Toponymisches von Schäßburg:
Deutsche Namen von Häusern, Straßen, Gassen
und Plätzen
"Habent sua fata..." ? Namen von Straßen und Plätzen
und auch Flurbezeichnungen haben "ihre Schicksale", sie sind
im Laufe der Zeit Veränderungen, volksetymologischen Deutungen und
Abwandlungen unterworfen. In der modernen Geschichte spielen zudem noch
andere Faktoren mit: alt überlieferte Straßennamen wurden zu
Hitler- und später zu StalinStraßen umgetauft, um dann wieder
ihren alten Namen zurückzuerhalten. Das läßt sich auch
für Schäßburg nachweisen. Die Hauptstraße hieß
nach Überlieferung Baiergasse, später erhielt sie die offiziellen
Namen Str. Regele Ferdinand, dann kurze Zeit Str. I.V. Stalin. So auch
der Marktplatz, der nach Piata Unirii, Piata V. I. Lenin zu adressieren
war. Was hatte Lenin mit Schäßburg gemein?
Historisch betrachtet, haben Straßen-, Gassen-, Flurnamen als Eigennamen
zunächst wie Vor- und Familiennamen von Personen eine identifizierende
bzw. differenzierende Funktion. Hofund Häusernamen, so wie sie in
ferner Vergangenheit üblich waren, reichten nicht mehr aus, und es
erwuchsen "organisch" zusätzlich auch Gassennamen. Die
Häuser wurden vorerst in der gesamten Ortschaft durchnumeriert, später
erst nach Straßen geordnet, in der Regel in Richtung Zentrum-Peripherie
und gerade und ungerade Hausnummern auf gegenüberliegenden Straßenseiten.
Die ersten Straßennamen tragen noch individuelle, lokale oder regionale
Züge und entstammen der mündlichen Überlieferung. Sie gelten
als "gewachsene Namen" und wurden erst im 19. und 20. Jahrhundert
zu Propagandamitteln und hatten mit historisch bedingter Instabilität
zu rechnen ? nach staatlich verordneter Umbenennung bzw. wieder politisch
motivierter Rückbenennung.
In der Neuzeit war es üblich, nur Apotheken, Gasthäusern und
Hotels Hof- oder Häusernamen zu geben. In Schäßburg hießen
z. B. die Apotheken: Adlerapotheke (Lingner), Löwenapotheke (Salmen),
Hygeia (Ernst), Kronenapotheke (Capesius). Gasthäuser in Schäßburg
trugen wiederum die Namen: Stern, Heimat, Villa Franka ? bzw. Stadtwirtshaus,
Fürsten-Kochhaus, König von Ungarn (wo heute das Gewerbevereinshaus
? Ecke Baiergasse steht), Burenwirtshaus. Vor einigen Jahrzehnten spielten
noch Häusernamen (nach Besitzern oder historischer Überlieferung)
eine große Rolle. Jeder ältere Schäßburger ist auch
heute noch sofort im Bilde, wenn man als topographische Angabe ein Gebäude,
ein Wohnhaus, ein Geschäftslokal nach dem ehemaligen Eigentümer
oder nach einem überlieferten Merkmal bezeichnet. Im vorigen Jahrhundert
erschienen bereits in Kronstadt u. Hermannstadt auch in Schäßburg
gedruckte "Gassen- u. Häuserverzeichnisse", ggf. mit den
Namen der Hauseigentümer und mit Anschriften von Firmen und Handwerksbetrieben.
Heute sind solche "Adreßbücher" vom kulturgeschichtlichen
Standpunkt her zu lesen.
Mit Fragen der geographischen Toponomie beschäftigte sich in Schäßburg
Prof. Paul Schuller, der Straßennamen, Flurbezeichnungen u. ä.
sammelte, ihrer Etymologie nachging und seine Ergebnisse veröffentlichte.
Auch für die von Major d. R. Viktor Gerzabek gezeichnete Umgebungskarte
von Schäßburg des SKV lieferte er die Benennungen, die er aus
der Prof. Wachner'schen Karte übernahm, ergänzte und berichtigte.
Angaben zum Thema finden sich auch in Dr. Richard Schullers Bändchen
"Alt-Schäßburg ? Kulturhistorische Skizze", 1934.
Unsere Ausführungen beziehen sich nicht auf die Beschreibung der
Gassen, Straßen, Plätze etc. nach städtebaulichen Gesichtspunkten
oder architektonischen Aspekten, so wie sie von Arch. Franz Letz, Arch.
Kurt Leonnardt oder von Julius Misselbacher erforscht und beschrieben
wurden. Doch läßt sich die Problematik der Toponomie nicht
streng davon getrennt darstellen. Zahlreiche Häuser unserer Stadt
würden verdienen, ihre Geschichte und ihre Geschichten mit allen
Einzelheiten zu erforschen und zu erzählen, denn hinter ihren Fassaden
hat sich im Laufe der Jahre und Jahrhunderte ein ereignisreiches Innenleben
abgespielt, das nicht nur für ihre ehemaligen Besitzer und Bewohner
oder ihre Nachkommen wissenswert erscheint, sondern als ein Stück
Kulturgeschichte einen größeren Interessenkreis anspricht.
Nicht vergessen seien die malerischen Häuser der Stadt. Wie oft wurden
z. B. Häuser der winkligen Burggassen von einheimischen und auswärtigen
Künstlern oder von Georg Donaths Gymnasiasten aqualleriert, in Öl
oder Pastell gemalt: Die Tischlergasse mit dem so typischen Baku'ischen
Eckhaus, das tiefblaue Haus der Bader Drutz beim Törle (heute leider
abgetragen) und das rotgestrichene Schotsch'ische mit den unverwechselbaren
Giebeln, schiefen Mauern und Ecken. Oder das ehemals Girscht-Lang'ische
Haus in der Turmgasse bzw. im Puikagäßchen, das den Brand von
Schäßburg 1676 überlebt hatte; das poetische und vornehm
wirkende Haus in "venezianischem und gotischem" Stil, das Hoch'ische
Haus vor der Klosterkirche, das in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts
vom Bürgermeister und Zunftmeister der Goldschmiede Stephan Man (1647
) bewohnt wurde. Malerisch ist auch das gegenüberliegende Haus,
vormals Frauenheim (heute "Dracula"-Haus für naive Touristen).
In der Unterstadt stehen wir vor dem Haus von Schuller v. Rosental mit
dem Wappen "Per spinas ad rosas". An Gedenkhäusern waren
früher Tafeln angebracht ? sie mußten später auf Verordnung
leider entfernt werden: In der Schanzgasse das des Chronisten Georgius
Kraus, in der Schulgasse das Geburtshaus des Bischofs G. P. Binder, am
Marktplatz das Wohn- und Sterbehaus unseres Heimatdichters Michael Albert,
in der Baiergasse das Elternhaus von Bischof Teutsch. Die Gedenktafel
für General Melas am Schmiedeturm ist längst der Zerstörungswut
zum Opfer gefallen. Identifizierend sind auch heute noch die Benennungen
von Häusern nach den einstigen Geschäftslokalen oder Institutionen,
die sie beherbergten, bzw. nach ihren Eigentümern: Misselbacher,
Hessheimer, Essigmann, Kloos, Hubatsch, Martini, Habermann, Winter, Zielinski,
Vandory ? aber auch Post, Polizei, Stadthaus, Magistrat, Komitatshaus,
Gewerbeverein etc.
Klassifikation der Gassen-, Straßen- und Plätzenamen in Schäßburg
- Nach Größe und Art: Gasse, Straße, Platz, Plätzchen,
Gäßchen, Allee, Gang, Berg. Hüllgasse, Albertstraße,
Marktplatz, Entenplätzehen, Puikagäßchen, Burgallee,
Seilergang, Galtberg, Lange Brücke.
- Nach geologischen Gegebenheiten: Hüllgasse, Galtberg, Gartengasse,
Lehmkeule, Schneidereiskuhle, Hämchen, Mühlenham, Kokelgasse,
Hundsbachgasse, Kleine Erde, Ungefug.
- Nach städtebaulichen historischen Stätten: Burgplatz, Unter
dem Nonnenschanz, Klosterberg, Spitalsgasse, Beim Türmchen auf
der Steilau, Turmgasse, Brückengasse, Galtberg, Siechhof, Schulgasse,
Schanzgasse.
- Nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten: Marktplatz, Mühlgasse,
Bahngasse, Tischlergasse, Hirtengäßchen, Baiergasse, Holzmarkt,
Seilergang, Siechhof, Spitalsgasse.
- Straßen, die nach umliegenden Gemeinden benannt sind: Bunergasse,
Schaasergasse, Weißkircher Aue.
- Persönlichkeiten als Namengeber: Albertstr., Walbaumgasse, G.D.
Teutsch-Platz.
- Nach ihren Bewohnern: Zigeunerau ? Pharaoneraue, Ob. Galtberg, Lehmkeule
(Zigeuner), Kornescht (Cornesti ? Rumänen), Kleingasse (Juden).
- Ungeklärte Namen: Haingasse, Hönnerberg, Hüner Peker,
Puikagäßchen, Scherkes, Seiffen, Suezkanal, Wentch.
(Die hier angeführten topographischen Namen lassen sich nach unterschiedlichen
Gesichtspunkten ordnen. Siehe auch alphabetisches Register.)
Die meisten natürlich entstandenen Straßennamen u. a. topographischen
Bezeichnungen sind eindeutig und darum wertvolle Orientierungshelfer.
Auch sprachlich lassen sie sich relativ leicht erklären Bei anderen
wiederum muß sich der Linguist und Historiker mehr oder weniger
erfolgreich mit Deutungsversuchen einschalten. Auch dazu seien einige
Beispiele angegeben:
Die Lange Brücke (Auffahrt zur Burg) war früher ein Bohlen-
oder Knüppelweg.
Hüllgasse wird von Hüll oder Hill abgeleitet, d. h. ein Weg
an einem Berg, Abhang, in einem Bergeinschnitt. Dasselbe Wort finden wir
auch in der Flurbezeichnung Hill, Hula ? der steile, früher sehr
schlechte, für Pferdegespanne schwierige Wege in Richtung Mediasch
auf den Höhen des Kokeltales.
Der Galtberg wurde für nicht fruchtbar gehalten, denn "galt"
hat diese Bedeutung. Oder auch: Berg wo galtes Vieh weidet, also unfruchtbares
Vieh, das auch keine Milch gibt. Die volksetymologische Deutung auf "Gold"
(Goldberg) ist nicht richtig.
Der Name des Haingäßchens ist von Hüne abzuleiten: Riese,
mhd. hiune, frühhd. Heune, mind. hune, mhd. hiune, "Hunne"
oder "Ungar". Vielleicht ist auch der Hönneberg (Hennerberg)
damit in Beziehung zu bringen.
Die Bezeichnung des kaum besiedelten Weilers Bajendorf erinnert angeblich
an eine Ortschaft, die der Sage nach von den Mongolen zerstört und
nachher nicht wieder aufgebaut wurde.
Lehmkeule ist eine falsche Übersetzung ins Hochdeutsche und müßte
Lehmkuhle oder -kaule heißen.
Die Baiergasse war ursprünglich wohl eine Bauerngasse. Weniger einleuchtend
ist die Auslegung von Dr. Richard Schuller: Weihergasse ? wegen der beiden
Bäche (Schaaserbach und Hundsbach), die das Gelände bestimmten.
Die Spitalsgasse ist nach der Kirche und dem Spital des Heiligen Antonius
so benannt. Das Gebäude der Pfründneranstalt hinter der Mädchenschule
mahnt noch daran.
Hämmchen (Hemchen, Hemmchen, Härnchen) wird von Hamm, d. h.
Niederung, Schwemmland an Flüssen abgeleitet (mnd. hamme = umfriedetes
Stück Weidland; rhein-westf. = der Hamm = Bucht, Flusskrümmung;
mniederl. ham(me) = Bucht, äußerer Bogen einer Flußkrümmung).
Unser Hämchen liegt bekanntlich am ehemaligen Ufer des Schaaser Baches
? vor seiner Ableitung 1862, also vor Durchbruch des Bergsattels Hienepäcker
? Lehmkaule. So ist auch der Name des Mühlenhammes zu erklären
(Schwemmland an der Kokel).
Der Galgenberg war tatsächlich die Richtstätte von Schäßburg.
Die 4 Seitendachtürmchen des Stundturms stehen für die Eigengerichtsbarkeit
der Stadt und somit für das Recht Todesurteile auszusprechen. Die
Richtstätte wurde später auf den Kreuzberg verlegt. Als in den
vierziger Jahren unseres Jahrhunderts der Bahnhof vergrößert
wurde und auch Teile des Galgenberges abgetragen wurden, kamen viele Schädel
und Knochen zum Vorschein.
Der oder das Ungefug, der Weiler mit Baumgärten und Sommerhäusern
von Schäßburgern, war ausschließlich von rumänischen
Meiern bewohnt. Ungefug bedeutet wahrscheinlich "ungefügiges
Land", denn der Boden ist sumpfig und wenig für Landwirtschaft
geeignet, teilweise auch Rutschungsgelände.
Warum die mit Linden gesäumte Allee, die vom Seilergang zum Kokelwehr
führte, Unter den Erlen hieß, ist schwer erklärlich, denn
von Erlen gab es dort keine Spur.
Die Schneidereiskaule (-kuhle) unterhalb der katholischen Kirche an der
Kokel ist ein schattiger, kühler Ort der Stadt. Hier war bis zu seiner
Abtragung (1978) der Eiskeller, in dem aus Kokeleis geschnittene Blöcke
für den Sommer eingelagert wurden ("Schneid-Eis").
Die Gasse am Halsbrunnen erhielt ihren Namen nach dem Brunnen in der Nähe
der Burgauffahrt Lange Brücke. Er wurde spät aus Gründen
der Hygiene ? Nähe der Friedhöfe ? aufgelassen.
Der Holzmarkt hieß früher Zigeunerau oder Pharoner Aue nach
seinen Bewohnern, die wegen ihrer Hautfarbe auch Ägypter hießen.
Die Zigeuner der Stadt wurden erst nach Erschließung der Kokelgegend
und des Bahnhofviertels auf den Oberen Galtberg umgesiedelt. Auch in der
Lehmkeule wohnten vorwiegend Zigeuner.
Törle kann nicht nach der volksetymologischen Deutung "kleines
Tor" heißen ? "-le" als Verkleinerungsform ist für
Sächsisch und Siebenbürgisch Deutsch ungewöhnlich. Kommt
Törle vom rum. "tarla" = Schafhürde, Schafherde? Dafür
spricht die deutsche topographische Bezeichnung des Ortes "Lämmerweide".
Zu der Kategorie der nicht organisch gewachsenen Straßennahmen,
die im 20. Jahrhundert aufkamen und sächsisch-kulturpolitisch bedingt
waren, sind folgende zu zählen: Walbaumgasse, Martin-Eisenburger-Gasse
(nach Schäßburger Bürgermeistern), Albertstraße
(nach unserem Heimatdichter), G. D. Teutsch-Platz (um die Klosterkirche
bzw. ehemaliger Klosterberg). Alle diese Namen haben lokalen Bezug. Als
nach 1920 der rumänische Staat auch in Schäßburg die Straßen
umbenannte, behalf man sich teilweise mit Übersetzungen (z. B. Tischlergasse
= Str. Tamplarilor; Mühlgasse = Str. Morii; Brückengasse = Str.
Podului usw.), doch in den meisten Fällen kam es zu zufälligen
Bezeichnungen mit Namen rumänischer Persönlichkeiten (z. B.
Baiergasse = Str. Regele Ferdinand; Seilergang = Str. I. G. Duca; Spitalsgasse
= Str. Octavian Goga; Burghals = Str. Anton Pann u. a.). Nur wenige Persönlichkeiten
hatten Beziehungen zu Schäßburg wie beispielsweise Str. Ilarie
Chendi oder Str. Zaharie Boiu, beide übrigens Absolventen des deutschen
Gymnasiums, der Bergschule. Die ausschließlich von Rumänen
bewohnten Stadtteile bzw. Weiler behielten ihre angestammten Namen: Cornesti
(von "coarne", Kornellkirsche, sächs. Ternen), La Chip
(Beim Türmchen auf der Steilau), Podei, Angofa.
Halten wir abschließend fest: Durch topographische und geographische
Namen machen wir uns die Umwelt zueigen. Um die Wohnplätze richtig
zu lokalisieren, müssen sie benannt werden. Solche Benennungen entstehen
ohne besondere Absicht im fortgesetzten Gebrauch einer Stellenbezeichnung,
die mit der Zeit fest wird. So wird aus einem Appellativ allmählich
der Name (Eigenname) eines bestimmten Ortes. Namen von Häusern, Gassen,
Plätzen, Stadtvierteln etc. sind ein Teil Ortsgeschichte. Die Menschen
fühlen sich mit Häusern, Straßen, Plätzen und mit
der sie umgebenden Landschaft verbunden. Und diese emotionale Verbundenheit
überträgt sich auf die Namen als Ausdruck ihres Wesens und Werdens.
Sie gehören zur Gefühlswelt der Heimat, sind ein Stück
Heimat.
Walter Roth, Dortmund

Letztes Update: 2004-01-06
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