HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Fragen 25 Jahre danach

"Lass Dir die Fremde zur Heimat,
aber nie die Heimat zur Fremde werden."

Dieser Leitspruch im großen Festsaal des Transsylvania Clubs in Kitchener, Kanada, gibt zu denken. Ist uns die Heimat bereits entfremdet und die "Fremde" noch fremd?

Die Antwort wird sicher eine persönlich geprägte sein, eine Aussage wird abhängig sein von der jeweiligen Generation, abhängig auch von dem Land, das zur zweiten "Heimat" wurde, und nicht zuletzt vom wirtschaftlichen Umfeld, aus dem man kam, und der neuen Umgebung, in welcher man sich nun über Wasser halten mußte.

Ja, und wie war das mit den familiären Bindungen, mit den politischen Verhältnissen hier und dort, dem sozialen Status? Die Aufzählung meinungs- und gefühlsbestimmender Faktoren kann beliebig fortgesetzt werden.
Die folgenden Gedanken eines Schäßburgers, der vor 40 Jahren die Stadt und vor 25 Jahren das Land verließ, könnten auch ein Erfahrungsbericht unserer Erlebnisgeneration im Umgang mit dem zitierten Spruch sein.

Prägende Jahre einer schönen Kindheit in Schäßburg und der Besuch der Bergschule während den mageren und wechselvollen Nachkriegsjahren, danach die Berufsausbildung und die ersten 10 Berufsjahre an verschiedenen Orten Rumäniens, ein Neuanfang in Deutschland und noch heute voll im Berufsleben stehend, das sind die Lebensetappen, die wohl doch ein persönliches Bild ergeben.
"Kennen Sie Herrn F. (Angestellter)?" Nein. "Herrn S. (Hausmeister), Herrn H. (Prokurist), Herrn J. (Direktor, Mitglied des Vorstands)? "- Auch nicht! "Ihr Siebenbürger kennt Euch doch untereinander, wir Euch einigermaßen auch, und zwar als fleißige, bescheidene und treue Mitarbeiter". Das war die Begrüßung zum Vorstellungsgespräch in dem Unternehmen, dessen Angestellter ich heute noch bin.

In den Firmen waren die ersten Erfahrungen mit unseren Landsleuten ausschlaggebend, entweder gibt es keine oder gleich mehrere Siebenbürger. Das ist eine Feststellung nach eigener, nunmehr 25 jähriger Betriebszugehörigkeit, aus Kontakten zu zahlreichen Firmen und Institutionen.
Damals wußte man grob Bescheid über unseren kleinen Volksstamm, viele Leute kannten persönlich den einen oder anderen Landsmann, die ältere Generation erinnerte sich noch an die "Heuschrecken", die sächsischen Studenten der Vorkriegszeit, die freundlich, liebenswürdig und natürlich unangesagt zu Besuch kamen ? und meistens mit einem schwäbischen Mädle für immer abzogen. Erinnerungen an die Studienzeit in Temesvar kommen auf...

Heute hat wohl kaum ein Bundesbürger etwas von Hermann Oberth gehört, aus dem Lande hinter den Wäldern und auch jenseits der Karpaten kamen jedoch auch Peter Maffay und Günther Bosch, Constantin Brancusi, Sergiu Celibidache und Jon Tiriac. Über bekannte Persönlichkeiten sind die Koordinaten des Herkunftlandes am schnellsten als auch am gröbsten bestimmt. Was weiß denn der Durchschnittsbürger über unser Siebenbürgen und seine Bevölkerung im heutigen Rumänien? Wird denn, so wie wir es wünschten, unter den unwillkommenen Spätaussiedlern und anderen Zugewanderten differenziert?

Jeder von uns erwartet, daß man über Siebenbürgen Bescheid wissen muß. Aber mal ehrlich, was wußten wir denn früher über Westfalen oder Baden, was wissen wir heute über Pommern, Schlesien, das Sudetenland oder das Schicksal der nach Kasachstan umgesiedelten Wolgadeutschen?
Auf Identitätssuche und eigener Standortbestimmung orientierte man sich selbst auch gerne an bekannten Landsleuten und freute sich mit an deren Erfolgen als seien es die eigenen.
Man horchte auf, wenn Journalisten wie Reißenberger oder Morawetz, an der Aussprache sofort als Siebenbürger erkennbar, im Rundfunk berichteten, wenn Bosch über die Fortschritte von Boris im Fernsehen seine Meinung sagte, man war stolz darauf, beim Sonntagskonzert der Berliner Philharmoniker unter dem Stab von Karajan mindestens einen von bis zu drei Bergschülern zu erkennen und man freute sich über Tore von Hans Günther Schmidt.

Daß Siebenbürger begehrte Hausmeister und Meßner sind, hat sich herumgesprochen. Grund dafür sind wohl auch die Eigenschaften, die meinen oben zitierten Vorgesetzten so beeindruckt hatten. Bei Klassentreffen und anderen Traditionstreffen stellt man fest, das die vielen Arbeiter und Angestellten durchweg ihren Mann stellen. Man freut sich über die Tatsache, daß auch aus der sächsischen Nachkriegsgeneration Hochschullehrer und Wissenschaftler, Pfarrer und Unternehmer, zahlreiche Künstler und erfolgreiche Sportler hervorgegangen sind. Auf meinem Schreibtisch liegt ein Teil eines umstrittenen Projekts, die Magnetschwebebahn, Transrapid genannt. Einer der Väter ist ein Siebenbürger namens Stefan H. Hedrich. Natürlich hat das Projekt für mich einen anderen Stellenwert!
Man kann sagen, daß die Siebenbürger in allen Schichten gut vertreten sind und somit im Vergleich zu anderen Aussiedlern wohl am besten integriert sind, und das ohne ihre Identität aufgegeben zu haben.

Sicherlich gibt es Mentalitätsunterschiede, andere Verhaltensweisen, eine andere Aussprache. Wenn man sich jedoch seiner Eigenarten bewußt ist ? es macht uns ja höflicherweise keiner darauf aufmerksam ? kann man viel zur Eingliederung und gesteigerter Akzeptanz durch die Bevölkerung beitragen. Ein bißchen Anpassung schadet keinem. Sich am Telefon vorzustellen und auch den Gegrüßten beim Namen zu nennen, will gelernt sein. Daß wir in der Regel alle gleichzeitig reden und damit immer lauter werden, ist bekannt, muß aber nicht sein.

Daß wir, wie auch unsere Vorfahren, bedeutende Zeitgenossen waren, daß wir einen hohen sozialen Status hatten, daß unsere Schulen immer die besten waren und viel Vergangenes in der Tat historisch einmalig war, ist heute leider keine brauchbare Referenz, interessiert kaum jemanden und mit der Zeit werden wir das alles relativieren müssen. Außerdem provoziert man bekanntlich mit Vergangenheitsverklärung die spontane Frage nach dem Grund der Auswanderung. Wir können in aller Bescheidenheit trotzdem stolz darauf sein, alles aus eigener Kraft geleistet zu haben, früher wie auch heute, es wurde uns nichts geschenkt und außerdem haben wir in der Gemeinschaft überlebt. Wir haben heute keinen Grund einen Anlaß zur gesellschaftlichen Ausgrenzung zu geben.
Nicht alle Landsleute standen oder stehen auf der Sonnenseite des Lebens. Besonders die nach 1990 Gekommenen haben wegen der wirtschaftlichen Konjunktur schlechtere berufliche Startbedingungen gehabt. Außerdem ist es leider so, daß alle Aussiedler in einen Topf geworfen werden, auch mit Asylanten, und das tut weh. Zudem ist das, trotz allen gegenteiligen Beteuerungen, eine zusätzliche Hürde, die der Einzelne überwinden muß.

Die breite Bevölkerungsmehrheit hat es nicht gelernt, zwischen ethnischer Zugehörigkeit und einer Staatsbürgerschaft zu unterscheiden. Daß man die Volkszugehörigkeit durch Geburt und die Staatsbürgerschaft durch einen Verwaltungsakt erlangt, ist den wenigsten verständlich. Diese Differenzierung ist hierzulande nicht üblich. Roberto Blanco ist Deutscher wie so mancher wichtige, noch vor Ligabeginn eingebürgerte Sportler. Eine Sensibilisierung in dieser uns so wichtigen Frage war erst nach den Vorgängen im ehemaligen Jugoslawien festzustellen.
"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", dieser in den letzten Jahren oft zitierte Satz von Gorbatschow wird zu schnell auf das eigene Schicksal bezogen. Viele bereuen es, nicht früher gekommen zu sein, weil man auf Dauer mit wirtschaftlichen Nachteilen zu leben hat. Andererseits muß positiv gewertet werden, daß so vielseitige Lebenserfahrungen wie wir sie haben die wenigsten Mitbürger sammeln konnten.
Ich selbst bedauere keinen einzigen Tag, den ich vielleicht zu lange in Rumänien gelebt habe.

Die Vorkriegszeit kennen wir aus mündlichen Berichten, aus Büchern in unterschiedlichster Darstellung. Die Folgen einer intoleranten Ideologie, den Krieg, die Verschleppung, die Enteignungen bis hin zur späten Aussiedlung haben wir selbst erlebt.
Unsere Generation hat aber auch Ungarn 56 und Prag 68 sehr nah erlebt, wir haben mit der Wahl des polnischen Kardinals Woytyla zum Papst den Anfang vom Ende des Kommunismus erkennen können.
Heute nun leben wir in einem Land, das sich unglaublich schwer tut, eine multikulturelle Gesellschaft, welcher Prägung auch immer und nicht zuletzt im grenzenlosen Europa, zu akzeptieren. Wir haben durch unsere Lebenserfahrung in einem Vielvölkerstaat sehr viel gewonnen, die Notwendigkeit zur Toleranz in der Not gelernt.

Wie eine multikulturelle Gesellschaft funktionieren kann, sieht man in der Schweiz und mit Abstrichen in den traditionellen Einwanderungsländern. Über eine Gesellschaft dieser Art, die über Jahrhunderte mit Höhen und Tiefen bestanden hat, können wir selbst berichten. Am griffigsten sind in Gesprächen mit Freunden meine Schilderungen aus Schäßburg mit seinen 3 Evangelischen, d. h. deutschen Kirchen, den 2 Orthodoxen Kirchen der Rumänen, der Unitarisch Reformierten und Katholischen Kirche der ungarischen Minderheit, und der Synagoge. Und hierzulande reagieren viele mit Unverständnis darauf, wenn islamische Gebetshäuser oder sogar Moscheen gebaut werden.

Das 475 Jahre alte deutsche Gymnasium, das heute noch mit der deutschen Abteilung allen ethnischen Bevölkerungsgruppen ein Tor zu Europa öffnet, die rumänischen und ungarischen Schulen nebeneinander, das ist alles nicht selbstverständlich aber real, es war sicherlich für alle in der Vergangenheit und ist es auch heute noch gut. Wie stehen wir hier und heute zu den Nachbarn, die am Wochenende ihre Kinder in die Koranschule schicken um ihrer Sprache, ihren Sitten (Michael Albert), treu zu bleiben?

Ist denn Deutschland wirklich gefährdet, wenn eine Muslimin das Kopftuch im Unterricht nicht ablegen will? Ist das ein ernsthafter Grund für berufliche Nachteile? Sie wurde übrigens, wie es in der Zeitung nachzulesen war, u. a. von einem gläubigen, Käppi tragendem Juden in Schutz genommen! Es ist wohl wichtiger was man im Kopf und nicht auf dem Kopf hat. Leben und leben lassen, ist das so schwer?
Was hat uns eigentlich als ethnische Gemeinschaft zusammengehalten, dem deutschen Kulturkreis erhalten und somit unsere Chancen relativ verbessert? Sind wir uns dessen bewußt, welches historische Glück wir hatten, deutschsprachigen Unterricht, egal welchen Inhalts und Qualität zu erhalten? Ist es nun schlecht, wenn die den Umständen entsprechend Chancen ärmeren Ausländer ihrem Kulturkreis erhalten bleiben? Was ist eigentlich die viel beschworene Integration, waren wir in Rumänien integriert oder darf die Frage erst gar nicht gestellt werden, weil wir dort zu Hause waren? Waren die Ungarn integriert oder waren es die Rumänen in unseren sächsischen Dörfern? Welch dumme Fragen, die multiethnische Gesellschaft war trotz temporären Spannungen und Abgrenzungen für uns doch so normal! Toleranz und Kompromißbereitschaft sind heute so sehr gefragt wie noch nie. Wir könnten sie dank unserer siebenbürgisch ? sächsischen Identität beispielhaft praktizieren.

Andererseits verstehen wir unsere Kinder, die nicht in Siebenbürgen aufgewachsen sind oder bereits in Deutschland geboren sind, wenn sie sich für das Herkunftsland ihrer Eltern nur am Rande interessieren, ihre eigene Identität haben und eigene Wege gehen? Verstehen wir sie auch wenn sie nicht durch Andersartigkeit auffallen wollen, weil sie sich als Deutsche fühlen und kein Zwang zur Abgrenzung besteht? Haben wir Verständnis dafür wenn man zum x-ten mal das Gleiche von "zu Hause" hört statt aktuelle, nach vorne gerichtete Themen zu besprechen das Interesse wegbleibt und bestenfalls weggehört wird? Es beruhigt die Überzeugung, daß irgendwann mal die Neugierde nach den eigenen Wurzeln aufkommt, daß dann die Fragen gestellt werden, die man heute schon gerne beantwortet hätte.

Es bedarf auch eines bestimmten Selbstbewußtseins, unser spezielles "Zwi-Leben" (Biermann), einerseits als Bundesbürger im Beruf wie auch im gesellschaftlichen Umfeld und andererseits als Siebenbürger Sachse zu Hause und unter Freunden, zu verkraften.
Als ich vor vielen Jahren den bereits 1936 zum Studium in Deutschland gekommenen Vorstand unserer Aktiengesellschaft persönlich kennenlernte, erkannte er an der Aussprache sofort den Landsmann ? ich übrigens auch!

Wir waren sehr schnell beim "alten Kirchturm" und für die nächsten Stunden war er für keinen mehr erreichbar. Der Abend klang aus an seinem schönen Seegrundstück am Niederrhein und er ließ es sich auch nicht nehmen, mich persönlich zur Spätmaschine nach Stuttgart zu bringen. Er tauchte übrigens bis zu seinem Tod regelmäßig in unseren Spendenlisten auf und mit seinen Kronstädter Klassenkameraden, zuletzt drei, kam er regelmäßig zusammen!
Ja, so sind wir Siebenbürger eben, meint man. Nun weiß ich allerdings aus eigener Beobachtung, daß andere ethnische Gruppen, aber auch die deutschen "Kolonien" oder "Clubs" sich weltweit genau so verhalten. Es ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl über Grenzen und Zeiten, geprägt durch viele Gemeinsamkeiten.

Ob sich nun Gastarbeiter auf europäischen Bahnhöfen treffen, tausende Phillipinos am Sonntag nachmittag im Zentrum von Hongkong, Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl oder Kitchener, sie haben sich was zu erzählen, man hält zusammen. Das ist zwar schön, stärkt das Rückgrat, birgt aber auch die Gefahr einer Abgrenzung in sich, den Blick nach vorne zu verlieren und vor allem eine gewisse Sprachlosigkeit sowohl gegenüber den eigenen Kindern als auch gegenüber den Mitbürgern aufkommen zu lassen.

Ich hatte die Gelegenheit, nicht nur als Tourist, einige Dutzend Länder kennen zu lernen. Das ist eine gute Voraussetzung dafür, nicht mit nostalgischer Rückwärtsgewandheit von einem verklärten Heimatbild zu träumen, sondern emotionslos und vorurteilsfrei nach vorne zu blicken.
Nach 17 Jahren war ich kürzlich wieder in Rumänien. Aus zwei diametral entgegengesetzten Blickwinkeln betrachtet - aus deutscher Sicht wie auch im Vergleich mit anderen Entwicklungsländern ? ergibt sich durch die unterschiedlichen Meßlatten ein sehr plastisches Bild von Rumänien.
Nach den vielen Jahren hat man Abstand gewonnen, trotzdem fühlt man sich den vertrauten Orten im Herkunftsland und ihren heutigen Bewohnern verbunden. Selbst wenn keinerlei Verwandtschaft mehr im Lande lebt, fühlt man sich durch die Freundlichkeit der Bekannten, der ehemaligen Studien- und Arbeitskollegen wie "zu Hause". Wenn man deren heutige wirtschaftliche Lage sieht, sollte man sich dessen bewußt sein, daß wir aus welchem Grund auch immer, vergleichsweise "wie die Made im Speck" leben.

Seit der Wende hat sich auch in Rumänien viel geändert. Man kann frei ein- und ausreisen, man darf seine Meinung sagen, man ist aber auch frei zu leben oder unterzugehen. Noch warten die meisten darauf, daß sich etwas tut statt selbst initiativ zu werden. Mit gemischten Gefühlen beobachtet man die Auswüchse dieser großen Freiheit, im allgemeinen Gezänk kommt die Wirtschaft viel zu langsam voran, man sieht wie die soziale Schere aufgeht. Hier stehen gut gekleidete Leute mit Kunststoffkanistern an einem Brunnen Schlange weil man ihnen das Wasser abgesperrt hat, drüben steht eine kitschige Prunkvilla eines Neureichen.

Es fallen auf die verfallenen Blocksiedlungen, die Straßenkinder der Großstädte und die bettelnden Alten ... Momentaufnahmen, erste Eindrücke. Im geistigen Bereich ist noch am ehesten ein Wandel zum Positiven zu erkennen, nicht zuletzt wegen der sich durchsetzenden Meinungsfreiheit und Weltoffenheit.

Es wurden Privatuniversitäten gegründet und man nimmt erstaunt die Einrichtung deutschsprachiger Studiengänge an mehreren staatlichen Hochschulen zur Kenntnis.
Wie steht man heute zu seiner Heimatstadt, wo die Adresse des Elternhauses am Marktplatz nicht mehr Piata Lenin sondern Piata Hermann Oberth lautet und man selbst nicht mehr dort wohnt und sicher auch nicht mehr wohnen wird, wo die deutsche Bevölkerung nur noch 10% ihres früheren Bestandes hat?
Der Tourist bewundert über dem Marktplatz die Büste des neuen Namengebers, auf den wir alle so stolz sind, aber weiß er denn wer das war? Kann er das knapp 30 Jahre nach der Landung auf dem Mond noch wissen? Wie schön und nützlich wäre ein kurzer Hinweis auf dem Sockel. Und wie ist es zu verstehen, wenn das vor wenigen Jahren liebevoll eingerichtete Oberth-Zimmer im Museum wieder aufgelöst wurde? Kritik ist angebracht.

Man wundert sich über den im gleichen Museum ausliegenden Reiseführer in dessen Vorwort erklärt wird, warum die Rumänien auf die deutsch geprägte Stadt Schäßburg stolz sein dürfen. Die schönsten griechischen Ruinen sind wohl in der heutigen Türkei, die sich mit diesem Kulturerbe identifiziert und es pflegt. Trier ist stolz auf seine römischen Bauten, das römisch-germanische Museum in Köln ist ein weiteres Beispiel für ein entkrampftes Geschichtsbewußtseins. Hoffentlich ist das moderne Rumänien auf dem Wege dahin.
Ich war aufrichtig stolz, Touristengruppen aus Holland, USA und Frankreich die Burg hinauf steigen zu sehen, mit Reiseleitern aber auch alleine den dreisprachigen touristischen Hinweisschildern folgend. Die sind nicht immer fehlerfrei, aber immerhin, es gibt sie in Schäßburg und das ist gut so.
Die Restaurierung der evangelischen Bergkirche aus privaten Mitteln der Messerschmitt-Stiftung schreitet voran, desgleichen das Haus mit dem Hirschgeweih und hoffentlich bald die ganze Burg. Diese könnte in die UNESCO-Liste der schützens- und erhaltenswerter Denkmäler der Menschheit eingetragen werden wie bereits die Birthälmer Kirchenburg.

Seiner alten, ehrwürdigen Bergschule wünscht der ehemalige Schüler Innovationskraft und Erfolg bei den neuartigen Aufgaben als deutschsprachige Schule oder als Begegnungsschule in einem offenen Europa. Was können wir dafür unterstützend tun?
Wir sollten mit aller Kraft und gutem Willen all diejenigen unterstützen, die bereit sind unser Kulturerbe zu pflegen und es auch in Zukunft pflegen wollen. Das gilt für den selbstlosen Grabpfleger wie auch für die Leute die von Amts wegen im In- und Ausland dieses tun müssen. Das gilt für die beauftragten Unternehmer und Lehrer und nicht zuletzt für diejenigen Bürger aller ethnischen Gruppen, die sich mit der Tradition und dem Geist der Bergschule aus eigenem Erleben oder Erkenntnis identifizieren.

Wie sieht die Zukunft aus? Wäre es nicht eine Geste mit unabsehbaren positiven Auswirkungen, wenn auf privater Basis rumänischen, deutschen oder ungarischen Kindern aus Schäßburg Ferien oder sogar ein Schuljahr in Deutschland oder Österreich ermöglicht wird, so wie wir Austauschschüler aus England und Frankreich beherbergen? Auch sonst kann die Förderung des Austausches auf allen Ebenen für alle nur von Vorteil und historischer Tragweite sein.

Wie fremd ist nun die alte Heimat geworden und ist die Fremde tatsächlich zur Heimat geworden? Wie schon gesagt, diese Frage kann der Einzelne nur für sich beantworten.
Wir alle können jedoch viel dazu beitragen, in der Fremde heimisch und die Heimat nicht entfremden zu lassen.


Hermann Theil, Weinsberg


 

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