Die letzte Oktava des Bischof-Teutsch-Gymnasiums
Am 15. September d. J. trafen sich in Offenhausen auf der Münsinger
Alb die Absolventen des Jahres 1948 des Bischof-Teutsch-Gymnasiums, um
in trautem Beisammensein und ein wenig feierlich ihr 50jähriges Bakkalaureatsjubiläum
zu begehen.
Ist dies Treffen erwähnenswert, weil es eine besondere Klasse war?
In herkömmlichem Sinne war sie das nicht. Kein Genie und kein Verbrecher
sind aus ihr hervorgegangen. Besonders aber wurde diese Klasse, weil sie
die Letzte war, weil mit ihr eine Ära für Schäßburg
zu Ende ging: die Ära des Bischof-Teutsch-Gymnasiums.

Nur wenige werden sich daran erinnern, daß vom Bestehen dieser
Klasse als Quinta im Jahre 1945 das Bestehen des Obergymnasiums rechtlich
überhaupt möglich war. Krieg und Verschleppung hatten das Ihre
getan, so daß sich im Januar 1945 gerade noch zwei Schüler
- Hermann Flechtenmacher und Hans Pomarius - für den Unterricht in
der Quinta fanden.
Es ist nicht verwunderlich, daß diese Jungen ihre Chance wahrnahmen
- bis zum Ende des Schuljahres war die Schülerzahl schließlich
auf 9 angewachsen, verwunderlich ist für uns heute eher, daß
die Lehrer sozusagen unentgeltlich diese handvoll Knaben unterrichteten
und damit das Obergymnasium für Schäßburg retteten. Treibende
Kraft dabei war natürlich Dr. Julius Hollitzer, dem es "wunderbarer
Weise" auch gelungen war, das Gebäude der Bergschule vor der
Umwandlung in ein Lazarett (deutsch, russisch) und nachherigem Zugriff
durch die Schäßburger Obrigkeit zu retten. Niemand brauchte
schließlich ein Schulgebäude ohne Trinkwasser. Gott sei Dank,
fragte sich auch niemand, wie denn die Familien des Schuldieners Wolf
und der Friedhofsbesorgerin Winkler ohne Wasser über die Runden kommen
konnten.
Direktor Hollitzer hatte es geschafft. Mit der Quinta blieb das Obergymnasium
erhalten, und im nächsten Schuljahr gab es schon eine Septima. Versteckte
Kriegsteilnehmer und Rußlandheimkehrer machten es möglich,
und 1947 schlossen sich die Schüler der nun vier Obergymnasialklassen
wieder zum Chlamydaten-Coetus zusammen. Gerhard Schullerus organisierte
das und lies, da er selber schon in der Oktava war, einen Rex wählen.
Ich wurde zum ersten Nachkriegsrex und, was wir natürlich damals
nicht wußten, da wir alte Zeiten zurückgekehrt wähnten,
zum letzten Rex des Bischof-Teutsch-Gymnasiurns gewählt. Noch herrschte
Aufbruchstimmung. Vik Hager wurde Fuchsmajor, Hermann Flechtenmacher Notarius,
Walter Lingner übernahm den Sport, Hermann Baier die Musik und Ewald
Lingner und ich die Literatur.
Und das alles stand nicht nur auf dem Papier. Noch im späten Herbst
1947 wurde im Festsaal ein Coetusabend veranstaltet. Friedrich Schiller
wurde geehrt. Johann Untch (Usso) zeichnete einen Schillerkopf, den die
Seminaristinnen mit einer wintergrünen Girlande schmückten.
Ich hielt eine kurze Ansprache, H. Baier sang mit seinem Chor vertonte
Schillergedichte, andere Gedichte wurden vorgetragen und der Clou des
Abends war eine Aufführung von "Wallensteins Lager", die
auf Initiative von Harald Lienert, dem Klassenersten der Oktava, unter
Leitung von Gustav Binder zustande kam.
Wieder im Flaus stand der Coetus vor den Schäßburgern, die
vom Abend so begeistert waren, daß sie in der fünften und letzten
Aufführung vom "Lager", ins Schlußlied, zu dem Julius
Hennings (Didas) Trompete den Ton angegeben hatte, einfielen und begeistert
mitsangen. Die "Studenten" waren wieder da!

Eine Tradition drohte fortgesetzt zu werden. Das war nicht im Sinne der
damaligen Machthaber. Für sie waren Traditionen höchstens zum
Zertrümmern da, also weg mit diesem sächsischen Gymnasium. Die
Schulreform bot eine herrliche Gelegenheit.

Das Gebäude war natürlich zu schade, um in die Luft gejagt
zu werden, deshalb verwandelte man, da keine andere Schule in die noch
immer als wasserlos geltenden Räumlichkeiten einziehen wollte, das
Gymnasium kurzerhand in eine pädagogische Schule. Den damaligen Oktavanern,
der aus 5 Jahrgängen zusammengeschweißten Gemeinschaft aber,
wurde das zarte Flämmchen der Coetustradition, auf das sie so stolz
waren, einfach aus der Hand geschlagen.
Als alte Männer haben sich nun diese Oktavaner getroffen, um Erinnerungen
wach werden zu lassen, Erinnerungen an ihre Oktava, an die letzte Oktava
des Bischof-Teutsch-Gymnasiums. In kurzer Andacht dankte Pfarrer Lothar
Schullerus Gott dafür, daß dies Treffen nach so langer Zeit
zustande gekommen war. Anton Bender (Toni) gedachte der verstorbenen Schulkameraden:
Felix Hager (Lix), Franz Wonnerth (Ferry) und Hans Zimmermann. Dr. Erwin
Leonhardt würdigte die selbstlose Mühe unserer Professoren und
dankte ihnen.
Dr. Harald Lienert hielt die Festrede und erinnerte an die vielen schönen
Stunden, die wir zusammen erlebt und genossen hatten. Und als wir am letzten
Morgen alle schon mit den Gedanken bei der Heimreise waren, mahnte ich
sie in meiner Abschlußrede, sich nicht von der Hektik der Moderne
zertreten zu lassen, sondern die noch verbliebenen Tage bewußt und
im Einklang mit sich und mit allem Drumherum zu genießen.
Hans Pomarius, Bamberg

Letztes Update: 2004-01-06
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