschaftler vorzustellen, wohl auch in der Absicht, Lehrer und Schüler am Beispiel historischer Persönlichkeiten zur eigenen Geschichtsforschung und wissenschaftlicher Tätigkeit anzuregen.

Dem scheidenden HOG-Vorsitzenden, Heinz Brandsch, war eine freie "Festrede" (s. Text) angetragen worden, die er dann auch eigenwillig - wenn auch durch die Programmfülle unter Zeitdruck - zu nutzen wußte. Er wagte den Versuch, unkonventionell herausfinden zu wollen, was das allseits innige Verhältnis zur Bergschule eigentlich prägt. (Mit Goethe: "...was die Welt im Innersten zusammen hält".) Nach einer ersten Pressestimme zu urteilen (ADZ in Rumänien) erinnerte er an einige Aspekte der Schulgeschichte "mit trockenem Humor"; "Glasul cetatii" versuchte den Grundtenor seiner Rede mit einer Übersetzung seiner Eingangs- und Abschlußthese einzufangen; für seine philosophischen Betrachtungen fehlte wohl auch der Platz.

Manch Zuhörer mag das sich anschließende vielfältige Kulturprogramm in deutscher und rumänischer Sprache, in Rezitation und Gesang, vielleicht als etwas überladen empfunden haben. Er möge dies aber vorab den immer noch harten Stühlen zuschreiben und anerkennen, daß auch dieser Teil der Veranstaltung Ausdruck einer engen Verbundenheit ehemaliger und jüngster Schüler mit ihrer Schule zu werten ist. Dafür sprach das spürbare Engagement beim Vortrag. Ein positives Echo war trotz fortgeschrittener Stunde auch auf den vorgestellten Bergschulfilm von Martin Zinz und Walter Lingner zu hören.

 


Oktett unter der Leitung von Theo Halmen singt Psalmen vertont von F. Mendelssohn-Bartholdv.
Foto: Radu Cravciuc

 


Flötenspielgruppe von Schülern spielt unter der Leitung von H. Baier.
Foto: RaduCravciuc

Der Sonntag war - mit Unterstützung des Kirchen- und Kammerchores - einem Festgottesdienst vorbehalten, zu dem Landesbischof D. Dr. Christoph Klein sich bereiterklärt hatte, die Festpredigt (s. Text) zu halten. Es erübrigt sich darauf hinzuweisen, daß daran auch unsere rumänischen Ehrengäste und Lehrer teilnahmen, erwähnt aber werden soll, daß er von Hermann Baier öffentlich in der Klosterkirche mit Worten des Dankes begrüßt wurde. Die Predigt unseres Landesbischof weitete den Blick und gab unserem Anliegen unverhofft einen über Raum und Zeit hinausweisenden Sinn.
Durch seinen Hinweis auf zeitgleiche welthistorische Ereignisse - Melanchtons Ansprache in Nürnberg und dessen 5OOsten Geburtstag - erhielt unser lokales Anliegen plötzlich eine andere Dimension. Es lohnt auch nachzuvollziehen. warum er zur Grundlage seiner Predigt einen Text aus der anspruchsvollen Bergpredigt nahm; alle anwesenden Christen waren damit angesprochen.

Im Anschluß an den Festgottesdienst begleitete uns (trotz Erkältung!) der Landesbischof bei der "Blumen-Niederlegung" zu den Gräbern unserer Lehrer, um sich dann auch noch über die Restaurierungsarbeiten in der Bergkirche durch Baumeister Horst Zikeli und der Ausstellung in der Bergschule durch Walter Lingner informieren zu lassen. Dann mußte er aber wohl doch ins Bett... Respekt und herzlichen Dank Hochwürden!

 


Bischof D Dr. Ch. Klein und Pfarrer H. B. Fröhlich nach
dem Gottesdienst vor der Klosterkirche.
Foto: Walter Lingner

 


Vor der Bergkirche: Bischof D Dr. Ch. Klein läßt sich
von Baumeister Zikeli den Stand der Restaurierungsarbeiten
erläutern.
Foto: W. L.

 


Beim Festessen im goldenen Stern.
Foto: Radu Cravciuc



Ernst Graef, Absolvent der Bergschule 1928, erlebt eine
Mathematik-Stunde, wie vor 70 Jahren in der Septima,
mittlere Reihe, 3. Bank links, mit Prof. H. Baier.
Foto: Walter Lingner

Nachträglicher Dank aber auch den Absendern von Grußadressen, von denen in der Rede von Hermann Baier eingangs schon Auszüge gebracht wurden: Prof. Dr. Dr. h.c. Georg Weber, Michael Helwig, Dr. Hermann Binder, Wilhelm Weber, Kurt Leonhardt, Edith Machat, Uwe Horwath, Hans Franz, Hermann Homner. Inge und Hansheinz Rether, Kurt Müntz, Hans Pomarius, Ekart Letz, Maria Graef (mit einem eigenen Gedicht), Martha Schneider, Dr. Michael Kroner, Karl Günther Reich, Karl Gustav Reich, Gerhardt Hillner (USA).



Am Grabe von Prof. Karl Roth.
Foto: Gustav Schneider

Daß wir am darauffolgenden Tag ein zweites Mal weitere Gräber unserer Lehrer besuchen mußten, bitten wir dem Protokoll oder mangelhafter territorialer Kenntnis anzulasten; das Leben durchkreuzt gelegentlich die beste Planung. Mit den Arbeiten an einem Friedhof-Lageplan werden wir die nächste Generation vor solchen Pannen sicher bewahren können. Als nachahmenswert aber empfehlen wir das Vorbild von Ernst Graef: Mit 86 Jahren für eine Stunde ,.auf seinem Platz in seiner Septima'' ...mit den Schülern von heute.

Daß es auch zwei "Festessen" gab - und damit viel Zeit für Gespräche am Rande der Jubiläumsfeier - soll ebenfalls dankbar vermerkt werden. Vor unserer Abreise fand dann noch eine Verabschiedung der HOG-Vertreter beim Bürgermeister, dem Forum und dem Presbyterium statt, da ohne diesen Dreiklang auch die Zukunft unserer Vergangenheit nicht gesichert werden kann.

Einige der Beiträge mußten wir nachträglich leider etwas kürzen, damit dieses Heft nicht umfangreicher wird als alle vorausgehenden Hefte. Es macht aber Sinn, Ihnen die Beiträge als Weihnachtslektüre zu empfehlen, um den Gleichklang des seelischen Anliegens aus unterschiedlichen Perspektiven zu erfassen.
Frohes Fest und eine erträgliche Zukunft!

Ihre Redaktion


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