Schäßburger berichten aus Vergangenheit
und Gegenwart
Schwimmschule / Volksbad
Wer über unsere Schwimmschule berichten will, schreibt gleichzeitig
ein Stück europäische Zeitgeschichte. Sie beginnt in Freiwaldau,
einem Kurort im Österreich-Schlesischen Grenzland, das häufig
den Besitzer wechselte. Zu Österreichs Zeiten war im dortigen Altvater-Kurhaus
das Ehepaar Josef und Maria Prießnitz tätig. Er war gelernter
Bademeister, der seinen Beruf in Wien erlernt hatte, wozu auch die Ausbildung
als Pädikurist und Masseur gehörte. Seine Frau machte den Kurgästen
Packungen, Bestrahlungen und Kräuterbäder, Tätigkeiten,
die einer Pflegerin auch heute noch zustehen.

Schwimmunterricht bei Herrn Rössler.
Die ältere Generation erinnert sich sicher noch liebevoll an die
alte Dame am Eingang zur Schwimmschule, mit Grausen aber an die mütterlichen
kalten "Prießnitz-Umschläge" gegen Erkältungskrankheiten.
Wer rückblickend mehr wissen will, schlägt in einem der großen
Lexika nach und findet dort: Prießnitz Vincenz, Naturheilkundiger,
Gräfenberg b. Freiwaldau (Österr.-Schlesien), Landwirt, gehört
zu den Begründern der Naturheilkunde.

Herr Rössler mit Badegästen
Archivbild Ilse Fernengel
Unter den Kurgästen gab es auch Schäßburger, die alljährlich
mit den Erfolgen unseres Ehepaares zufrieden waren. Als 1909 in Schäßburg
ein Volksbad errichtet werden sollte, zu dem damals auch ein Kurhaus gehörte,
empfahlen die Schäßburger - unter ihnen auch Wilhelm Löw
d. Ä. - -Herrn Prießnitz, sich zu bewerben. Unter 52 Bewerbern
erhielt er den Posten, wobei die Aktionäre des Volksbades sich nicht
uneigennützig die ebenfalls berufserfahrene Frau ins Kalkül
einbezogen. 1909 kam Herr J. Prießnitz nach Schäßburg,
Frau und Kinder folgten 1910.
Als sächsische Aktiengesellschaft als Kur- und Volksbad gegründet,
wurde es später nur noch als Volksbad geführt und ging dann
in die Verwaltung der Primarie über. Ein zweites historisches Phänomen
darf nicht übersehen werden: Zu Beginn hatten wir beiderseits des
Mühlengrabens je eine Anlage: die Schwimmschule für Männer
und ein Freibad für Frauen. Erst in den 20er Jahren wurde die Prüderie
überwunden, so daß die Schwimmschule beiden Geschlechtern offen
stand. Das Freibad am linken Kanalufer verödete und nur, wenn der
Mühlengraben in bestimmten Zeitabständen zwecks Reinigung abgelassen
wurde, sah man noch die Reste.
Im Ersten Weltkrieg erlitt J. Prießnitz Kopfverletzungen, die ihn
nicht mehr ganz gesunden ließen. Schließlich mußte er
in die Nervenklinik in Hermannstadt eingeliefert werden, wo er auch verstarb.
Frau M. Prießnitz war mit zunehmendem Alter überfordert, bis
ihre Tochter einen jungen Kaufmann kennenlernte, der bereit war, umzusatteln
und sich in Hermannstadt als Bademeister ausbilden zu lassen. . . Rössler.
1928 wurde er als Nachfolger von J. Prießnitz angestellt. Mit ihm
wurde unsere "Schwimm" zu einem Treffpunkt für Jung und
Alt. Er setzte auf die Jugend, warb in den Schulen für den Schwimmunterricht,
veranstaltete Schwimm-Wettkämpfe und gründete eine Wasserballmannschaft,
so daß Eltern ihre Kinder gerne ganztägig seiner Obhut überließen.
Selbst aus Bukarest und Kronstadt kamen Kinder zum Schwimmunterricht nach
Schäßburg. Nach Schwimmwettkämpfen fand die Siegerehrung
auf der Villa Franka statt. Neben einer Urkunde gab es ein Kränzchen
aus Eichenlaub mit blau-roter Schleife. Unter anderem ist auch der Städte-Wettkampf
Schäßburg-Mediasch von 1944 überliefert:
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100 m Freistil
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50 m Brust
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Knaben
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Knaben
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1. Grasser Rolf (M)
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1.29,1
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1. Tontsch Hermann (M)
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47,1
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2. Lingner Walter (Sch)
|
1.48,8
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2. Lingner Walter (Sch)
|
47,3
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3. Hayn Werner (Sch)
|
1.50,0
|
3. Letz Ekart (Sch)
|
49,0
|
Mädel
|
|
Mädel
|
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1. Schobel Erna (M)
|
1.43,0
|
1. Theiß Hilde (M)
|
48,5
|
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2. Rössler Ilse (Sch)
|
1.43,1
|
2. Möckesch Marianne
|
49,0
|
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3. Rössler Ilse (Sch)
|
50,0
|
.
. . Rössler leitete das Volksbad bis 1943, das dann von Rumänen
übernommen wurde. 1945 wurde er nach Rußland deportiert, kehrte
aber bereits 1946 krank zurück und blieb noch bis 1947 in der Schwimmschule
tätig. Den Schwimmunterricht erteilte dann Frau Emma Tichy. Rössier
blieb bis zu seiner Rente als Inkassant beim E-Werk tätig, betreute
seine Kunden auf dem Gebiet der Pädiküre und war stets bereit,
seine Zauberkunststücke in Kindergärten und bei Richttagen der
Nachbarschaften vorzuführen. Er starb an einem Krebsleiden mit 89
Jahren und wurde am 1. Mai 1990 zu Grabe getragen.
Ilse Fernengel (Metzingen)

Letztes Update:
2004-08-19
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
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