HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
|
Treffen der Schäßburger in SchäßburgDie Wiedereinweihung der restaurierten Bergkirche und das 2. Schäßburger Treffen in Schäßburg Ende April 1999 aus der Sicht eines Schäßburgers, der 1949 als Kind ausgewandert ist.
Dann kam die Wende, ich wurde Mitglied in der Landsmannschaft und in der HOG, las die "Schäßburger Nachrichten" und sah den Film "Eine Fahrt durch das Schäßburg von heute" von Martin Zinz. Kurz, die Neugier wurde immer größer, und als das 2. Schäßburger Treffen in meiner Heimatstadt zusammen mit der Einweihung der restaurierten Bergkirche angekündigt wurde, habe ich meine Teilnahme angemeldet. Am Mittwoch, den 21. April 1999 war es dann soweit. Wir, einige Schäßburger aus München und Umgebung, stiegen um ca. 18 Uhr als letzte zu der schon recht stattlichen Reisegesellschaft im "Schinker-Bus" zu und wurden nach guter Schäßburger Art mit großem Hallo empfangen. Das Wetter war schlecht, aber die Stimmung im Bus heiter und erwartungsfroh. Ich kannte zwar fast niemanden, wurde aber sofort wie ein guter Bekannter integriert, so daß ich mir überhaupt nicht fremd vorkam. Es wurde fröhlich hin- und hergefoppt und viele Geschichten aus dem alten Schäßburg erzählt, wobei die Bergschule einen breiten Raum einnahm und natürlich auch ihre Professoren. Diese Herren kannte ich aus vielen Erzählungen meines Vaters, insbesonders ihre Spitznamen. So ging die Fahrt, unterbrochen von einigen Pausen, manchmal "zog es sich", durch Österreich und Ungarn und halb Siebenbürgen. Dann, am Donnerstag, abends gegen halb sechs, war es soweit: Von der Steilau sah ich sie zum erstenmal nach so langer Zeit wieder: Die Burg, die Prächtige, hoch über der Unterstadt, mit der majestätisch auf ihr thronenden ehrwürdigen Bergkirche. Es war ein erhebender Anblick für mich, der ich dieses zuletzt vor fünfzig Jahren gesehen hatte. Weiter ging es hinunter in die Stadt, durch die Cornesti, Albert-Straße bis in die Baiergasse zum "Millgesloch", dem Treffpunkt mit unseren ansässigen Schäßburgern, die uns herzlich empfingen. Die Quartiernahme war hervorragend organisiert. Die Gruppe, zu der ich gehörte, fuhr zur "Poenita" im Wolkendorfer Grund, eine nach westlichem Standart eingerichtete Pension. Obwohl ich während der Fahrt kaum ein Auge zugetan hatte, fuhr ich nach der Zimmerübernahme mit unserem "Stadtfilmer" Martin Zinz, der mit seinem VW-Bus separat gekommen war, in die Stadt hinein, auf die Burg, zur Bergkirche, an und in der noch letzte Hand für die Einweihung angelegt wurde. Es war noch allerhand zu tun. Am Freitag, den 23. April stand um 10.30 Uhr ein Empfang beim Schäßburger Bürgermeister, Constantin Stefanescu auf dem Programm. Die angereisten und ansässigen Schäßburger wurden vom Bürgermeister im geschmückten kleinen Sitzungssaal des Komitatsgebäudes begrüßt. Walter Lingner dankte und antwortete im Namen der aus der Ferne angereisten Schäßburger. Es waren beiderseits herzliche aber auch kritische Töne zu hören. Bürgermeister Stefanescu überreichte Hermann Baier und Walter Lingner die Ehrenbürger-Urkunde der Stadt Schäßburg um anschließend Rede und Antwort den Fragen der ehemaligen Schäßburger zur Verfügung zu stehen. Nach diesem Empfang konnte ich durch die Straßen und über die Plätze Schäßburgs streifen und Vergleiche mit früher anstellen. Der Marktplatz ist ein "Park", die "Wusch" fährt nicht mehr, vor dem Haus meiner Großmutter in der Baiergasse, man sehe und staune (oder auch nicht) steht ein Denkmal, die Kapitolinische Wölfin mit ihren Säuglingen Romulus und Remus. Die Burg ist unverändert und prägt auch heute noch das Stadtbild. Um ca. 18.30 Uhr fand in der Klosterkirche eine Andacht zum Gedenken an die Gefallenen der beiden Weltkriege und die Opfer der Rußlandverschleppung 1945 mit einer Kranzniederlegung an den Gedenktafeln statt. Es war feierlich und bewegend. Pfarrer H. B. Fröhlich würdigte das Andenken an unsere Verstorbenen mit folgenden Worten: "Liebe Brüder und Schwestern! Der Anlaß aus welchem wir uns zu dieser Abendstunde versammelt haben ist, derer zu gedenken, die ihr Leben in Krieg und Deportation verloren haben. Wir müssen das, was unsere Vorfahren erlitten haben zu würdigen wissen, um für diese unsere Zeit die richtigen Entscheidungen zu treffen bzw. Orientierung für die Zukunft zu erhalten. Wichtig ist es, unsere Geschichte vom Glauben her zu begreifen: Gott möchte keinen Krieg, Gott möchte nicht, daß seine Menschenkinder sich gegenseitig töten, sich verfolgen, sich hassen. Und doch ist das immer wieder geschehen und geschieht auch jetzt. Auch heute zu dieser Stunde spielt sich ein paar hundert Kilometer weit ein sinnloser Krieg ab. Wir sollten uns darüber im klaren sein, daß kein Krieg gerechtfertigt ist und in diesem Sinne stehen wir ehrfürchtig vor denen, die ihr Leben lassen mußten und auf diesen Tafeln aufgeschrieben stehen. Zugleich aber sollten wir Gott dankbar sein, daß er uns Zeiten erleben läßt, in denen es uns viel besser geht, als es unseren Vorfahren ging. Das bedeutet nicht, das Vergangene zu vergessen, sondern aus der Vergangenheit zu lernen. Wir wollen uns erheben und der im Krieg und in der Deportation verstorbenen gedenken!" Die Andacht endete mit dem gemeinsam gesprochenen Vaterunser und dem Segen. Für mich und uns alle ein eindrucksvolles Erlebnis. Im Anschluß an die Totenehrung hörten wir ein Orgelkonzert, gespielt von dem in Schäßburg lebenden Theo Halmen und eine Darbietung von Gospelsongs, aufgeführt von jungen Schäßburgern sächsischer, ungarischer und rumänischer Herkunft unter der Leitung von Theo Halmen.
Am Samstag, dem 24. April, war der offizielle Anlaß und Höhepunkt unserer Reise nach Schäßburg: Die Einweihung der mit Hilfe der Messerschmitt-Stiftung und des rumänischen Kulturministeriums in ihrer Bausubstanz gesicherten und restaurierten Bergkirche. Schon lange vor Beginn der Feierlichkeit hatten sich viele Menschen aller in Siebenbürgen lebenden Nationen vor und in der Kirche versammelt, um an dem Ereignis teilzunehmen, zu dem Landesbischof D. Dr. Christoph Klein alle von nah und fern willkommen hieß, und uns vor Augen führte, daß uns "unsere Vorfahren dieses große Erbe zurückgelassen haben als Verpflichtung für unsere Gegenwart und Zukunft." Es folgte ein ökumenischer Gottesdienst unter Mitwirkung der Schäßburger Repräsentanten von sechs Kirchen (evangelische Kirche A.B., orthodoxe Kirche, römisch-katholische Kirche, reformierte Kirche, unitarische Kirche sowie die griechisch-katholische Kirche). Eine wahrhaft ökumenische Feier, die in einem solchen Umfang an beteiligten Konfessionen und mit einer solchen Selbstverständlichkeit wohl nur selten zu finden ist. Unterstrichen wurde die Bedeutung dieses Ereignisses auch durch die Anwesenheit der Presse, des rumänischen Staatsfernsehens und eines lokalen Fernsehsenders. Nach der Feier entdeckte ich in einem gemütlichen Café am oberen Ende des Marktes zu meinem Erstaunen einige Künstlerbilder neueren Datums, auf deren einem zu lesen war: "Siebenbürgen, Land des Segens", es zeigte die Wappen der sieben Stühle mit ihren Deutschen Namen. Ein anderes den Stundturm mit der Überschrift "Schäßburg". Im Stadthaussaal war für uns Gäste am Abend ein Theaterstück und Chorgesang vorbereitet. Die Amateur-Theatergruppe des Deutschen Demokratischen Forums bot uns das Lustspiel "Leonce und Lena" von Georg Büchner in einer eindrucksvollen Weise. Danach sang der Schäßburger Chor, geleitet von Hermann Baier, eine Reihe von Liedern bei denen wir kräftig mitsingen konnten. Der Sonntag wurde mit einem Gottesdienst in der Klosterkirche eingeläutet. Ein besonderes Erlebnis, wenn auch die Gemeinde klein geworden ist und mindestens 50% der Anwesenden immer auswärtige Gäste sind, gelingt es dem nun zum Stadtpfarrer gewählten Pfarrer Hans Bruno Fröhlich und dem Organisten Teo Halmen mit seinem Chor, Gemeinschaftgefühl und Geborgenheit zu vermitteln. Es war nun soweit, das Treffen mit unseren Landsleuten aus Schäßburg, organisiert von dem Deutschen Forum unter der Leitung von Christian Elges in der Parat-Kantine, konnte beginnen. Um die Mittagszeit brachte uns ein Autobus zur ehemaligen "Nicovala" in der Weißkircher Au. Hier hat die deutsche Firma "Parat" aus Remscheid einen Teil des Betriebsgeländes übernommen, nach westlichem Stand restauriert und auf die Fertigung der "Parat-Produkte" umgestellt. Bei einer Führung durch den Betrieb erklärte uns der Leiter des neuen Werkes, Herr Harald Gitschner (Otti), daß aus einem der traditionellen Artikel des Hauses, den sogenannten "Autokapuzen", ein völlig neues, innovatives Produkt entwickelt worden sei. Dies ersetzt umweltfreundlich das bisher übliche Einwachsen von Neuwagen zum Schutz vor schädlichen Einflüssen beim Versand. Nach dieser interessanten Betriebsbesichtigung versammelten wir uns (etwa 60 Schäßburger aus Deutschland und 160 dort ansässige Sachsen) in der großen "Parat-Kantine", wo an mehreren langen Tischreihen aufgedeckt war. Nach einer kurzen Begrüßung von Herrn Gitschner eröffnete Walter Lingner mit einer Festansprache unser Treffen. Besonders aktive Schäßburger wurden von unserer Heimatortsgemeinschaft Schäßburg, für ihre freiwillige und selbstlose Arbeit, durch die Übergabe unseres Schäßburg-Buches, geehrt. Unserer Veranstaltung wohnte auch der Firmenchef der "Parat-Werke" aus Remscheid Heinz Schönenbach bei, er schien sichtlich erfreut über die fröhliche, gesellige und ausgewogene Art der Siebenbürger Sachsen.
Der Nachmittag und Abend vergingen mit frohem Schmausen der köstlich aufgetischten Speisen und mit fröhlichem Trinken einer ganzen Palette von Getränken, die ohne wenn und aber bestens für die Gäste vorbereitet waren. Für die durch Zeit und Raum getrennten Schäßburger bot sich auch dieses Mal ein unerschöpflicher Gesprächsstoff. Man plauderte, tanzte und unterhielt sich bis zum späten Abend. Besonders beeindruckt blieb ich von unseren hochbetagten Reisegefährten, die es nicht gescheut hatten, diese lange Busreise und die vor Ort sich einstellenden Strapazen auf sich zu nehmen. Es waren Erna Salmen (90), Ernst Graef (88) und Schodl Gundi (86) die in bewundernswerter Weise geistige Frische, Humor und Geselligkeit an den Tag legten und die Gunst der Stunde genießen konnten. Ich kann nur sagen, Gott schenke ihnen noch lange Jahre in dieser Verfassung. Den letzten Höhepunkt unserer Reise bildete am Montag ein Ausflug nach Mediasch. Dort wurden wir von Prof. Ingeborg Jekeli und Hugo Schneider empfangen und durch das schön renovierte Schullerhaus, das Stefan-Ludwig-Roth-Haus, die Stadtpfarrkirche und das Hermann-Oberth-Museum, geführt. Wir waren beeindruckt von der Leistung unserer Mediascher Landsleute und deren kulturellem Einfluß auf das Stadtgeschehen. Die von Walter Lingner bei seiner Begrüßung erwähnte Rivalität zwischen Schäßburg und Mediasch, in dem Schäßburg über Jahrhunderte meist die Oberhand behielt, scheint sich zu ändern. Auf der Rückfahrt nach Schäßburg machten wir einen Abstecher in Birthälm und bewunderten die imposante Kirchenburg. Gegen Abend waren wir wieder in Schäßburg und fuhren hinauf zur Villa Franka, wo wir bei der bekannten herrlichen Aussicht auf die Stadt unser letztes Abendessen in Schäßburg, Holzfleisch und Mititei, einnahmen. Hier verabschiedeten wir uns von unseren Gastgebern. Walter Lingner dankte allen, aber besonders Stadtpfarrer Hans Bruno Fröhlich und Christian Elges für die überaus freundliche Aufnahme, die inhaltsreiche und einmalige Gestaltung unseres Treffens. Am Dienstag, den 27. April, um 7 Uhr war es dann soweit, im "Millgesloch" nahmen wir Abschied von unserem schönen Schäßburg. Wie bei unserer Ankunft, 5 Tage vorher, waren trotz der frühen Stunde viele ansässige Schäßburger gekommen, um uns zu verabschieden. Gegen halb acht verließen wir unsere Heimatstadt mit wehmütigen Herzen. Ein letzter Blick von der Steilau, und dann ging es über Mediasch und Hermannstadt Richtung Deutschland. In Hermannstadt hatten wir etwa anderthalb Stunden Zeit, um uns in unserer "Hauptstadt" umzusehen. Großer und Kleiner Ring, das Brukenthalpalais, die Stadtpfarrkirche, Heltauer Gasse, das Hotel "Römischer Kaiser", das alles hatte ich zuvor noch nicht gesehen, denn als kleiner Junge bin ich damals nicht aus Schäßburg herausgekommen. Der Rest der Rückfahrt verlief mit lebhaften Gesprächen über die vielen Erlebnisse die jeder auf seine Art in Schäßburg gesammelt hatte. Ein Gedicht, von unserem Schäßburger Kurator Andreas Christiani mit auf den Weg gegeben, besiegelte unseren Abschied von Siebenbürgen. Insgesamt war unsere Fahrt nach Schäßburg für jung und alt ein wunderbares Erlebnis und hat bei uns tiefe und bleibende Eindrücke hinterlassen. Mein Entschluß, trotz alledem Schäßburg zu besuchen hat sich also gelohnt, ich werde bald wieder nach Siebenbürgen fahren!
Letztes Update: 2004-02-13 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de / http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg |