Die Bergglocke in schwerer Zeit
von Hans Schuster (SN11)
Vom Schulberg tönt vom hohen Fried
Der grossen Glocke Läuten,
Das tief im Herzen und Gemüt
Durch unserer Seele Andacht zieht
In uferlosen Weiten.
Und flutet überm Wäldermeer,
Den Halden und den Blumenwiesen,
Am Eichenrücken hält das Heer
Der Recken und lauscht andachtsschwer,
Mit Ulm- und Buchenriesen.
Davor im Schmuck und Kronenglanz,
Die Burg mit schlanken Zinnen,
Mit Zidadell und Türkenschanz
Und einem hellen Häuserkranz,
In zeitlichem Besinnen.
Und tönt als ob's vom Himmel wär
Und nicht vom Dom das Läuten
Von grauen Zeiten her und heut -
Indessen durch die Tore weit
Im Kirchrock unsre Ahnen schreiten.
Und es geschah, als schmerzenstief
Ein Schrei durch unsere Reihen lief,
Dass sie wie Sterbgeläute
durch Frost und Winter zu uns rief,
Und als des Feindes Meute.
Nächstens in unsere Häuser drang,
Zum Frohndienst unsere Frauen zwang,
Dem edlen Sachsenvolke
Nach acht Jahrhundert', - Untergang -
Klang sie durch Wind und Wolke.
Und folgte deren Weg allein,
Feldern zur Bahnhofstelle,
Wo Mutterjammer und Gewein,
Im Abschiedselend Groß und Klein
Im Schrecken roter Hölle.
Verrecken? irgendwo allein,
Und ohne dich begraben sein?
Glocke, den Himmel suchen
Wollen wir gläubig doch verzeihn?
Nein! anderer Schmach verfluchen.
Dann schlugen alle Türen zu
Verwehte Worte - Mütterrufen.
Schon rollen die Transporte -
Am Winterhimmel frieren zu
Die Stufen seiner Pforte.
Dann fiel ein Schnee im ganzen Land,
Als ob Gott der Gerechte,
Auf unser Siebenbürger Land
Das Leichentuch und Todgewand
Wohl selber breiten möchte.
Rein klang vom steilen Bergeshang
Mächtig emporgehoben,
Wie Donnerbraus und Festgesang,
Gott, unseren Herrn zu loben,
Die Bergglocke verwoben.
Und tönt so ernst und tönt so voll
Von Trost und will uns sagen,
Wes Leid's ihr Herze überquoll
Von Wehmut und von tiefem Groll
Und muß es in sich schlagen.
Nun stehen wir am Wegesscheid,
Im Auge Tränenleuchten,
Um alle, die dem Tod geweiht,
Nach halbjahrzehnter Zwangsarbeit
Die Heimat doch erreichten.
Und forschen nach Bericht und Wort,
Nach dem Gesicht der Lieben,
Nach Steppenland und wildem Ort,
Wo ihr Gebein in dürrem Sand
Verdorrt zurückgeblieben.
O Glocke, du! fünf Jahre Zeit
Trugst du all Leid und Sehnen,
Von uns und denen die so weit
Von Heim und Herd gebenedeit
In deines Herzens Tönen.
Wohlan mit dir, zu Gott hinan!
Wir treten an zum Beten
Was man uns immer angetan,
Das Wort sie sollen lassen stahn,
Hilft uns aus allen Nöten.
Und schwing hinan vom Schulbergfried
Im Lied von Wehr und Waffen,
Und reisse uns, die glaubensmüd
Zu Gott, der unsere Not ersieht,
Die uns jetzt hat betroffen.
Und lass uns hoffen. Seine Macht
Kreist über Sternenbahnen,
Und kündet Schirm und treue Wacht
Und zündet in der Todesnacht
Die hellen Herzensfahnen.
Und flute überm Wäldermeer,
Gleich einem Feuerstrome,
Der alle Brüder Eintracht lehr'
Ein einzig Volk und Gott zur Wehr
Im grauen Sachsendome.
Dann werden Ahn' und Kindeskind
Im großen Glockenläuten,
Wie auch die Zeit Gestalt gewinnt,
Durch die Portale, Ahn' und Kind,
Noch lang im Kirchrock schreiten.
Hans Schuster, 1945, (Zahnarzt)

Letztes Update: 2004-02-14
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
© 2000 by kdg
|