HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Schäßburger berichten aus Vergangenheit und Gegenwart

Ein Schäßburger Großhandelshaus

Die Firma J. B. Misselbacher bestand 130 Jahre lang

Die Familie Misselbacher ist seit dem zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts in Schäßburg ansässig. Ihr ältester nachweisbarer Vertreter ist wahrscheinlich mit der österreichischen Armee, die nach der Türkenvertreibung aus Ungarn im Jahre 1689 Siebenbürgen besetzt hatte, nach Schäßburg gekommen. Im Laufe des 18. und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts finden wir die Misselbacher in Schäßburg drei Generationen hindurch als angesehene Apotheker. Johann Baptist Misselbacher (1799-1876) legte als erster Kaufmann durch die Einrichtung eines Spezerei-, Kolonial- und Materialwarengeschäftes im Jahre 1818 den Grundstein des Handelshauses. Das Geschäft stand zunächst auf der Unteren Marktzeile Nr. 157 (heute 23). Aus jener, konkurrenzlosen Zeit gibt es eine Anekdote, die der "Großkokler Bote" am 13. Sepember 1938 in einem Artikel zum 120. Firmenjubiläum abdruckte. Damals konnte der junge Kaufherr es sich leisten, den Lehrjungen vor die verschlossene Geschäftstüre zu stellen, um die Kunden zu bescheiden: "Das Geschäft ist heute geschlossen, der Herr Misselbacher ist auf die Jagd gegangen."

Das Geschäft kam gut voran und warf auch etwas ab, denn es war J. B. Misselbacher gelungen, durch Einführung fester Preise beliebt zu werden. So baute er 1833 ein eigenes Geschäftshaus. Dieses Gebäude beherbergte danach viele Jahre das Postamt. Die Revolutionsjahre 1848/49 veranlaßten ihn mit seiner Familie zur Flucht in die Walachei, doch beriefen ihn dringende Geschäftsangelegenheiten von Bukarest nach Wien, wo er den Großteil seiner Waren zu kaufen pflegte. Hier nahm er ab 1851 auch seinen ständigen Wohnsitz, nachdem er sich ein Wiener Einkaufskontor errichtet hatte. Im Schäßburger Geschäft arbeiteten unterdessen seine drei Söhne unter der Leitung Josef Benjamin Teutschs. Erst im Jahre 1875 kehrte er nach Schäßburg zurück und starb ein Jahr darauf bei einem kleinen Unfall im Haus.

Zielbewußte und ehrliche geschäftliche Aktivität, sicheres Gespür für praktische Dinge, verbunden mit solider Geschäftsgebarung des Firmengründers und seiner Nachfolger bildeten die Entwicklungsgrundlage des späteren Großhandelshauses. Unter einem der drei Söhne des Firmengründers, gleichen Namens - Johann Baptist Misselbacher (1833-1922) - erreichte das Unternehmen in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts durch die Gründung der Filialen in Hermannstadt, Karlsburg, Klausenburg sowie durch das Zeltlager für Kolonialwaren und Gewürze in Triest und eine Expositur in Wien seine größte Ausdehnung. Als Engros-Geschäft von Baumwollgarnen mit Schäßburger Färbung nahm es vielleicht den ersten Platz in der österreichisch-ungarischen Monarchie ein.



Firmengründer .J. B. Misselbacher.
Archivfoto

Professor Hans Thellmann, ein Freund des letzten Firmeninhabers, hat seinerzeit folgendes berichtet: "Es mag im Jahre 1887 gewesen sein, da führte mich mein Vater an einem Markttag zum ersten Mal durch die Hauptstraße vor das Misselbacherische Geschäft. Ich war als 5jähriger Knabe ganz überrascht und verwirrt von der regelrechten Wagenburg, die das große Geschäftsgebäude auf der Gasse und im Hof umlagerte. Außerdem von der Menge, die sich im Geschäft drängte. Es waren die Wagen der kleinen Kaufleute, nicht nur des Großkokler Komitates, sondern auch die Komitate Udvarhely, Csik, Kleinkokeln und Maros-Torda, die alle Absatzgebiete der Firma Misselbacher waren, deren Waren auf Hunderten von Kilometern verkauft wurden.




Geschäftshaus in Schäßburg seit 1889.
Archivfoto

Diesen Eindruck, der sich auch in späteren Jahren wiederholte, habe ich von meinen Jugenderinnerungen am treuesten festgehalten.''
Vor Übernahme der Firma hatte dieser J. B. Misselbacher Maschinenbau und Chemie studiert - erst in Wien, dann in München und schließlich in Karlsruhe. Er war ein Mann von seltener Vielseitigkeit. In ihm verband sich der Sinn für geistige Bildung mit der Geschäftstätigkeit ebenso wie mit unzerstörbarer Freude an kreativer Arbeit. Er beherrschte mehrere Fremdsprachen und hat auch im politischen Leben Schäßburgs eine führende Rolle gespielt. Als langjähriger Obmann des jungsächsischen Kreisausschusses hat er mit reger Teilnahme alle Anliegen der Schäßburger Gewerbetreibenden und Kaufleute ins Ministerium in Budapest vermittelt, wobei er stets mit den sächsischen Abgeordneten im ungarischen Reichstag in Verbindung stand. Misselbacher war 40 Jahre hindurch Präsident des Gewerbe-, Spar- und Vorschußvereins in Schäßburg, außerdem Mitglied des ständigen Ausschusses des Großkokler Komitates. Dem Gewerbeverein erwuchs in der Zeit die schwere Aufgabe, die vielen Schäßburger Weber, die durch die Konkurrenz modern eingerichteter Großwebereien und den Zollkrieg mit dem damaligen Rumänien ihr Absatzgebiet verloren, vor dem Ruin zu bewahren und ihnen die Umstellung auf mechanischen Betrieb zu ermöglichen.

Nachdem das Haus Misselbacher durch Gründung der Niederlassungen in Wien, Triest und Klausenburg seine größte Ausdehnung erreicht hatte, trat bald ein empfindlicher Rückschlag ein, denn im Jahre 1893 wurde das Geschäft durch den Zusammenbruch einer Hermannstädter Privatbank stark in Mitleidenschaft gezogen. Wegen der starken Kapitalverluste drei letzten Gründungen liquidiert werden und es blieben nur noch das Stammhaus in Schäßburg und die Filialen in Hermannstadt und Karlsburg bestehen. In Schäßburg und Hermannstadt bestand das Haus zuerst bloß aus Kolonial-, Material- und Baumwollgarnhandlung, zu der später Manufaktur-und Modegeschäft, in Schäßburg auch Glas-, Porzellan- und Galanteriewarengeschäft hinzukamen. Von den Sozialeinrichtungen sei bloß der 1899 gegründete, eigene Pensionsfonds der Angestellten der Firma erwähnt.

1889 war J. B. Misselbacher in das große Geschäftshaus (Ecke Baiergasse) übergesiedelt. Das zweistöckige Gebäude erwarb er vom armenischen Kaufmann Zacharie Goldschmid, der es 1883 gebaut hatte. In diesem Haus wohnte die Familie Misselbacher dann auch bis zur Enteignung 1948.
Misselbacher zog sich im Jahre 1906 vom Geschäft zurück, als dann der Erste Weltkrieg ausbrach, war wohl die Arbeitskraft, nicht aber der Arbeitswille des zweiten Chefs der Firma Misselbacher durch quälende Altersleiden so sehr erschöpft, daß die ganze Last des Geschäftsbetriebes auf die Schultern seines Sohnes, des dritten Firmenchefs gleichen Namens, Johann Baptist Misselbacher (1870-1956) überging.

Er hat das Geschäft auf strenger Grundlage unter dem alten Namen weitergeführt und dadurch den reichen Segen geerntet, welchen das 1818 mühsam begonnene Werk seiner Vorfahren nach vielen Jahrzehnten zielbewußter Arbeit verdiente.



Im Jahre 1916 allerdings traf das Unternehmen ein geradezu katastrophaler Schlag. Nach dem Einzug der Rumänen mußte die Stadt geräumt werden; die Beschaffung der Waren für das Geschäft wurde unmöglich, da man alles militärischen Zwecken zuwendete. Das Unternehmen blieb ohne Materialien und mußte nach 5monatigem Stillstand sozusagen von vorn beginnen. Bei dieser Wiederinbetriebnahme bewährten sich die hervorragenden Fähigkeiten des dritten und letzten Firmenchefs. Zusammen mit Lederfabrikanten aus Schäßburg und Mediasch unternahm er Geschäftsreisen zur Donau und zu den Schwarzmeerhäfen, um Waren und Rohmaterial zu beschaffen. So wurde das Geschäft wieder in Gang gebracht. Den Pulsschlag der Nachkriegszeit - mit fortwährender Inflation und den Währungsreformen - fühlte er sehr wohl. Um sein Großunternehmen auf festere Grundlagen zu stellen, investierte er die Betriebsüberschüsse in Liegenschaften, die die Reserven seines Geschäfts bilden sollten. Diesem Zweck diente auch die Umwandlung des Stammgeschäftes und der Filialen in eine Aktiengesellschaft.

Die verhängnisvollen Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg -1944-1950 - brachten auch der Familie Misselbacher unermeßliche Verluste an Vermögenswerten. Der gesamte Grund- und Häuserbesitz wurde enteignet. Die Verstaatlichungswillkür traf die Handelsfirma vielleicht am schwersten: Außer dem großen Geschäftshaus, den Warenlagern und dem Mobiliar, verlor sie über ein Dutzend Häuser und Grundstücke, die den sicheren Rückhalt des Betriebes darstellten. So hatte Johann Baptist Misselbacher, der das Schiff der Firma durch die Klippen der beiden Weltkriege gesteuert hat, zuletzt buchstäblich nicht, wohin er sein Haupt legen konnte.

Gertrud Misselbacher



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