HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Totensonntag 1998 in Schäßburg

Plastik über der Gedenktafel der Gefallenen im II. Weltkrieg und der in Russland gestorbenen Deportierten in der Klosterkirche der Öffentlichkeit übergeben

Im November erreichte uns kurz vor Redaktionsschluß der Wortlaut der Predigt des Pfarrers unserer Heimatkirche Hans Bruno Fröhlich, der er zum Totensonntag am 25.10.1998 den Bibeltext aus 1. Kor. 15, 35?38 und 42?44a zugrunde gelegt hatte. Zwei Aspekte stellte Pfarrer Fröhlich in den Mittelpunkt seiner Betrachtung: Das menschliche Leid und dessen Überwindung im christlichen Glauben. Zur alternativen Betrachtung flossen auch Verse der Dichter Rainer Maria Rilke und Mascha Kalenko in seine Predigt ein.
Der Kreis schließt sich und kündet vom Abschluß unseres einstigen Vorhabens: Vor Jahr und Tag hatten HOG und Kirchengemeinde beschlossen, in der Klosterkirche an bekannter Stelle auch eine Gedenktafel der Gefallenen im 2. Weltkrieg und der in Rußland verstorbenen Deportierten von unseren in Schäßburg ansässigen Landsleuten, dem bildenden Künstler Wilhelm Fabini und Steinmetz Helmut Polder gestalten zu lassen. Wie erinnerlich fand die Einweihung der Gedenktafel am 30.8.1995 statt, die Fertigstellung der Plastiken erforderte verständlicherweise mehr Zeit. Am Totensonntag war es dann soweit, daß dieses Vorhaben abgeschlossen und der Kirchengemeinde und damit der Öffentlichkeit übergeben werden konnte.

Der Kreis schließt sich aber auch in einer anderen Hinsicht. Während unsere Väter für ihre im 1. Weltkrieg gefallenen Väter und Brüder im damaligen Sprachgebrauch "Heldenfriedhöfe" anlegten und "Heldengedenktafeln" fertigten, hat es unsere Generation schwer, sich solcher Begriffe im Gefolge des 2. Weltkrieges zu bedienen. Wir werden ihre Entscheidungen auch künftighin respektieren, vermeiden sie aber für das Anliegen unserer Generation. "Soldatenfriedhöfe" wäre ein Kompromiß, um Wertungen auszuschließen. Zu groß waren die Verluste, zu groß die Wahrscheinlichkeit, sein Leben in Materialschlachten wehrlos opfern zu müssen. Auch dem gelegentlich in den eigenen Reihen zu hörenden wertenden Hinweis, man müsse zwischen "Opfern" und "Tätern" unterscheiden, werden wir nicht folgen, da dies weder den Toten noch den Überlebenden, geschweige denn den Nachgeborenen hilfreich sein kann. Von solcher Wortwahl war ? das persönliche Anliegen der Handelnden betreffend ? weder in der Festansprache 1995 noch in der Predigt von Pfarrer Fröhlich 1998 die Rede. "De mortius nil nisi bene" war ein verbindlicher Lehrsatz an unserer Bergschule. Diesen scheinen manche, selbst Jahrzehnte später, immer noch nicht verinnerlicht zu haben.
Im weiteren Predigttext vertiefte Pfarrer Fröhlich mit folgenden Worten die Bedeutung des Gedenkens an unsere Toten:
"Mit dem Tode anderer zu leben, ist schwer und geht oft an die Grenzen der Belastbarkeit, vor allem dann, wenn es sich um tragische Fälle oder Unfälle handelt, wo junge Menschen mitten aus dem Leben dahingerafft werden. Wir haben im vergangenen Jahr mehrere derartiger Fälle beklagen müssen. Wir können in solchen Situationen nur Gott anflehen um Kraft, das Leid tragen zu können. Aber jeder andere Trauerfall hat Leid hinterlassen: bei Familien oder auch bei vielen einzelnen Menschen. Es ist das Leid, das man als "individuelles Leid" bezeichnen kann.
Doch es gibt auch das "kollektive Leid", dann, wenn ganze Völkerschaften in Mitleidenschaft gezogen werden; durch Krieg und Deportation, durch Enteignung und Diktatur. Auch dazu können wir Siebenbürger Sachsen ein Lied bzw. ein Klage-Lied singen. Auch für unsern kleinen Volksstamm sind Krieg, Deportation, Enteignung, Diktatur KEINE Fremdwörter.

Zur Veranschaulichung dieses Gedankenganges möchte ich heute alle einladen ? im Anschluß an diesen Gottesdienst ? an der Gedenktafel der Gefallenen des II. Weltkrieges bzw. der n der Deportation Verstorbenen vorbeizugehen und innezuhalten.
Unsere Kirche ist seit heute um ein Kunstwerk reicher.

Die Kreuzigungsszene über der Gedenktafel soll dieses kollektive Leid, welches sich hinter den vielen dort aufgeschriebenen Namen verbirgt, darstellen.
In dieser Plastik werden sie drei Menschen erkennen: In der Mitte ein junger Mann, dem jedoch Arme und Füße fehlen: Es ist ein Symbol unserer ? geschichtlich bedingt ? verstümmelten Gemeinschaft, die nach mehr als 800 Jahren in der alt bewährten Form heute so nicht mehr leben kann. Der verstümmelte junge Mann steht für die vielen jungen Männer und Frauen, die im Krieg oder in der Deportation ihr Leben lassen mußten. Die Verstümmelung bedeutet UNFÄHIGKEIT: Diese Menschen hatten keine Chance, ihre Jugend auszuleben; ihre jugendliche Vitalität konnte nicht zum Zuge kommen.

Rechts und links daneben knien die trauernden Eltern. Sie stehen stellvertretend für die unzähligen trauernden Hinterbliebenen. Zugleich symbolisieren sie aber auch die noch hier lebende Trauergemeinschaft. Der Mann und die Frau auf der rechten und linken Seite haben zwar keine Verstümmelung aufzuweisen und trotzdem ist ihre Haltung von einer Einseitigkeit, ihr Dasein von einer Monotonie geprägt: sie können nur noch trauern.

Aus dem Gesamtbild, aus diesem Bild des Leides und Leidens sieht eine Schicksalsmacht herab, die nicht besiegt werden kann. Bleibt man ? so ist mein persönliches Empfinden ? dabei stehen, ergreift einen ein Gefühl des Fatalismus.
Wir sind beim zweiten Aspekt unserer Betrachtung über den Tod angekommen: die Überwindung.
Für den Apostel Paulus ist es keine Frage, dqß der Tod nur eine Zwischenstufe auf dem Weg zu einem andern, einem besseren Leben ist. Und das hat seinen Grund darin, daß Jesus Christus dem Tode die Macht genommen hat. Der einzige Trost, wenn man mit der bitteren Realität des Todes konfrontiert wird, das ist der Trost Gottes durch seinen Sohn Jesus Christus. Wenn es diese Überwindung nicht gäbe, dann wäre das Leid allgegenwärtig und kein Heil in Aussicht. Ich erinnere an die beiden Gestalten auf der rechten und linken Seite: sie blicken nur auf die Erde, sie haben eine gebückte Körperhaltung und daher im wahrsten Sinne des Wortes keine Aussicht. Der Mann in der Mitte ist gekreuzigt und gerade dieser Aspekt muß für uns Christen wichtig sein. Im Kreuz hat Jesus Christus den Tod überwunden und durch die Auferstehung das ewige Leben erworben.

So groß das Leid auch sein mag, Christen haben den Glauben, daß der Tod keine Macht mehr über sie hat. Er ist nur die Vorstufe zum eigentlichen Leben und das beschreibt der Apostel Paulus in meisterhafter Form mit der Metapher vom Weizenkorn: Das Weizenkorn ist bloß der Same, der sich zwar ganz auflöst, aus dem aber eine Pflanze wird, die Frucht bringt."
Herr Pfarrer Fröhlich wird es mir ? einem zwar von den Jahren geprägten, aber immer noch unverbesserlichen Idealisten ? in seiner Jugendfrische daher aus vielfacher Sicht sicherlich nachsehen, wenn ich die Schilderung des nunmehr fertig gestellten Gedenk- und Kunstwerkes hier mit seinen Worten wiedergebe, so wie er es unserer Kirchengemeinde in Schäßburg in seiner Predigt nahe zu bringen versucht hat. Auch dies ein Anliegen zur Sicherung der Generationsfolge.

Heinz Brandsch



 

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