HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Erinnerung an die Zukunft

Predigt im Festgottesdienst anläßlich der 700-Jahr-Feier seit der ersten urkundlichen Erwähnung der Klosterkirche in Schäßburg am 12. Mai 1998 über 1. Mose 28,10-22

Was mag uns durch den Kopf gehen in dieser Feierstunde? Was bewegt unsere Herzen, wenn wir heute dies Jubiläum "700 Jahre seit der ersten Erwähnung der Klosterkirche in Schäßburg" begehen? Ja, was feiern wir denn überhaupt? Vielleicht ist es der neugierige Versuch, sich in frühere Zeiten hineinzuversetzen, in den "tiefen Brunnen der Vergangenheit" hinabzusteigen, in jene Vergangenheit des Menschenwesens, dessen Geheimnis das A und O all seines Redens und Fragens bildet", wie Thomas Mann gesagt hat. Das aber wohl doch darum, daß wir diese Vergangenheit in unsere Gegenwart hereinholen, weil dadurch unsere Gegenwart erhellt, unsere eigenen Probleme beleuchetet und unsere Träume und Wünsche genährt werden. Oder hat solches Feiern nicht nur mit der Vergangenheit und auch nicht nur mit der Gegenwart, sondern vor allem mit der Zukunft zu tun? Dann wäre die Erinnerung an etwas vor 700 Jahren Geschehenes nicht nur "Gedenken" an frühere Zeiten, wie wir im Deutschen sagen, und auch nicht nur Vergegenwärtigung, "Anamnese", wie es im Griechischen genannt wird, sondern es wäre "Erinnerung an die Zukunft", wie es das englische Wort "re-member" ausdrückt.

Dann werden wir daran erinnert, daß bei einem solchen "Gedenken" die Glieder einer Gemeinschaft, die "members", wieder zusammenkommen und es somit eine Feier der "Wiedereingliederung" und Neukonstituierung der Gemeinschaft wäre.Und zwar nicht nur von einzelnen Personen, sondern auch von verschiedenen Sprachen und Ethnien, von Völkern und Konfessionen. Gedenkfeier also als Feier der Erneuerung und der Neugestaltung der Gemeinschaft.
Wenn irgendwo in der Welt Feiern etwas mit Gemeinschaft und weniger mit einem sentimentalen oder subjektiven Gedenken zu tun hatte und hat, dann wohl bei den Siebenbürger Sachsen, denen es immer darum ging, auch im Feiern, daß sich ihre Gemeinschaft verfestige, daß ihre Glieder zusammengeführt werden, weil der Einzelne nur in der Gemeinschaft und die Gemeinschaft nur im Einzelnen bestehen konnte. Feiern und Festlichkeiten waren, wie alle Lebensäußerungen überhaupt, ein solches ,,Re-membering", ein immer neues "Zusammenfügen" der Glieder - auch wenn die Gemeinschaft zerbrechen oder klein und schwach werden will und gerade wenn sie zu Ende zu gehen droht. Dieser Zusammenhalt der Gemeinschaft geschah bei uns im Raum der Kirche als gelebter Glaube an den dreieinigen Gott, den Allmächtigen und Barmherzigen, den Heiland und Erlöser, den Tröster und Vollender. Alles, was unsere Existenz betraf, haben wir stets in den Raum der Kirche gebracht und in der "Dimension der Tiefe" - also vor Gott - zu verstehen und zu bewältigen gesucht. "Unter dem Dach der Kirche" haben wir in den 850 Jahren unserer Geschichte in dieser Weise unser Leben gestaltet und in der aus der Auswanderungszeit im 12. Jahrhundert übernommenen "Gemeindekirche" unser Leben bewältigt.


Bischof D. Dr. Ch. Klein während der Festpredigt
Foto: Liviu Rachita

Darin war die Bürgergemeinde und die Christengemeinde grundsätzlich deckungsgleich, auch wenn man zwischen dem weltlichen und dem geistlichen Arm wohl zu unterscheiden wußte. Das war in der neueren Zeit besonders wichtig, in der man durch den Verlust der politischen Selbständigkeit die weltliche Verantwortung für das ganze Volk nicht mehr selbst wahrnehmen konnte, vor allem in der Zeit der Diktatur. Darum bedeutete die "Volkskirche der Siebenbürger Sachsen" auch und vor allem dieses, daß sie in kritischen und schweren Zeiten und Situationen die politische Verantwortung übernahm und gerade somit auch prophetische Aufgaben erfüllt hat. So erfolgte z. B. die Gründung des "Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien" nach dem Sturz der Diktatur 1989 unter dem Dach der Kirche, faktisch im Raum der Kirche, in vielen unserer Städten auch wörtlich in ihrem Hause und durch den Impuls von Theologen. Der Raum der Kirche aber - im wörtlichen und im übertragenen Sinn - ist heilig, wie wir es in unserem Credo nachsprechen, wenn wir die "eine, heilige, christliche und allgemeine -d. h. katholische - Kirche" bekennen und uns damit mit der ganzen Christenheit eins wissen. "Heilig" meint nicht besonders fromm, sondern für Gott ausgesondert, von Gott für einen - nämlich für seinen -Dienst bestimmt und bezieht sich, wie wir aus unserem Predigttext entnehmen können, weniger auf Menschen als auf Orte und Zeiten, als "gottdurchlässige Stellen", wie eine Dichterin gesagt hat, an denen die Begegnung mit Gott, die Gotteserfahrung mit dem einzig wirklich Heiligen in besonderer Weise geschieht, Wirklichkeit wird. Nicht automatisch, freilich nicht wegen des Raumes oder des Ortes an sich, sondern weil dann Gott zu uns in besonderer Weise spricht, uns erreichen kann und so an uns handelt mit seinem Schutz und Segen.

Die Geschichte von dem Erzvater Jakob in Bethel bringt diese Gotteserfahrung, die Begegnung mit dem Heiligen, das Wesen der Offenbarung des Allmächtigen und herrlichen Gottes wunderschön zum Ausdruck. Wir haben hier eine Geschichte der Erinnerung vor uns, die Entstehung eines Heiligtums wie es Bethel war. Es ist gleichsam die Entdeckung einer heiligen Stätte dadurch, daß Jakob, der in jener Nacht dort auf einem Stein schläft, einen Traum hat, in dem ihm Gott erscheint und ihm seine Behütung und Bewahrung, wohl auch Vergebung zusagt, ihm, der einen verkehrten Weg angetreten hatte und nun zu Gott zurückfindet und erleben darf, daß sich nun - um es im Bilde zu sagen - der Himmel über ihm öffnet: der Himmel der Gnade und Bewahrung Gottes.

Er erfährt, daß die Verbindung zwischen dem kleinen Menschen und dem großen Gott hergestellt ist, daß die Welt Gottes sozusagen herabsteigt auf unsere Erde, die Ewigkeit in unsere Zeit eingeht, so daß der Mensch nichts anderes kann als zu erschauern in diesem "Mysterium tremendum" und gleichzeitig "fascinosum", wie es die Religionsphilosophen genannt haben, und ausruft: "Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels." Mit der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament gesagt: "Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!" (Offb. 21,3). Dieses Gottes, der herabgestiegen ist, der sich herabgelassen hat in Jesus Christus zu ihnen, und den schon Jakob als den erfährt, der durch die Engel, seine Boten, diese Verbindung angeboten hat und zu dem wir uns wiederum erheben dürfen durch unser Gebet und unsere Dankeslieder. Wir haben hier gleichsam ein Urbild der Entstehung von Gotteshäusern und Heiligtümern vor uns, wie auch diese Klosterkirche eines ist: in der Wüste oder auf Bergen, an Stellen mit heiligen Bäumen oder heiligen Steinen, später, in der christlichen Zeit, auf Friedhöfen, Gräbern oder Reliquien von Märtyrern oder Heiligen. Das waren, wenn man so sagen darf, "mit Heiligkeit geladene" Orte, nicht magisch etwa, aber so, daß sie dazu angetan waren, die Erfahrung Gottes eher zu vermitteln als profane Stätten, als irgendwelche andere Orte, die wir sonst kennen. Das hat Jakob erlebt und nach ihm so viele andere Menschen auch, die Trost, Kraft und die heilende Gegenwart erfahren haben in der Verkündigung des Wortes und in den Sakramenten der Kirche. So ist die Bergkirche in Schäßburg von den Sachsen an einer solchen heiligen Stätte auf einem Berg gebaut worden, und -wenn die Forscher Recht haben - auf einem Fundament, dem Stein eines früheren Heiligtums, dessen Herrlichkeit durch die Lage dort oben, durch die besondere Atmosphäre, Ehrfurcht erregt bis zu dem heutigen Tag, weil sie das Mysterium der Weise Gottes verkörpert.

och wenn wir heute der Klosterkirche gedenken, die vor 700 Jahren zum erstenmal dokumentarisch erwähnt wurde, und wohl schon Jahre vorher entstanden ist, so wird unser Blick darauf gelenkt, daß neben der Gemeindekirche, als Mittelpunkt der Gemeinschaft und als Ort des traditionellen Glaubenslebens durch die Orden und ihre Klöster immer wieder auch neue Elemente der Gottesoffenbarung und der Lebensgestaltung aufgetreten sind. Der Dominikanerorden, am Anfang des 13. Jahrhunderts entstanden, der sich zuerst außerhalb unserer Städte in europäischen Ländern - in Deutschland und ebenso hier in Siebenbürgen - niedergelassen hat, stellte in einer Krisen- und Umbruchszeit eine Alternative zum gängigen Verständnis von christlichem Glauben und Leben der Kirche dar.

Er geriet damit nicht selten in Widerspruch oder Spannung zur offiziellen Kirche, die ihn erst nach einer gewissen Zeit und nach manchen Kämpfen - auch in Siebenbürgen - innerhalb ihrer Stadtmauern und in ihrer Nähe geduldet hat. Denn die Orden brachten einen anderen, einen neuen Geist in die zum Teil veraltete Institution der Kirche. Sie wollten erneuern, reformieren, beleben, auf vernachlässigte Aspekte der Botschaft Jesu Christi hinweisen. Dazu gehörte Askese als alternative Lebensäußerung, Predigt und Verkündigung, als Weisen mit Verstand und Vernunft, mit Wissenschaft und Kultur, mit Bildung und Kunst, das Volk für den Glauben zu gewinnen, Kampf gegen Irrlehre und Sektierertum als Hinweis darauf, daß es in den Umbrüchen der Zeit ewige Wahrheiten zu behalten gilt. Sie brachten Alternativen, Pluralität, Vielfalt in die Kirche. Und daß die Kirche sie nicht ausgestoßen, sondern sie "in-korporiert", einbezogen, als Glieder in diese Gemeinschaft auch aufgenommen hat - sozusagen als "Remembering" - das war damals die Öffnung der Kirche nach außen, von der wir heute wieder so gerne sprechen.


Klosterkirche 1910.
Archiv Isa Leonhardt

Es ist die Aufgeschlossenheit für den Reichtum des Anderen, Fremden, Nichtkonventionellen, Ungewohnten, das der Kirche schließlich zum Segen geworden ist, auch wenn es selber zeitbedingt war und eines Tages abgelöst wurde durch andere Kirchen oder andere Orden. Das war die Ökumene jener Zeit, wo durch den Geist der Liebe Christi das Alte mit dem Neuen verbunden wurde, wo die institutionelle Ordnung und die personale Verantwortung, die Herrschaft und die Liebe in der Kirche, wo für die Verantwortung des Evangeliums in der Welt, in der man lebt, durch das Leben der Orden und Klöster neue Maßstäbe gesetzt wurden im Sozialwesen, in der Diakonie, im Verständnis von Weltverantwortung. Was vor 700 Jahren durch den Dominikanerorden damals geschah, hat uns darum auch heute etwas zu sagen. So gehen wir nicht nur in die Vergangenheit, sondern denken an die Gegenwart und blicken in die Zukunft, wenn wir heute feiern, in einer Umbruchs- und Krisenzeit, wo wir ebenfalls Öffnung brauchen, das Alte und Neue, die hergebrachten und die neuen Werte miteinander verbinden, neu entdecken, wie Gott für diese Welt auch heute erkennbar, erfahrbar wird, und daß die Heiligkeit des Gottes wie die Heiligkeit seiner Kirche eine Realität ist, die auch heute wahrgenommen werden und sich bei uns durchsetzen will.

Ein Letztes wollen wir "erinnern" in diesem Sinn: die Klöster wurden häufig aufgelöst oder in andere Klöster oder Kirchen umgewidmet. Ihre Kirchen wurden Gemeindekirchen, durch die Reformation evangelische oder in anderen Fällen römisch-katholische Gotteshäuser. Auch diese "Klosterkirche" wurde einer anderen Bestimmung übergeben und ist heute die Gemeindekirche, die evangelische Pfarrkirche dieser Stadt geworden. Wir sollten heute bedenken, was das für uns bedeutet. Ein durch Siebenbürgen reisender Dominikaner schreibt in einem Bericht aus dem 18. Jahrhundert, wie er die Auflösung und Umwidmung der Dominikanerkirchen bei seinen Fahrten durch die Städte Siebenbürgens "mit Tränen" erlebt hat. Mit Tränen.

Wenn ich heute in manche Gemeinden komme, um die letzten Menschen, die sich da befinden, zu besuchen, fließen aus den Augen der Menschen, die noch da sind, auch oft Tränen. Wir wissen: es ist die Trauer über den Verlust dessen, was einmal ihre Kirche war, die verfällt oder übereignet und umgewidmet wurde. Es ist ähnlich mit dem, was jener Dominikaner empfand, der wußte, was einmal seine Kirche bedeutete und doch erleben mußte, daß sie, Jahrhunderte später zwar von anderen - vielleicht auch anderssprachigen - benützt wird, dann aber doch sich trösten kann damit, daß das Wort Gottes in diesem Gotteshaus weiter verkündigt wird und sich mit neuem Leben füllt.

Ich sah einmal in einer Kirche, wo ich den Gottesdienst gehalten hatte, wie eine junge Frau zum Altar trat - sie war offensichtlich vor Jahren ausgewandert und jetzt zu Besuch da -eine Fotografie von dem Altar machte und dabei die Tränen aus ihren Augen schossen. Sie empfand wohl dasselbe wie jener Dominikaner vor Jahrhunderten.
Doch wir sollten dankbar sein dafür, daß wir erleben dürfen, wie das Beispiel auch unserer Klosterkirche zeigt, daß die "Kirche Jesu Christi" bleibt, auch wenn der eine oder andere Orden, das eine oder andere Kloster, die eine oder andere Bevölkerung abgelöst wird. Kirche bleibt, wie Jesus seinen Jüngern sagt: "Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden" in unserem Glauben. Und wenn unsere evangelische Kirche hier in Rumänien erhalten bleibt, wenn in Jahrhunderten auch anders als wir sie jetzt erleben, so wird der gute und gnädige Wille Gottes über uns auch für die Zukunft sichtbar. Mit solcher Zuversicht in unseren Gedanken, mit solcher Hoffnung in unseren Herzen, und so im Glauben getragen dürfen wir feiern, was vor 700 Jahren geschah, weil es für uns heute wichtig ist und weil es uns in die Zukunft weist. Amen.

D. Dr. Christoph Klein
Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien



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