HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Warum ein Denkmal für Vlad Tepes in Schäßburg?

Merkwürdige Symbiose von nebulösen und pseudowissenschaftlichen Vorstellungen

Von Michael Kroner

Es ist ein merkwürdiger Spagat, den die Rumänen mit dem Fürsten der Walachei Vlad Tepes/der Pfähler (1456?1562) vorführen. Sie glorifizieren in ihm den strengen, gerechten und ordnungsliebenden Fürsten und Verteidiger des Landes gegen die Türken, wobei sie süffisant und mit einem ironischen Lächeln hinzufügen, daß er seine Feinde, Betrüger und Räuber auf Pfähle spießen ließ, daher sein Beiname. Man zeigt sich daher "verärgert", wenn nun dieser glorreiche "Herrscher" seit Bram Stokers Roman "Dracula"(erschienen 1897) mit einem Vampir identifiziert wird und als solcher durch die Medien, vor allem durch die Filmwelt geistert und sogar auf Opern- und Theaterbühnen sein Unwesen treibt. Der Ärger ist dann aber wiederum nicht so groß, wenn westeuropäische, vor allem amerikanische Dracula-Fans nicht zu verprellen, die in Rumänien die Stätten des blutrünstigen Vampirs besichtigen möchten. Das Geschäft möchte man sich nicht entgehen lassen. Man bietet demzufolge Reisen auf den Spuren des Dracula an. Mehr noch, man veranstaltet sogar den Dracula-Kongreß. So gut, so recht. Die Angelegenheit hat aber mehrere Haken, man lokalisiert nämlich die Dracula-Stätten, die mit Vlad Tepes in Verbindung sein sollen, auch in Siebenbürgen und zwar hauptsächlich auf der Törzburg, in Schäßburg sowie in Bistritz und Umgebung. Für diese siebenbürgische Dracula-"Wallfahrtsorte" gibt es indessen keine historischen Grundlagen, sondern bloß nicht belegte Unterstellungen. Sehen wir uns die Tatsachen näher an.

Die Törzburg hat Vlad Tepes bei seinen Einfällen ins Burzenland bestenfalls zu Gesicht bekommen, gehört hat sie ihm aber nie.
In Schäßburg hat sein Vater Vlad Dracul, nachdem er vom Thron der Walachei vertrieben worden war, zwischen 1431 und 1436 Asyl gefunden, wobei er sich der Unterstützung Kaiser Sigismunds von Luxemburg erfreute. Vorher war er zum katholischen Glauben übergetreten und in Nürnberg in den von Kaiser Sigismund zum Kampf gegen die Türken gegründeten Drachenorden aufgenommen worden. Aus "Drachen" soll dann der Geschlechtername "Dracul" (Teufel) entstanden sein. Wo Vlad Dracul in Schäßburg untergebracht war, ist nicht bekannt. Daß er auf der Burg Unterkunft gefunden hat (damit wird nämlich der Standort des Denkmals, von dem weiter unten die Rede ist, begründet), ist möglich, aber nicht zwingend, denn aufgrund ihres exklusiven Bürger- und Besitzrechtes auf Sachsenboden verwehrten vor allem die sächsischen Städte nichtdeutschen Volksangehörigen die Niederlassung innerhalb der Stadtmauern. Sogar dem Fürsten Georg Rakoczy I., der 1632 in der Bergkirche zum Fürsten Siebenbürgens gewählt worden war, verwehrten sie den Erwerb eines Hauses auf der Burg.

So sind auch die rumänischen und die zigeunerischen Viertel außerhalb der eigentlichen Stadt entstanden. Es gibt jedenfalls keinen Beleg dafür, daß Vlad Dracul in dem Haus Burgplatz Nr. 1, das in den 70er Jahren als "Dracula"-Gaststätte eingerichtet wurde, während seines Asyls gewohnt hat, zumal das jetzige Gebäude erst nach dem großen Stadtbrand von 1676 wieder aufgebaut und um 1700 aufgestockt wurde. Ebenso ist nicht bewiesen, daß sein Sohn, der spätere Fürst Vlad Tepes, in Schäßburg geboren ist.

Für Bistritz läßt sich keine Verbindung zu Vlad Tepes konstruieren. Bloß Bram Stoker hat die Handlung seines Romans nach Bistritz und in das nahe gelegene Kelement-(Caliman-)Gebirge verlegt, in dem sich das Schloß seines Vampirs Dracula befindet. Stoker hat keinesfalls einen Roman über Vlad Tepes geschrieben, es dürften ihm bloß dessen berüchtigte Greueltaten bekannt gewesen sein.
Es gibt mittlerweile eine seriöse Dracula-Forschung, die Mythos und Realität im Zusammenhang mit Vlad Tepes' Schreckensherrschaft klärt.
Auf einer anderen Ebene sind die nach Stokers Roman ins Kraut schießenden Vampirdarstellungen anzusiedeln. Dabei überträgt man nämlich Vorstellungen der slawisch-rumänischen Mythenwelt über Verstorbene, die als Blutsauger nachts aus den Gräbern steigen und überfallenen Menschen das Blut aussaugen, auf den blutrünstigen Fürsten der Dracula-Familie Vlad Tepes.

Obwohl, wie bereits vermerkt, nicht belegt ist, wo Vlad Tepes geboren wurde, hat das Bürgermeisteramt von Schäßburg den rumänischen Fürsten dennoch zum verdienstvollen Sohn der Stadt gemacht und ihm ein Denkmal errichtet, das am 1. Dezember 1998 enthüllt wurde. Es handelt sich dabei um eine auf einem Sockel stehende Büste des Bildhauers Josif Constantin, der aus Dunnesdorf stammt.

Daß mit diesem Denkmal tatsächlich Vlad Tepes geehrt werden soll, ist bloß eine vorgeschobene Begründung, denn sie ist weder realitätsbezogen, noch hat sie bewußtseinsmäßig eine Schäßburger rumänische Basis. Zudem wußte jenes Gremium der Stadtverwaltung, daß der Aufstellung des Denkmals zugestimmt hat, daß ein solches Monument eine Zumutung für die sächsische Bevölkerung der Stadt ist, vor allem, da es neben ihr Gotteshaus gestellt wurde. Warum hat man das Denkmal nicht etwa vor der orthodoxen Kathedrale neben der Kokel oder im Cornesti-Viertel aufgestellt, wo es, wenn man es unbedingt haben wollte, besser hingepaßt hätte?

Als nämlich 1994 das Standbild zwischen Stundturm und Klosterkirche aufgestellt werden sollte, konnte das evangelisch-sächsische Stadtpfarramt das Vorhaben verhindern, da das Grundstück ihm gehörte. Nun hat man sich für einen Platz zwischen der Klosterkirche und dem Rathaus entschieden. Das Denkmal steht damit zwar an einer ungünstigen und beschatteten Stelle, wichtig für die Initiatoren ist aber, daß es überhaupt und dazu noch auf der Burg steht.

Man kann nun Dracula-Touristen zum Denkmal führen und sie zusätzlich in ihrem Glauben bestärken, sich auf geweihtem Vampirterrain zu befinden. Dabei nimmt man in Kauf, daß der große Nationalheld zu einem Blutsauger degradiert wird, wenn nur die Devisenkasse stimmt. Diesbezüglich hatte auch Ceausescu, der heute als Dracula verteufelt wird, keine Skrupel. Den ahnungslosen Touristen wird bei ihrem Besuch in Schäßburg kaum jemand sagen, daß sie sich in einer einstigen deutschen Stadt befinden. Eben diese Tatsache soll ja verwischt werden. Demzufolge verbindet man die Biographien von Vater und Sohn, um das "Anspruchsrecht" auf Schäßburg besser "belegen" zu können. Der Nichteingeweihte unterscheidet kaum, welche Fakten sich auf den einen oder anderen beziehen.

So heißt es denn auch ? man lese die nachfolgende Behauptung zweimal ?, Vlad Dracul habe von Schäßburg aus, der zeitweiligen Hauptstadt der Walachei, mehrere Jahre die Südgrenzen Siebenbürgens gegen türkische Einfälle verteidigt.

So nachzulesen in "Povestea unei statui" (Die Geschichte einer Statue), erschienen anläßlich der Enthüllung des Monuments in Jurnalul Sighisoara Reporter" vom 16.?22.Dezember 1998 und in anderen Artikeln. Die Verfasser verraten uns bloß nicht, wo der rumänische Fürst seinen Hofstaat gehalten hat und mit welchen militärischen Kräften er Siebenbürgen verteidigt hat. Oder konnte Vlad Dracul vielleicht zaubern und Phantomheere aus dem Boden stampfen? Was soll man dazu sagen, kann man solche geschichtliche Darstellungen ernst nehmen?

Fassen wir zusammen. Im Falle Schäßburg soll das Denkmal drei Gestalten ? den Vampir, Vlad Dracul und Vlad Tepes ? in einer merkwürdigen Symbiose symbolisieren. Am Vampir sollen sich die horrorsüchtigen, ausländischen Touristen erfreuen. Sonst soll die Büste rumänische Präsenz, beziehungsweise Kontinuität seit dem antiken römischen Dazien im sächsischen Teil Siebenbürgens "belegen". Vorgearbeitet hat man schon vor einigen Jahren durch die Aufstellung eines Denkmals vor dem Hotel "Stern" mit der legendären römischen Wölfin und den zwei säugenden Jungen Romulus und Remus.

Da es in Siebenbürgen keine rumänische Fürsten gegeben hat ? der Wojewode Johannes Hunyadi war zwar rumänischer Abstammung aber sicherlich magyarisiert ?, schiebt die rumänische Geschichtsschreibung solche Funktionen, wie im Falle Vlad Draculs, Herrschern der Walachei und Moldau zu.

Ob sie als Feind oder Freund siebenbürgischen Boden betreten haben, wird ihr Erscheinen jeweils als Kampf für die Vereinigung der Fürstentümer und die Verwirklichung des angeblichen jahrhundertealten Traumes für einen einheitlichen Nationalstaat interpretiert. Daß daraus nichts wurde, schiebt man auf die ungünstigen Umstände ab und beklagt das Mißgeschick, mit dem die Geschichte die Rumänen bedacht hat, wobei angeblich Fremde daran schuldig sind. Die Geschichte Siebenbürgens erscheint daher aus rumänischer Sicht als Anhängsel und Reflex der transkarpatischen rumänischen Länder. Daß Siebenbürgen eine eigene Geschichte hat, wird den rumänischen Schülern vorenthalten. So sieht auch das jüngste Lehrprogramm der Schulen zum Bedauern der nationalen Minderheiten bloß eine Geschichte des rumänischen Volkes und nicht eine Geschichte Rumäniens mit Einschluß der verschiedensprachigen Völkerschaften des Landes vor.

Angesichts dieser Tatsachen, fragt man sich, ob vom Schäßburger Stadtrat vielleicht zuviel abverlangt wurde, sich von den gängigen Geschichtsklischees zu trennen und sich um eine wahrheitsgetreue Erfassung des Geschehens zu bemühen. Da kann man nur fragen "De ce nu vii tu, Tepes Voda? ..." (Warum kommst Du nicht Fürst Tepes, ...), um, so wie Du es gewohnt bist, Ordnung zu schaffen und all das über Bord zu werfen, was man Dir unterschiebt?


 

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