HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Schäßburg's Badeleben um die Jahrhundertwende

In meiner Kinderzeit gab es in Schäßburg drei Sommer- und ein Winterbad. Das Winterbad war hinten im Stadthaus in einem kleinen Gebäude untergebracht und bestand aus 5 Wannenbädern, eine geräumige Wanne erster Klasse, die in den Boden eingelassen und ganz mit Kacheln ausgelegt war. In dieser Wanne haben wir öfters im Winter mit meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder gebadet und es hat uns immer ein großes Vergnügen bereitet. Die 4 Wannen zweiter Klasse waren ganz gewöhnliche gußeiserne Wannen und boten nichts außergewöhnliches.
Im Sommer hingegen hatte man mehr Auswahl. Da gab es die Walkmühle, die Schwimmschule und das Frauenbad. Die Walkmühle lag im Mühlenkanal gegenüber dem Stadtpark zwischen den jetzigen 2 Brücken und war ein Wellenbad und ausschließlich für Männer benutzbar.


Badeanstalt-Fürdö im Hof des Stadthaussaales
kurz nach Fertigstellung 1894
Archiv Isa Leonhardt

Hier habe ich öfters mit meinem Vater als 3jähriger Junge gebadet. Er nahm mich in die Arme und stieg mit mir in die Wellen, die uns raschestens etwa 5 Meter bis ins seichte Wasser schleuderten, für mich ein Hochvergnügen in der sicheren Obhut der starken Arme meines Vaters, der sich an meinem Jauchzen erfreute. Leider wurde die Walkmühle einige Jahre später abgetragen und an Stelle der alten Hammermühle das Elektrizitätswerk erbaut, so daß mir in meinen späteren Knabenjahren dies Vergnügen versagt blieb. Dafür hatten wir Jungen in der Schwimmschule um so mehr Vergnügen. Die Schwimmschule hatte in ihrer ersten Ausführung nur geringe Ausmaße - ein großes und ein kleines Bassin - und war mit Holzbohlen ausgeschlagen. Gegen Ende der 90ger Jahre brannte sie indessen ab und einen ganzen Sommer war sie nicht in Betrieb. Als Provisorium wurden im Park neben der Letzischen Mühle ein paar Kabinen aufgeschlagen und in diesem Sommer badeten wir in der Kokel oder im Frauenbad im sogenannten "Bodhaisken" abends von 5-8 Uhr, was uns aber wenig Vergnügen bereitete. Dafür wurde an der Schwimmschule eifrig gearbeitet. Es wurde ein fast doppelt so großes Bassin ausgehoben und ausbetoniert und im nächsten Sommer fanden wir die geliebte Schwimmschule in ganz modernem, nettem Gewand mit vielen schönen Kabinen, einem 3 m hohen Sprungturm und allem, was zum Betrieb nötig war, vor. Hier erteilte der schweißfüßige Bademeister, Herr Müller, Schwimmunterricht. Erst wurde man auf einen mit Gurten bespannten Bock gelegt und mußte Arm- und Beinbewegungen und Übungen in der Luft machen. Dann kam man an die Stange. Herr Müller band einem einen Hanfgurt um die Brust, schlang den dann, den daran befestigten Strang, um eine lange Stange, die er mit dem daran baumelnden Bengel über die Brüstung hängte und mit seinem Körper festhielt und nun wurden "die Tempi" im Wasser auf der Stelle geübt. Wenn die dann nach einigen Tagen einigermaßen klappten, nahm er einen einfach an den Strick und nun mußte man unter seinem monotonen Befehl "eins, zwei" die ganze Länge des Bassins durchschwimmen, bis man die Sache kapiert hatte und endlich Freischwimmer wurde. Als 6jährigen Knaben führte mich mein Vater vor seinem Amtsbeginn jeden Morgen 7 Uhr in die Schwimmschule und der Unterricht begann. Herr Müller schnallte mir den eiskalten Gurt um Brust und Rücken und ich mußte zähneklappernd in die kalten Fluten steigen und meine Tempi's machen. Dies morgendliche Bad war begreiflicherweise kein Vergnügen.
Um so mehr Vergnügen aber empfand ich, wenn ich um 11 Uhr wiederkam und dann mit meinen Kameraden frei herumtollen konnte. Die Stundeneinteilung in der Schwimmschule war folgende: Morgens von 7-9 Männerstunde, von 9-11 Frauenstunde, 11-1 Männer- und Knabenstunde, von 2-5 Kinderstunde und von 5-8 Männerstunde für die Werktätigen unter Ausschluß von Jugendlichen. Wir Kameraden gingen täglich um 11 Uhr baden und vergnügten uns göttlich mit Schwimmen, Springen vom hohen Sprungturm, Tauchen nach Kieselsteinen und Fangenspielen. Da waren unter anderem auch die beiden Gresz-Buben, 2 magere, elende Krispindel. Wenn sie dann blau gefroren nicht aus dem Wasser herauskommen wollten, dann rief ihnen der Bademeister zu: "Te Gresz gyere ki a vizböl, te ugyis csak dröhtböl vagz !"


Die Schwimmschule 1920.
Archiv Isa Leonhardt

Doch auch an den Erwachsenen hatten wir unsere Freude. Wenn der alte Horeth im Schwimmdreß erschien, sammelten wir uns rasch um ihn. Er war ein kleiner, dicker Mann, am ganzen Körper, einschließlich des Gesichtes, dicht und schwarz behaart wie ein Gorilla und hatte zwei so dicke Lippen, als seien sie von vielen Wespenstichen mächtig angeschwollen. Wenn er dann sich von der Treppe seitlich in das Wasser fallen ließ und wie ein Nilpferd fauchend und prustend wieder an die Oberfläche kam, schrien wir alle im Chor: Vizilö, vizilö". Der alte Arkeder Pfarrer Ziegler kam auch des öftern in die Schwimmschule. Er war ein langer, hagerer Mann mit zwei lang herunterhängenden Frauenbrüsten, die wir immer und immer wieder bestaunen mußten. Ein täglicher Gast war der alte Bresina, Uhrmacher seines Zeichens. Der bekam im Wasser stets einen Lachkrampf und lachte derart laut und meckernd, daß die ganze Schwimmschule in ein herzerhebendes Lachen geriet. Nur einer blieb ernst dabei. Das war der alte Hutmacher Martin Schneider. Der lag fast stundenlang wie ein Frosch ausgestreckt auf dem Rücken im Wasser, bewegte kein Glied und ließ sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Auch Dr. Bacon bereitete uns Pläsier, wenn er nach dem Bad mit einem kurzen Männerhemd bekleidet aus der Kabine trat und sich gebückt die Badehose auswrang, wobei wir uns unter lautem Gelächter in seinem Hintern bespiegelten, was ihn aber keineswegs interessierte. Dafür bewunderten wir täglich den Stationschef Mina, der ein wunderschöner Mann mit einem ebenmäßigen Körper und ein hervorragender Schwimmer war.


Schwimmschule und Eisplatz mit Frauenbad an
dem Mühlengraben.
Archiv Isa Leonhardt

Von 9-11 Uhr war Frauenstunde und die Frauen und Mädchen ließen sich nur schwer pünktlich aus dem Wasser holen. Wir mußten daher oft lange warten und diese Wartezeit verbrachten wir beim Frauenbad. Dies Frauenbad lag gegenüber der Schwimmschule im Mühlenkanal, war etwa 100 m lang und oben und unten mit je einer Bretterwand gegen die Außenwelt abgeschlossen. An beiden Ufern entlang waren viele Kabinen angebracht und beide Ufer durch eine hohe Holzbrücke miteinander verbunden. Hier fungierte als Bademeisterin die alte Frau Theiss, eine hagere, ausgeronnene, große, alte Frau mit zahnlosem Mund, stark vorspringendem Kinn, großer Nase, roten Bäckchen und einer stählernen Brille über den schielenden Augen, was alles zusammen ihr ein hexenartiges Aussehen verlieh. Sie trug ein langes, dunkles Katunkleid und darüber eine Schürze. In ihrer Kabine bewahrte sie die Frauenbadewäsche und Hüte auf und hielt hier auch Bäckerwaren feil, so daß es bei ihr immer typisch nach Frau Theiss roch. Die Kabinen waren geräumig, hatten eine Bank und einige Kleiderhaken.
Neben der Tür war ein kleines Tischchen angebracht, auf dem lag eine Glasplatte und darüber stand auf einem Zettel gedruckt die Aufschrift: "Zum Flöhe knicken," ein Geschenk des Stadtsenators Fielk. Da die Kabinen aus Tannenholz waren, gab es in ihnen viele leere Astlöcher, durch die wir während unserer Wartezeit hineinguckten und den Frauen beim An- und Auskleiden
zusahen. Ich sage ausdrücklich Frauen, denn bei den Mädchen zu gucken, galt bei uns "Coetisten" als unfair und wir hätten einen Gucker ohne weiteres in Verschiß getan.
Die Badeanzüge der Weiber waren zu der Zeit alles andere nur nicht sportlich, sie bestanden aus einer bis zum Hals hochgeschlossenen Jacke mit langen Puffärmeln, die mit einem Gürtel zusammengehalten wurde. Die Beine staken in langen, bis zum Knie reichenden Pumphosen, so daß tatsächlich nur die Waden und Füße unbekleidet blieben. Am Kopfe trugen die armen Weiber einen großen, gelben breitkrämpigen Hut aus Billrothbatist, der mit einem eng anliegenden Gummiband den Hirnschädel vom Gesichtsschädel hermetisch abschloß, und dessen Krampe mit einem ziegelroten Zwilchband verziert war. So ausgerüstet, sprangen dann die jungen Mädel von dem an Eisenketten befestigten, auf dem Wasser schwimmenden Floß per Fuß kühn in die Fluten, die etwa l Meter tief waren, während die älteren Frauen in Hockestellung im Wasser standen und sich mit den Händen Wasser schöpfend die Brust tätschelten. Die alten Frauen waren noch altmodischer und badeten im sogenannten ,,Schliffer", einem langen bis an die Zehen reichenden, hemdartigen Gewand aus Weberzeug, das nur die Arme freiließ und das, wenn sie in die Fluten stiegen, sich auf dem Wasser wie ein Segel blähte.


Blick auf die Bade- und Wasseranlage am Mühlengraben um 1900.
Archiv Isa Leonhardt

Eines Tages, als wir wieder endlos warten mußten, verspürte mein guter Freund Hans Schwartz ein menschliches Bedürfnis. "Ech mess fluren, awer wor?" "Flur änt Wasser" sagte ich und Hans flirrte ins Wasser. Aber oweh, der "Kaktus" schwamm auf dem Wasser, das hatten wir nicht beabsichtigt und auch nicht vorausgesehen. Er schwamm unter der Bretterwand hindurch ins Frauenbad und landete auf dem dicken Busen der Frau Elise Gutt, Machamod, der Gattin des uns schon bekannten Pugyelaren. Die schrie entsetzt auf und rannte eilends mit allen übrigen Frauen aus dem Wasser, der Kaktus aber schwamm ruhig und unbeirrt durch die ganze Länge des Frauenbades und verschwand schließlich hinter der unteren Bretterwand. Zwischen dieser und dem Elektrizitätswerk badeten am Sonntag Nachmittag im Mühlenkanal die ungarischen Dienstmägde. Sie badeten mit entblöstem Oberkörper und am Unterleib mit einem Unterrock bekleidet. Diesem Baden sah jedesmal der alte Meister Wachsmann zu und bekam Stielaugen, wenn er die herrlichen, drallen Mägdebrüste erblickte.

Dr. Fritz Markus (Pitz)



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