HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
Erinnerungen an den Exitus 1934Bischof-Teutsch-Gymnasium, Schäßburg, SiebenbürgenIch hatte meine Mutter gebeten, mich nicht vor 9 Uhr morgens zu wecken. Ich wollte einmal ausschlafen nach der Büffelei für die Matura-Abschlussprüfungen. Die Schlussfeier in der Aula des Bischof-Teutsch-Gymnasiums war für 11 Uhr angesetzt. Ich würde also reichlich Zeit haben, mich in Schale zu werfen und für ein gutes Frühstück! Zur Ehre des Tages wollte ich mit dem Rasierapparat meiner älteren Brüder meinen dünnen Bartflaum wegrasieren. Trotz meiner fast 18 Jahre starrte mich im Spiegel ein noch sehr jungenhaftes Gesicht an, mit wachen, grau-blauen Augen, ebenmäßigen Zügen und einem etwas klein geratenen Kinn. An diesem Sonnabend, dem 26. Mai 1934, ging für mich ein wichtiger Lebensabschnitt zu Ende. Ich fühlte Wehmut und Trauer, denn ich war fast immer gerne zur Bergschule gegangen, aber auch gespannte Erwartung und Ungewissheit gegenüber der Zukunft, die mit Sicherheit einen Abschied von meinen Schulfreunden und Lehrern ? und bald auch von meiner Heimatstadt und meiner Familie ? bringen würde. Meine Mutter hatte für meinen Ehrentag alles bereit gelegt: Frisch gebügelte schwarze lange Hose, Wäsche ? nicht zu vergessen eine schwarze Fliege, den Flaus und die dunkelblaue Schülermütze. Der Treffpunkt für die Abiturienten war das Klassenzimmer im Erdgeschoss, geradeaus vom Haupteingang. Bevor wir in Formation zur Aula im zweiten Stock geführt wurden, waltete unser "Hof-Fotograf" Herr H. Lurtz seines Amtes. Ich zähle auf dem Gruppenbild vor dem Haupteingang 18 Abiturienten (1934). Über dem Portal, vor dem diese Aufnahme gemacht wurde, befindet sich eine Inschrift. Da das relativ neue Gymnasium die Tradition der alten, aus dem Jahr 1523 stammenden Latein-Schule fortsetzte, lautet die Inschrift: "PATRIAE FILIIS VIRTUTI PALLADIQUE SESSE Aus der Inschrift ergibt sich aus den groß geschriebenen Buchstaben in römischen Zahlen das Erbauungsjahr des alten Gymnasiums (1793) MDCCLVVVVVVVIIIIIIII
Die Abiturienten nahmen Aufstellung auf den Überresten der alten Stadtmauer ? auf der vorderen ? dem Marktplatz zugekehrten Seite. Sie bildeten eine Kette, die Arme auf den Schultern der jeweiligen Nachbarn, Dann stimmte die dahinter aufgestellte Blasmusik den alten Choral an:
Wir sangen alle drei Strophen ? und dann folgten drei Strophen des wehmütigen Studentenliedes: "Nun leb wohl, du kleine Gasse, nun ade, du stilles Dach! Vater, Mutter sah'n mir traurig, und die Liebste sah mir nach." Zu dem folgenden "Spießrutenlaufen" stellten sich die ca. 60 Mitglieder des CHLAMYDATEN COETUS in Doppelreihen auf. Die Abiturienten gingen oder liefen durch die Aufstellung, so dass jedermann Gelegenheit hatte, sie ?je nach Verlangen mit der offenen Hand, hart oder sanft, zu hauen. Im Rahmen der Fuchstaufe auf der Villa FRANKA fand gleichfalls ein Spießrutenlaufen statt.
Als alle durch waren, nahmen die Blasmusikanten ihre Instrumente auf ? die Abiturienten formierten sich in drei sechser Reihen, und gefolgt von der Blasmusik marschierten wir vorbei an der alten Schülertreppe durch den Umweg zur "Schulgasse". Was nun ? dem alten "Protokoll" gemäß ? folgte, war der BLUMEN?UMZUG. Eltern, Verwandte und Nachbarn der Abiturienten sowie unsere Tanzstunden- und KränzchenDamen hatten ihre Gärten geplündert und sich in strategisch gelegenen Häusern entlang des Blumenumzuges Fensterplätze gesichert. Im zweiten Hause rechts lebte HARASTY Mariechen. Die Fenster waren voller Menschen und Blumen. Von diesem Augenblick an spielte die Kapelle ohne Unterbrechung die alten elektrisierenden k.u.k. Militärmärsche. Die Abiturienten marschierten entweder im Takt oder auf der Stelle ? wenn sie ein Fenster vollgepackt mit Menschen und Blumen sahen. Dann hüpften sie zuerst im Takt und dann in einer wilden Charge auf das Haus mit den Blumenfenstern zu. Die Absicht war, den Konkurrenten die schönsten Blumen wegzuschnappen bzw. auf keinen Fall die persönlich für "ihn" bestimmten Blumen der Herzallerliebsten in "fremde" Hände fallen zu lassen. Einige Häuser weiter, wieder auf der rechten Seite, lebte unsere Kränzchenfreundin Magda FLEISCHER, dann folgte das Haus, wo die SCHUSTER Fridi lebte. Im Eckhaus wohnte Dir. Dr. Holitzer. Nach einem 90-Grad-Haken gelangten wir, zwischen Klosterkirche und Alberthaus, zum Torbogen unter dem Stundturm, weiter unter dem Musik-Vereinssaal zum oberen Ende des Marktplatzes. Nun ging es vorbei an der Konditorei Habermann, der Hauptpost, der Eisenhandlung "Recker", der Buchhandlung "Horeth" bis zur Bäckerei "Zielinski", wo wir nach links in die Baiergasse, der Hauptstraße der Stadt einschwenkten. Inzwischen war es Mittag geworden. Die hilfreiche Polizei leitete den Verkehr um. Die Straßen waren umsäumt von Zuschauern. Der Zug ging nun vorbei an der "Volksbank", der Konditorei "Martini", der Kolonialwarenhandlung "Hessheimer", der Apotheke "Lingner", der Gewerbevereinsbank ? wo im zweiten Stock unsere Kränzchenfreundin GUNDI wohnte. Vorbei an den "MISSELBACHER, PETROVITCH" Geschäften, am Hotel "Zum Goldenen Stem", welches mein Onkel Franz Letz gebaut hat. Weiter vorbei an der Metzgerei "Winter", dem rumänischen Gymnasium, der Kolonialwarenhandlung "Zum roten Hahn" (Kloos) bis zur Trauerweide am unteren Ende der Baiergasse. Hier endete der "Blumenumzug". Der "PRIMUS MUSIKUS" des Abiturienten-Jahrganges und alle in
der Blaskapelle Mitwirkenden des Jahrganges 1934 bekamen jetzt Gelegenheit,
ein letztes Mal die Blaskapelle zu leiten, bzw. an ihrem alten Platz mitzuwirken.
Alle Zuschauer konnten in der weiß gekleideten Blaskapelle die im
schwarzen Flaus gekleideten Abiturienten gut erkennen. Bei der Trauerweide
machte der Zug "kehrt" und marschierte ein letztes Mal durch
die Baiergasse ? wo er sich am oberen Ende vor der Mädchenschule
auflöste ?, damit jedermann zum Mittagessen nach Hause ging. Ein gütiges Schicksal machte uns blind gegenüber den Herausforderungen und der Tragik der Zukunft. Wir hatten zwar alle ? mit einer Ausnahme ? das Abitur bestanden, aber bei der ca. vier Wochen später stattfindenden "BACALAUREATSPrüfung" flogen im Landesdurchschnitt ca. 80% der NichtBluts-Rumänen durch. Nur zwei unseres Jahrganges bestanden. Keiner von uns konnte zu der Zeit erkennen oder auch nur ahnen, dass zehn Jahre später Panzer der siegreichen Roten Armee durch Schäßburg rollen würden, dass anschließend alle Männer im Alter von 18?50 Jahren und viele Frauen für Jahre zur Zwangsarbeit nach Rußland verschleppt würden, wo rund 1/3 nicht überleben würden. Am Ende des 2. Weltkrieges würden sieben von insgesamt 18 unseres Jahrganges als Soldaten gefallen sein. Die Überlebenden würden in alle Winde zerstreut werden ? kein Einziger würde in Siebenbürgen unter der rumänisch-kommunistischen Herrschaft verbleiben. G. Fr. Hillner (New York, USA)
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