HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Georg Daniel Teutsch und Josef Haltrich

als Pädagogen und Volkserzieher -Namengeber des Schäßburger Gymnasiums
Walter Roth, Dortmund (Festvortrag gekürzt)

Geschätzte Ehrengäste. Exzelenzen, liebe Landsleute von nah und fern, liebe Lehrer und Schüler der Bergschule, meine Damen und Herren, als Bischof Georg Daniel Teutsch im Alter von 67 Jahren zum Abschluß seiner Generalkirchenvisitationen 1884 den Schäßburger Kirchenbezirk besuchte .... dichtete er folgende Verse:

"Die Stätten meiner Jugend sah ich wieder.
Doch zeigten sie mir fast ein fremd Gesicht;
Rings wuchsen Giebel, sanken Häuser nieder.
Und selbst das Flußbett ist das alte nicht.
Ja, Freund, den Hauch, der unterm Schlag der Glocken
Die Welt durchschauert, spür ich doppelt hier,
Er bließ nicht bloß das Braun aus unsern Locken,
verwandelt ward die Zeit und wir mit ihr."


... wehmütig und doch hoffnungsvoll klingt das Visitationsprotokoll von Schäßburg (1888) aus, wenn Teutsch schreibt: "Am 23. Juni trat ich die Rückreise an. Wieder, wie vor 4 Jahren bei der Ausfahrt, wogte auf den Feldern, durch die das Dampfroß dahinflog, das Weizenmeer und sprach daraus die Verheißung: ,So lang die Erde steht, soll nicht aufhören Same und Ernte...



Dozent Walter Roth.
Foto: Martin Zinz

G. D. Teutsch wurde zum ersten "Namengeber" dieser altehrwürdigen Schulanstalt "Bischof-Teutsch-Gymnasium". Nach der sozialistischen Schulreform 1949 folgte eine namenlose Zeit. Erst 1972 gelang dank des hartnäckigen Einsatzes des damaligen Direktors Hans Wellmann die Neubenennung der Schule: "Josef-Haltrich-Lyzeum".
J. Haltrich, Lehrer und Rektor des Gymnasiums, Erforscher siebenbürgisehen Volkslebens, wurde so zum zweiten Namengeber des Gymnasiums. . .

An die eingangs zitierten Gedanken von Teutsch erinnern auch Haltrichs Verse, mit denen er 1872 seine Abschiedsrede vom Gymnasium vor Antritt seiner Pfarrerstelle in Schaas beschließt: "Die Schule aber auf jener heiligen Höhe bleibe: wie bisher so auch die künftig Zeit, / den höchsten heiligsten Zielen geweiht, / dem deutschen Wort / ein starker Hort, / der reinen Lehre / eine feste Wehre, / eine Leuchte fürs Volk der's nie gebricht / an Geist ernährendem Himmelslicht! / Amen.


Streiflichter aus dem Leben und dem pädagogischen Werk der beiden Namengeber:

A) Georg Daniel Teutsch (12.12.1817, Schäßburg - 2.7.1893, Hermannstadt) hat wie nur wenige siebenbürgisch-sächsische Persönlichkeiten die geistige Einstellung, die Denkart seines Volkes so nachhaltig beeinflußt. Als Lehrer und Schulreformator, als Pfarrer und Bischof, als Historiker und Geschichtsschreiber seines Volkes, als Volkskundler und Politiker verfolgte Teutsch stets vorwiegend das erzieherische Ziel - und seine vielfältige Tätigkeit rundet sich zu der des Volkserziehers. Nicht allein die Geschichtsschreibung, sondern das Wirken in allen genannten Richtungen galten für Teutsch der Volkserziehung, als Sinnstiftung für Gegenwart und Zukunft. Wachrütteln wollten seine Worte: "Ein Volk, das gleichgültig wird gegen seine eigene Vergangenheit und Gegenwart, legt sich selbst zu den Toten" , - und "... unser Volk weiß, daß keine Macht bleibender, keine höher ist, als die der Bildung". Sein Bischofsmandat fällt in eine Zeit bedeutenden geschichtlichen Umbruchs. Nach dem österreichisch-ungarischen Staatsausgleich (1867), gefolgt von der Auflösung des Siebenbürgischen Landtags (1868) und 1876 von der Aufhebung der Sächsischen Nationsuniversität und des Königsbodens, trat im Kampf um die Erhaltung der evangelisch-deutschen Schulen, letztlich um den Fortbestand der siebenbürgisch-deutschen Identität nun die Landeskirche als Volkskirche mit ihrem Bischof an der Spitze auch die politische Nachfolge an. Diese Rolle hat Teutsch wie kaum ein anderer vertreten...

Sein prägendes Studium erfolgte 1838 bei Leopold Ranke in Berlin. Ab 1842 ist Teutsch bereits am Schäßburger Gymnasium tätig, von 1850-1863 als Rektor. Über das Pfarramt in Agnetheln (1863-1867) wird Teutsch am 19. September 1867 Bischof in Hermannstadt, indem er den Bischofssitz von Birthälm hierher verlegt... Die Jahre 1842-1867, in politischer Hinsicht gekennzeichnet von den stürmischen Revolutionsereignissen 1848/49, sind der Zeitabschnitt seiner praktischen Tätigkeit als Lehrer und Rektor der Bergschule und später als Pfarrer in Agnetheln. 1852-1858 entsteht sein Hauptwerk, die "Geschichte der Siebenbürger Sachsen für das sächsische Volk", die für das Geschichtsbewußtsein von Generationen Siebenbürger Sachsen maßgebend war. Ab 1850 liefert er die wichtigsten Beiträge zur Ausarbeitung der neuen Kirchenverfassung (1861-1862), die auch die Verbindung von Kirche und Schule festigt. In diese Periode fällt die Neuordnung der Gymnasien auf Grund der Übernahme des Organisationsentwurfes für Gymnasien und Realschulen der Wiener Regierung (1849). In der Periode 1867-1893 ist insbesondere der Kampf des Sachsenbischofs zur Verteidigung des evangelisch-deutschen Schulwesens gegen die nationalistischen Eingriffe der ungarischen Regierung hervorzuheben. Die unter Teutsch's Vorsitz stattfindenden Landeskirchenversammlungen verabschieden 1871 die "Neue Schulordnung für den Volksschulunterricht". 1870-1888 führt Teutsch die Generalkirchenvisitationen durch, in deren Verlauf die Schulfragen stets eine vorrangige Rolle innehatten.

Als Pädagogen sehen wir in Teutsch den begnadeten, praktischen Schulmann und Erzieher, den Schulpolitiker und Schulreformer im Dienste des deutsch-evangelischen Bildungswesens der Siebenbürger Sachsen, der Theorie und Praxis miteinander vorbildlich verband und stets für den erziehenden Unterricht eintrat. Die Schäßburger Schule unterrichtete nicht nur - sie erzog... Durch sein gesamtes Werk als Volkserzieher gehört G. D. Teutsch zu unseren bedeutendsten pädagogischen Persönlichkeiten.

B) Josef (bzw. Joseph) Haltrich (22.7.1822, Sächsisch Regen -17.5.1886, Schaas) als zweiter und auch gegenwärtiger Namensgeber der Schule, war einer unserer fruchtbarsten Volkskundler... Haltrichs wichtigster Beitrag und gleichzeitig sein bekanntestes Werk ist die nach dem Vorbild der Brüder Grimm entstandene Sammlung "Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen", deren erste Auflage 1856 im J. Springer Verlag in Berlin erschien und von mehreren Auflagen und zahlreichen Einzelveröffentlichungen von Märchen bis hin in die Gegenwart gefolgt wurde... Haltrichs wissenschaftliche Tätigkeit ist jedoch weit umfassender und hat kaum einen Bereich der literarischen Volkskunde unbeachtet gelassen... Seine Thematik umfaßt Mundarteigentümlichkeiten, Sprichwörter, Kinderreime und Kindergebete, Lieder und Spiele, Märchen, Sagen, Schwanke, Segensformeln und Schelten, Bräuche, Aberglauben und Mythen, Toponymien, Hausinschriften u. a. Haltrich leistete die ersten Vorarbeiten für das "Siebenbürgisch-Sächsische Wörterbuch", das erst in der Gegenwart schrittweise verwirklicht werden kann. Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg ernannte ihn 1859 zum Mitglied seines Gelehrtenausschusses, ab 1860 war er im Ausschuß des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde.

Zu den wichtigsten Aspekten von Haltrichs Schaffen gehört seine pädagogische Tätigkeit am Schäßburger Gymnasium in den Jahren 1848-1872. Haltrichs Schriften: "Die Welt unserer Kinder" (1881), "Die Stiefmütter, die Stief- und Waisenkinder in der siebenbürgisch-sächsischen Volkspoesie" (1856), "Siebenbürgisch-deutsche Kinderspiele und Kinderreime", aber auch seine Märchensammlung sind nicht ausschließlich vom Standpunkt des Volkskundlers zu lesen, sondern auch aus der Sicht des Pädagogen auswertbar. . .

Nun einige Gedanken zu Haltrichs Werdegang als Lehrer: Im Herbst 1847 von seinem Studium in Leipzig in die Heimat zurückgekehrt, erlebte er die Wirrnisse der Revolution von 1848/49... Im Dezember 1848 trat er seine Lehrerstelle am Schäßburger Gymnasium an, konnte jedoch in den Umständen der Zeit erst im Frühjahr 1849 die Unterrichtstätigkeit aufnehmen. Zu dieser schreibt Friedrich Schuller: "Von da an ist er 24 Jahre hindurch dem Schäßburger Gymnasium als einer der gewissenhaftesten und tüchtigsten Lehrer, die es gehabt hat, treu geblieben. An dem seit 1. November 1850 neuorganisierten Gymnasium hat er bis zum Jahre 1869 durch den Reichtum und die Tiefe seiner Kenntnisse, durch die erwärmende Teilnahme an allem, was zur frischen Entfaltung jugendlicher Kraft und zeitigem Streben beitragen konnte, durch seine selbst unter Entbehrungen ungeschwächte Berufsfreudigkeit und seltene Ausdauer hautpsächlich als Lehrer der altklassischen und deutschen Literatur, als vieljähriger aneifernder Turnlehrer segensreich gewirkt. Am 25. Juli wurde er als Rektor an die Spitze der Anstalt gestellt, die er drei Jahre hindurch mit eifrigster Hingebung treu und umsichtig geleitet hat."...

Im August 1872 verließ Haltrich Schäßburg, um das ihm von der Gemeinde Schaas übertragene Pfarramt zu übernehmen. Seine Abschiedsrede, die er am 11. August in der Pfarrkirche hielt, ist gleichsam sein pädagogisches Testament und Vermächtnis und bringt in gedrängter Form nochmals seine Auffassungen über Erziehung und Bildung, Lehrer und Schüler, sowie die Rolle des Gemeinwesens bei der Erhaltung der Schule zum Ausdruck. Der Redner definiert die Aufgaben der Lehrer und Schüler und scheidet mit "Segenswünschen" für die Schule: "Möge es der Schäßburger Schule zunächst nie fehlen an treuen, gewissenhaften, für ihren Beruf gebildeten und begeisterten Lehrern!" - und "Möge es der Schäßburger Schule ferner nie fehlen an fleißigen, wohlgesitteten, für das Wahre, Schöne und Gute empfänglichen Schülern!" - "Möge es der Schäßburger Schule endlich auch nie fehlen an der nötigen Sorge und Förderung von seiten der Behörde, edler Gönner und Freunde!" In Grundfragen der Pädagogik, humanistischem Gedankengut verpflichtet, sieht er in den Aufgaben des Lehrers vor allem die erzieherische Mission. Erziehung wird zur Vorbedingung einer erfolgreichen Unterrichts- und Bildungstätigkeit. Erziehung, Bildung und Kultur müssen fortan unter veränderten historischen Bedingungen die Funktionen der mittelalterlichen Wehrburgen zu Erhaltung personeller und nationaler Identität übernehmen und weiterführen. . .


Möge der gute Geist dieser Männer, der "Namenspatronen" auch in Zukunft diese altehrwürdige Schule leiten, damit sie als Stätte humanistischer - heute würde man sagen: demokratischer - Kultur ihre Ausstrahlung fort und fort bewahre:

PATRIAE FILIIS VIRTUTI PAEADIQUE SESE VOVENTIBUS SACRUM
Den Söhnen des Vaterlandes, die sich der Tugend und Weisheit weihen ein Heiligtum.
Fiilor patriei care se dedicä virtutii si intelepciunii un lacas sfant!


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