HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
Die Botschaft unserer Gotteshäuser
I.
Es mag diesem besonderen Anlaß gemäß sein, wenn wir heute als Predigttext eine Geschichte gehört haben, die sich an einem Ort in Sychar, einer Stadt Samariens, zuträgt, von dem aus sich der Blick auf den berühmten Berg Garizim erhebt. Da reist Jesus, aus Jerusalem kommend, durch und läßt sich für eine Weile am bekannten und traditionsreichen Jakobsbrunnen nieder, während er ergriffen auf die gewaltigen Höhen vor ihm blickt. Der Berg Zion in Jerusalem, der Berg Garizim in Samarien und genauso der Burgberg in Schäßburg haben - jeder für sich - seit altersher nicht nur die Bewunderung des Reisenden und Besuchers auf sich gezogen, sondern wurden - jeder in seiner Weise - als einzigartiges Naturgebilde und so als besonderer Ort der Gottesnähe empfunden, der den Bau eines Heiligtums, einer Kirche, einer Stätte der Anbetung nahelegt. Es gibt den uralten Glauben, daß Berge Wohnungen der Götter sind, daß sie als auffallende Erscheinungen der Natur Leben darstellen und daß, wo Leben ist, sich die Gottheit offenbart. Berge und überhaupt "Höhen" waren Abbilder der göttlichen Gewalt und Macht und als solche heilige Orte, gleichsam "Gott-durchlässige" Stellen. Bei den Juden war es der Berg, nach dem die ganze Stadt als "Tochter Zion" bezeichnet und besungen wurde und für die Samariter der Berg Garizim, den diese - im Unterschied zu den Juden - als ihr Heiligtum betrachteten. So ähnlich haben wohl auch unsere Vorfahren empfunden, als sie diese Stadt gründeten und ihre christliche Kirche auf einem solchen Berg errichteten, der sie den Namen "Bergkirche" gaben, den die Kirche bis heute innehat. Wenn wir nun hier versammelt sind und den Predigttext hören, dürfen wir gleichsam diesem Gespräch zwischen Jesus und der Samariterin am Brunnen lauschen und dessen eingedenk werden, daß die damals dort besprochenen Fragen bis auf den heutigen Tag aktuell geblieben sind. Das heißt, daß wir uns im Angesicht dieses wunderbaren Berges und seiner Kirche in Schäßburg mit ähnlichen Gedanken beschäftigen können und sollen. Dreierlei mag dabei für uns besonders augenfällig und bedenkenswert erscheinen. II. Die Frage an uns bleibt: Können wir von dieser Tradition her und aus solcher Aktion heraus zu einer Vision finden, wie sie uns Jesus in unserer Geschichte der Samariterin vor Augen führt: "Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet." Kirche Jesu Christi lebt von einer Zukunftsschau, die in der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel, mit dem Bild des "neuen Jerusalems" beschrieben wird: "Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein, und er selbst Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein" (21,3). Aber das erfordert - zweitens - was hier in dieser Geschichte Jesu mit der samaritischen Frau möglich wird: das Gespräch. - Ist uns bewußt, daß hier ein Jude mit der Angehörigen eines feindlichen Brudervolkes anderer Religion, anderer Kultur und anderer Tradition spricht? Das ist schon an und für sich ein Ereignis, denn - so heißt es einige Verse vorher - "die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern" und jeder Kontakt mit den Angehörigen dieses Volkes war verpönt. Doch hier ereignet sich, was wir heute einen Dialog zwischen Angehörigen unterschiedlicher Ethnien, Religionen und Kulturen nennen. Beide haben ihre heiligen Orte und Stätten der Anbetung, ihre eigenen Gotteshäuser: "Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll." Auch in der christlichen Kirche, unter uns, in dieser Stadt, ist es nicht anders: neben den Evangelischen haben die Orthodoxen, die Römisch-Katholischen und die Griechisch-Katholischen, die Reformierten, die Unierten oder andere Christen ihre eigenen Kirchen. - Wer hat nun Recht? Welches ist der richtige Ort der Anbetung? So wird häufig auch unter uns gefragt und dementsprechend argumentiert. Doch zu dem ökumenischen Gespräch, das man in unserem Jahrhundert verstärkt geführt hat, sagt Jesus: Nicht das "Wo", sondern das "Wie" ist das Entscheidende: "Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten". Nicht die Frage nach äußeren Gegebenheiten, Ordnungen und Traditionen sollen uns zuerst beschäftigen, sondern, ob das alles "im Geist und in der Wahrheit", d. h. im gemeinsamen heiligen Geist und in der einen Wahrheit Jesu Christi geschieht. Es ist der Geist der Liebe, des Friedens, der Einheit, die Jesus im Evangelium lehrt. Es ist die eine Wahrheit, die uns Jesus Christus durch sein Kommen in die Welt gebracht hat und die er selbst ist: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!" - Und darum ist unser heutiger Gottesdienst nicht einem toten Bau gewidmet, und sei dieser auf einem noch so geheiligten und würdigen Ort. Er fordert uns vielmehr heraus, über Kirche als einer göttlichen Wirklichkeit nachzudenken, durch die unter dem Wort Gottes und der Feier der heiligen Sakramente die eine Kirche Jesu Christi sich manifestiert und Menschen unterschiedlicher religiöser, kultureller und sprachlicher Herkunft zusammenführen und so zum Vorbild und Promotor der Einheit werden soll. Wie wichtig das heute ist, erleben wir, wenn wir auf das blicken, was in unserem Nachbarland Jugoslawien im Konflikt um den Kosovo geschieht und die Welt mit Trauer und Sorge erfüllt. Der Höhepunkt dieser Geschichte am Jakobsbrunnen - und das ist das Dritte - ist jedoch, daß es nicht bei der Betrachtung und beim Gespräch bleibt, sondern ein Durchbruch geschieht und sich etwas Außergewöhnliches, Wunderbares ereignet. Diese Frau findet zu Christus als dem Messias und das heißt: dem Retter ihres Lebens und der Welt, der viele zum Glauben führen will und kann. Denn am Schluß des Kapitels heißt es: "Noch viele glaubten um seines Wortes willen und sprachen: Wir haben selber gehört und erkannt: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland." Darum geht es eigentlich, daß, wenn wir Bauwerke wie diese Kirche erhalten und uns in ihnen versammeln, es nicht mit Bewundern und Bestaunen, auch nicht mit dem Dialog und der Kommunikation getan ist. Das alles soll uns vielmehr zur Mitte jener Botschaft führen, um derentwillen solche Gotteshäuser errichtet wurden: zum Grund unseres Glaubens an Jesus Christus als dem Retter und Heiland der Welt. Dieser Glaube hat unseren Vätern die Kraft verliehen, das aufzubauen und zu erhalten, was wir heute als Erbe bewahren und weitergeben wollen. Dieser Glaube allein wird auch in unserer Zeit imstande sein, nicht nur die Bauwerke zu erhalten, sondern jene Werte zu bewahren und zu pflegen, die heute wichtiger sind denn je: Frieden, Versöhnung, Überwindung der Gegensätze, Einheit in Christus. Sie sind Kultur- und Bildungswerte, die aus dem Geist Christi entstanden sind und nur in diesem Geist ihren Wert behalten. Sie allein ermöglichen uns, Zukunft zu schaffen für uns und die ganze Welt. Gerade große Werke der Kultur und Kunst fordern uns jedesmal neu heraus über letzte Fragen nachzudenken: über Gott, den Sinn des Lebens, über unsere Aufgabe auf dieser Erde und die Zukunft der Welt. Das eigene Nachdenken und das Gespräch mit anderen führt zum Reden mit Gott selbst, wenn es zum Gebet und zur Anbetung wird. Denn vom "Anbeten im Geist und in der Wahrheit" ist hier die Rede. Solche Anbetung ist dann nicht nur unsere Zuwendung zu Gott, sondern das Erlebnis, die Erfahrung, ja das Geschehen der Zuwendung Gottes zu uns, das Geschenk dieses Glaubens: In Christus haben wir den Heiland unseres Lebens und dieser Welt. Er will auch bei uns und für uns da sein. Unser Leben und unsere Welt ist bei ihm gut aufgehoben. Ihm dürfen wir uns anvertrauen und ihm sollen wir dafür dankbar sein, daß wir Gotteshäuser, Kirchen und Stätten haben, in denen uns diese frohe Botschaft immer neu verkündigt wird und wo wir im Gebet und Gottesdienst dieses Geschenk immer neu entgegennehmen. Diesem Herrn unseres Lebens und der Welt wollen wir danken und ihn für die große Gnade loben, daß er uns diesen Tag hat erleben lassen. Amen. D. Dr. Christoph Klein
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