HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Bildung als Schutzwall der Christen

Predigt anläßlich der Jubiläumsfeier "475 Jahre Bergschule" in Schäßburg am 21. Sonntag nach Trinitatis, den 18. Oktober 1997 über Mt. 5.38-48
Bischof D Dr. Christoph Klein

Liebe Gemeinde, verehrte Festgäste, Schwestern und Brüder!
Der "Praceptor Germaniae" - der "Lehrer Deutschlands", wie man den Reformator, Mitstreiter und Freund Luthers genannt hat - Philipp Melanchthon, dessen 500. Wiederkehr seines Geburtstages in diesem Jahr gefeiert wurde, hat im Jahre 1526 die neue Schule in Nürnberg eingeweiht und dabei folgendes gesagt: "Für die Städte sind nicht Bollwerke oder Mauern zuverlässige Schutzwälle sondern die Bürger, die sich durch Bildung, Klugheit und andere gute Eigenschaften auszeichnen". Ähnliches hätte Melanchthon auch sagen können, wenn er nach Schäßburg gekommen wäre, um die Schule einzuweihen, die 1522 zum erstenmal urkundlich erwähnt wurde und damals schon längst existierte. Denn auch hier hätte die malerische Stadt, ähnlich wie in Nürnberg, die Mauern und Türme mit diesem herrlichen Berg, wo die Kirche und die Schule nebeneinander stehen und sich einer der schönsten Friedhöfe des ganzen Landes befindet, ihn dazu anregen können, Bildung als Schutzwall zu bezeichnen, durch den wir für ein ganzes Leben Geborgenheit, Sicherheit. Frieden und eben Schutz für uns selbst erhalten und anderen Menschen zugestehen. Bildung als Schutzwall. Das will sagen, daß mit Bildung nicht nur Wissen und Erziehung gemeint ist, noch das, was wir sonst so gemeinhin als Rüstzeug fürs Leben bezeichnen: Information, Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten - Bildung in diesem Sinne, ist all das, was den Menschen bildet, durch das der Mensch gebildet, geformt, geprägt wird, wodurch jene innere Burg im Menschen gebaut wird, für die er ein Leben lang Tüchtigkeit, Fähigkeit zur Lebensbewältigung seiner Existenz erhält, ja all das überhaupt, was den Lebens- und Erfahrungsraum unserer menschlichen Existenz ausmacht, was uns schützt, stärkt, tröstet, ausrüstet in allen Situationen und in allen Herausforderungen des Lebens.

Was uns am tiefsten und eindrücklichsten bildet ist also die Welt, die uns umgibt, in der wir aufgewachsen sind und erzogen werden und die dann in uns aufbaut, was "Schutzwall" für das Leben ist und schließlich auch Maßstab und Grundlage für jede Schule, alle Erziehung und Wissensbildung überhaupt. Fragen wir nach dieser Welt, der Welt, die Melanchthon zu dem größten Lehrer Deutschlands und wohl Europas gemacht hat. der Welt, durch die der 1522 erwähnte Rektor der Schule in Schäßburg geprägt wurde und alle Rektoren und Direktoren, alle Lehrer und Professoren bis auf den heutigen Tag hier und auch sonst, fragen wir also, woraus sie ihre geistigen Kräfte, ihre pädagogischen Fähigkeiten, ihre Begeisterung und Vorbildfunktion gewonnen haben, so werden wir auf unseren heutigen Text zurückverweisen, der aus der Bergpredigt stammt. Denn das Neue Testament, die Lehre, das Leben und der Geist Jesu Christi haben diese Welt im christlichen Abendland heraufgeführt, und auch zur Bildung von Schulen und anderen Erziehungsanstalten geführt. Diese Forderungen Jesu von der Aufhebung des Vergeltungsgedankens und der Nächsten- und- Feindesliebe haben jene Revolution hervorgerufen, durch die die ganze Welt ein neues Gesicht bekommen hat bei der Entstehung und Entwicklung des Christentums.



Bischof D Dr. Ch. Klein wahrend seiner Festpredigt.
Videobild: Martin Zinz

Aber kann man heute angesichts der Realitäten - denken wir an den Terrorismus, an die blutigen Kriege, an vieles andere auch, wie nationalen Streit und Haß unter den Völkern - kann man heute mit der Bergpredigt leben, ja sogar einen Staat regieren? Und auf die Schule bezogen: Kann man mit der Bergpredigt Kinder erziehen und Jugend heranwachsen lassen? Selbst Luther hat seinerzeit geäußert, daß die Bergpredigt nicht auf das Rathaus gehöre und er hätte wohl auch sagen können, daß sie auch nicht in die Schule gehört. Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Reinhard Höppner, der vor zwei Jahren auch die Schäßburger Bergkirche und Bergschule mit uns besucht hat. ist in Hamburg beim Kirchentag gebeten worden, einen Vortrag zu halten, in dem er etwas darüber sagen solle, wie man als Ministerpräsident und gläubiger Christ und Pfarrerssohn ein Land mit der Bergpredigt regieren könne.

Und er hat damals gesagt: "Ich weiß gar nicht, wie ich ohne die Bergpredigt regieren sollte. Gerade in der Politik, wo es ständig darum geht, Entscheidungen zu treffen, wo es oft so schwer ist, den rechten Weg zu finden, wo Sachzwänge nicht einengen und die Kompliziertheit der Probleme mich zu lahmen droht, da kann ich auf den geradezu unerschöpflichen Ideenvorrat der Bibel auf die überraschenden neuen Wegzeichen, die Jesu mit seinem Leben gesetzt hat, nicht verzichten." Gilt das nicht auch von der Schule so wie in der Politik?

Wer diese Frage bejaht, meine lieben Schwestern und Brüder, weiß eben, daß die Bergpredigt es war, die diese den Menschen prägende und formende Welt verändert hat. Das kommt im ersten Satz unseres heutigen Textes, der im ganzen Kapitel noch fünfmal wiederholt wird, ganz eindeutig zum Ausdruck, wenn es dort heißt: "Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist... ich aber sage euch..." Man könnte fragen, was diese weltverändernde Wende eigentlich meint, und es etwa so sagen: Aus der alten, institutionalisierten, formalistischen Gesetzeswelt ist eine von personaler Verantwortung und Nächstenliebe bestimmte Welt geworden. Diese neuen Gebote und Forderungen Jesu - und nicht zuletzt in der Bergpredigt - bedeuten die allmähliche Ablösung einer sakral begründeten, von Verhängsnis, Natur und Tradition bestimmten Ordnung - wie es zum Beispiel das Gesetz der Rache und der Vergeltung ist - in eine Welt der Liebe, Vergebung und Versöhnung. Und sie hat nicht nur unsere Welt, sondern all das, was zu ihr gehört, auch die Schule, geprägt, und dieses Verständnis von Bildung und Erziehung hat die moderne Zeit eröffnet. Trotz allen Krisen, die wir auch heute dramatisch erleben, geht es immer wieder um diesen neuen Versuch, diese Gedanken und Ideen, diese Forderungen und Gebote Jesu in unserer Welt durchzusetzen und das zu behalten, was wir die moderne Kultur und Zivilisation nennen. "Wir leben unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont", hat jemand einmal gesagt. Welches ist dieser Horizont, dieser Gesichtskreis, der die Welt der Siebenbürger Sachsen durch unsere Schule, speziell auch hier unseren Gesichtskreis durch die Bergschule, ausgemacht hat? Ich möchte von dem Vielen, das dazu zu sagen wäre, dreierlei herausgreifen:

- Da ist zunächst unser Bewußtsein von der Geschichtlichkeit unserer Existenz. Hier bei uns gibt es eben durch die Jahrhunderte hindurch ein Wissen um die Bedeutung der Geschichte, ein Verständnis für das, was war. Es gibt die Reflexion der Vergangenheit, einen Stolz auf das Gewesene und das Bewußtsein der Wertschätzung von Tradition und Ordnung, vom Gewordenen und von Gefügtem. Es gibt hier ein Wissen darum, daß Gegenwart bewältigt und Zukunft gehofft wird, wenn man die Vergangenheit und seine Geschichte kennt, und daß man erst dann verloren geht, wenn man diese seine Vergangenheit vergißt oder verleugnet.

Nicht zufällig sind unsere großen Historiker in dieser Stadt hier geboren, aufgewachsen oder erzogen worden, oder haben gar ihre Tätigkeit hier begonnen oder haben hier gewirkt. Vor allem die größten unserer Historiker, wie es der Bischof Georg Daniel Teutsch und auch der Bischof Friedrich Müller II. war. Aber das zeigt sich - dieses Bewußtsein von der Geschichtlichkeit - auch an der Freude. Geschichten zu erzählen, Anekdoten und Sagen festzuhalten, ja selbst Witze zu machen, wofür diese Stadt ebenfalls berühmt ist. Geschichten sind ja nicht nur Berichte von Vergangenem. Gewesenem, von etwas Neuem, Interessantem; Geschichten sind wohl auch oft Berichte von etwas längst Bekanntem, immer da Gewesenem als Deutung, als Verständnis und Bestätigung, als Erfassen der eigenen Situation im Blick auf das, was immer schon so war und klassisch geworden ist. Darum die Bedeutung der Mythologie - ob es nun die griechische oder irgend eine andere war -, die Bedeutung der Märchen - ob es nun die germanischen oder die sächsischen Märchen waren -, der Sagen und Legenden, in den Historie und Mythos sich vereinigen. Kein Wunder, daß hier ein Josef Haltrich zu Hause war, der die schönsten siebenbürgischen Märchen gesammelt, und ein Friedrich Müller I, der die sächsischen Sagen herausgegeben und neu erzählt hat. Hierher gehört überhaupt die Kultur der Sprache, die Freude am Reden und am Dialog, die Fähigkeit auf den anderen zu hören und sich selbst mitzuteilen. Und das alles gelernt und studiert am Buch der Bücher, an der Bibel, die hier in dieser Schule - vielleicht außer der Zeit des Kommunismus - immer seine zentrale Stelle behalten hat. Als zweites könnte man die Menschlichkeit und die Abwehr von Unmenschlichem nennen. Die eigentliche und letzte Begründung dafür finden wir in unserem heutigen Textwort: "Damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel". Nicht nur "Kind Gottes" heißt es hier, sondern "Kinder des Vaters im Himmel", oder - wie es am Schluß heißt - "Darum sollt ihr vollkommen sein wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist". Das Menschentum, die Menschlichkeit, die sich versteht daher, daß Gott der Herr ist und daß wir seine Ebenbilder sind und von dieser Ebenbildlichkeit auch so sein dürfen wie er, auch wenn wir diesen Ursprung immer wieder, ja schon von Anfang an verleugnet haben durch die Sünde und das Böse im Menschen. Aber diese Spannung zwischen Ursprung und Entfremdung war es immer wieder, in der man trotzdem versucht hat, statt zu hassen, zu lieben in dieser Welt; statt zu zerstören aufzubauen, statt zu vernichten und zu verachten zu helfen und zu versöhnen. Dieser Mensch hat sich bei uns immer als Gemeinwesen verstanden; er war immer Teil des Ganzen und nie für sich. Und er war nie ein Gotteskind, das nicht die Gotteskinder neben sich kannte. Das hat man auf unseren Dörfern und den Bruder- und Schwesternschaften, später in den Nachbarschaften, gelernt; das hat man in unseren Schulen im "Coetus" mitbekommen, das hat man in der christlichen Gemeinschaft ein Leben lang exerziert und praktiziert. Sie hat uns die Verantwortung für die Gesamtheit gelehrt, für das Gemeinwohl, auch für die politische Verantwortung, für die "polis", für die "res publica", zu der auch die Schule gehört hat und gehört, die Schule, die bei uns überall den Ehrenplatz neben der Kirche hatte, so daß beide voneinander und füreinander lebten.

Und als Drittes und Letztes war es das Wachsein für letzte Fragen: "Früh faßt den staunenden Knaben Schauder der Ewigkeit" - so heißt es in der Siebenbürgischen Elegie. Und das ist hier in Schäßburg augenfällig, wie sonst nirgendwo, wo Kirche und Schule auf diesem herrlichen Berg zusammen mit dem Friedhof, mit dem Zeichen der Vergänglichkeit, in engster Nachbarschaft leben. Das Leben, das an den Tod erinnert, die Zeitlichkeit, die gemahnt wird von der Ewigkeit, die Welt der Bildung und der Wissenschaft dieser Erde, die auf die letzte Vervollkommnung und Vollkommenheit in der ewigen Heimat hinweist und hinstrebt. Diese letzten Fragen sind überall gegenwärtig, diese Dimension der Tiefe ist da in allen Bereichen des Geistes und der Kultur des Lebens und des Sterbens. Gott, Kirche. Religion, Gottesdienst war nie und ist nicht etwas neben der Schule, neben der Bildung oder der Moral, neben der Arbeit, der Wirtschaft oder der Politik, neben der Fröhlichkeit, Fest, Musik. Theater. Tanz und was man sonst noch an "kulturellen Tätigkeiten" nennen könnte, die in der Schule betrieben wurden und werden. Nein: Es waren nicht getrennte Gebiete. Es war die eine große siebenbürgisch-sächsische Welt, die im Glauben, im Evangelium, in der Lehre Jesu ihre Dimension der Tiefe empfing. Es war die Welt, die von der Welt Gottes, von dem. was das Neue Testament das "Reich Gottes" nennt, her bestimmt, geformt, geprägt, gebildet war und diese Prägung und Bildung, durch Kirche und Schule weitergab an die Menschen, die für ein ganzes Leben Kraft, Trost, Orientierung, Lebensinhalt mitbekamen, wie die Bergschüler, die heute hier versammelt sind, bezeugen. Und was auch die, die nicht mehr leben oder heute unter uns sind, ganz gewiß aus tiefsten Herzen bezeugen könnten!

Die Bergpredigt, von der wir heute einen Abschnitt gehört haben, ist an die Jünger gerichtet. ,,Jünger" heißt Schüler, heißt Lernender, heißt offen sein. Diese Jünger, diese Schüler sind solche, die sich "fort"-bilden und immer neu bilden lassen von der Welt Gottes, von der aus dem Leben Gottes geschenkten und neu gewordenen Welt und auch ihre Welt immer neu finden. So sind auch diejenigen unter uns, die längst erwachsen sind, die längst selber Lehrer oder Professoren oder Direktoren sind, heute nichts anders als solche Schüler des einen Meisters Jesu Christi: Schüler, die sich bis ins hohe Alter hinaus von ihm prägen und formen lassen und dadurch den tiefsten Sinn ihres Lebens erfahren. Daß die Bergschule solches vermittelt hat, das sollen wir bei dieser Jubiläumsfeier dankbar bezeugen und unseren Herrn und Heiland dafür rühmen und ihn für alle seine Gaben preisen.

Amen.



balken.gif (7924 Byte)

Letztes Update: 2003-08-23 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg