HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Zur Geschichte des Schäßburger Kindergartens (2)

Zweiter Teil: 1944 - 1997

Mit dem 23. August des Jahres 1944 treten wir in eine neue Periode ein: Auf einen kurzen, restaurativen Versuch unserer Landeskirche, Verlorenes wieder einzurichten, folgte dann aber bereits 1948 die Verstaatlichung unter kommunistischer Herrschaft.
Für die Jahre 1944/48 kehrten Helene Schuster und Emmi Zebli an ihre Wirkungsstätte zurück. Im Herbst 1944 wurden Räume des Kindergartens von der U.F.D.R. (Komm. Frauenorganisation) besetzt, aus Transnistrien rückkehrende Juden mußten untergebracht werden. Die verbliebenen Räume waren z. T. ausgeräumt, in einem Raum 70 Kinder zu betreuen war keine leichte Aufgabe.
Oft brachten Großmütter Kinder von Deportierten und baten um Betreuung. Lenitante unterrichtete in einem Schulraum auf dem Entenplätzchen und einem Spielplatz auf dem Törle. Die hygienischen Bedingungen ließen verständlicherweise zu wünschen übrig. 1947 ging Lenitante endgültig in Pension.

In den Jahren 1944 bis 1948 entstanden auch verschiedene private "Spielstuben": Erinnert sei an Emmi Zebli (1947/48) im Langerischeu Haus, Mitzi und Berta Folberth am Hinteren Tor, Fr. Schwarz (Petzitante) oberhalb der Fischertreppe.
Mit der Verstaatlichung des Kindergartens mit deutscher Unterrichtssprache 1948 erhielt Emmitante wieder eine feste Anstellung und kam in den Kindergarten am Hämchen zu Annemarthe Horwarth, zu der Zeit Direktorin.

Von Jennytante wissen wir, daß 1952 ein deutschsprachiger Kindergarten Nr. 2 in der Schaasergasse eingerichtet wurde, den zunächst Ch. Wellmann leitete. Nach 7 Jahren (ab 1948) Dienst am Hämchen (mit Horvath, Wellmann, Zebli) wechselte J. Schuster in die Schaasergasse, wo sie von 1955 bis 1970 tätig blieb. Ihre Freude am Kasperletheater hat sie dabei nie aufgegeben.

Nicht unerwähnt wollen wir in dieser Zeit den jüdischen Arzt Dr. Moritz lassen, der den Kindergarten ärztlich betreute und ihn mit Milchpulver und Kakao versorgte, so daß sich die Kinder gelegentlich auch einmal satt trinken konnten.

In ihren Erinnerungen schildert uns Wiltrud Baier (Wuletante) die Situation und Entwicklung des "Kindergartens mit deutscher Unterrichtssprache" ab 1959, als sie als ausgebildete Lehrerin nach einem Geburtsurlaub an die Allgemeinschule Nr. 1 zurückkehren wollte; aus Kindermangel aber war ihr Posten aufgelöst worden, zudem war rumänischen Kindern nicht mehr gestattet, die deutsche Schule zu besuchen.
Der damalige Chefschulinspektor versetzte sie an den Kindergarten Nr. 6 (auf dem Härnchen) anstelle von Christa Wellmann, die als Direktorin des Kinderheimes "Horea" berufen worden war.

Das neue "deutschsprachige Kollegium" bestand nunmehr aus Emmi Zebli, Eva Zenn/Möckesch, Johanna Leonhardt/Stolz und Wiltrud Baier. Der Kindergarten selbst umfaßte 4 deutsche, 2 rumänische und 2 ungarische Gruppen. Sie "arbeiteten" im Wechsel 4 zu 4, was im Sinne der "Verbrüderung" jeweils 2 deutsche, 1 rumänische, 1 ungarische Gruppe bedeutete. Von den drei Abteilungs-Direktorinnen war eine das Oberhaupt, Frau Margareta Pop. Die deutsche Gruppengröße betrug 35 bis 40 Kinder.

Daß im obigen "4er-Kollegium" drei ausgebildete Lehrerinnen tätig waren, verschweigt uns "Wuletante" nicht, wo ihre Probleme beim Umgang mit Vorschulkinden lagen. Deutsch war "für ihre Kinder" eine Fremdsprache (da sie zu Hause sächsisch sprachen), für viele sogar erst die zweite: "Meine Mutter hat Bienen (Bohnen) gekocht", "Er hat auf die Eren (Fußboden) gespickt (gespukt)", und das "komm bei mich" oder "geh bei ihn" waren nur langsam auszumerzen.

Die folgenden Jahre waren weitgehend durch die gesellschaftliche Entwicklung bestimmt:

  • Das Verbot von Schwangerschaftunterbrechungen führte zur Einrichtung neuer deutscher Kindergruppen: In dem von Jenny Schuster-Biesselt in der Schaasergasse geleiteten Kindergarten wurde eine zusätzliche Gruppe von Johanna Melzer betreut, in dem Korneschter Kindergarten übernahm Frieda Zerwes eine zusätzliche Gruppe, Helga Schneider eine Gruppe im Kindergarten neben dem Elektrizitätswerk sowie eine Gruppe in den Blockvierteln, zwei Gruppen im Kinderheim (Caminul de copii) im Plopilor-Viertel. Insgesamt wurden sechs neue deutsche Gruppen gegründet, um die 5jährigen Kinder aufnehmen zu können. Rumänische Kinder durften nur mit spezieller Genehmigung des Schulinspektorates in den deutschen Kindergarten gehen. Diese Gruppen überlebten aber nur 4 bis 5 Jahre, da die Geburtenzahlen zurückgingen und die Auswanderungen zunahmen.
  • In den Schuljahren 1959/60 bis 1968/69 waren im Kindergarten Nr. 6 am Hänichen tätig: Emmi Zebli, Christa Wohl-Wellmann, Edda Helwig, Wiltrud Baier. Johanna Leonhardt war 1962 ausgewandert, Eva Zenn im Krankenurlaub. Im Schuljahr 1968/69 ging Emmi Zebli in Rente, ihr folgte Grete Wagner. Im Schuljahr 1969/70 ging Christa Wohl wieder als Direktorin ins Kinderheim Horea, an ihre Stelle kam Roswitha Gaina-Herberth. Diese Besetzung blieb bis 1975/76.
  • Dann wanderte Edda Helwig aus und Grete Wagner ging in Rente. An ihre Stelle traten Evi Thalmann-Cseh und Alida Homm-Tichy. Ab 1976 wuchs die Auswanderungswelle, die Fluktuation nahm zu. 1976/77 wanderten Evi Thalmann-Cseh und Katharina Adam aus, an ihre Stelle kamen Brigitte Teutschländer und für ein Jahr Ilse Heidel. Dann folgten Heidrun Botradi, Waltraud Schuster, Ute Schwarz und Ursula Baier-Eisert.
  • 1986 ging auch Wiltrud Baier nach 36 Dienstjahren in Rente. Ab Schuljahr 1986/87 verblieben für die 4 deutschen Gruppen im Kindergarten am Hämchen Ute Schwarz, Waltraud Schuster, Hedda Binder-Unberath und Michaela Savut.

 

Ab dem Schuljahr 1992/93 blieben im Ergebnis der massiven Auswanderungen nur noch 3 Gruppen, allerdings mit mehrheitlich rumänischen Kindern zu betreuen. Als Kindergärtnerinnen und Hilfskräfte sind gegenwärtig tätig Annemarie Monika Martini, Gabriele Osan sowie alljährlich eine Ersatzkraft.

Rückblickend können wir feststellen, daß auch nach 1959 viele der Grundsätze von Lenitante beibehalten werden konnten: Ab 8 Uhr Freispiele, von 9 bis 11 Uhr verpflichtende Themen nach Plan und schriftlicher Vorbereitung wie beispielsweise Sprecherziehung, Handarbeiten, Basteln, Turnen, Singen u. a. Ab 11 Uhr wurde gegessen, danach von der Kindergärtnerin organisierte Freispiele, je nach Wetterlage im Hof, auf dem Postland oder bei Wanderungen. Allerdings wurde ein Programm für alle Kindergärten des Landes verpflichtend herausgegeben, welches auch streng eingehalten werden mußte.

"Faschingfeste", "Winterbaumfeste" und "Jahresabschlußfeiern" fanden in Erinnerung an frühere Freiräume statt und waren freudiger Anlaß für besonders intensive Vorbereitungen bei Eltern und Kindern. Den "Internationalen Kindertag" nutzte (mißbrauchte?) man zur Herstellung von Trachtenkleidern; den Sachsen folgten die Ungarn, die Rumänen waren etwas ängstlicher (oder egozentrischer?).

Inzwischen war die Kinderorganisation "Falken des Vaterlandes" gegründet worden und es war wieder lieber gesehen, wenn die Kinder am Kindertag in der Falkenuniform erschienen. Die Blusen blau, lila Röckchen und Hütchen verunstalteten die herzigen Kinder. Nach dem ersten Umzug in den Falkenuniformen wurden wir gefragt, wer denn die "Koreanerinnen" waren? Die Trachten wurden aber geduldet.

Das Verhältnis zu den rumänischen und ungarischen Kolleginnen war an sich gut. Zu Lebzeiten der leider zu früh verstorbenen "Oberdirektorin" Margareta Pop war auf wohlwollendes Verständnis jederzeit zu rechnen, danach gab es gelegentlich "ideologische Probleme".

Zur Zeit sind noch fünf deutsche Gruppen in Schäßburg, drei am Hämchen (Annemarie Monika Martini, Gabriele Osan und Karin Nagy), eine Gruppe in der Kornescht mit Waltraut Schuster und eine Gruppe im Kinderheim Plopilor mit einer Absolventin des Pädagogischen Lyzeums.

Wiltrud Baier, Schäßburg


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