Eine vorweggenommene Gratulation
Eine verdiente Schäßburgerin wird 90
Frau Professor Hedwig Fabritius erwartet am 30. Januar 1999 das ehrwürdige
Alter von 90 Jahren. Als Motto über ihren Lebenslauf könnte
man einen Ausspruch von St. L. Roth stellen: "Vergangen ist vergangen,
wer leben will, muß sich in die Zeiten schicken".

Geboren wurde die Jubilarin 1909 in Klausenburg als viertes Kind in der
Familie des Tafelrichters Heinrich und der Mathilde Fabritius.
"Heppi", wie ihre Schülerinnen sie nannten, besuchte drei
Jahre die Elementarschule in Klausenburg, die vierte Klasse jedoch in
Schäßburg, woher die Familie stammte. Es folgte das Gymnasium
ebenfalls in Schäßburg und drei Jahre Obergymnasium für
Jungen, wo Mädchen (sie und zwei weitere Kolleginnen) in den Stunden
zuhören durften, aber separate Prüfungen ablegen mußten.
In der Septima waren es nur noch zwei Schülerinnen. Die Oktava hat
sie ordnungsgemäß in Hermannstadt besucht und dort auch das
Abitur abgelegt. Anschließend studierte sie in Bukarest Deutsch
und Rumänisch. Ihre berufliche Laufbahn beginnt sie als Gymnasiallehrerin
am Mädchengymnasium in Schäßburg. Dort unterrichtete sie
Rumänisch und Deutsch und ergänzte den Lehrstoff gerne durch
zusätzliche Lektüre. Es lag ihr daran, jeder Schülerin
gerecht zu werden. Sie ging auf die Eigenarten der Schülerinnen ein
und gab sich große Mühe, alle je nach Begabungen und häuslichen
Bedingungen zu verstehen und zu fördern.
Vom Fenster des Lehrerzimmers aus konnte man den Schulhof überblicken
und die Schülerinnen beobachten und einstufen. Hier stand sie während
der Pausen mit Prof. Totz Fabini und sah uns beim Spielen zu. Mit ihren
Schülerinnen wanderte sie oft und gerne durch Wälder und über
die Berge der Umgebung von Schäßburg. Oft bewunderten wir dabei
ihre Kenntnis der Pflanzen- und Tierwelt.
1942 wurde sie als Schuldirektorin nach Hatzfeld im Banat berufen. Die
Ferien verlebte sie in Schäßburg. Hier überraschte sie
im August 1944 das Kriegsende. Sie blieb in Schäßburg und unterrichtete
an alter Wirkungsstätte weiter. Nach der Schulreform war sie an der
3er Schule und der Bergschule tätig, bis sie 1964 mit 55 Jahren in
den Ruhestand trat. Ihre Auswanderung in die Bundesrepublik erfolgte erst
1981 nach Schorndorf zu ihren Fabritius-Kusinen. Eine neue Heimat fand
sie in Gundelsheim, um bei der Familie ihrer Schwester zu sein. Seit drei
Jahren lebt sie im Altenheim auf Schloß Hornek, wo sie von ihrem
Fenster aus über das Neckartal blickt.
Ihre große Hilfsbereitschaft beschränkte sich nicht nur auf
die Familie, sondern auch auf gewesene Schülerinnen. Sie beschäftigt
sich mit Familien- und Ahnenforschung, die schon ihr Großvater begonnen
hatte. Die fehlende eigene Familie aber ersetzten ihr die Schule und die
vielen Schülerinnen und Schüler, die sie im Laufe ihres langen
Berufslebens bilden und fördern konnte. Mit Geduld und Einfühlungsvermögen
hat sie sich in allen wechselnden Situationen ihres Lebens umgestellt
und sich "in die Zeit geschickt", wie es unser großer
Pädagoge St. L. Roth einst forderte.
An ihrem Ehrentag denken wir mit herzlicher Dankbarkeit an sie und wünschen
ihr alles erdenklich Gute!
Ihre dankbaren Schülerinnen

Letztes Update: 2004-01-06
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