HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


700 Jahre Schäßburger Klosterkirche

FESTVORTRAG



Älteste Darstellung der Burg mit Dominikaner-Kloster 1630.
Ölgemälde Brukenthalmuseum

Hochwürdiger Herr Bischof!
Liebe Gemeinde in Schäßburg!
Herr Staatssekretär und Herr Generalkonsul!
Verehrte Gäste aus dem In- und Ausland!
Stimati frati si oaspeti! Kedves vendegek!

In der Kirche des Mittelalters war es bekanntlich üblich, daß Bußübungen Erlaß von Sünden strafen, die bei der Beichte auferlegt wurden, zu bekommen. Ein solcher Erlaß wurde vom Papst oder einem Bischof in einem sog. Ablaßbrief gewährt.

Im Archiv der Kirchengemeinde hier zu Schäßburg wird ein solcher Ablaßbrief aufbewahrt. Er wurde am 22. März 1298 unter dem Pontifikat Papst Bonifatius VIII. von zehn Erzbischöfen und Bischöfen in Rom ausgestellt und mit ihrem jeweiligen Siegel versehen. In diesem Ablaßbrief steht, daß seine Aussteller wünschen, daß "die Kirche der Predigerbrüder von Schäßburg ... den Besuchern für ihre zeitliche Mühe viel mehr Lohn spenden möge, als sie zu verdienen imstande sind", und daß darum allen ein Ablaß von je 40 Tagen erteilt wird, die an bestimmten Feiertagen in dieser Kirche eine Messe hören bzw. zur Ausschmückung der Kirche etwas schenken oder letztwillig verfügen. Weiter ist darunter vermerkt, daß der Bischof von Siebenbürgen am 22. Januar 1302 diesem Ablaßbrief seine Zustimmung gegeben hat. Mit der "Kirche der Predigerbrüder von Schäßburg" ist diese Kirche, die Schäßburger Klosterkirche, in der wir uns befinden, gemeint. Damit ist sie zum erstenmal und urkundlich erwähnt - heuer vor 700 Jahren! Dessen zu gedenken, sind wir hier zusammengekommen.

Diese Kirche gehörte dem Dominikanerorden und bildete mit dem nordöstlich gelegenen Kloster eine Einheit. Beide, Kloster und Kirche, waren durch einen Kreuzgang verbunden. Sie waren innerhalb der Gemeinde, nicht einsam draußen irgendwo, errichtet. Mit diesen Angaben ist der Rahmen umrissen, in den diese Klosterkirche und ihre Geschichte hineingehören.

  1. Religiöses Leben im Hochmittelalter in der westlichen Kirche und in Siebenbürgen
    Seit dem 10. Jahrhundert bewegte sich das religiöse Leben in der westlichen Kirche in zwei Richtungen: Einerseits gelangte unter Papst Innozenz III. (1198-1216) die katholische Kirche auf die Höhe ihrer geistlichen und weltlichen Macht. Andererseits zeigte sich, daß das fromme Leben im Protest dagegen nach neuen Lebens- und Gemeinschaftsformen suchte. Ausdruck dieses Suchens waren die sektiererischen Bewegungen der Katharer und Waldenser.
    Nach der Lehre der Katharer stand ein guter Gott, der sich im N.T. offenbarte, einem bösen Gott, der sich im A.T. kundgab, gegenüber. Die Sünde hatte ihren Grund in der Berührung der Seele mit dem Körper. Daraus ergab sich für die Katharer die Pflicht strenger Enthaltsamkeit. Als Sakrament kannten sie allein die "Geistestaufe. Man empfing sie kurz vor dem Tod oder unterzog sich, um den Zustand der Reinheit zu bewahren, den man durch sie bekommen hatte, dem Hungertod.
    Valdes war ein reicher Kaufmann aus Lyon. Er verzichtete auf seinen reichen Besitz und wurde mit Gleichgesinnten zu einem begeisternden Wanderprediger des Evangeliums, das auf seine Veranlassung in die Volkssprache übersetzt wurde. Die daraus entstandene Bewegung der "Armen von Lyon" erklärte sich entschieden unabhängig von den Katharern, geriet aber dennoch in den Verdacht der sog. albigensischer Ketzerei und wurde 1184 im ersten päpstlichen Ketzerdekret durch Lucius III. verdammt. Nach katharischem Vorbild ging die Bewegung in den Untergrund. Das hinderte aber nicht ihre Ausbreitung von Südfrankreich nach Deutschland und Italien. Beide Bewegungen nahmen Anstoß an der Machtentfaltung und dem Glanz der offiziellen Kirche und vertraten als missionarische Wanderprediger apostolische Armut und Niedrigkeit. Sie fanden empfänglichen Boden im westlichen Europa -in Italien, in West-und vor allem Südfrankieich, in Flandern, am Niederrhein und den Niederlanden. Wegen ihrer weiten Verbreitung -die Katharer hatten sogar eigene Bischöfe - wurden sie eine Gefahr für die Kirche. In den sog. Albigenserkriegen von 1209 bis 1229 führte sie einen erbarmungslosen Kampf gegen Katharer und Waldenser. Der Krieg endete mit der praktischen Vernichtung beider Bewegungen. Während die Katharer schließlich untergingen, überlebten die Waldenser knapp. Sie haben ihre Kirche heute noch vor allem in Italien. In der Inquisition ging der Kampf gegen Sektierer in anderer Form als des offenen Krieges weiter. Sie kennzeichnet die dunkelste Seite in der Geschichte der katholischen Kirche.

    Unsere Vorfahren stammten wohl zum größten Teil aus Gegenden starker Glaubensbewegtheit, Gegenden, die unter katharischem Einfluß standen. Wenn sie vielleicht auch von der neuen Frömmigkeit berührt wurden, entstammte ihr Frommsein innerkirchlicher Erneuerung. Sie brachten in hohem Maße altes fränkisches Kirchenrecht aus der Heimat mit, gestalteten ihre Gemeinden genossenschaftlich aus und bildeten eine Kirche, die nicht nach Macht strebte, sondern eher nach den Idealen der kirchlichen Erneuerungsbestrebungen und zugleich in eigener Verantwortung nach dem Evangelium lebte. Bedeutender Ausdruck dessen ist die im sog. Andreanum aus 1224 verbriefte freie Pfarrerwahl. Sie waren rund 100 Jahre vor dem Kampf der Kirche gegen Sektierer aus ihrer Heimat gezogen und boten der Kirche keine Angriffsfläche. Die katholische Kirche ging gegen die Erneuerungsbewegungen nicht allein den Weg der Gewalt und Verfolgung. Im Dominikaner- und Franziskanerorden vor allem suchte sie die aufgebrochene Armutsbewegung mit ihrer gemeinschaftsbildenden Kraft in der Kirche zu behalten.



    Ausschnitt aus dem Ablaßbrief 1298 als einzige und älteste Urkunde Schäßburgs.
    Repro: Walter Lingner


    Burg mit Klosterkirche und Dominikanerkloster 1865.
    Ausschnitt aus dem Ölgemälde Ludwig Schuller




  2. Die Dominikaner
    Die alten Mönchsgemeinschaften hatten auf dem Lande gesiedelt. Dort hatten sie Kultur- und teilweise auch Missionsarbeit geleistet. Zugleich waren sie an das Agrarsystem und die feudale Struktur ihrer Zeit gebunden.
    Der Bürger und der Kaufmann, die im 12. Jahrh. in der Stadt (und nicht auf dem Lande!) die neue Gesellschaft prägten, war von ihnen nicht erfaßt. Aber gerade in der Stadt lagen die Träger des neuen religiösen Anspruchs. Sie drängten auf Lebensformen, die ihrem Milieu angepaßt waren.
    Die städtische Bevölkerung, vor allem in Mittelitalien und in Südfrankreich, gleich ob arm oder reich, suchte nach ihrer religiösen Lebensform. Armut und Drang nach Gemeinsamkeit waren ihr eigen. Eine unverbildete und unbelastete Hinkehr zur Schrift und zum Leben Jesu waren ihre Quelle. Mißtrauen oder gar Feindschaft gegenüber dem Kloster und der Hierarchie waren häufig damit verbunden. Der Befriedigung dieser Erwartungen wollten und sollten die Dominikaner und die Franziskaner, beide sog. Bettelorden, dienen. Den Dominikanern gilt jetzt unsere besondere Aufmerksamkeit.
    Die Dominikaner verehrten in Dominikus, geboren um 1170 in Kastilien in Spanien, ihren Gründer. Seine geistige Heimat war die mönchisch geregelte Lebensform. Während einer Romreise mit seinem Bischof lernte er die religiöse Situation in Südfrankreich kennen. 1206, wenig vor den Albigenserkriegen, begann er unter den Katharern bei Toulouse mit seiner Predigttätigkeit. Aus der dort begründeten Missionsstation wurde die erste klösterliche Niederlassung des Dominikanerordens, der 1216 auf dem 4. Laterankonzil die päpstliche Bestätigung bekam. Nachdem Dominikus sich von Anfang an den Gedanken der apostolischen Wanderpredigt zu eigen gemacht hatte, faßte das erste Generalkapitel des Ordens 1220 in Bologna gemäß der damals so populären Armutsidee einen grundsätzlichen Beschluß über den Verzicht auf Besitz. Da eine wirkungsvolle Predigt ohne entsprechende Schulung undenkbar erschien, engagierte sich der Orden bald auch stark in der theologischen Wissenschaft. Er brachte bedeutende Gelehrte hervor, die bald auch an Universitäten wirken konnten. Dem Papst und den Bischöfen stellte er bald theologische Berater. Den Dominikanern wurde 1232 die Inquisition übertragen, das sie bald eher als "Domini canes" denn als "Ordo praedicatorum" erscheinen ließ. Dominikus starb 1221 in Bologna 51 jährig (6. August).
    Der Dominikanerorden erwies sich als etwas völlig Neues:
      1. Er vollendete das Alte, das Bisherige, in zeitgemäßer Form und ergänzte es durch die Grundsätze des apostolischen Lebens. Dominkus hinterließ seinen Predigtbrüdern: caritatem habete, humilitatem servate, pauperitatem voluntariam passidete (zu deutsch: habt Liebe, bewahrt die Niedrigkeit, besitzt freiwillig die Armut).
      2. Der Orden war ein Personalverband, in dem seine Mitglieder nicht mehr an ein Kloster gebunden waren, sondern als eine in den Dienst der Gesamtkirche, der Diözese oder der Stadt gestellte Lebensgemeinschaft, eine Lebensgemeinschaft, die zwar in einem Kloster, das den Brüdern vom Orden zugewiesen wurde, nach mönchischen Regeln lebte, sich aber als Konvent verstand (Zusammenkunft, Versammlung), der verpflichtenden Bestimmungen unterworfen ist. Das kontemplative Moment des älteren Mönchtums trat hinter den aktiven Zielen im neuen Orden völlig zurück.
      3. Früher hatte sich die persönliche Armut des einzelnen Mönches mit dem gemeinsamen Besitz des Klosters verbunden. Der im 13. Jahrhundert sich vollziehende Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft, von einer vorwiegend von der Landwirtschaft bestimmten Struktur der Wirtschaft zum städtischen Frühkapitalismus, eröffnete neue Wirklichkeiten für die alte mönchische Armutsforderung. Ohne Besitz und feste Einkünfte fanden die Mönche Niederlassungen in den Städten. Freilich war die Armut im Predigerorden nicht Selbstzweck, sondern Mittel, deren Verwirklichung wechselnde Formen annehmen konnte.

    Das völlig Neue zeigte sich sofort in der Praxis: Den häretischen Predigern, die aus eigener Vollmacht das Evangelium verkündeten, traten die kirchlichen Prediger entgegen. Die machten Ernst mit der Forderung, der Priester müsse "nackt dem nackten Christus" folgen, sich gleich ihm auf die Wanderung begeben, sich der gleichen Armut verpflichtet halten und ihre Verkündigung aber erfolgte nicht aus eigener Vollmacht, sondern als kirchlicher Auftrag! Die so gelebte Armut war eine kräftige und wirksame Waffe gegen die sektiererischen Gruppen.
    Als Kleidung übernahmen die Dominikaner sehr bald die Tracht der Karthäuser: Rock mit Kapuze und Skapulier aus weißer Wolle. Beim Ausgehen und Predigen wurde dazu noch eine Kutte mit Kapuze in schwarzer Farbe getragen. Das trug ihnen in Siebenbürgen den Namen "die schwarzen Mönche" ein.
    Der Dominikanerorden hatte eine straffe Organisation. Die einzelnen Konvente (die Klöster) wurden in Provinzen zusammengefaßt und diese im Generalkapitel. In demokratischer Form wurden die jeweiligen Oberen gewählt, in monarchischer Form leiteten sie. Der Dominikanerorden erreichte eine rasche Ausbreitung. Beim Tode des Dominukus zählte er 60 Konvente und 8 Ordensprovinzen, darunter als letzte die Ungarns. Sein rasches Emporwachsen verdankte der Orden "der Freundschaft des Volkes und der frischen Begeisterung des Adels", dann aber auch einer weitgehenden Protektion durch die weltlichen Machthaber und schließlich der Förderung durch die Kirche. Aber auch seine innere Kraft und der entschlossene Wille, gegen alle kirchenfeindliche Häresie und auch gegen Heidentum vorzugehen und der Festigung der Kirche zu dienen, haben viel dazu beigetragen.

  3. Die Dominikaner in Siebenbürgen
    Nach der Gründung der ungarischen Provinz, die erst nach dem Mongolensturm richtig aufblühte, verbreitete sich der Orden nicht nur in Ungarn, sondern auch in Siebenbürgen. Hier gab es schon vor dem Mongolensturm ein Kloster in Hermannstadt. 40 Jahre nach 1241 war es vor dem Elisabethtor als Kloster "zum heiligen Kreuz" wieder aufgebaut. Später gab es Klöster, oft auch solche für Nonnen, in fast jedem bedeutenden Orte des Landes. Hervorragend war das Dominikanerkloster in Schäßburg, dessen Kirche 1298 erstmalig urkundlich erwähnt wird und dem wir nun unsere Aufmerksamkeit zuwenden wollen.
    Chroniken des 17. Jahrhunderts geben als Gründungszeit von Schäßburg die Jahre zwischen 1191 und 1198 an. Demnach war der Ort schon 100 Jahre alt, als er als "Schespurch" 1298 seine erste urkundliche Erwähnung fand. Wohl zu Beginn des 13. Jahrhunderts hat sich die Gemeinde auf dem Berg ihre Kirche, "eine kleine Saalkirche mit eingezogener Halbrundapsis" (Macht) gebaut. Im 14. Jahrhaundert errichtete sie über den Grundmauern dieser Kirche die dreischiffige Basilika, die wir alle als die Bergkirche von Schäßburg kennen. Als die Dominikaner im ausgehenden 13. Jahrhundert nach Schäßburg kamen, fanden sie eine kirchlich gefestigte Gemeinde vor. Erstaunlich ist, daß diese Gemeinde auf dem doch engen Wohnraum auf der Burg - und nicht außerhalb der Mauern, wie in Hermannstadt, sondern innerhalb der Mauern (auch wenn sie damals noch nicht so ausgebaut waren wie später) - den Menschen die Niederlassung einräumte. Wenn die Siebenbürger Sachsen sich zu den Klöstern auch nicht gedrängt haben, so sicherten hier in Schäßburg dem Orden der Ablaß, den er gab - die Leute waren ja katholisch fromm -, das Vorrecht, auch beim Interdikt Messen lesen zu dürfen, und die volkstümliche Art der Predigt, die nur sächsisch gehalten werden konnte, immer wieder großen Einfluß und Zuwendungen. Den Einfluß der Dominikaner auf das kirchliche Leben der Siebenbürger Sachsen werden wir sicher sehr hoch einschätzen müssen.


Antiphonar 1506, enthält die Antiphonen
zu den Gottesdiensten der Tageszeiten.
Repro: W. Lingner

Das Dominikanerkloster hier in Schäßburg hatte ausgedehnte Räume. Von der Burg bot es die reizende schöne Aussicht ins Kokeltal hinauf. Durch einen Kreuzgang war es nach Süden mit der Klosterkirche verbunden.
Die ursprüngliche Klosterkirche, deren genauen Grundriß und äußere Gestalt wir nicht kennen, wurde zwischen den Jahren 1484 und 1515 zur dreischiffigen gotischen Hallenkirche mit zwei Säulenpaaren umgebaut. Das Chor wurde von drei Seiten eines Sechsecks abgeschlossen. Die Jahreszahl 1483 an der Westwand des Treppenaufgangs zur Orgel erinnert uns an diesen Umbau. Geweiht war die Kirche der hl. Maria. Im Pfarramtsarchiv befindet sich auch heute noch (um 1990) jenes "Antiphonar" aus 1506 (auf Pergament geschrieben), das zum Gebrauch in dieser Kirche von kunstfertigen Mönchen wohl des hiesigen Klosters ausgeführt wurde. Die vierzeilige Notenschrift ist sauber und schön. Viele Textanfänge sind, wie damals üblich, mit verzierten Initialen reich ausgestattet. Die Farben haben ihre ursprüngliche Frische bewahrt.

Im Stadtpfarramt wird auch ein Verzeichnis der Mitglieder des Dominikanerordens in Schäßburg aus dem Jahre 1525 und der Ordensmitglieder der Konvente in Schäßburg, Udvarhely, Klausenburg, Weißenburg (Alba Julia), Hermannstadt, Winz, Kronstadt, Mühlbach und Bistritz - wohl aus dem Jahre 1520 -aufbewahrt. Danach gehörten diesen Konventen 171 Brüder an (83 werden als "fratres" bezeichnet, 48 als "fratres vonversi, in Schäßburg 7 auch als "fratres de stola", 28 als "fratres clerici" und 5 als "fratres laici"). Im Verzeichnis von Schäßburg, Klausenburg, Kronstadt und Bistritz wird je einer als Organist vermerkt.


Verzeichnis der Mitglieder des
Schäßburger Dominikanerklosters
1525.
Repro: W. Lingner

Bei den Restaurierungsarbeiten an der Klosterkirche im Jahre 1859 wurde im Giebel zwischen Chor und Kirchenschiff, zwischen zwei Steinen eingeschlossen, eine Blechkapsel gefunden. Sie enthielt keinen Schatz, sondern vergilbte Blätter aus dem Jahr 1529. Der Prior Petrus aus Reps hat sie benützt, um für die Nachwelt eine kurze Geschichte der ereignisreichen Zeit zwischen 1526 und 1529 niederzuschreiben. Danach hat er sie "zum Gedächtnis der Zukünftigen" eingemauert. Wer sie findet, solle "in sorgfältigem Geiste erwägen" "das große Leiden, das wir erduldet haben in diesen Tagen, in denen wir stündlich fürchteten, dem Tode zu verfallen, mit dem Apostel sprechend: Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn. Wir müssen überwinden in ihm, der uns gewürdigt hat, uns durch all das zu sich zu rufen". Die Mönche des Klosters machten sich berechtigterweise Sorgen um ihre Zukunft. Anlaß dazu bot auch die unaufhaltsame Ausbreitung der "lutherischen Irrlehre". Die Gläubigen verachteten die Fastengebote und sogar den Bann der Kirche und verfolgten die Diener Gottes. Kalenderartige Aufzeichnungen, die in einer Zelle des ehemaligen Klosters gefunden wurden und 1520 einsetzten, hören 1538 plötzlich auf.

Im selben Jahr kam es nach zwölfjährigem Bürgerkrieg zum Frieden von Großwardein und zu dem von König Johann Zäpolya mit den Worten: "Aber nun lasse ich die beiden großen Böcke aufeinander; welcher gewinnen kann, mag sich zeigen", veranlaßten Religionsgespräch in der Kapelle neben dem Stadtpfarrhof zwischen dem Großwardeiner Bischof und Schatzmeister Georg Martinuzzi und auf evangelischer Seite Stefan Szantai aus Kaschau. Sächsische Pfarrer (aus Bistritz, Lechnitz und Kronstadt) waren lediglich Zuhörer.

Es wurde heftig gestritten. Martinuzzi verlangte den Tod Szantais. Zäpolya lehnte das ab. Die beiden Schiedsrichter (Dr. Adrian Wolfhard und Martin Kälmäncehi) baten nach dem Gespräch um Entbindung von ihrem Amt. Die Begründung war: um vor Gott und ihrem Gewissen bestehen zu können, denn sie mußten Szantai recht geben. Szantai durfte abziehen.


Verzeichnis der Korngruben
aus dem Jahre 1506.
Repro: W. Lingner

Es kam zur Reformation auch in Schäßburg - zur Zeit von Stadtpfarrer Ruffus, der seine Amtszeit aus mir unbekannten Gründen 1555 beendete. Kurz vorher waren Dominikanermönche aus Hermannstadt, die zwar nicht vertrieben wurden, aber doch von dort weichen mußten, nach Schäßburg übergesiedelt. Sie haben wohl angenommen, in Schäßburg bleiben zu können. Die reformatorischen Neuerungen aber brachten das Ende ihrer Hoffnungen. Das Kloster wurde aufgelöst, die Mönche, sofern sie nicht freiwillig gingen, vertrieben. Die Klostergüter wurden säkularisiert, die Klosterräume vom Stadtrat übernommen, von 1555 bis 1575 befand sich im Erdgeschoß des Klosters das Rathaus - und die übrigen Räume wurden verschiedenen gemeinnützigen Zwecken zugeführt. Die Klosterkirche schließlich wurde - neben der Bergkirche - zur zweiten Gemeindekirche. Im 19. Jahrhundert wurden im ehemaligen Kloster die evangelischen Elementar-, Real- und Bürgerschulen untergebracht. 1886 machte das Kloster dem heute noch stehenden ehemaligen Kombinatsgebäude Platz. Vier Jahre später, 1890, wurden die Westfassade der Klosterkirche und das Südportal, die beide von Baulichkeiten umschlossen waren, freigemacht.

Auch nachdem die Klosterkirche in der Reformationszeit evangelische Gemeindekirche geworden war, behielt sie ihren Namen als Klosterkirche. Sie überdauerte die Jahrzehnte des 16. und 17. Jahrhunderts. Dem großen Brand vom 30. April 1676, der 624 Häuser und 120 Maierhöfe einäscherte, fiel auch sie zum Opfer. Das Dach verbrannte und das Mittelschiff wurde stark in Mitleidenschaft gezogen; im Innern brannte die Kirche aus. Sie wurde in den folgenden Jahren zeitgemäß wieder hergestellt. 1677/78 waren es Männer aus Österreich, Meister Valentin Gruber aus Falkenstein in Tirol und Philipp Audring aus dem Salzburgischen, die die Kirche baulich wieder herstellten. Sie schufen das neue Gewölbe und gaben ihm das barocke Aussehen. Auf die turmlose Kirche setzten sie den Dachreiter, der 1956 sein neues Blechdach erhielt. Aus den Jahren 1805 und 1859 wird von Instandsetzungsarbeiten berichtet. Großzügig durchgeführte Restaurierungsarbeiten wurden 1928/29 vorgenommen, durch die die Klosterkirche ihr jetziges Aussehen bekam.


Lateinische Aufschrift in der Klosterkirche.
Foto: Walter Lingner

Wie ahnend lautet die Inschrift am Gewölbe über der Orgel: Dies Gotteshaus, der Väter Erbe, Es ward gefestigt und erbaut, Daß unser Volk hier nicht verderbe, Vertrau'nd auf Gott in schwerer Zeit! 1928-29". 1982 wurde die Kirche mit erheblichen Opfern an Zeit und Geld innen ausgemalt.

Nach ihrer baulichen Herstellung nach dem großen Brand erfolgte auch die Erneuerung der Inneneinrichtung. Auch diesmal waren es nicht ursprünglich einheimische Meister, die sie schufen. Die Holzarbeiten stammen von Johann West, einem Meister aus Bartfeld in der Slowakei. Die Polychronie und die Malerei des Altares sind das Werk des aus Sillein, ebenfalls in der Slowakei stammenden Hermannstädter Malers Jeremias Stranovius. Das Hauptbild zeigt die Kreuzigung Jesu. Rechts und links stehen die beiden Apostel Petrus und Paulus. Das untere Bild zeigt die Einsetzung des Abendmahles. Angeblich sollen die Gesichtszüge der Jünger auf dem Bilde die der Ratsmitglieder und des Stadtpfarrers der Zeit tragen. Das obere Bild zeigt die Grablegung Jesu. Beherrscht wird der schöne Barockaltar vom auferstandenen Christus mit der Siegesfahne. Der Altar stammt aus dem Jahr 1681.

Das Orgelgehäuse mit dem barocken Orgelprospekt trägt unterhalb der Orgelpfeifen die barock gestaltete Inschrift: ,,Dies Werk wurde erbaut zur Ehre Gottes 1680". 1889 wurde die Orgel von der Nordseite der Kirche auf die Westempore verlegt und dabei das Orgelwerk pneumatisch umgebaut. Ein schönes, sinnvoll beschriftetes Stück ist das vom Glockengießer Jakobus 1440 gegossene kelchförmige Taufbecken. Die Inschrift lautet: ,,Caput draconis salvator contrivit, lordanis flumine ab eius proprietate eripiens omnes". Sie deutet auf den Zweck des Taufbeckens hin. Durch die Taufe soll der Teufel ausgetrieben werden.

Wertvoll sind noch die zwei schön gearbeiteten steinernen Türstöcke aus 1508 und 1570, die der Hermannstädter Steinmetz Thomas Lapicida hergestellt haben soll. Die Malerei an den Brüstungen der Emporen stammen aus dem 18. Jahrhundert. Der letzte Schatz aus dem Kircheninnern sind 39 wertvolle anatolische Teppiche aus dem 17./18. Jahrhundert. Es sind Knüpfteppiche, die in der Fachliteratur "Siebenbürger" genannt werden. Mit ihrer Farbigkeit bringen sie Wärme in den Kirchenraum. 1982/83 wurden sie sachgemäß gereinigt und aufgehängt.

Infolge der Übernahme der Kosterkirche durch die Gemeinde verlor die Bergkirche, die ursprüngliche und eigentliche Gemeindekirche, allmählich an Bedeutung. Zu den Gottesdiensten versammelte sich die Gemeinde eher in der Klosterkirche. In den letzten Jahren ist die Bergkirche einer noch nicht ganz abgeschlossenen gründlichen Restaurierung unterworfen worden. Mag sie nicht nur Denkmal bleiben, sondern auch künftig einer evangelischen Gemeinde und zur Ehre Gottes dienen. Und diese durch die Jahrhunderte erhaltene und kunst- und sinnvoll ausgestattete Schäßburger Klosterkirche möge auch weiter eine Stätte der Sammlung und Anbetung sein, die Stätte einer Gemeinde, die lebt, Gott lobt und die er segnet.

Stadtpfarrer i. R.
Dr. Gerhard Schullerus
Hermannstadt



Ablaßbrief vom 20. März 1298
Repro: Walter Lingner



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