HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Zum Geleit

(Überlegungen zum auslaufenden Jahrhundert)
Jedes Jahrhundert hat die Tendenz,
sich als das fortgeschrittene zu betrachten
und alle andern nur nach seiner Idee abzumessen.
L. v. Ranke

Angesichts dessen, daß sich im 20. Jahrhundert radikale Veränderungen für unser Völkchen vollzogen haben, wäre es wünschenswert, daß die Erlebnisgeneration auch darüber berichtet. Gelegenheit könnten auch die "Schäßburger Nachrichten" bieten, um Mitteilungen über Einzelschicksale während der beiden Weltkriege, der Deportation, des Arbeitseinsatzes der militärpflichtigen jungen Männer, über die Schüler- und Studentenzeit, über Arbeitsbedingungen und Aufstiegsmöglichkeiten im Beruf oder auch über kulturelle Veranstaltungen, über das Nachbarschaftswesen, über Familienfeste, Kränzchen und nicht zuletzt auch über Ursachen der Auswanderung und die Erlebnisse in der neuen Heimat zu veröffentlichen. Wäre das nicht eine willkommene Gelegenheit für die jüngere Generation, um zu zeigen, daß sie, wenn auch unter ganz anderen äußeren Bedingungen und politischen Gegebenheiten, sich auch bemüht hat, dem wohlklingenden Namen der Siebenbürger Sachsen seine Harmonie zu bewahren? Auch könnte sie darauf hinweisen, daß sie nicht allein die Leistungen der Vorfahren anerkennt, sondern auch auf die eigenen stolz ist.
Indem man über Ereignisse und Begebenheiten der jüngeren Vergangenheit berichtet, könnte man das 20. Jahrhundert als neues Glied an die Kette der vorangegangenen schmieden und so die traditionsreiche Geschichte Siebenbürgens vervollständigen. Vielleicht noch mehr als die vorherigen erhebt das 20. Jahrhundert Anspruch darauf, sich als das fortgeschrittenere zu betrachten. Ob das berechtigt ist, mögen spätere Generationen beurteilen. Nicht zu leugnen ist aber die Tatsache, daß sich im 20. Jahrhundert Veränderungen auf wissenschaftlichem und wirtschaftlich-technischem Gebiet mit noch nie dagewesener Geschwindigkeit vollzogen haben. Denken wir dabei bloß an die Entwicklung der Luftfahrt - vom einfachen Motorflugzeug über die Düsenjets bis hin zu den Weltraumfahrzeugen - oder an die Nutzung der Atomenergie u. u. u. Ebenso radikale Veränderungen hat es auch auf politisch-sozialem Gebiet gegeben. In einem Zeitabschnitt von nur zwei Jahrzehnten fanden zwei Weltkriege statt, die nicht nur Gebietsveränderungen - den Zerfall von Kaiser- und Königreichen und die Gründung neuer Nationalstaaten -, sondern auch die Schaffung eines neuen Sozialsystems und zweier Diktaturen zur Folge hatten. Daß auch Diktaturen nicht ewig dauern und daß sie auch ohne kriegerische Auseinandersetzungen beseitigt werden können, hat uns ebenfalls dieses Jahrhundert gezeigt.
Die Geschwindigkeit, mit der sich die Ereignisse im 20. Jahrhundert vollzogen, sind nicht ohne Spuren an der betroffenen Generation vorbeigegangen. Für uns Siebenbürger Sachsen hatten sie besonders schwerwiegende Folgen. Die Trennung Siebenbürgens von Österreich-Ungarn und seine Eingliederung nach dem Ersten Weltkrieg in das Königreich Rumänien zog den Verlust von politischen Rechten für die sächsische Bevölkerung nach sich. Wohl bemühten sich sächsische Parlamentarier um den Erhalt von Minderheitsrechten, doch gab es auch nationale Gruppierungen, die mehr als solche Rechte vom neuen Staat forderten. Als Ende der 30er Jahre die "Deutsche Volksgruppe in Rumänien" gegründet wurde und sich den Interessen Hitlerdeutschlands unterordnete, schrieb sie sich Rechte zu, die normalerweise keiner Minderheit gewährt werden können. Erwähnt sei bloß der Einzug von wehrpflichtigen rumäniendeutschen Männern in die Wehrmacht des Dritten Reiches. Die Mißachtung der Minderheitenpflichten sollte die deutsche Bevölkerung nach dem Austritt Rumäniens aus der Waffenbruderschaft mit Hitlerdeutschland teuer zu stehen kommen. Enteignung, Deportation aller arbeitsfähigen rumäniendeutschen Frauen und Männer zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion und allgemeine politische Entrechtung der deutschen Minderheit zählten zu den Racheakten, welche die damalige rumänische Staatsführung gegen ihre "untreuen Bürger" unternahm.
Waren all jene Maßnahmen verletzend, bedeuteten sie doch nicht die vollständige Unterdrückung unseres Volkssplitters. Die Verantwortlichen der Landeskirchenleitung der evangelischen Kirche Rumäniens traten sofort nach der politischen Wende ihre Rolle als Volksvertreter von neuem an und sorgten für den Fortbestand ihrer Glaubensgemeinschaft. Ohne lange auf staatliche Genehmigungen zu warten, übernahm die Kirchenleitung von neuem die Oberaufsicht über die deutschen Volksschulen, Gymnasien und Lehrerbildungsanstalten, was, wie sich später herausstellte, die ununterbrochene Fortführung des deutschsprachigen Unterrichts, auch nach der Schulreform von 1948, in Rumänien sichern sollte.
Daß der deutschen Minderheit Rumäniens schon bald nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges alle staatsbürgerlichen Rechte wieder gewährt wurden, sei hier lobenswert hervorgehoben. Natürlich gab es immer wieder lokale Übergriffe und Benachteiligungen für Personen deutscher Nationalität, doch gesetzlich schrieb der Staat die Gleichberechtigung all seiner Bürger vor. Dank solcher verfassungsmäßigen Bestimmungen genehmigte der Staat bis 1959 die Fortführung selbständiger Schulen mit deutscher Unterrichtssprache und ab da deutsche Abteilungen an rumänischen Schulen.
Die allgemeine Enteignung der Rumänendeutschen zwang sowohl die bodenständige Dorfbevölkerung als auch die Handwerker, sich als Lohnempfänger in staatlichen Wirtschaftseinheiten zu betätigen. Da es nun kein väterliches Erbe mehr fortzuführen galt, wie das unter den Siebenbürger Sachsen üblich gewesen war, trachteten die Eltern danach, ihren Kindern eine höhere berufliche Qualifikation zu sichern. Möglich wurde das, indem die Mehrheit der deutschen Jugendlichen eine höhere Schule, d. h. Berufsschule oder Gymnasium, besuchte. Rückblickend kann behauptet werden, daß die sächsische Bevölkerung noch nie so viele qualifizierte Arbeiter, Werkmeister, Abiturienten und Fachkräfte mit akademischer Bildung zu verzeichnen hatte wie eben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die deutschen Fachkräfte wurden in allen Tätigkeitsbereichen ihres Könnens, ihres Fleißes und ihrer Zuverlässigkeit wegen anerkannt und geschätzt.
Die gesetzliche Gleichberechtigung aller Nationalitäten konnte im sozialistischen Rumänien auch auf kulturellem Gebiet genutzt werden. Zwar schrieb der Staat vor, nur "sozialistische Kultur" in "nationaler Form" zu verbreiten, doch war es möglich, auch auf klassisches deutsches bzw. siebenbürgisch-sächsisches Kulturgut zurückzugreifen und dieses durch Schüler- und Laienspielgruppen, aber auch durch deutsche spezialisierte Kulturschaffende und Künstler weiter zu pflegen und zu verbreiten. Kulturveranstaltungen gehörten auch in Schäßburg zu den günstigen Gelegenheiten, Sachsen "unter sich allein" zu versammeln. Unvergessen bleiben den Teilnehmenden die sogenannten "Komponistenstunden", die vielen schönen Theateraufführungen, die Vorträge an der deutschen Abteilung der Volksuniversität, die bunten Abende u. v. m.
In den ersten Nachkriegsjahren war man mehr denn je auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen. Da es in Schäßburg keine Bestattungsunternehmen gab und der frühere Bestattungsverein, wie alle übrigen Vereine, auch nicht mehr bestand, waren es die Nachbarn, die sich bei Trauerfällen gegenseitige Hilfe gewährten. Desgleichen taten sie auch bei Familienfesten, und so gelangte man allmählich zur Wiederbelebung der traditionellen sächsischen Nachbarschaften. Diese wurden stillschweigend von der Stadtverwaltung geduldet, und so wurde es möglich, ihr Betätigungsfeld allmählich zu erweitern. Dem Beispiel der Sachsen folgend, schlossen sich auch die Rumänen und Ungarn Schäßburgs zu Nachbarschaften zusammen, was dazu führte, daß man ganz offiziell als Gemeinschaft auftreten durfte. Auffallend ist die Tatsache, daß die Rumänen für die Funktionsträger der Nachbarschaft sächsische Benennungen verwenden. Sie sagen zum Nachbarvater zwar nicht "Nobervoter", sondern einfach "Voter", verwenden aber nicht ihre rumänische Bezeichnung "tata."
Wenn auch nicht mehr so pompös wie früher, feierte man nach kriegs- und kriegsfolgebedingter Unterbrechung die Nachbarschaftsfeste wieder. In der Faschingszeit feierte jede Nachbarschaft ihren "Richttag", wobei zuerst in offizieller Versammlung die Erfüllung aller nachbarlichen Pflichten geprüft und die Versäumnisse gerügt wurden. Danach trafen sich die Familien aller Nachbarschaftsmitglieder und deren Gäste, die "Beispringer", in einem gemieteten Saal und feierten feucht-fröhlich Fasching. Im Sommer traf man sich in Gottes freier Natur und feierte den "Sommerrichttag". Daß bei solchen Festlichkeiten Humor und Schabernack nicht fehlten, war selbstverständlich.
Als in den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts die rumänische Staats- und Parteiführung die Schaffung der "einheitlichen sozialistischen Nation" offen propagierte und den Erhalt der mitwohnenden Nationalitäten in Frage stellte, beschleunigte sich der Aussiedlungsprozeß der Rumäniendeutschen in die Bundesrepublik Deutschland. Nach dem Fall der Ceausescu-Diktatur im Dezember 1989 kam es zur Massenaussiedlung, was den Exodus dieses Volkssplitters bedeutete.

Gustav A. Schneider (Köln)



balken.gif (7924 Byte)

Letztes Update: 2004-07-16 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg